Reisen, um zu schreiben

Reisen begleiten mich seit meiner Kindheit. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein und in andere Kulturen einzutauchen, gehört zu mir ebenso wie der Wunsch, diese Welt ein Stück besser zu machen.

Ich kann mich lebhaft daran erinnern, als ich mit meinen Eltern meine erste große Reise antrat: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, um die Nacht durchzufahren, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen. Neben mir am Rücksitz schlichteten sich Onkel und Tante in unseren kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns zu verbringen. Und dann ging es los: Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und dann noch einmal dieselbe Strecke bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Diese Sprache! Das Meer! Die zerklüfteten Klippen! Ich saugte alles in mir auf und es war der Beginn einer großen Liebe.

Bald begann ich über meine Reisen zu schreiben, füllte Tagebücher mit meinen Erlebnissen. Meine zwei großen Leidenschaften zu verbinden, war für mich das größte Glück – und es war perfekt, als meine ersten Reiseberichte veröffentlicht wurden. Schon bald gesellte sich ein dritter Wunsch dazu: Über sinnstiftende und mutmachende Projekte und Entwicklungen in anderen Ländern zu berichten. Ich besuchte mit Fairtrade Kaffeefarmer in Honduras, nahm an der Klimakonferenz in Marrakesch teil, verbrachte mit Greenpeace einige Tage im rumänischen Urwald oder schrieb über den Umweltplan der Stadt New York.

Erlebnisse wie diese bereichern mein Leben, daraus schöpfe ich Kraft.

vor über 25 Jahren in Quito, Ecuador – damals noch mit wallendem Haar 🙂

In den vergangenen zwei Jahren war ich aus bekannten Gründen kaum unterwegs und merke nun, wie die Reiselust sich wieder meldet – wie immer gepaart mit dem Wunsch, zu inspirieren und Mut zu machen. Nun steht Costa Rica auf dem Plan, das Land, das so vieles anders macht, von der Abschaffung des Militärs bis zu einer Vorreiterrolle beim Umwelt- und Klimaschutz. Ich möchte mir ansehen, woher dieses Denken über den Tellerrand kommt und mit Verantwortlichen sprechen.

Leben und leben lassen

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich für mein Leben gerne unterwegs bin, und dass ich hin und wieder alleine losziehe, um den Kopf frei zu kriegen. In den letzten Wochen war es wieder soweit: der Wunsch nach einem Tapetenwechsel wurde stärker. Also habe ich mich in einen Bus gesetzt, bin die Nacht durch gefahren und in Sarajevo angekommen, wo ich in der Wohnung einer Freundin bleiben konnte.

Bereits vor acht Jahren war ich mit meiner Familie in Bosnien und habe mich Hals über Kopf in dieses Land verliebt. Es war das Wissen um einen schrecklichen Krieg, dessen Folgen bis heute sichtbar sind, eine Mischung aus schwer greifbarer Melancholie, freundlichen Menschen und grandiosen Landschaften. Und dann kamen wir nach Mostar und es war endgültig um mich geschehen. Wir verbrachten nur zwei Stunden dort, und in dieser kurzen Zeit brannte eine Sehnsucht in meinem Herzen, die ich nur schwer einordnen konnte. Seit damals wollte ich noch einmal zurück, wollte herausfinden, was es ist, das mich an diesem Ort so sehr berührt hat.

Also stehe ich um halb sechs Uhr auf, um den Zug von Sarajevo nach Mostar zu erwischen. Komme im letzten Moment am Bahnhof an, wo es keine Anzeigentafeln und keinen Hinweis darauf gibt, zu welchem Bahnsteig ich muss. Renne Stiegen hinauf, sehe einen Zug am Gleis nebenan stehen, renne wieder hinunter. Eine Frau kommt an mir vorbei, ich keuche „The train to Mostar?“. Sie antwortet „You don‘t have to hurry, it‘s still three minutes“. Sie geht seelenruhgie die Stufen hinauf und spricht mit dem Schaffner, weil ich keine Zeit mehr hatte, ein Ticket zu kaufen. Der setzt eine strenge Miene auf und erklärt mir, dass ich drei Bosnische Mark extra zahlen muss. Wir fahren los, die Landschaft außerhalb Sarajevos versinkt im Nebel. Doch bald kämpft sich die Sonne durch und wir werden von grünen Hügeln begleitet, unterbrochen von zu vielen Tunnels, die mir die Sicht nehmen.

In einem der Tunnels dann ein lautes Krachen, als ob etwas auf den Zug gefallen wäre. Der Zug kommt kurz nach dem Tunnel zu stehen und dann geschieht lange nichts. Endlich taucht ein Zugbegleiter auf und erklärt, was passiert ist, ein älterer Bosnier übersetzt für mich ins Englische: ein Stein hat sich aus der Tunneldecke gelöst und hat die Elektronik der Lokomotive beschädigt. Eine neue Lokomotive wurde aus Mostar angefordert, aber es kann eine Stunde dauern, bis sie da ist.

Eine Stunde vergeht, dann noch eine. Ich unterhalte mich mit dem Bosnier, einem Universitätsprofessor, und er erzählt mir, dass er kurz vor dem Krieg mit seiner Familie in die USA ging und nach 20 Jahren zurückkehrte. Auf die erstaunten Fragen seiner Studenten, warum er nicht geblieben sei, lautete seine Antwort: „Weil es sich hier gut leben lässt.“ Die Fahrgäste bleiben ruhig, ich höre viel Gelächter und gehe in die Kaffeebar, um etwas zu trinken. Dort haben einige Leute sich versammelt und unterhalten sich angeregt. Nur manche schauen nervös in ihr Handy, doch niemand scheint sich zu beschweren. Der Zug steht mitten in einem Waldstück, einige Türen sind geöffnet und ich strecke meine Nase hinaus, um die frische Luft einzuatmen.

Nach über zwei Stunden geht die Fahrt weiter und wir erreichen Mostar nach zwei weiteren Unterbrechungen schließlich mit drei Stunden Verspätung. Ich bin sofort wieder verliebt in diese Altstadt mit dem orientalischen Charme, dem türkisgrünen Fluss, der berühmten Brücke. Ich finde das Café wieder, wo ich damals mit meinem Mann saß und auf den Fluss schaute – mit dem Gedanken im Kopf: ich will hier nicht mehr weg. Nun sitze ich wieder hier und denke an die Worte des Universitätsprofessors und an ein Gespräch mit der jungen Frau aus dem Zug: dass die Menschen am Balkan viel entspannter seien als im Rest Europas.

Und mir wird klar, dass es das ist, was die Menschen in diesem Land uns beibringen können: Leben und leben lassen.

Für meinen Sohn

Ich war 30, als ich zum ersten Mal Mutter wurde, und von einem Tag auf den anderen stand mein Leben auf dem Kopf. Bis dahin war ich ziellos durchs Leben getrieben, wechselte Jobs ebenso häufig wie die Männer. Ich hatte nie gelernt, mich selbst wert zu schätzen oder Verantwortung zu übernehmen.

Und nun war da ein kleiner Mensch, der auf meine Liebe angewiesen war. All die klugen Bücher, die ich gelesen hatte, konnten mich nicht darauf vorbereiten, was mich als Mutter erwarten würde: Die durchwachten Nächte, der Schlafmangel, die dünnen Nerven. Wer hatte das Märchen von den Muttergefühlen erfunden, die sich automatisch nach der Geburt einstellen? Ich war hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu diesem kleinen Menschen und der Überforderung, die zum täglichen Begleiter wurde. Mein innerer Freigeist rebellierte dagegen, rund um die Uhr für jemanden verantwortlich zu sein. Also begann ich mich schuldig zu fühlen. Stimmte etwas nicht mit mir? War ich anders als andere Mütter? Sollte ich mein Kind nicht verdammt nochmal lieben, egal wie erschöpft ich war?

Irgendwann kam der Tag, da ich mich über nichts mehr freuen konnte. Am Morgen sehnte ich bereits den Abend herbei und konnte es kaum erwarten, ein wenig Zeit für mich zu haben. Die Tage dehnten sich ins Endlose. Die vorwurfsvollen Blicke von Menschen, die mir meine Überforderung ansahen, machten es nur noch schlimmer. Ich fühlte mich als Versagerin, wertlos. Dazu kam die schwierige Beziehung zum Vater meines Kindes, dem ich nichts recht machen konnte – so erschien es mir zumindest.

Die Mutterrolle warf mich auf mich selbst zurück und zeigte mir meine Schwächen mit aller Deutlichkeit auf. Sie führte aber auch dazu, dass ich endlich begann, mich mit meinem bisherigen Leben auseinander zu setzen. Ich wollte mehr für mein Kind sein als eine überforderte Mutter. Dazu musste ich beginnen, mich von meiner eigenen Mutter zu lösen und meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich begann eine Therapie und es war ein langer, schwieriger Prozess, der letztendlich zur Trennung vom Vater meines Sohnes führte.

Es gab diesen Moment, als Leon nach mehreren Tagen bei seinem Vater zu mir kommen sollte, und er sich verzweifelt an das Bein seines Papas klammerte. Es gab Momente, in denen ich, des Kämpfens müde, den Drang verspürte, mich beleidigt zurück zu ziehen. Ich musste an die Worte meines Vaters denken, der uns nach der Scheidung verlassen hatte: „Ihr hattet einen Stiefvater, also habt ihr mich nicht mehr gebraucht.“ Meinem Vater war nicht bewusst, wie sehr ich mich als Kind nach ihm sehnte – woher sollte er es auch wissen? Und dann gab ich mir wieder einen Ruck und tat alles dafür, meinen Sohn regelmäßig zu sehen, für ihn da sein zu dürfen.

Heute ist aus dem ängstlichen Kind von damals ein reflektierter und empathischer junger Mann geworden, der früh damit begann, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Als er 16 war, schrieb er mir und seinem Vater einen Brief, in dem er uns bat, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Er entschloss sich, wie sein Vater, zu einer Ausbildung zum Psychotherapeuten. Wenn wir uns heute sehen, führen wir tiefgründige Gespräche auf Augenhöhe und er bringt mich gemeinsam mit seiner Schwester zum Lachen. Er macht sich viele Gedanken darüber, wie er die Welt zu einem besseren Ort machen könnte.

Manchmal wünschte ich, ich könnte meinem Sohn das Päckchen, das er seit seiner Kindheit mit sich herumträgt, abnehmen. Dann fühle ich mich schuldig für all meine Unzulänglichkeiten – und weiß doch, dass ich mein Bestes gegeben habe, so wie alle Eltern es tun. Wenn ich mir diesen schlaksigen und empathischen jungen Mann heute ansehe, wird mir warm ums Herz. Dann möchte ich ihn umsorgen, ihn behüten, ihm alle Steine aus dem Weg räumen. Und doch weiß ich, dass er seinen Weg alleine gehen muss – in der Gewissheit, dass seine Eltern immer für ihn da sind.

Vertrauen

Ich werde oft gefragt, woher ich meine Zuversicht und mein Vertrauen ins Leben nehme. Dafür muss ich ein wenig ausholen.

Schon als Kind tat ich die waghalsigsten Dinge, sprang im Schwimmbad vom 10 Meter-Turm oder raste beim Schifahren die Hänge im Abfahrtsstil hinunter. Später reiste ich, oft alleine, durch die Welt, immer im Vertrauen darauf, dass mir nichts passieren würde – und so war es. Man könnte es auch Sorglosigkeit nennen, doch mit der Geburt meines ersten Kindes wandelte sich diese Sorglosigkeit in Verantwortung, gepaart mit Vertrauen. Ich war eine Mutter, die ihren Kindern alles zutraute, was sie sich selbst zutrauten, und noch mehr.

Das mag daran liegen, dass ich selbst als jüngstes von drei Geschwistern schon früh auf mich gestellt war. Meine Mutter begann zu arbeiten, als ich im Kindergarten war – in den 70ern nicht selbstverständlich. Ich erinnere mich an eine Situation, ich muss sechs oder sieben gewesen sein, als ich alleine mit der Straßenbahn zur Schule fuhr. Ich verpasste die Station, bei der ich aussteigen sollte, und begann verzweifelt zu weinen. Eine ältere Frau nahm mich bei der Hand, stieg mit mir bei der nächsten Station aus und wir gingen gemeinsam den ganzen Weg zurück zur Schule. Hin und wieder kam es vor, dass ich abends alleine zuhause war, dann fürchtete ich mich vor den dunklen Zimmern in der großen Wohnung. Schon damals mit einer reichen Fantasie ausgestattet, vermutete ich dort böse Geister, die auf mich lauerten. Eines Abends, ich war wieder alleine, begann in unserer Küche eine Aufzieh-Spieluhr plötzlich wie von Geisterhand zu spielen und jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. In diesem Moment entschloss ich mich dazu, an gute Geister zu glauben. Denn ein Geist, der solchen Schabernack mit mir trieb, musste ein humorvolles Wesen sein. Ich stellte mir eine lustige Alte vor, die mir da drüben einen Streich spielte und herzhaft darüber lachte. Danach war ich beruhigt und hatte fortan keine Angst mehr, wenn ich alleine war.

An dieser Stelle höre ich die Kritiker sagen: Wie verantwortungslos von den Eltern, das Kind alleine zu lassen (man bedenke: es gab noch keine Handys)! Ein Kinderschänder hätte mich entführen können! Das sind jene, die überall Gefahr wittern und immer vom Schlimmsten ausgehen. Ich dagegen bin überzeugt davon, dass es auf diesem Planeten mehr freundliche Menschen gibt als solche, die uns Böses wollen (auch wenn die Medien uns anderes weismachen wollen).

Meine Eltern hatten offensichtlich Vertrauen in mich, sie trauten mir zu, alleine zu bleiben. Das hat letztendlich dazu geführt, dass ich bis heute sehr gut mit mir alleine sein kann. Mit meinen Kindern habe ich es ähnlich gehalten, hatte immer großes Vertrauen in sie und ihre Fähigkeiten. Sie waren früh selbständig und wussten sich selbst zu helfen. Die Erfahrungen meiner Kindheit haben dazu geführt, dass ich in anderen Menschen lieber das Gute sehe, als ihnen zu misstrauen. Und auch wenn ich in meinem Erwachsenenleben einige schmerzhafte Erfahrungen machen musste, habe ich heute ein tiefes Vertrauen ins Leben. Diese Einstellung kam nicht von heute auf morgen. Ich habe sie mir erarbeitet, habe gelernt, mich auf positive Entwicklungen zu konzentrieren statt auf das, was schief läuft. Ich gehe davon aus, dass alles, was weltweit geschieht, einen Sinn hat und Teil einer größeren Entwicklung ist. Und übernehme zugleich Verantwortung dafür, meinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten.

Vom Wachsen und Reifen

Meine Tochter, wie sie leibt und lebt: überbordende Lebensfreude, ein großes Herz und komisches Talent, das mich verlässlich zum Lachen bringt. Es ist noch nicht lange her, dass dieses Mädchen mich immer wieder herausgefordert und mir klipp und klar Grenzen gesetzt hat. Bis ich kapierte, dass sie nun erwachsen wird und endgültig ihren eigenen Weg gehen möchte. Einmal mehr war loslassen gefragt.

Wir zwei haben es uns nicht immer leicht gemacht: eine Mutter mit Hang zum Perfektionismus und dieses Mädchen, das uns recht bald zu verstehen gab, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Ich erinnere mich gut an eine Begebenheit, als sie etwa vier war: Sie hatte Durchfall, wollte aber unbedingt Kakao trinken. Ich verweigerte, weil ich überzeugt war, dass es ihr nicht guttun würde. Doch sie war so hartnäckig, dass ich ihr schließlich den Kakao machte – und es war kein Problem. Damals verstand ich, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen wollte und musste.

Meine Tochter ist in manchen Dingen das Gegenteil von mir: extravertiert, übersprudelnd. Das war für mich nicht immer leicht, manchmal war ich von ihrem Temperament überfordert. Doch letztendlich habe ich durch sie gelernt, mich zu öffnen, bin mit ihr gewachsen. Relativ bald wurde auch klar, dass jede Art von Druck – ob in der Schule, beim Lernen eines Instruments oder bei Hausaufgaben – kontraproduktiv war. Sie machte uns unmissverständlich klar, dass sie unter Druck nicht funktionieren würde – was letztendlich dazu führte, dass sie vom Gymnasium in eine Waldorfschule wechselte. Es war die beste Entscheidung, die wir für dieses kreative und talentierte Mädchen treffen konnten. Sie singt leidenschaftlich gerne, spielt Gitarre und Klavier – und zwar dann, wenn sie gerade Lust dazu hat.

Ich denke, unser Bemühen, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, hat auch dazu geführt, dass sie sich keinem Gruppendruck beugt. Sie ist eine der wenigen in ihrem Freundeskreis, die keinen Alkohol trinkt. Neulich hat sie uns erzählt, dass sie mit Freunden in einem Pub war, wo sie Karten spielten. Weil sie gewann, spendierten die anderen ihr einen Drink. Ihre Wahl: Zitronenlimonade.

Nun geht ein Schuljahr, das es den Schülern nicht immer leicht gemacht hat, zu Ende. Zu sehen, wie dieses Mädchen sich trotz aller Schwierigkeiten in diesem Jahr zu einer empathischen und selbstbewussten jungen Frau entwickelt hat, ist das schönste Geschenk für uns Eltern. Als ich sie neulich spontan umarmte und meinte, wie schön ich es fände, dass dies nun wieder möglich sei, sagte sie, mit diesem für sie typischen schelmischen Blick: „Weißt du, irgendwann ist es halt auch vorbei mit der Pubertät!“

Die Welt von morgen

Unser Planet steckt in einer tiefen Krise, wir haben uns von der Natur entfernt. Klimawandel und Umweltzerstörung schreiten immer weiter voran. Ein männlich geprägtes, technokratisches Weltbild und eine wachstumsgetriebene Wirtschaft haben  uns an den Rand des Abgrunds geführt. Es wird nun Zeit, uns für neue Wege zu öffnen und zurück zu einer Verbindung mit der Natur – und mit unseren Mitmenschen – zu finden. Visionäre und Gemeinschaften weltweit verfolgen bereits einen ganzheitlichen Ansatz, sie gestalten den Wandel mit. In dieser herausfordernden Zeit sind ihre Stimmen wertvoller denn je.

In meinem nächsten Buch möchte ich zeigen, dass es viele Lösungen bereits gibt. Es soll Wege aufzeigen, wie wir die Verbundenheit mit der Natur wiederfinden und wie eine Wirtschaft von morgen aussehen könnte. Dafür möchte ich mit inspirierenden Menschen sprechen und mir zukunftsweisende Projekte ansehen. Und ich werde Costa Rica und Schweden besuchen, zwei Länder, die nicht nur Vorreiter beim Umwelt- und Klimaschutz sind, sondern auch in anderen Bereichen neue Wege gehen: Costa Rica hat bereits 1948 das Militär abgeschafft, um das Geld in Bildung und Gesundheit zu investieren; in Schweden wird eigenverantwortliches Denken schon in der Schule gefördert. In beiden Ländern wird die Bevölkerung beim Naturschutz mit einbezogen. Zur Finanzierung meiner Reise habe ich ein Crowdfunding gestartet – und freue mich über Unterstützung.

Man kann Dinge niemals verändern,
indem man die bereits existierende Realität bekämpft.
Wenn du etwas verändern willst, erschaffe ein neues Modell,
welches das vorhandene obsolet macht und ersetzt.
Buckminster Fuller

Weil ich es mir wert bin

Ich bin heute 53 und habe die erste Hälfte meines Lebens damit verbracht, mir und meinem Körper Schaden zuzufügen: Ich habe geraucht, zu viel Alkohol getrunken, konnte mich selbst nicht leiden und war oft krank. Es brauchte eine niederschmetternde Diagnose und Psychotherapie, um zu lernen, dass ich es wert bin, gut für mich zu sorgen. Das geschah nicht von heute auf morgen, sondern war ein langjähriger Prozess, der bis heute anhält.

Ich habe mich viel damit beschäftigt, was Körper und Seele brauchen, um gesund zu bleiben. Und habe gelernt, was ich aktiv für meine Gesundheit tun kann. Dazu gehört nicht nur Sport (ich bin ein Mensch, der viel Bewegung braucht) und bewusste Ernährung, sondern mich auch immer wieder daran zu erinnern, wofür ich dankbar bin: Für meine Familie, Freunde, eine Arbeit, die mich erfüllt und sinnstiftend ist. Und Dinge zu tun, die mir Freude bereiten: tanzen, singen, Waldspaziergänge, mit meinen Kindern blödeln.

Ich habe mich mit Komplementärmedizin, Naturheilkunde und der psychischen Komponente von Krankheiten befasst und gelernt, wie verschiedene Arten der Ernährung sich auf den Körper auswirken. In den vergangenen 20 Jahren war ich nie ernsthaft krank – und wenn ich doch einmal kränkelte, nahm ich das zum Anlass, mich mit mir auseinander zu setzen. Oft fand ich einen Grund für die Krankheit – dass ich zu wenig auf mich geschaut hatte oder in einem Karussell negativer Gedanken gefangen war.

Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, auf meinen Körper zu hören und mich selbst mit Wertschätzung zu behandeln. Und immer wieder in mich hinein zu spüren: was brauche ich gerade? Heute spüre ich sehr schnell, was mir gut tut und was nicht.

Warum ich euch das erzähle? Weil nun immer klarer wird, dass Menschen, die Verantwortung für sich selbst und ihre Gesundheit übernehmen, in diesem System zu Benachteiligten werden. Weil der Begriff „gesund“ im aktuellen politischen Framing nicht mehr existiert. Vielleicht liegt es daran, dass dieses System kein Interesse an gesunden Menschen hat – nie hatte. Ein System, in dem ungesunde Lebensmittel billiger sind als biologisch erzeugte; in dem Schüler gezwungen werden, stundenlang still zu sitzen und sich alles um Leistung dreht. Ein System, das Millionen Euro in die Bewerbung von Fleischprodukten investiert; wo die Natur für immer noch mehr Profit zerstört wird – auf Kosten unser aller Gesundheit.

Ich jedenfalls habe mich schon vor langer Zeit dafür entschieden, dieses System nicht mehr zu unterstützen. Und gut für mich zu sorgen.

Eine andere Welt ist möglich

Wir erleben gerade den Übergang in ein neues Zeitalter. Der Weg dorthin ist holprig und von Hindernissen geprägt, doch je mehr von uns an diese neue Welt glauben und sich für ihr Gelingen einsetzen, desto eher wird sie Wirklichkeit werden.

Ich träume von einer Welt, in der ..

..die Menschen in Frieden miteinander leben

..Kooperation statt Konkurrenz gelebt wird

..bereits Kinder lernen, sich selbst wertzuschätzen

..Frauen sich ihrer inneren Stärke besinnen

..jeder Mensch seine Talente ausleben kann

..Kinder lernen, ihrem Herzen zu folgen

..wir sorgsam mit Ressourcen umgehen –

mit den eigenen und denen des Planeten

..Werte wie Selbstfürsorge und Achtsamkeit gelebt werden

..der Mensch als Einheit von Körper, Geist und Seele betrachtet wird

..an den Schulen Herzensbildung gelehrt wird und soziale Verantwortung

..das Sein vor dem Haben steht

..alle Menschen genug zu essen haben

..Konsum nebenrangig ist

..Arbeitskräfte fair bezahlt werden

..wir in Verbundenheit mit der Natur leben

..Tiere als gleichwertige Wesen behandelt werden

..Menschen sich als mündige Bürger sehen

..das Geld gerecht unter allen Menschen verteilt ist

..wir ausgelassen das Leben feiern.

Ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass diese Welt möglich ist.

Bild: Unsplash/Robert Collins

Zeit der Veränderung

Es ist ein glasklarer Morgen, die schneebedeckten Berggipfel heben sich gestochen scharf vom blauen Himmel ab. Weiter unten hängt noch der Frühnebel, Reif liegt auf den Wiesen. Nachbarskater Jimmy sitzt mitten auf dem Trampolin in unserem Garten und sieht mir mit stoischer Gelassenheit entgegen. Ich gehe in den Wald, um mich schweren Herzens von meiner zweiten Heimat zu verabschieden. Nur die Gewissheit, bald wiederkommen zu können, lässt mich den Weg nach Wien und zu meiner Familie antreten.

Je lauter und dichter die Energien da draußen, desto mehr sehne ich mich nach Natur. Je länger dieser ungewisse Zustand anhält, desto mehr ziehe ich mich zurück. In der Natur fällt es mir leichter, die täglichen Nachrichten auszublenden und abzuschalten. Wenn ich im Wald oder am Wasser bin (noch besser: beides), werde ich innerlich ganz ruhig; hier schöpfe ich Kraft für meine Arbeit. Darauf hinzuweisen, was gerade schief läuft, Missstände aufzuzeigen, treibt mich an – und zugleich mögliche Lösungen zu finden. Immer klarer wird nun, dass ich mich nicht länger den destruktiven Energien da draußen widmen will, sondern meine Aufmerksamkeit darauf richte, wie wir am besten durch diese Krise kommen – und wie es danach weitergeht. Wir befinden uns in einem Wandlungsprozess und das alte Denken verliert mehr und mehr an Kraft, neue Wege und Lösungen tun sich auf. In der Natur gelingt es mir am besten, darauf zu vertrauen, dass wir auf dem richtigen Weg sind – auch wenn dieser voll von Hindernissen und Stolpersteinen ist.

In gleichem Maße wie draußen die Transformation stattfindet, verändere ich mich in meinem Inneren. Ich bin empfindsamer geworden, nehme die Energien von den Menschen um mich wahr. Unachtsamkeit oder groben Humor kann ich nur noch schwer ertragen. Schon die kleinste Andeutung von Brutalität oder Grausamkeit in Büchern und Filmen setzt mir zu. Ich bin auf der Suche nach Wahrhaftigkeit; Zynismus, der mir früher allzu schnell über die Lippen kam, ist mir fremd geworden. Die Sehnsucht nach einem Leben in Verbundenheit mit der Natur wächst, jeder achtlos weggeworfene Zigarettenstummel am Wegrand schmerzt. Ich esse kein Fleisch mehr, trinke kaum noch Alkohol, weil ich spüre, dass es meinem Körper nicht gut tut. Ich streite mit meinem Mann wegen jedem weggeworfenen Essensrest, Lebensmittelverschwendung erscheint mir angesichts des Zustands unseres Planeten wie ein Verbrechen.

In der Stadt, umgeben von Beton und Autos, fühle ich mich zunehmend verloren. Ich spüre nun immer stärker, dass ich meine innere Stimme nicht länger ignorieren will, die mir laut und deutlich sagt, dass ich die Stadt hinter mir lassen muss. Doch wie kann ich die Sehnsucht nach einem Leben in der Natur mit meiner Familie vereinbaren, die das Stadtleben genießt? Dieser Zwiespalt ist mir nicht neu: hier die Familie und mein Zuhause, dort meine Sehnsucht nach einem ungebundenen Lebensstil. Beides ist mir lieb und teuer. Es mag das Erbe meines Vaters sein, der Zeit seines Lebens von einer Rastlosigkeit getrieben war, die ihn schwer greifbar machte. Der monatelang im Ausland arbeitete und, wenn er zuhause war, kaum anwesend schien.

Dieses Erbe hat jedoch auch den Wunsch in mir gestärkt, die Zeit mit meinen Kindern sehr bewusst zu verbringen. Momente wie jene zu genießen, wenn meine Tochter zur Gitarre greift und ihre Lieblingssongs singt. Mit ihr darüber zu reden, was mich und sie beschäftigt, auf Augenhöhe. Auch wenn ich meinen erwachsenen Sohn treffe, sind unsere Gespräche lang und intensiv. Beide sind es von früher Kindheit an gewöhnt, ihre Mutter nicht ständig um sich zu haben. Beide haben fürsorgliche Väter und ein starkes soziales Netz. Bleibt die Beziehung zu meinem Mann, der sein Zuhause in der Stadt nicht einfach aufgeben möchte, hier seine Shiatsu-Praxis hat. Auch mit ihm rede ich viel und oft darüber, wie unsere Zukunft aussehen mag. Vieles steht gerade in den Sternen, und in diesem Jahr der Veränderung wird sich wohl noch einiges entscheiden. Und so pendle ich in immer kürzeren Abständen zwischen Stadt und Land, in der Gewissheit: Wenn ich auf meine innere Stimme höre und mir treu bleibe, wird sich der Rest fügen.

Home, sweet home

Homeoffice im Lockdown: Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel, betrachte die tiefen Ringe unter meinen Augen und überlege kurz, mich frisch zu machen. Dann verschwinde ich im Schlabberoutfit in meinem Arbeitszimmer. Ich schließe die Türe hinter mir, fahre den PC hoch, mache mich an die Arbeit. Fünf Minuten später steckt mein Mann den Kopf bei der Türe herein und fragt mich, was ich Mittagessen will. Wir reden kurz, ich arbeite weiter. Aus dem Nebenzimmer tönt laute Musik, meine Tochter hat die Stereoanlage bis zum Anschlag aufgedreht. Ich seufze, gehe hinaus, bitte sie, leiser zu drehen, mache die Türe zu. Gerade als ich es geschafft habe, mich wieder auf meinen Artikel zu konzentrieren, geht die Türe erneut auf, mein Mann schaut mich entschuldigend an und der Kater huscht herein. Er hüpft auf meinen Schreibtisch und spaziert über die Tastatur des Laptops. Ich atme tief ein und wieder aus, und dann noch einmal ein und wieder aus. Der Kater macht es sich neben dem Laptop bequem und schiebt seinen Schweif über die Tastatur. Sanft aber bestimmt schiebe ich ihn zur Seite.

Es gelingt mir, zwanzig Minuten konzentriert zu arbeiten, dann will der Kater wieder raus. Ich merke, dass ich Hunger habe und hole mir etwas zu essen. Die Tochter ist mittlerweile zum Fernsehen übergegangen, mein Mann steht daneben und schaut interessiert zu. Ich spüre Selbstmitleid in mir aufsteigen, ich will auch fernsehen. Ich frage meine Tochter, ob sie nichts für die Schule zu tun hat, sie meint: „Das mache ich später“. Mein Mann beginnt, mir etwas zu erzählen, was er gerade in den Nachrichten gelesen hat. Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu und verschwinde wieder in meinem Zimmer, überlege, wo ich stehen geblieben bin. Das Telefon läutet, meine Mutter. Ich überlege kurz, lasse es läuten. Einatmen, ausatmen. Diesmal schaffe ich dreißig Minuten, dann steht meine Tochter vor mir. Ich überlege, wo ich um Asyl ansuchen könnte und schreibe einer Freundin eine verzweifelte Nachricht. Sie lädt mich für den nächsten Tag in ihre Wohnung ein.

Und nun bin ich hier, alleine. Der Tapetenwechsel tut gut, ich beginne zu arbeiten. Es ist ruhig, zu ruhig. Ich mache Musik und versuche, mich auf meinen Artikel zu konzentrieren. Das Telefon läutet, meine Tochter. Ich spreche kurz mit ihr, schalte das Handy ab und sehe mich im Wohnzimmer meiner Freundin um. Mein Blick bleibt auf einem orange-violetten Plakat hängen und ich beschließe: Das wird mein Motto des Tages.

dav