Für meinen Sohn

Ich war 30, als ich zum ersten Mal Mutter wurde, und von einem Tag auf den anderen stand mein Leben auf dem Kopf. Bis dahin war ich ziellos durchs Leben getrieben, wechselte Jobs ebenso häufig wie die Männer. Ich hatte nie gelernt, mich selbst wert zu schätzen oder Verantwortung zu übernehmen.

Und nun war da ein kleiner Mensch, der auf meine Liebe angewiesen war. All die klugen Bücher, die ich gelesen hatte, konnten mich nicht darauf vorbereiten, was mich als Mutter erwarten würde: Die durchwachten Nächte, der Schlafmangel, die dünnen Nerven. Wer hatte das Märchen von den Muttergefühlen erfunden, die sich automatisch nach der Geburt einstellen? Ich war hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu diesem kleinen Menschen und der Überforderung, die zum täglichen Begleiter wurde. Mein innerer Freigeist rebellierte dagegen, rund um die Uhr für jemanden verantwortlich zu sein. Also begann ich mich schuldig zu fühlen. Stimmte etwas nicht mit mir? War ich anders als andere Mütter? Sollte ich mein Kind nicht verdammt nochmal lieben, egal wie erschöpft ich war?

Irgendwann kam der Tag, da ich mich über nichts mehr freuen konnte. Am Morgen sehnte ich bereits den Abend herbei und konnte es kaum erwarten, ein wenig Zeit für mich zu haben. Die Tage dehnten sich ins Endlose. Die vorwurfsvollen Blicke von Menschen, die mir meine Überforderung ansahen, machten es nur noch schlimmer. Ich fühlte mich als Versagerin, wertlos. Dazu kam die schwierige Beziehung zum Vater meines Kindes, dem ich nichts recht machen konnte – so erschien es mir zumindest.

Die Mutterrolle warf mich auf mich selbst zurück und zeigte mir meine Schwächen mit aller Deutlichkeit auf. Sie führte aber auch dazu, dass ich endlich begann, mich mit meinem bisherigen Leben auseinander zu setzen. Ich wollte mehr für mein Kind sein als eine überforderte Mutter. Dazu musste ich beginnen, mich von meiner eigenen Mutter zu lösen und meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich begann eine Therapie und es war ein langer, schwieriger Prozess, der letztendlich zur Trennung vom Vater meines Sohnes führte.

Es gab diesen Moment, als Leon nach mehreren Tagen bei seinem Vater zu mir kommen sollte, und er sich verzweifelt an das Bein seines Papas klammerte. Es gab Momente, in denen ich, des Kämpfens müde, den Drang verspürte, mich beleidigt zurück zu ziehen. Ich musste an die Worte meines Vaters denken, der uns nach der Scheidung verlassen hatte: „Ihr hattet einen Stiefvater, also habt ihr mich nicht mehr gebraucht.“ Meinem Vater war nicht bewusst, wie sehr ich mich als Kind nach ihm sehnte – woher sollte er es auch wissen? Und dann gab ich mir wieder einen Ruck und tat alles dafür, meinen Sohn regelmäßig zu sehen, für ihn da sein zu dürfen.

Heute ist aus dem ängstlichen Kind von damals ein reflektierter und empathischer junger Mann geworden, der früh damit begann, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Als er 16 war, schrieb er mir und seinem Vater einen Brief, in dem er uns bat, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Er entschloss sich, wie sein Vater, zu einer Ausbildung zum Psychotherapeuten. Wenn wir uns heute sehen, führen wir tiefgründige Gespräche auf Augenhöhe und er bringt mich gemeinsam mit seiner Schwester zum Lachen. Er macht sich viele Gedanken darüber, wie er die Welt zu einem besseren Ort machen könnte.

Manchmal wünschte ich, ich könnte meinem Sohn das Päckchen, das er seit seiner Kindheit mit sich herumträgt, abnehmen. Dann fühle ich mich schuldig für all meine Unzulänglichkeiten – und weiß doch, dass ich mein Bestes gegeben habe, so wie alle Eltern es tun. Wenn ich mir diesen schlaksigen und empathischen jungen Mann heute ansehe, wird mir warm ums Herz. Dann möchte ich ihn umsorgen, ihn behüten, ihm alle Steine aus dem Weg räumen. Und doch weiß ich, dass er seinen Weg alleine gehen muss – in der Gewissheit, dass seine Eltern immer für ihn da sind.

Vertrauen

Ich werde oft gefragt, woher ich meine Zuversicht und mein Vertrauen ins Leben nehme. Dafür muss ich ein wenig ausholen.

Schon als Kind tat ich die waghalsigsten Dinge, sprang im Schwimmbad vom 10 Meter-Turm oder raste beim Schifahren die Hänge im Abfahrtsstil hinunter. Später reiste ich, oft alleine, durch die Welt, immer im Vertrauen darauf, dass mir nichts passieren würde – und so war es. Man könnte es auch Sorglosigkeit nennen, doch mit der Geburt meines ersten Kindes wandelte sich diese Sorglosigkeit in Verantwortung, gepaart mit Vertrauen. Ich war eine Mutter, die ihren Kindern alles zutraute, was sie sich selbst zutrauten, und noch mehr.

Das mag daran liegen, dass ich selbst als jüngstes von drei Geschwistern schon früh auf mich gestellt war. Meine Mutter begann zu arbeiten, als ich im Kindergarten war – in den 70ern nicht selbstverständlich. Ich erinnere mich an eine Situation, ich muss sechs oder sieben gewesen sein, als ich alleine mit der Straßenbahn zur Schule fuhr. Ich verpasste die Station, bei der ich aussteigen sollte, und begann verzweifelt zu weinen. Eine ältere Frau nahm mich bei der Hand, stieg mit mir bei der nächsten Station aus und wir gingen gemeinsam den ganzen Weg zurück zur Schule. Hin und wieder kam es vor, dass ich abends alleine zuhause war, dann fürchtete ich mich vor den dunklen Zimmern in der großen Wohnung. Schon damals mit einer reichen Fantasie ausgestattet, vermutete ich dort böse Geister, die auf mich lauerten. Eines Abends, ich war wieder alleine, begann in unserer Küche eine Aufzieh-Spieluhr plötzlich wie von Geisterhand zu spielen und jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. In diesem Moment entschloss ich mich dazu, an gute Geister zu glauben. Denn ein Geist, der solchen Schabernack mit mir trieb, musste ein humorvolles Wesen sein. Ich stellte mir eine lustige Alte vor, die mir da drüben einen Streich spielte und herzhaft darüber lachte. Danach war ich beruhigt und hatte fortan keine Angst mehr, wenn ich alleine war.

An dieser Stelle höre ich die Kritiker sagen: Wie verantwortungslos von den Eltern, das Kind alleine zu lassen (man bedenke: es gab noch keine Handys)! Ein Kinderschänder hätte mich entführen können! Das sind jene, die überall Gefahr wittern und immer vom Schlimmsten ausgehen. Ich dagegen bin überzeugt davon, dass es auf diesem Planeten mehr freundliche Menschen gibt als solche, die uns Böses wollen (auch wenn die Medien uns anderes weismachen wollen).

Meine Eltern hatten offensichtlich Vertrauen in mich, sie trauten mir zu, alleine zu bleiben. Das hat letztendlich dazu geführt, dass ich bis heute sehr gut mit mir alleine sein kann. Mit meinen Kindern habe ich es ähnlich gehalten, hatte immer großes Vertrauen in sie und ihre Fähigkeiten. Sie waren früh selbständig und wussten sich selbst zu helfen. Die Erfahrungen meiner Kindheit haben dazu geführt, dass ich in anderen Menschen lieber das Gute sehe, als ihnen zu misstrauen. Und auch wenn ich in meinem Erwachsenenleben einige schmerzhafte Erfahrungen machen musste, habe ich heute ein tiefes Vertrauen ins Leben. Diese Einstellung kam nicht von heute auf morgen. Ich habe sie mir erarbeitet, habe gelernt, mich auf positive Entwicklungen zu konzentrieren statt auf das, was schief läuft. Ich gehe davon aus, dass alles, was weltweit geschieht, einen Sinn hat und Teil einer größeren Entwicklung ist. Und übernehme zugleich Verantwortung dafür, meinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten.

Vom Wachsen und Reifen

Meine Tochter, wie sie leibt und lebt: überbordende Lebensfreude, ein großes Herz und komisches Talent, das mich verlässlich zum Lachen bringt. Es ist noch nicht lange her, dass dieses Mädchen mich immer wieder herausgefordert und mir klipp und klar Grenzen gesetzt hat. Bis ich kapierte, dass sie nun erwachsen wird und endgültig ihren eigenen Weg gehen möchte. Einmal mehr war loslassen gefragt.

Wir zwei haben es uns nicht immer leicht gemacht: eine Mutter mit Hang zum Perfektionismus und dieses Mädchen, das uns recht bald zu verstehen gab, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Ich erinnere mich gut an eine Begebenheit, als sie etwa vier war: Sie hatte Durchfall, wollte aber unbedingt Kakao trinken. Ich verweigerte, weil ich überzeugt war, dass es ihr nicht guttun würde. Doch sie war so hartnäckig, dass ich ihr schließlich den Kakao machte – und es war kein Problem. Damals verstand ich, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen wollte und musste.

Meine Tochter ist in manchen Dingen das Gegenteil von mir: extravertiert, übersprudelnd. Das war für mich nicht immer leicht, manchmal war ich von ihrem Temperament überfordert. Doch letztendlich habe ich durch sie gelernt, mich zu öffnen, bin mit ihr gewachsen. Relativ bald wurde auch klar, dass jede Art von Druck – ob in der Schule, beim Lernen eines Instruments oder bei Hausaufgaben – kontraproduktiv war. Sie machte uns unmissverständlich klar, dass sie unter Druck nicht funktionieren würde – was letztendlich dazu führte, dass sie vom Gymnasium in eine Waldorfschule wechselte. Es war die beste Entscheidung, die wir für dieses kreative und talentierte Mädchen treffen konnten. Sie singt leidenschaftlich gerne, spielt Gitarre und Klavier – und zwar dann, wenn sie gerade Lust dazu hat.

Ich denke, unser Bemühen, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, hat auch dazu geführt, dass sie sich keinem Gruppendruck beugt. Sie ist eine der wenigen in ihrem Freundeskreis, die keinen Alkohol trinkt. Neulich hat sie uns erzählt, dass sie mit Freunden in einem Pub war, wo sie Karten spielten. Weil sie gewann, spendierten die anderen ihr einen Drink. Ihre Wahl: Zitronenlimonade.

Nun geht ein Schuljahr, das es den Schülern nicht immer leicht gemacht hat, zu Ende. Zu sehen, wie dieses Mädchen sich trotz aller Schwierigkeiten in diesem Jahr zu einer empathischen und selbstbewussten jungen Frau entwickelt hat, ist das schönste Geschenk für uns Eltern. Als ich sie neulich spontan umarmte und meinte, wie schön ich es fände, dass dies nun wieder möglich sei, sagte sie, mit diesem für sie typischen schelmischen Blick: „Weißt du, irgendwann ist es halt auch vorbei mit der Pubertät!“

Die Welt von morgen

Unser Planet steckt in einer tiefen Krise, wir haben uns von der Natur entfernt. Klimawandel und Umweltzerstörung schreiten immer weiter voran. Ein männlich geprägtes, technokratisches Weltbild und eine wachstumsgetriebene Wirtschaft haben  uns an den Rand des Abgrunds geführt. Es wird nun Zeit, uns für neue Wege zu öffnen und zurück zu einer Verbindung mit der Natur – und mit unseren Mitmenschen – zu finden. Visionäre und Gemeinschaften weltweit verfolgen bereits einen ganzheitlichen Ansatz, sie gestalten den Wandel mit. In dieser herausfordernden Zeit sind ihre Stimmen wertvoller denn je.

In meinem nächsten Buch möchte ich zeigen, dass es viele Lösungen bereits gibt. Es soll Wege aufzeigen, wie wir die Verbundenheit mit der Natur wiederfinden und wie eine Wirtschaft von morgen aussehen könnte. Dafür möchte ich mit inspirierenden Menschen sprechen und mir zukunftsweisende Projekte ansehen. Und ich werde Costa Rica und Schweden besuchen, zwei Länder, die nicht nur Vorreiter beim Umwelt- und Klimaschutz sind, sondern auch in anderen Bereichen neue Wege gehen: Costa Rica hat bereits 1948 das Militär abgeschafft, um das Geld in Bildung und Gesundheit zu investieren; in Schweden wird eigenverantwortliches Denken schon in der Schule gefördert. In beiden Ländern wird die Bevölkerung beim Naturschutz mit einbezogen. Zur Finanzierung meiner Reise habe ich ein Crowdfunding gestartet – und freue mich über Unterstützung.

Man kann Dinge niemals verändern,
indem man die bereits existierende Realität bekämpft.
Wenn du etwas verändern willst, erschaffe ein neues Modell,
welches das vorhandene obsolet macht und ersetzt.
Buckminster Fuller

Weil ich es mir wert bin

Ich bin heute 53 und habe die erste Hälfte meines Lebens damit verbracht, mir und meinem Körper Schaden zuzufügen: Ich habe geraucht, zu viel Alkohol getrunken, konnte mich selbst nicht leiden und war oft krank. Es brauchte eine niederschmetternde Diagnose und Psychotherapie, um zu lernen, dass ich es wert bin, gut für mich zu sorgen. Das geschah nicht von heute auf morgen, sondern war ein langjähriger Prozess, der bis heute anhält.

Ich habe mich viel damit beschäftigt, was Körper und Seele brauchen, um gesund zu bleiben. Und habe gelernt, was ich aktiv für meine Gesundheit tun kann. Dazu gehört nicht nur Sport (ich bin ein Mensch, der viel Bewegung braucht) und bewusste Ernährung, sondern mich auch immer wieder daran zu erinnern, wofür ich dankbar bin: Für meine Familie, Freunde, eine Arbeit, die mich erfüllt und sinnstiftend ist. Und Dinge zu tun, die mir Freude bereiten: tanzen, singen, Waldspaziergänge, mit meinen Kindern blödeln.

Ich habe mich mit Komplementärmedizin, Naturheilkunde und der psychischen Komponente von Krankheiten befasst und gelernt, wie verschiedene Arten der Ernährung sich auf den Körper auswirken. In den vergangenen 20 Jahren war ich nie ernsthaft krank – und wenn ich doch einmal kränkelte, nahm ich das zum Anlass, mich mit mir auseinander zu setzen. Oft fand ich einen Grund für die Krankheit – dass ich zu wenig auf mich geschaut hatte oder in einem Karussell negativer Gedanken gefangen war.

Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, auf meinen Körper zu hören und mich selbst mit Wertschätzung zu behandeln. Und immer wieder in mich hinein zu spüren: was brauche ich gerade? Heute spüre ich sehr schnell, was mir gut tut und was nicht.

Warum ich euch das erzähle? Weil nun immer klarer wird, dass Menschen, die Verantwortung für sich selbst und ihre Gesundheit übernehmen, in diesem System zu Benachteiligten werden. Weil der Begriff „gesund“ im aktuellen politischen Framing nicht mehr existiert. Vielleicht liegt es daran, dass dieses System kein Interesse an gesunden Menschen hat – nie hatte. Ein System, in dem ungesunde Lebensmittel billiger sind als biologisch erzeugte; in dem Schüler gezwungen werden, stundenlang still zu sitzen und sich alles um Leistung dreht. Ein System, das Millionen Euro in die Bewerbung von Fleischprodukten investiert; wo die Natur für immer noch mehr Profit zerstört wird – auf Kosten unser aller Gesundheit.

Ich jedenfalls habe mich schon vor langer Zeit dafür entschieden, dieses System nicht mehr zu unterstützen. Und gut für mich zu sorgen.

Eine andere Welt ist möglich

Wir erleben gerade den Übergang in ein neues Zeitalter. Der Weg dorthin ist holprig und von Hindernissen geprägt, doch je mehr von uns an diese neue Welt glauben und sich für ihr Gelingen einsetzen, desto eher wird sie Wirklichkeit werden.

Ich träume von einer Welt, in der ..

..die Menschen in Frieden miteinander leben

..Kooperation statt Konkurrenz gelebt wird

..bereits Kinder lernen, sich selbst wertzuschätzen

..Frauen sich ihrer inneren Stärke besinnen

..jeder Mensch seine Talente ausleben kann

..Kinder lernen, ihrem Herzen zu folgen

..wir sorgsam mit Ressourcen umgehen –

mit den eigenen und denen des Planeten

..Werte wie Selbstfürsorge und Achtsamkeit gelebt werden

..der Mensch als Einheit von Körper, Geist und Seele betrachtet wird

..an den Schulen Herzensbildung gelehrt wird und soziale Verantwortung

..das Sein vor dem Haben steht

..alle Menschen genug zu essen haben

..Konsum nebenrangig ist

..Arbeitskräfte fair bezahlt werden

..wir in Verbundenheit mit der Natur leben

..Tiere als gleichwertige Wesen behandelt werden

..Menschen sich als mündige Bürger sehen

..das Geld gerecht unter allen Menschen verteilt ist

..wir ausgelassen das Leben feiern.

Ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass diese Welt möglich ist.

Bild: Unsplash/Robert Collins

Zeit der Veränderung

Es ist ein glasklarer Morgen, die schneebedeckten Berggipfel heben sich gestochen scharf vom blauen Himmel ab. Weiter unten hängt noch der Frühnebel, Reif liegt auf den Wiesen. Nachbarskater Jimmy sitzt mitten auf dem Trampolin in unserem Garten und sieht mir mit stoischer Gelassenheit entgegen. Ich gehe in den Wald, um mich schweren Herzens von meiner zweiten Heimat zu verabschieden. Nur die Gewissheit, bald wiederkommen zu können, lässt mich den Weg nach Wien und zu meiner Familie antreten.

Je lauter und dichter die Energien da draußen, desto mehr sehne ich mich nach Natur. Je länger dieser ungewisse Zustand anhält, desto mehr ziehe ich mich zurück. In der Natur fällt es mir leichter, die täglichen Nachrichten auszublenden und abzuschalten. Wenn ich im Wald oder am Wasser bin (noch besser: beides), werde ich innerlich ganz ruhig; hier schöpfe ich Kraft für meine Arbeit. Darauf hinzuweisen, was gerade schief läuft, Missstände aufzuzeigen, treibt mich an – und zugleich mögliche Lösungen zu finden. Immer klarer wird nun, dass ich mich nicht länger den destruktiven Energien da draußen widmen will, sondern meine Aufmerksamkeit darauf richte, wie wir am besten durch diese Krise kommen – und wie es danach weitergeht. Wir befinden uns in einem Wandlungsprozess und das alte Denken verliert mehr und mehr an Kraft, neue Wege und Lösungen tun sich auf. In der Natur gelingt es mir am besten, darauf zu vertrauen, dass wir auf dem richtigen Weg sind – auch wenn dieser voll von Hindernissen und Stolpersteinen ist.

In gleichem Maße wie draußen die Transformation stattfindet, verändere ich mich in meinem Inneren. Ich bin empfindsamer geworden, nehme die Energien von den Menschen um mich wahr. Unachtsamkeit oder groben Humor kann ich nur noch schwer ertragen. Schon die kleinste Andeutung von Brutalität oder Grausamkeit in Büchern und Filmen setzt mir zu. Ich bin auf der Suche nach Wahrhaftigkeit; Zynismus, der mir früher allzu schnell über die Lippen kam, ist mir fremd geworden. Die Sehnsucht nach einem Leben in Verbundenheit mit der Natur wächst, jeder achtlos weggeworfene Zigarettenstummel am Wegrand schmerzt. Ich esse kein Fleisch mehr, trinke kaum noch Alkohol, weil ich spüre, dass es meinem Körper nicht gut tut. Ich streite mit meinem Mann wegen jedem weggeworfenen Essensrest, Lebensmittelverschwendung erscheint mir angesichts des Zustands unseres Planeten wie ein Verbrechen.

In der Stadt, umgeben von Beton und Autos, fühle ich mich zunehmend verloren. Ich spüre nun immer stärker, dass ich meine innere Stimme nicht länger ignorieren will, die mir laut und deutlich sagt, dass ich die Stadt hinter mir lassen muss. Doch wie kann ich die Sehnsucht nach einem Leben in der Natur mit meiner Familie vereinbaren, die das Stadtleben genießt? Dieser Zwiespalt ist mir nicht neu: hier die Familie und mein Zuhause, dort meine Sehnsucht nach einem ungebundenen Lebensstil. Beides ist mir lieb und teuer. Es mag das Erbe meines Vaters sein, der Zeit seines Lebens von einer Rastlosigkeit getrieben war, die ihn schwer greifbar machte. Der monatelang im Ausland arbeitete und, wenn er zuhause war, kaum anwesend schien.

Dieses Erbe hat jedoch auch den Wunsch in mir gestärkt, die Zeit mit meinen Kindern sehr bewusst zu verbringen. Momente wie jene zu genießen, wenn meine Tochter zur Gitarre greift und ihre Lieblingssongs singt. Mit ihr darüber zu reden, was mich und sie beschäftigt, auf Augenhöhe. Auch wenn ich meinen erwachsenen Sohn treffe, sind unsere Gespräche lang und intensiv. Beide sind es von früher Kindheit an gewöhnt, ihre Mutter nicht ständig um sich zu haben. Beide haben fürsorgliche Väter und ein starkes soziales Netz. Bleibt die Beziehung zu meinem Mann, der sein Zuhause in der Stadt nicht einfach aufgeben möchte, hier seine Shiatsu-Praxis hat. Auch mit ihm rede ich viel und oft darüber, wie unsere Zukunft aussehen mag. Vieles steht gerade in den Sternen, und in diesem Jahr der Veränderung wird sich wohl noch einiges entscheiden. Und so pendle ich in immer kürzeren Abständen zwischen Stadt und Land, in der Gewissheit: Wenn ich auf meine innere Stimme höre und mir treu bleibe, wird sich der Rest fügen.

Home, sweet home

Homeoffice im Lockdown: Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel, betrachte die tiefen Ringe unter meinen Augen und überlege kurz, mich frisch zu machen. Dann verschwinde ich im Schlabberoutfit in meinem Arbeitszimmer. Ich schließe die Türe hinter mir, fahre den PC hoch, mache mich an die Arbeit. Fünf Minuten später steckt mein Mann den Kopf bei der Türe herein und fragt mich, was ich Mittagessen will. Wir reden kurz, ich arbeite weiter. Aus dem Nebenzimmer tönt laute Musik, meine Tochter hat die Stereoanlage bis zum Anschlag aufgedreht. Ich seufze, gehe hinaus, bitte sie, leiser zu drehen, mache die Türe zu. Gerade als ich es geschafft habe, mich wieder auf meinen Artikel zu konzentrieren, geht die Türe erneut auf, mein Mann schaut mich entschuldigend an und der Kater huscht herein. Er hüpft auf meinen Schreibtisch und spaziert über die Tastatur des Laptops. Ich atme tief ein und wieder aus, und dann noch einmal ein und wieder aus. Der Kater macht es sich neben dem Laptop bequem und schiebt seinen Schweif über die Tastatur. Sanft aber bestimmt schiebe ich ihn zur Seite.

Es gelingt mir, zwanzig Minuten konzentriert zu arbeiten, dann will der Kater wieder raus. Ich merke, dass ich Hunger habe und hole mir etwas zu essen. Die Tochter ist mittlerweile zum Fernsehen übergegangen, mein Mann steht daneben und schaut interessiert zu. Ich spüre Selbstmitleid in mir aufsteigen, ich will auch fernsehen. Ich frage meine Tochter, ob sie nichts für die Schule zu tun hat, sie meint: „Das mache ich später“. Mein Mann beginnt, mir etwas zu erzählen, was er gerade in den Nachrichten gelesen hat. Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu und verschwinde wieder in meinem Zimmer, überlege, wo ich stehen geblieben bin. Das Telefon läutet, meine Mutter. Ich überlege kurz, lasse es läuten. Einatmen, ausatmen. Diesmal schaffe ich dreißig Minuten, dann steht meine Tochter vor mir. Ich überlege, wo ich um Asyl ansuchen könnte und schreibe einer Freundin eine verzweifelte Nachricht. Sie lädt mich für den nächsten Tag in ihre Wohnung ein.

Und nun bin ich hier, alleine. Der Tapetenwechsel tut gut, ich beginne zu arbeiten. Es ist ruhig, zu ruhig. Ich mache Musik und versuche, mich auf meinen Artikel zu konzentrieren. Das Telefon läutet, meine Tochter. Ich spreche kurz mit ihr, schalte das Handy ab und sehe mich im Wohnzimmer meiner Freundin um. Mein Blick bleibt auf einem orange-violetten Plakat hängen und ich beschließe: Das wird mein Motto des Tages.

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Wege aus der Angst

Das vergangene Jahr war von Angst und Unsicherheit geprägt: Vieles, was gerade passiert, lässt uns ratlos zurück und niemand weiß so genau, wie es weitergeht. Viele fürchten eine Ansteckung mit dem Virus oder sorgen sich um ihre Liebsten; andere sind mit Arbeitslosigkeit konfrontiert. Die zunehmend autoritären Maßnahmen und manche gesellschaftliche Entwicklungen steigern die Verunsicherung. Wir leben in einer herausfordernen Zeit, soviel steht fest. Doch Angst hat uns auch früher schon begleitet: vor Krieg, Terror, Flüchtlingen, Wirtschaftskrisen oder eben Krankheiten. Sehr oft wird Angst von Medien geschürt.

Es ist nicht leicht, positiv und im Vertrauen zu leben, wenn die Medien ein Bild der Welt zeichnen, das sich in erster Linie um Krisen und Konflikte dreht. Denn tatsächlich gibt es zahlreiche positive Entwicklungen auf diesem Planeten, über die viel zu wenig berichtet wird. Stattdessen werden wir täglich mit negativen Nachrichten bombardiert. Der sogenannte konstruktive Journalismus macht es anders: Er wirft einen Blick über den Tellerrand und begibt sich auf die Suche nach Lösungsansätzen. Und ja, wie könnte es anders sein, ich selbst habe mich dieser Form des Journalismus verschrieben. 🙂 Das mag daran liegen, dass mich Lösungen immer schon mehr interessiert haben als Probleme.

In meinem Leben hat Angst bisher keine große Rolle gespielt: als Kind kletterte ich auf die höchsten Bäume, sprang im Schwimmbad vom Zehn Meter-Turm und fuhr Schi im Abfahrtsstil. Später reiste ich alleine durch die Welt und dachte nicht lange darüber nach, ob etwas gefährlich war. Ich kann nicht sagen, woher diese Furchtlosigkeit kommt, mir scheint ein gewisses Grundvertrauen ins Leben mitgegeben worden zu sein. Natürlich bin auch ich nicht frei von Ängsten, etwa vor gewissen Krabbeltieren. Mit zunehmendem Alter habe ich Höhenangst entwickelt und bekomme weiche Knie, wenn ich vor einem Abgrund stehe.

Die Sorglosigkeit, mit der ich früher durchs Leben gesteuert bin, hat sich im Laufe der Jahre gewandelt: Ich gehe nun achtsamer mit mir selbst um, habe Verantwortung übernommen, auch für meine Kinder. Ängstlicher bin ich dennoch nicht geworden. Doch Angst und Sorge scheint in unserer Gesellschaft allgegenwärtig zu sein. Ich kenne Menschen, die Situationen, vor denen sie sich fürchten, geradezu anziehen. Erklärungen dafür liefert die Quantenphysik oder der Buddhismus: Energie folgt der Aufmerksamkeit, Gedanken erschaffen die Wirklichkeit.

Was können wir also tun, um der Angst zu begegnen?

Ein guter Tipp ist, Nachrichten und Social Media nur in Maßen zu konsumieren. Wir müssen nicht täglich auf Corona-Zahlen starren und erfahren, welche Maßnahmen wo umgesetzt werden. Zermürbende Diskussionen und Machtkämpfe in sozialen Medien schwächen zusätzlich. Lieber gezielt Medien suchen, die sich auf positive bzw. konstruktive Nachrichten spezialisiert haben – die gibt es!

Was wir tun können, um wieder ins Vertrauen zu kommen, ist es, sich aktiv Dinge vor Augen zu halten, die positiv sind und sie jeden Abend aufzuschreiben. Eine „Dankbarkeitsliste“, die uns zeigt, was gut läuft in unserem Leben. Das können kleine Dinge sein wie eine Umarmung oder das Lächeln eines Fremden auf der Straße, aber natürlich auch größere Erfolge. Nach einigen Wochen verschiebt sich der Fokus erwiesenermaßen hin zum Positiven. Das bedeutet: es fällt dann viel leichter, die schönen Dinge des Lebens, die ja immer um uns sind, wahrzunehmen. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen, ich war früher ein Mensch, der viel kritisierte und sich gerne in der Opferrolle sah. Durch die regelmäßige „Dankbarkeitsübung“, die übrigens aus der Positiven Psychologie kommt, hat sich meine Wahrnehmung deutlich verändert, ich kann mich heute viel mehr an kleinen Dingen erfreuen.

Was mir auch hilft: mir zu überlegen, wofür diese Situation gerade gut ist, was ich daraus lernen kann – oder auch meine Kinder. Und mit ihnen darüber zu reden. Dabei nützt mir mein Zugang, dass alles im Leben einen Sinn hat – auch wenn er nicht immer sofort erkennbar ist. Viktor Frankl, Begründer der Logo- und Existenzanalyse („Und trotzdem Ja zum Leben sagen“) prägte eine Frage, die er sich selbst immer wieder gestellt hat: „Wofür ist das eine Gelegenheit?

Und wenn sie doch einmal hinterrücks auftaucht, die Angst, hilft es, tief und regelmäßig zu atmen. Oder auch zu mediteren – ich persönlich bevorzuge geführte Meditationen.

Oder: Dinge tun, die Freude bereiten. In unserer Gesellschaft ist es normal geworden, ständig unter Druck zu stehen und Stress zu haben. Wir gönnen uns viel zu wenig Gutes, nehmen uns zu wenig Zeit für uns. Was mir am meist hilft, ist Bewegung in Form von laufen, schwimmen oder tanzen (auch zuhause!). Ich singe für mein Leben gerne und liebe Waldspaziergänge. Die Kunst ist, sich immer wieder selbst daran zu erinnern, diese Dinge auch zu tun. Eine „Spaßliste“, die an einem gut sichtbaren Ort aufgehängt wird, kann dabei helfen. Und natürlich müssen wir es uns auch noch erlauben, gut zu uns zu sein. Das ist nicht immer so einfach, wenn man dazu erzogen wurde, Leistung zu erbringen und zu funktionieren. Aber hey, wir sind es wert, gut zu uns zu sein! Dieses Leistungsdenken führt auch dazu, dass wir Krankheiten und den Tod fürchten – denn wenn wir immer funktionieren müssen, ist die logische Folge, dass der Tod Versagen bedeutet. Der Coach und Autor Veit Lindau schreibt dazu: „Wir reagieren dann panisch auf Bedrohungen wie das Corona-Virus, wenn wir wissen, dass wir noch nicht voll gelebt haben…Die einzige Möglichkeit, die Angst vor dem Tod zu besiegen, ist, dich deiner Angst, voll zu leben, zu stellen.“

Letztendlich geht es darum, ein Leben zu leben, das unseren Talenten und Werten entspricht, und nicht eines, das dem gesellschaftlichen Druck nachgibt. Das ist vielleicht der schwierigste Teil, auch ich habe lange gebraucht, bis ich meinen Traum vom Schreiben umsetzte. Auf dem Weg dahin habe ich mir Hilfe in Form von Therapien und Coachings geholt. Tatsächlich hört der Weg zu sich selbst nie auf – so erscheint es mir manchmal. Wir können uns immer wieder fragen: Wie geht es mir gerade, was brauche ich, was könnte besser sein?

Gerade in dieser Krise, in der wir stecken, ist Angst eine schlechte Ratgeberin, sie verstärkt die Spaltung und führt zu Misstrauen anderen gegenüber. Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther sagt in einem Interview: „Das Leben ist immer gefährlich. Wir müssen die Unkontrollierbarkeit des Lebendigen annehmen. Erst wenn wir aufhören, alles kontrollieren und beherrschen zu wollen, sind wir frei.“ Das größte Paradox ist wohl, dass ständige Angst das Immunsystem schwächt und erst recht krank macht. Es liegt also an uns selbst, aus diesem Teufelskreis auszubrechen und neue Wege zu gehen.

Das Glück auf Schienen

Wenn ich an Momente in meinem Leben denke, in denen ich besonders glücklich war, tauchen sehr oft Bahnmomente auf. Bahnfahren ist für mich der Inbegriff von Freiheit: unterwegs sein und gleichzeitig entspannen, schlafen oder aus dem Fenster schauen – oder auch arbeiten. Zwischendurch ins Bordrestaurant wechseln, um dort einen Kaffee zu trinken oder etwas zu essen. Dabei die wechselnden Landschaften vor dem Fenster bewundern. Das Reisen war immer schon meine große Leidenschaft, doch beim Bahnfahren habe ich die schönsten Momente erlebt:

Die Fahrt von New York mit dem Zug Richtung Süden, 22 Stunden lang, um meine ehemalige Gastfamilie in Birmingham, Alabama zu besuchen. Und dann noch einmal sechs Stunden bis nach New Orleans. In der Abenddämmerung fährt der Zug über einen riesigen See und danach durch ein Sumpfgebiet – in der untergehenden Sonne.

Eine Fahrt von Quito nach Banos in Ecuador, die ich, wie einige andere auch, auf dem Dach des Zuges verbrachte.

Die vielen Male, die ich zu meiner Freundin nach Hamburg fuhr. Der Moment, wo der Zug die Alster überquert, bevor er in den Hauptbahnhof einfährt.

Auf plüschigen Sitzen unterwegs nach Ljubljana. Der – österreichische – Schaffner begrüßt uns mit den Worten: „Habt’s eh gut gefrühstückt? Wir fahren heute nur mit einer Lok, über den Semmering müsst’s uns anschieben helfen.“

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Am Abend in einen Zug einsteigen und morgens in einer fremden Stadt ankommen. Kaffee trinken am Pariser Gare de‘l Est (damals gab es den Nachtzug Wien-Paris noch), in Venedig den Nebel über den Kanälen hängen sehen.

Auf der Fahrt von Hamburg nach Kopenhagen mit dem Zug auf die Fähre fahren und sich darüber wundern, wie der lange Zug auf dieses Schiff passt.

Zahllose Fahrten ins Salzkammergut, alleine oder mit meiner Familie, entlang des Traunsees – für mich eine der schönsten Bahnstrecken überhaupt.

Hin und wieder gestaltete sich das Bahnfahren auch abenteuerlich: Als der Liegewagen im Nachtzug nach Rom völlig überheizt war (und sich die Temperatur nicht regeln ließ) oder der Moment spätabends auf einem Bahnhof in Ostindien, als der Strom ausfiel und alles in Dunkelheit getaucht wurde. Oder die 12 stündige Verspätung eines Amtrak-Zuges von Phoenix, Arizona nach Los Angeles. Mein Plan war gewesen, nachts durch die Wüste Arizonas zu fahren und danach den Anschlusszug von L.A. entlang der Pazifikküste nach San Francisco zu nehmen, und die Fahrt am Meer zu genießen. Stattdessen fuhr ich nachts mit einem Schienenersatzverkehr-Bus nach San Francisco.

Gerade jetzt träume ich oft vom Bahnfahren und halte mich mit Reiseplänen bei Laune. Das erste, was ich mir nach dieser verordneten Stubenhockerei leisten werde, ist ein Interrail-Ticket. Wohin die Reise gehen soll, daran tüftle ich noch – doch es wird wohl der Norden und Osten Europas werden.