Das Glück auf Schienen

Wenn ich an Momente in meinem Leben denke, in denen ich besonders glücklich war, tauchen sehr oft Bahnmomente auf. Bahnfahren ist für mich der Inbegriff von Freiheit: unterwegs sein und gleichzeitig entspannen, schlafen oder aus dem Fenster schauen – oder auch arbeiten. Zwischendurch ins Bordrestaurant wechseln, um dort einen Kaffee zu trinken oder etwas zu essen. Dabei die wechselnden Landschaften vor dem Fenster bewundern. Das Reisen war immer schon meine große Leidenschaft, doch beim Bahnfahren habe ich die schönsten Momente erlebt:

Die Fahrt von New York mit dem Zug Richtung Süden, 22 Stunden lang, um meine ehemalige Gastfamilie in Birmingham, Alabama zu besuchen. Und dann noch einmal sechs Stunden bis nach New Orleans. In der Abenddämmerung fährt der Zug über einen riesigen See und danach durch ein Sumpfgebiet – in der untergehenden Sonne.

Eine Fahrt von Quito nach Banos in Ecuador, die ich, wie einige andere auch, auf dem Dach des Zuges verbrachte.

Die vielen Male, die ich zu meiner Freundin nach Hamburg fuhr. Der Moment, wo der Zug die Alster überquert, bevor er in den Hauptbahnhof einfährt.

Auf plüschigen Sitzen unterwegs nach Ljubljana. Der – österreichische – Schaffner begrüßt uns mit den Worten: „Habt’s eh gut gefrühstückt? Wir fahren heute nur mit einer Lok, über den Semmering müsst’s uns anschieben helfen.“

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Am Abend in einen Zug einsteigen und morgens in einer fremden Stadt ankommen. Kaffee trinken am Pariser Gare de‘l Est (damals gab es den Nachtzug Wien-Paris noch), in Venedig den Nebel über den Kanälen hängen sehen.

Auf der Fahrt von Hamburg nach Kopenhagen mit dem Zug auf die Fähre fahren und sich darüber wundern, wie der lange Zug auf dieses Schiff passt.

Zahllose Fahrten ins Salzkammergut, alleine oder mit meiner Familie, entlang des Traunsees – für mich eine der schönsten Bahnstrecken überhaupt.

Hin und wieder gestaltete sich das Bahnfahren auch abenteuerlich: Als der Liegewagen im Nachtzug nach Rom völlig überheizt war (und sich die Temperatur nicht regeln ließ) oder der Moment spätabends auf einem Bahnhof in Ostindien, als der Strom ausfiel und alles in Dunkelheit getaucht wurde. Oder die 12 stündige Verspätung eines Amtrak-Zuges von Phoenix, Arizona nach Los Angeles. Mein Plan war gewesen, nachts durch die Wüste Arizonas zu fahren und danach den Anschlusszug von L.A. entlang der Pazifikküste nach San Francisco zu nehmen, und die Fahrt am Meer zu genießen. Stattdessen fuhr ich nachts mit einem Schienenersatzverkehr-Bus nach San Francisco.

Gerade jetzt träume ich oft vom Bahnfahren und halte mich mit Reiseplänen bei Laune. Das erste, was ich mir nach dieser verordneten Stubenhockerei leisten werde, ist ein Interrail-Ticket. Wohin die Reise gehen soll, daran tüftle ich noch – doch es wird wohl der Norden und Osten Europas werden.

Innenschau

Nun ist er also da, der zweite Lockdown – und damit das nächste Kapitel in diesem Drama namens Corona. Auch wenn die Situation an das Frühjahr erinnert und nun wieder alles stillsteht, fühlt es sich doch anders an. Es sind mehr Menschen unterwegs, fast scheint es, als ob viele genug hätten von Vorschriften und Einschränkungen.

Die anfängliche Wut und das Gefühl der Hilflosigkeit wird abgelöst von dem Empfinden, dass dies alles für etwas gut sein muss. Habe ich mich im ersten Lockdown noch eingeschränkt und meiner Freiheit beraubt gefühlt, wächst nun die Erkenntnis: Es hat offensichtlich noch einmal diese Zuspitzung gebraucht, um endlich den anstehenden Wandel einzuleiten. Um begreiflich zu machen, dass wir nicht weitermachen können wie bisher. Und damit meine ich nicht nur den Umgang mit diesem Virus, sondern unser ganzes System – Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft. Wir müssen aufhören, mutwillig unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören und einander zu bekriegen. Und wir brauchen eine neue, wertschätzende Beziehung zu Tieren. Denn die Zerstörung ihrer Lebensräume wie die fortschreitende Rodung von Wäldern hat erst dazu geführt, dass das Virus von einem Tier auf den Menschen überspringen konnte. Will heißen: Wir haben uns diese Pandemie selbst erschaffen.

Immer wieder war ich in den letzten Monaten am Rande der Erschöpfung, weil ich mir den Kopf zerbrach über die verschiedenen Aspekte dieser Krise und mir die gesellschaftliche Entwicklung Sorgen bereiteten. Ich verbrachte zu viel Zeit mit Diskussionen in sozialen Medien, rieb mich dabei auf. Ein Termin bei einer Energetikerin und regelmäßige Übungen halfen mir, wieder in meine Mitte zu kommen. Auch meine fünfzehnjährige Tochter kämpfte mit Erschöpfung und depressiven Verstimmungen. Im ersten Lockdown wurde sie zur Einzelgängerin, die sich in ihr Schneckenhaus verkroch und sich zu nichts mehr motivieren ließ. Erst die Schulpsychologin schaffte es, zu ihr durch zu dringen. Einmal mehr wurde mir klar, wie wichtig es ist, sich Hilfe von außen zu holen.

Wir entschlossen uns, den Sommerurlaub in Griechenland zu verbringen, auch unserer Tochter zuliebe, die sich das sehnlichst wünschte. Der Urlaub am Meer war das Beste, was wir in dieser Situation tun konnten und wir alle kehrten gestärkt zurück.

Seitdem hat es immer wieder Momente gegeben, in denen ich mit mir im Reinen war wie nie zuvor. In denen ich pures Glück spüre darüber am Leben zu sein, im Hier und jetzt verankert. Fast immer habe ich solche Momente in der Natur – am Wasser oder im Wald – und sie werden mehr.

Nun ist also wieder Rückzug angesagt und das fühlt sich in der dunklen, kalten Jahreszeit irgendwie auch richtig an. Immer öfter spüre ich, dass ich gerade dann, wenn es da draußen am lautesten ist, die Stille in mir selbst finden kann. Dass ich mich ganz bewusst ausklinken kann aus Diskussionen, die mich schwächen. Dennoch – und das mag auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirken – höre ich nicht auf, die Entscheidungen der Politiker zu hinterfragen. Dass die Schulen wieder geschlossen wurden, ist für mich der größte Skandal – und ich tue meine Meinung darüber auf unterschiedliche Weise kund.

Vielleicht können wir auch das gerade jetzt lernen: Dass wir nicht so ohnmächtig sind, wie es sich manchmal anfühlt. Dass wir keine Marionetten der Politik sind, sondern Verantwortung tragen, für uns selbst und für die Gesellschaft, in der wir leben. Vielleicht haben wir mehr Macht, als wir denken? Was, wenn wir nicht mehr bei allem mitspielen?

Wenn wir..

..aufhören, zu funktionieren und wieder besser für uns sorgen

..uns und unsere Kinder weniger unter Druck setzen, auch beim Homeschooling

..unseren Arbeitgebern kommunizieren, wenn wir überfordert sind

..Netzwerke gründen, um einander zu unterstützen

..aufhören, täglich negative Nachrichten zu konsumieren

..jeden Tags aufs Neue entscheiden, worauf wir unseren Fokus legen

in die Natur gehen statt unsere Zeit in Social Media tot zu schlagen

..für uns selbst entscheiden, was uns gut tut und was nicht

.. Dinge tun, die uns Freude bereiten

..uns immer wieder vor Augen halten, dass wir im Geiste frei sind..

…dann könnte es sein, dass wir merken, wie viel unserer Hand liegt.

Was uns jetzt helfen kann, ist ein spiritueller Zugang, die Gewissheit, dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass wir in dieser Krise verbunden und Teil eines großen Ganzen sind – und dass alles, was jetzt passiert, der Beginn eines umfassenden Wandels ist. Nun wird uns vor Augen geführt, was wirklich zählt im Leben: Berührung, Nähe, Freunde und Familie. Jetzt sind wir gefordert, unsere Lebenskonzepte zu überdenken, herauszufinden, was wir uns wirklich wünschen vom Leben. Wir alle werden gerade unerbittlich mit unseren Schwächen konfrontiert.

Jetzt, wo das System im Umbruch ist, haben wir tatsächlich die Möglichkeit, unsere Zukunft gemeinsam zu gestalten. Wir entscheiden mit, wohin die Gesellschaft sich entwickelt. Wie soll unser Zusammenleben aussehen? Wollen wir weiterhin ein System, das Menschen und Ressourcen ausbeutet oder eines, das die Verbundenheit von Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt? Wir alle sind gefragt, einen Beitrag für eine Zukunft, die auch für unsere Kinder noch lebenswert ist, zu leisten. Denn, davon können wir ausgehen: Nichts wird bleiben, wie es war. Es liegt nun an uns, neue Wege zu gehen.

Zurück zur Natur

Ich sitze in der Abendsonne auf unserem Balkon, eine Taube fliegt gurrend aufs Dach gegenüber. Die Nachbarskatze spaziert mitten auf der Straße und mit hoch erhobenem Kopf  vorbei. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, bis auf Autogeräusche in weiter Ferne ist nichts zu hören. Ich atme tief die frische Luft ein und fühle mich bis in die Zehenspitzen wohl in meiner Haut.

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(c) privat

Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich in naher Zukunft das Stadtleben mit Freude gegen ein Leben auf dem Land tauschen würde, hätte ich wohl herzlich gelacht. Ich bin in der Großstadt geboren und aufgewachsen und habe mich immer als Stadtkind betrachtet. Ich liebte die Möglichkeiten, die die Stadt bietet, die Anonymität, die Vielfalt der Bewohner und Bewohnerinnen, das kulturelle Angebot und auch die Tatsache, dass ich hier kein Auto brauche (auch wenn es viel zu viele Autos gibt). Ich erzählte jedem, der es hören wollte, dass ich in einer der lebenswertesten Städte der Welt wohne. Doch seit einigen Jahren wächst meine Sehnsucht nach Natur im gleichen Maße wie der Widerwillen gegen Autolärm und zubetonierte Flächen.

Zum Glück habe ich dank meinem Mann seit Jahren eine zweite Heimat im Salzkammergut, die mir mehr und mehr ans Herz wächst. Plötzlich kann ich mir vorstellen, für immer hier zu leben. Auf dem Weg dorthin fährt die Bahn auf dem letzten Teil der Strecke entlang des Traunsees und an diesem Punkt fängt mein Herz verlässlich zu hüpfen an. Auch nach ungezählten Fahrten drücke ich mir noch die Nase platt, um diese Schönheit in mich aufzunehmen.

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(c) Susanne Wolf

Die Stille in unserer Straße, der Garten vor der Türe und der Wald gleich um die Ecke, dazu Freunde, die in Gehweite wohnen und nachts ein großartiger Sternenhimmel. Ich stehe in der Früh auf, ziehe mir meine Laufschuhe an und laufe nach hinten in den Wald, bis zu einer Stelle am Fluss, wo ich mich gerne niederlasse und dem Rauschen des Wassers lausche. Hier gelingt es mir am besten, in mich hineinzuspüren und ganz bei mir zu sein. Auch das Laufen fällt mir hier leicht, während ich mich in Wien kaum noch dazu motivieren kann.

Es mag mit meinem fortgeschrittenen Alter zusammen hängen, oder auch mit meiner wachsenden Naturverbundenheit angesichts des Zustands unserer Umwelt – die Vorteile der Stadt rücken zusehends in den Hintergrund. Kultur? Gibt es auch hier. Vielfalt? Die ist ohnehin in meinem Kopf. Auch die Anonymität hat ihren Reiz verloren – zu oft habe ich es in der Stadt erlebt, dass Menschen an Mitmenschen, die bewegungslos auf dem Boden liegen (schlafend? bewusstlos?), einfach vorbeigehen oder Andere, die offensichtlich Hilfe brauchen, ignorieren. Die Spaltung der Gesellschaft, die Abgetrenntheit der Menschen von der Natur erscheint mir in der Stadt noch größer als anderswo. Je mehr ich mich mit der Bedeutung der Natur und des Waldes für unser Wohlbefinden beschäftige, desto weniger möchte ich darauf verzichten. Mehr und mehr wächst in mir das Bewusstsein, dass ich ohne Natur nicht mehr leben möchte, und dass es mir nicht ausreicht, hin und wieder einen Ausflug zu machen. Wenn Freunde über meinen Gesinnungswandel überrascht sind und mich an die lebenswerte Stadt erinnern, lautet meine Antwort: Ja eh, aber.. Stadt.

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Noch hält mich meine Familie in der Stadt, meine Tochter geht hier zur Schule. Doch die Besuche in der zweiten Heimat werden mehr und länger – und ich plane, in Zukunft noch mehr Zeit dort zu verbringen. Zum Glück kann ich meine Arbeit dank Laptop und Internet fast überall erledigen, das macht mich flexibel und ortsungebunden – und das ist genau die Freiheit, dich ich brauche.

Die Vision von einem anderen Leben

Es war vor ungefähr 17 Jahren, als ich in meiner kleinen Wohnung saß und eine Collage aus Bildern anfertigte, die ich aus Zeitschriften ausgeschnitten hatte. Ich durchlebte eine schwierige Zeit, hatte eine schmerzhafte Trennung hinter mir und gerade meinen Job verloren. Mein kleiner Sohn vermisste seinen Papa schrecklich und verbrachte viel Zeit bei ihm. Ich fühlte mich als Versagerin, schuldig und wertlos.

Doch da waren diese Bilder, die mir zeigten, dass ein anderes Leben möglich war: Ein orange gestreiftes Kätzchen, ein frisch getrautes Brautpaar, eine wild-romantische Meeresküste – und ein kleines, blondes Mädchen in einer Blumenwiese. Dieses Mädchen berührte etwas tief in mir und ich klebte das Bild gemeinsam mit den anderen auf einen blauen Karton. Die Collage hängte ich in meinem Wohnzimmer auf, und wenn ich sie betrachtete, fühlte ich mich besser. Erst später begriff ich, dass das Bild vom kleinen Mädchen meine Sehnsucht nach einem zweiten Kind zum Ausdruck brachte – eine Sehnsucht, die ich mir lange nicht eingestehen wollte.

Die Zeit nach der Geburt meines Sohnes war schwierig gewesen, ich konnte und wollte mich nicht in die Mutterschaft einfinden und betrauerte meine verlorene Freiheit. Lange zweifelte ich meine Fähigkeiten als Mutter an und fand keine echte Verbindung zu meinem Kind. Das setzte sich nach der Trennung von seinem Vater fort, der lange Zeit die Hauptbezugsperson für unseren Sohn blieb. Ich begann eine Therapie, um tiefsitzende Muster aus meiner Kindheit aufzulösen. Als ich meinen heutigen Mann kennenlernte, kam die unausgesprochene Sehnsucht wieder. Wenige Monate später war ich schwanger und wusste sofort, dass es ein Mädchen sein würde – und ja, es war blond. Durch meine Tochter wurde ich heil, sie hat mein Leben komplett gemacht.

Die Beziehung zu meinem Sohn und seinem Vater blieb lange Zeit schwierig, ich weinte viel in jener Zeit. Doch mit den Jahren wurde aus uns eine Patchworkfamilie, in der alle Beteiligten ihr Bestmögliches gaben. Es gab weitere Bilder, die zu realen Erlebnissen führten und die mir bestätigten: Wir können in Gedanken und Bildern die Welt erschaffen, in der wir leben wollen – oder ihr zumindest ein Stück näher kommen.

Heil durch die Krise

Die Rastlosigkeit springt mich hinterrücks an und schüttelt mich. Immer wenn ich denke, endlich zur Ruhe gefunden zu haben, ist sie wieder da, und mit ihr die Gereiztheit, die schlechte Laune. Dann will ich auf der Stelle abhauen, irgendwohin fahren, nur weg. Seit vier Wochen dauern die Ausgangsbeschränkungen nun schon an. Am Anfang war ungläubiges Erstaunen, alles erschien unwirklich, wie in einem dieser Science Fiction-Filme, die ich mir nicht ansehe. Dann die Erkenntnis: Nichts wird mehr so sein wie früher.

Wir richten es uns zuhause ein: Mein Mann darf als Shiatsu-Praktiker nicht arbeiten, die Tochter nicht zur Schule gehen, ich arbeite weiterhin von zuhause aus. Meine freiheitsliebende Natur wird auf die Probe gestellt: Ich brauche viel Zeit und Raum für mich und bin es gewöhnt, mir Auszeiten zu nehmen. Auch jetzt gehe ich immer wieder alleine los und genieße die wenigen Momente, die ich alleine zuhause habe. Zum Glück ist die Wohnung groß und wir genießen das schöne Wetter auf dem Balkon. Regelmäßig zieht es uns hinaus, zu Spaziergängen und Ausflügen mit dem Fahrrad. Ich bin erstaunt, wie gut das Zusammenleben zu dritt funktioniert. Jeder hat ein Zimmer für sich und hin und wieder treffen wir uns in der Wohnküche. Anfangs singen wir, wie viele anderen, am Balkon für die Nachbarn, sogar die Tochter macht mit. Doch nach einiger Zeit lässt der Enthusiasmus nach.

Die Ungewissheit, wie lange diese Situation andauern wird, setzt mir zu. Ich beginne die strikten Maßnahmen zu hinterfragen, stoße im Netz auf viele verschiedene Meinungen und Alternativen. Mein Kampfgeist ist erwacht: Ich will diese Einschränkungen meiner Freiheit nicht einfach so hinnehmen, will die Frage in den Raum stellen, ob wir der Politik bedingungslos vertrauen dürfen. Endlose Diskussionen in sozialen Medien folgen und ich spüre bald: dieses Kämpfen, das Teil meiner Natur ist, dieses Gegen-den-Strom-Schwimmen strengt auch an. Ich brauche meine Energien zur Zeit für etwas anderes, möchte lernen, die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Auch das entspricht meiner Natur: mich auf Positives zu konzentrieren, Lösungen zu finden. Doch nicht immer gibt es einfache Lösungen, manchmal hilft es auch, anzunehmen, was ist, wie es die Buddhisten lehren. Ich beginne zu meditieren, bekomme ein Achtsamkeits-Buch geschenkt. Es wirkt, ich werde ruhiger.

Ich erkenne, dass das Leben mich auf die Probe stellt und meine Schwächen nun zutage treten: Ungeduld, Perfektionismus, der Hang, alles unter Kontrolle haben zu wollen. Aus unserem geplanten Kurzurlaub im Zweitwohnsitz wird nichts, weil der Schwiegervater sich zu große Sorgen wegen der Ansteckungsgefahr macht. Ich bin wütend, frustriert, fühle mich wie eine gefangene Tigerin. Und dann gibt es wieder diese magischen Momente, in denen alles passt. Wenn ich das Zusammensein mit meiner Familie so intensiv empfinde wie nie zuvor. Wenn meine Tochter Gitarre spielt und dazu singt, und ich mitsinge. Die Augenblicke im Wald, in denen ich zur Ruhe komme. Der Moment, da in einem Waldstück mitten im Wiener Prater ein Reh an mir vorbei spaziert, ohne mich zu bemerken. Eine versöhnliche Nachricht von einem alten Freund, der mir lange gegrollt hat und nun um Verzeihung bittet. Wenn mein Mann mit unserer Tochter unterwegs ist, drehe ich zuhause die Musik auf volle Lautstärke und tanze dazu.

Meine Gefühle schwanken zwischen Trauer und Zuversicht, zwischen Resignation und Aufbegehren.

Ich übe mich in Gelassenheit, atme immer wieder tief durch und mir wird bewusst, wie dankbar ich bin: Für meine Familie, unser schönes Zuhause, meine Arbeit, die ich von jedem Ort aus erledigen kann. Dafür, dass wir alle gesund sind. Für die Gespräche mit meinem Mann, der die weisen Worte sagt: „Es hat keinen Sinn, gegen etwas anzukämpfen, das wir uns selbst erschaffen haben.“ Ich chatte mit meinem klugen und empathischen Sohn und stelle ihm die Frage, warum es mir so schwer fällt, anzunehmen was ist. Seine Antwort: „Weil du halt ein Freigeist bist.“

Doch immer öfter spüre ich es ganz stark: Es ist gut, wie es ist und es liegt an mir, wie ich mit der Situation umgehe. Ich kann dagegen ankämpfen und in Selbstmitleid versinken – damit schade ich jedoch nur mir selbst. Oder ich kann annehmen, was ist, und das Beste aus dem Moment machen. Keine Hoffnungen und Erwartungen mehr, im Moment leben, einen Tag nach dem anderen.

Vielleicht ist jetzt auch die Zeit gekommen, mich zu fragen, ob dies das Leben ist, das ich führen möchte und was ich daraus noch machen möchte – und dann auf die Antworten tief in meinem Inneren zu hören. Vielleicht ist es so, dass wir alle nun eine Aufgabe zu erfüllen haben, einen Lernschritt machen und daran wachsen können. Spirituelle und feinfühlige Menschen sagen, dass jetzt eine besondere Zeit sei, dass der Wandel hin zum Guten nicht mehr weit ist. Und da ist es wieder, mein positives Denken: Diese globale Krise könnte für uns alle eine Chance auf etwas Neues sein.

 P.S. Wer mich kennt, weiß, dass ich nie aufhören werde, kritisch und wachsam zu sein – ein kritischer Geist und positives Denken ist meiner Meinung nach kein Widerspruch. 🙂

 

Zurück zu mir

Je älter ich werde, desto klarer wird mir: Ich will nicht mehr um jeden Preis funktionieren müssen, will nicht mehr zu einem System beitragen, das uns in den Abgrund treibt. Will mich spüren, ganz bei mir sein, frei von Zwängen und Leistungsdruck. Ich träume davon, mich mehr mit der Natur zu verbinden, Teil von ihr zu werden, in ihrem Rhythmus zu schwingen.

Ich habe lange genug funktioniert und mich angepasst, habe mich jahrelang verbiegen lassen. Von Menschen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um mich zu sehen, von einem Schulsystem, in dem die eigene Meinung nicht gefragt war. Ich habe dem patriarchalen System gedient, mich Männern untergeordnet, mich für sie aufgehübscht, mich klein halten lassen und klein gemacht. Suchte Bestätigung von außen, weil ich sie in mir nicht fand, hielt mich für dumm, traute mir zu wenig zu. Ich wurde Teil der Konsumgesellschaft, weil sie mir für einige Stunden und Tage das Gefühl gab, etwas wert zu sein. Ich kaufte, um anderen zu gefallen und einem Schönheitsideal zu entsprechen. Ich flog um die halbe Welt, um mich abzulenken, scheinbar auf der Suche nach mir selbst, in Wahrheit aber auf der Flucht vor mir. Ich rauchte, trank zu viel, behandelte meinen Körper mit der größtmöglichen Sorglosigkeit. Ich verlor mich, verliebte mich, wieder und wieder, nur um festzustellen, dass ich zuerst mich selbst lieben lernen musste. Ich behandelte Menschen, denen ich etwas bedeutete, ohne Respekt, weil ich nicht begreifen konnte, weshalb sie ihre Liebe an mich verschwendeten.

Nun bin ich in der zweiten Hälfte meines Lebens und die Prioritäten haben sich geändert. Ich habe zwei Kinder groß gezogen und dabei Höhen und Tiefen erlebt. Habe gelernt zu lieben und mich lieben zu lassen, mir den Stellenwert einzuräumen, den ich verdient habe. Und, wie wichtig es ist, gut für mich zu sorgen, mir Freiräume zu nehmen. Nun wartet die nächste Herausforderung: die verflixten Wechseljahre. Die Nächte werden kürzer – aber nicht etwa, weil ich so viel feiere, sondern nachts wach liege – und die Augenringe immer tiefer. Neuerdings gehe ich nicht mehr außer Haus, ohne mich zu schminken, um niemanden zu verschrecken. Meine Stimmungen fahren Achterbahn und mein Herz macht Bocksprünge, ohne mich vorzuwarnen. Und meine schlanke Taille ist endgültig Vergangenheit.
Komischerweise redet kaum eine Frau über diese Zeit, obwohl doch laut Statistik zwei Drittel Beschwerden haben, ein Drittel davon starke. Statt dazu zu stehen und Verständnis einzufordern machen viele weiter, als ob nichts wäre, genauso wie sie es schon immer getan haben. Zum Glück hat das Älter werden auch Vorteile: Ich lasse mir nicht mehr so viel gefallen, stehe zu meiner Meinung, kann besser Nein sagen. Es ist nicht mehr so wichtig, was andere von mir denken – und ich mag meine Lachfalten. 🙂

Übrigens kommen auch Männer ins Klimakterium – das heißt dann Andropause – und die reden erst recht nicht darüber. Männer und Schwäche zeigen? Schwierig. Vielleicht können wir Frauen mit gutem Beispiel vorangehen und beweisen, dass nichts passiert, wenn wir mal Schwäche zeigen. Sondern dass es im Gegenteil ein Zeichen von Stärke ist, gut auf uns zu schauen und darüber zu reden, wie es uns geht – und uns Hilfe zu holen, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Gut zu sich selbst zu sein und sich zu spüren ist allerdings in unserer leistungsorientierten Gesellschaft verdächtig, Begriffe wie Achtsamkeit und Selbstfürsorge landen schnell in der Esoterik-Schublade. Umso wichtiger finde ich es, zu unseren Bedürfnissen zu stehen.

Das Schöne an dieser Lebensphase: Ich fühle mich meinem Mann verbundener denn je, wenn wir abends auf der Couch zusammensacken und uns nicht mehr von der Stelle rühren. Statt mich als Opfer der Umstände zu sehen habe ich beschlossen, die Signale meines Körpers als Anlass nehmen, in mich hinein zu spüren: Was brauche ich gerade? Was tut mir gut? Bin ich in meinem Rhythmus, lasse ich mich zu sehr unter Druck setzen oder setze ich mich selbst unter Druck? Wenn ich nach einer unruhigen Nacht müde bin, will ich dieser Müdigkeit nachgeben dürfen und mich nicht zu Höchstleistungen zwingen müssen. Vor allem will ich meiner Tochter vorleben, was es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen und sich selbst zu spüren. Zum Glück bin ich selbständig und kann mir meine Zeit gut einteilen – und dennoch fühle ich mich manchmal wie im Hamsterrad.

Irgendwann, als ich wieder einmal erschöpft vor meinem Computer saß und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, beschloss ich, wieder besser für mich zu sorgen und sanfter zu mir selbst zu sein. Nicht mehr alles gleichzeitig erledigen zu wollen (arbeiten, Mails checken, facebooken, telefonieren) sondern mir endlich eingestehen, dass ich nicht für Multitasking geschaffen bin. Zu diesem Zwecke habe ich mir einen Zettel über meinen Schreibtisch gehängt: Eins nach dem anderen – und siehe da, es hilft! Immer, wenn ich merke, dass ich mich zu sehr anspanne, atme ich tief durch und konzentriere mich auf den Moment. Immer öfter zieht es mich in den Wald, wo ich besonders gut Energien tanken kann.
Auch wenn ich nicht von einem Tag auf den anderen alles richtig mache, bin ich doch zufrieden mit mir. Ich habe beschlossen, dass ich nicht mehr funktionieren muss.

Musik im Herzen

Als Kind liebte ich es, Musik zu machen: Ich lernte einige Akkorde auf der Gitarre, spielte Blockflöte und schaute mir von meiner großen Schwester das Klavierspielen ab. Ich brachte mir Beatles-Lieder auf dem Klavier bei und sang dazu. Meine Eltern beschlossen jedoch, dass ich Geige lernen sollte, also begann ich als Sechsjährige mit dem Unterricht an einer Musikschule.
Ich erinnere mich gut daran, dass mir das Geige spielen nie besonders viel Spaß machte, aber aus irgendeinem Grund war es mir nicht möglich, das meinen Eltern zu vermitteln – oder vielleicht wollten sie es auch nicht hören. Also besuchte ich den Unterricht und erfand oft Ausreden, um nicht hingehen zu müssen. Etüden und Fingerübungen fand ich langweilig, und nach Jahren des Unterrichts wurde mir die  klassische Musik zu eintönig – etwas Anderes gab es jedoch nicht. Das Klavierspielen machte mir irgendwann auch keinen Spaß mehr.

Doch meine Eltern waren entschlossen, eine Berufsmusikerin aus mir zu machen – sie träumten davon, mich in einem Orchester spielen zu sehen. Ich besuchte das Musikgymnasium und fühlte mich fehl am Platz unter all den musikalischen Genies. Jetzt konnte ich erst recht nicht mit dem Geigenunterricht aufhören, da er Bedingung für den Besuch dieser Schule war. Also machte ich weiter, die Aufnahmeprüfung an die Musikhochschule schaffte ich jedoch nicht. Kaum hatte ich maturiert, teilte ich meinem Geigenlehrer mit, dass ich nicht mehr kommen würde – danach fühlte ich mich um Tonnen leichter. Zwar spielte ich danach hin und wieder mit Freunden, aber auch das wurde weniger und schließlich hörte ich ganz mit dem Geige spielen auf.

Als ich Mutter wurde, wollte ich auch meinen Kindern Musik nahebringen, da ich überzeugt von ihrer positiven Wirkung bin. Mein Sohn spielte für kurze Zeit Gitarre, war aber nie wirklich mit dem Herzen dabei. Meine Tochter begann mit dem Klavierunterricht, als sie ein Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt besuchte. Ihr Klavierlehrer schaffte es jedoch innerhalb kurzer Zeit, ihr die Freude daran zu nehmen. „Es geht darum, die Technik zu lernen, Spaß am Spielen ist unwichtig“, lautete seine Meinung. Wir versuchten es noch eine Weile, doch mir wurde bald klar, dass ich mit meiner Tochter nicht meine eigene Geschichte wiederholen wollte. Auch sie hatte keine Lust, regelmäßig zu üben, auch sie musste in erster Linie Klassik spielen. Druck auf sie zu machen, bewirkte eher das Gegenteil. Da auch an dieser Schule das Instrument ein Pflichtfach war, brauchte es eine andere Lösung – und diese winkte in Form der Rudolf Steiner-Schule, die meine Tochter nun seit zwei Jahren besucht. Auch hier wird großer Wert auf künstlerischen Ausdruck in Form von Musik, darstellender Kunst und Kunsthandwerk gelegt – doch der pädagogische Zugang ist ein völlig anderer. Es war die beste Entscheidung, die wir für dieses kreative Mädchen treffen konnten.

Seit meine Tochter keinen Zwang mehr verspürt, ein Instrument spielen zu müssen, tut sie es freiwillig und mit Leidenschaft. Sie setzt sich immer wieder ans Klavier, um sich ihre Lieblingssongs beizubringen und hat vor einiger Zeit auch die Gitarre entdeckt, um sich darauf selbst zu begleiten. Wenn ich sie so höre, wie sie aus vollem Herzen singt und spielt, berührt das etwas ganz tief in mir. Es ist ein Weg für sie, ihre Gefühle auszudrücken, und ihre Musik geht direkt ins Herz. Durch meine Tochter ist auch bei mir die Freude an der Musik wieder gestiegen. Ich singe nun wieder mehr, oft auch mit ihr gemeinsam, und überlege, wieder mit dem Klavier spielen zu beginnen. Manchmal liege ich in der Hängematte und singe meine Lieblingslieder, und dann spüre ich, wie sich etwas in mir öffnet. Die Geige habe ich verkauft.

Das Bild zeigt meine Tochter bei den Dreharbeiten für einen Kurzfilm, bei dem sie ihre Freude am Spielen ausleben konnte.

Der Sprung ins kalte Wasser

Einer meiner Lieblingsfilme ist „A Star is born“, der auf berührende und sensible Weise die Liebesgeschichte zwischen einer aufstrebenden Sängerin und einem abgehalfterten Rockstar mit Alkoholproblemen erzählt. Darin gibt es eine Szene, in der die noch unbekannte Sängerin Ally von Jack auf die Bühne geholt wird, um gemeinsam einen von ihr komponierten Song zu singen. Der Moment, in dem sie, nach anfänglichem Zögern und noch am Rand der Bühne stehend, beschließt, da hinaus zu gehen und vor einem Riesenpublikum zu singen, ist etwas, das ich nur allzu gut kenne.

Ich habe es immer schon gebraucht, dieses Gefühl, über meinen eigenen Schatten zu springen und meinen Ängsten ein Schnippchen zu schlagen. Wenn ich als Kind im Freibad vom 10 Meter-Turm sprang, gab es diesen entscheidenden Moment vor dem Sprung: Ich trat einen Schritt von der Kante des Sprungbretts zurück, um nicht in die Tiefe blicken zu müssen – in der Gewissheit, dass das Becken darunter für Schwimmer gesperrt war – schaltete mein Hirn aus, machte einen Schritt nach vorne und sprang. Ich liebte das Gefühl des freien Falls und den Moment, da ich ins Wasser eintauchte und in die Tiefe sank, außer Atem von der Aufregung vor dem Sprung. Ich erinnere mich, wie ich mit dem letzten Rest von Luft in meiner Lunge so schnell wie möglich an die Oberfläche schwamm und das köstliche Gefühl, wenn die Luft wieder in meine Lungen strömte.

Zwar springe ich heute nicht mehr vom 10 Meter-Brett, aber die Suche nach Herausforderungen und Abenteuern hat mich meine Leben lang begleitet. So kam es, dass ich – trotz Höhenangst – mit einem Gummiseil um den Knöchel von einer 100 Meter hohen Brücke sprang (und mir danach schwor, es nie wieder zu tun), trotz meiner angeborenen Schüchternheit eine TEDx-Rede vor 200 Menschen hielt oder mehrmals als Sängerin auf einer Bühne stand.

Immer war da dieses Kribbeln im Bauch und weiche Knie. Immer auch ein Teufelchen, das mir zuflüsterte: Tu‘s einfach! Und jedes Mal danach das Gefühl der Erleichterung und des Stolzes. Nach jeder gemeisterten Herausforderung fühlte ich mich ein wenig stärker, mit jedem Schritt aus meiner Komfortzone wuchs meine Selbstsicherheit. Denn ich habe gelernt: Was ich mir vornehme, kann ich auch schaffen.

In unsere Kraft kommen

Wir erleben es täglich: Frauen werden bewertet, herabgewürdigt, verurteilt, sehr oft wegen ihres Aussehens. Das Schlimme daran: Nicht nur Männer tun das, sondern auch andere Frauen. Dieses so typisch weibliche Gezänke und Hick-Hack sorgt dafür, dass wir einander klein machen und uns letztendlich selbst schwächen. Welcher Mann käme auf die Idee, abfällig über das Äußere eines Geschlechtsgenossen zu sprechen? Doch wir Frauen tun es, wieder und wieder. Es reicht nicht, dass manche Männer uns klein halten wollen, wir tun es gleich selbst. Wir stellen unser Licht unter den Scheffel, trauen uns zu wenig zu, halten uns mit unserer Meinung zurück, schlucken unsere Wut hinunter.
Wir beklagen uns darüber, dass Frauen weniger als Männer verdienen, tun aber zu wenig, um das zu ändern. Wenn es darum geht, ein besseres Gehalt auszuverhandeln oder die eigenen Stärken hervorzuheben, kneifen viele. Veranstalter von Talk Shows oder Podiumsdiskussionen beklagen immer wieder, dass angefragte Frauen eine Teilnahme ablehnen würden – mit der Begründung, nicht qualifiziert genug zu sein. Sei bescheiden, halte dich zurück – so sind Frauen meiner Generation erzogen worden. Ich selbst kenne dieses Verhaltensmuster nur zu gut, jahrelang habe ich mitgemacht, mich klein gemacht, habe mich mit wenig zufrieden gegeben, nur nicht aufmucken, immer lächeln.

Ich war eine jener Mütter, dich sich darüber beschweren, dass sie sich um Haushalt und Kinder kümmern müssen und dabei übersehen, dass die Väter von heute sehr gerne ihren Beitrag zur Kindererziehung leisten würden – wenn wir sie nur ließen. Denn wenn es um Kinder und Familie geht, fühlen wir Frauen uns stark. Wir haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie unsere Kinder behandelt werden sollen, bloß decken sich die nicht immer mit denen der Väter. Also nörgeln wir an ihnen herum, wissen alles besser, bis ihnen die Lust am Kinderbetreuen vergeht (mein Mann ließ sich zum Glück nicht beirren, dafür bin ich ihm bis heute dankbar). Loslassen wäre gefragt, mehr Vertrauen in die Väter, die vieles ein wenig lockerer sehen als die Mütter. Das tut dem Kind gut, Kinder brauchen Väter, und wenn die anders agieren als die Mütter, umso besser. Die Zeit, die wir mit Nörgeln verbringen, könnten wir auch wunderbar für uns selbst nutzen, denn natürlich beschweren wir uns auch darüber, dass wir nie Zeit für irgendetwas haben – am wenigsten für uns selbst. Dabei wäre es so wichtig, gut für uns selbst zu sorgen, der Alltag mit Kind und Mann ist anstrengend genug. Aber wir glauben, dass wir stark sein und alles aushalten müssen, um in der Männerwelt bestehen zu können, wo nur starke Frauen etwas wert sind. Die gute Nachricht: Wir können stark und weich zugleich sein! Wir haben verlernt, auf unsere innere Stärke zu vertrauen und lassen uns stattdessen einreden, dass wir alles schaffen und dabei auch noch perfekt aussehen müssen. Währenddessen überlassen wir den Männern weiterhin das Regieren, das Entscheiden und sehen zu, wie sie ihre Kriege führen und die Welt in den Abgrund treiben.

Dass gerade eine Generation von jungen Frauen heranwächst, die sich auf die Füße stellt und es mit den alten (weißen) Männern aufnimmt – wie die Klimaaktivistin Greta Thunberg oder die US-amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez – stimmt mich froh. Ich bin ziemlich sicher, dass diese Frauen nie ein abfälliges Wort über eine andere Frau fallen lassen würden – sie sind zu beschäftigt damit, ihren eigenen Weg zu gehen.
Vielleicht bin ich auch deshalb ein so großer Fan von Greta Thunberg: Ich wäre selbst gerne so gewesen in diesem Alter, so unbeirrbar und tapfer, hätte gerne einen Vater gehabt, der mich in meinem So-Sein unterstützt (wie gesagt, Väter sind wichtig..). Immerhin habe ich gelernt, für mich einzustehen, mich für die Dinge einzusetzen, die mir etwas bedeuten, meine Meinung zu sagen und dazu zu stehen. Das hat zwar ein bisschen länger gedauert hat, aber, hey, es ist nie zu spät, oder?

P.S. Dieser Text klingt wütend? Mag sein. Ein wenig Wut tut uns Frauen gut.

Der perfekte Moment

Ich sitze alleine beim Sonntagsfrühstück auf meinem Balkon und fühle mich pudelwohl. Der Kater liegt zu meinen Füßen, ich bewundere das üppige Grün der Balkonpflanzen und die pinkfarbenen Blüten des Oleanders, neben mir die orange-gelb-gestreifte Hängematte, in der ich so gerne schaukle. Und ich spüre es wieder einmal ganz stark: Wenn ich alleine bin, gelingt es mir am besten, runter zu kommen und in Kontakt mit meinem Innersten zu treten. Ich brauche diese Momente der Achtsamkeit, der uneingeschränkten Gegenwärtigkeit, um mich zu spüren und Energie zu tanken für die Herausforderungen des Alltags. Im Buddhismus bedeutet Achtsamkeit, mit sich selbst im Einklang zu sein, die eigenen Bedürfnisse zu spüren, den Moment bewusst wahrzunehmen. Und noch viel mehr: „Achtsamkeit ist die Fähigkeit eines Menschen, sich geistig zu sammeln und sich auf diese Weise auf seine zentralen Werte und seine innere Motivation zurückzubesinnen“, schreibt der Dalai Lama in seinem Buch „Rückkehr zur Menschlichkeit“.

In Momenten wie diesen spüre ich eine tief empfundene Dankbarkeit: Für meinen Mann, der sich hingebungsvoll um diese prächtigen Pflanzen kümmert und mit unserer Tochter gerade ein Camping-Wochenende verbringt. Für unser gemütliches Zuhause in dieser lebenswerten Stadt, für mein gutes Leben. Ja, es ist ein gutes Leben, auch wenn ich manchmal unzufrieden bin oder erschöpft von den Anforderungen des Alltags. Als Selbständige und Mutter einer halbwüchsigen Tochter sind die Herausforderungen oft enorm und Unterbrechungen vom Alltag lebensnotwendig.

Kurz überlege ich, das Handy einzuschalten, um die Welt teilhaben zu lassen an meinem Glück, mit ein paar schnell geschossenen Fotos. Doch ich spüre sofort, dass es den perfekten Moment zerstören würde und lasse es bleiben. Ein Gedanke lässt mich nicht los: Warum fällt es mir – und vielen anderen – so schwer, abzuschalten und im Hier und Jetzt zu sein? Um in Kontakt mit mir zu sein, ist es hin und wieder notwendig, in mich hinein zu spüren und bei mir zu bleiben, ohne mich ablenken zu lassen. Doch die Verlockungen sind groß: Ein Knopfdruck, ein paar Klicks, und wir sind mitten drin im Geschehen, verbunden mit dem Rest der Welt. Ich merke es oft, wie sehr es mich aufreibt, von einem Kanal zum nächsten zu springen, eine Nachricht hier, ein post da, ein like dort – es erfordert bisweilen ungeheure Anstrengung, sich dem zu entziehen und draußen zu bleiben. Was verpasse ich, wenn ich ein paar Stunden nicht auf facebook bin, meine Mails ungeöffnet lasse? Und auch jetzt der Gedanke: Vielleicht haben meine Liebsten Fotos geschickt? Ob wohl jemand auf meinen letzten facebook-post reagiert hat? Und wie wird heute eigentlich das Wetter? Ich bleibe standhaft, atme einmal tief durch und lege mich in die Hängematte. Alles andere kann warten.