Eine Frage des Blickwinkels

Zum Jahreswechsel habe ich mir ein paar Gedanken gemacht: Mir ist bewusst geworden, dass manche meiner Blog-Beiträge und Postings den Eindruck erwecken, mein Leben sei sorglos und rundum perfekt. Nach Rückmeldungen zu schließen, halten mich manche meiner Leserinnen für die fehlerlose Mutter, liebende Partnerin, Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit, kurz: für einen Wunderwuzzi. Aber: Ich bin alles andere perfekt! Ich bin ein impulsiver, ungeduldiger Mensch und wenn ich nervös oder unzufrieden mit mir bin (was öfters vorkommt als ihr denkt), kaue ich an meinen Nägeln. Mein Mann beschwert sich darüber, dass ich schnarche.

Dass Menschen, die mich nicht so gut kennen, ein einseitiges Bild von mir haben, mag daran liegen, dass ich dazu neige, mich auf die positiven Seiten des Lebens zu konzentrieren und auch in den schwersten Zeiten ein Licht am Horizont sehe. Das war nicht immer so, ich habe mir diese Sichtweise gewissermaßen antrainiert. Tatsächlich habe ich in meinem Leben eine Menge Fehler gemacht (ich könnte Bände damit füllen), doch irgendwann begonnen, mich damit auseinander zu setzen. Der Unterschied zu früher ist: Ich mache mir Fehler bewusst und versuche, daraus zu lernen (was natürlich nicht von einem Tag auf den anderen gelingt). Wenn ich Menschen, die mir nahe stehen, verletzt habe, spreche ich mit ihnen darüber – soferne sie das möchten. In den dunklen Kapiteln meines Lebens oder wenn ich nicht weiter wusste, habe ich mir Hilfe gesucht – das hat sich bis heute nicht geändert.

Die Gefahr bei Menschen wie mir, die mit Geschriebenem an die Öffentlichkeit gehen, ist, mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Aber natürlich steht es mir nicht zu, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Ich kann nur bei mir bleiben und im besten Fall andere inspirieren, ihren eigenen Weg zu gehen. Es ist mir allerdings ein Bedürfnis, meine Lebenserfahrung und mein Wissen weiter zu geben – und mich weiter zu entwickeln, Lösungen zu finden, das Beste aus meinem Leben zu machen. Das kann auch anstrengend sein, nämlich dann, wenn es in Selbstoptimierung ausartet. Selbst ich muss zugeben, dass das Leben nicht immer ein Ponyhof ist und Hindernisse hinter jeder Ecke lauern – vor allem wenn man, so wie ich, in der Lebensmitte steht. Es ändert sich gerade vieles. Beziehungen und Freundschaften werden auf die Probe gestellt, wenn ich, wie es in letzter Zeit öfters passiert, im Rückzugmodus bin. Das empfinden manche als egoistisch oder rücksichtslos, ist für mich aber lebenswichtig.

Es ist also alles eine Frage der Perspektive und jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wie er sein Leben gestaltet. In diesem Sinn wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein bereicherndes Jahr 2019!

Stürmische Zeiten

„Women don’t owe you shit“ lautet der whatsapp-Status meiner 14 jährigen Tochter. Und er sagt viel über dieses Mädchen aus, über ihre kämpferische Natur, ihr erwachendes weibliches Selbstverständnis. Wenn ich meine Gefühle für dieses schöne, kluge, lustige und temperamentvolle Mädchen beschreiben soll, fehlen mir zuweilen die Worte. Natürlich ist es Liebe, bedingungslos. Aber da ist noch viel mehr: Bewunderung, Dankbarkeit. Immer wieder Erstaunen über diese heranwachsende junge Frau, die in vielen Dingen so anders ist als ich. Und, in den turbulenten Zeiten der Pubertät, zunehmend auch die Frage: Kann ich meiner Tochter jemals gerecht werden? In einem Moment überschäumend vor Lebensfreude, im nächsten unnahbar und übellaunig. Fordernd und bissig, lustig und exaltiert, Schauspielerin mit Leib und Seele (das Foto zeigt sie als Mrs. Higgins in einer Schulaufführung von „My Fair Lady“). Schwankend zwischen dem Wunsch, möglichst schnell erwachsen zu werden, und dem Drang, sich in ihrem Zimmer zu verkriechen. Es ist ein ständiger Balanceakt: Für sie da zu sein, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, zugleich die Distanziertheit auszuhalten und zu respektieren.

Wenn ich dann hin und wieder ratlos bin, mich gekränkt und abgelehnt fühle, lese ich bei dem wunderbaren Jesper Juul nach: „Der Mythos, dass die Pubertät zwangsläufig eine Vielzahl von familiären Konflikten mit sich bringt, hat mit der Realität nichts zu tun“, schreibt der dänische Familientherapeut in seinem Buch „Dein kompetentes Kind“. „Wenn Konflikte entstehen, liegt das zumeist an der mangelnden Fähigkeit oder dem mangelnden Willen der Eltern, der individuellen Persönlichkeit ihres Kindes offen zu begegnen.“ Ich fühle mich ertappt: Allzu oft hadere ich mit der Tendenz meiner Tochter, sich zurück zu ziehen, frage sie, weshalb sie nichts mit ihren Freundinnen unternimmt, oder dränge sie dazu, mehr Sport zu machen.

„Das Problem der insistierenden, besserwisserischen Erziehung besteht darin, dass sie zwei Botschaften aussendet, auf die nur die wenigsten Jugendlichen ruhig und gelassen reagieren können“, schreibt Juul weiter.  „Erstens: ,Ich weiß, was gut für dich ist‘ und zweitens: ,Ich bin nicht zufrieden mit dir, wie du bist!‘. Eltern können zu diesem Zeitpunkt nichts Besseres tun, als sich zurück zu lehnen und das Resultat ihrer Anstrengungen der letzten Jahre zu genießen.“

Ich lasse diese Worte wirken und spüre, dass wir ganz viel richtig gemacht haben bei unserer Tochter. Ich habe auch in den stürmischsten Zeiten einen guten Draht zu ihr, sie weiß, dass sie mit ihren Eltern über alles reden kann und dass sie ernst genommen wird. Also nehme ich mir vor, mich in Gelassenheit zu üben und wieder mehr für mich zu tun. Denn meine Tochter ist nicht die Einzige in der Familie, die an Stimmungsschwankungen laboriert; und ich vermute, dass es Eltern, die im Reinen mit sich selbst sind, leichter fällt, ihre Kinder so zu nehmen wie sie sind. Also komme ich zu dem Schluss: Die Pubertät ist ein Lernprozess auf beiden Seiten und auch für uns Eltern die Chance, einen Schritt weiter zu gehen. Und ich spüre es wieder einmal ganz stark: Liebe bedeutet auch, loslassen zu können.

Die Dämonen der Kindheit

Wir schreiben das Jahr 1939, der zweite Weltkrieg hat gerade begonnen. In einem Wiener Krankenhaus bringt eine junge Frau ihr erstes Kind zur Welt, einen Sohn.

Es ist eine schwere Geburt mit Komplikationen und die Mutter stirbt wenige Tage danach. Der Vater, außer sich vor Schmerz über den Tod seiner Frau, lässt den Sohn im Krankenhaus zurück. Das Kind wird in einem staatlichen Kinderheim untergebracht, bis es nach einem Gerichtsbeschluss von seiner Großmutter aufgenommen wird. „Ich bin schuld am Tod meiner Mutter“ – dieser Satz brennt sich dem Jungen unauslöschlich ein, und seine Umgebung tut alles, ihn diese Schuld nicht vergessen zu lassen. Der Junge ist mein Vater.

Auch wenn ihn die Großmutter täglich wissen lässt, dass sie ihm den Tod ihrer Tochter nie verzeihen wird, entwickelt das Kind sich zu einem aufgeweckten Jungen, der es versteht, sich von seiner Oma die Aufmerksamkeit zu holen, die er braucht. So ist es auch an einem Tag gegen Ende des Krieges, als die Sirenen einen nahenden Luftangriff auf Wien ankündigen. Der kleine Junge ist gerade mit seiner Oma zu Besuch bei einer Freundin im Nebenhaus, als die Sirenen aufheulen. Er drängt die Oma, zurück in den Keller ihres Wohnhauses zu flüchten, doch dafür bleibt keine Zeit. Alle drei eilen in den Keller der Freundin hinunter, wo sie sich mit den anderen Hausbewohnern zusammen kauern und abwarten. Und dann zerrreißt eine ohrenbetäubende Explosion die Luft. Das Haus bebt und die Menschen im Keller befürchten das Schlimmste. Doch nichts passiert. Als nach der Entwarnung Ruhe einkehrt und sie sich hinaus wagen, sehen der kleine Junge und seine Oma das Nebenhaus – ihr Haus – in Schutt und Asche liegen. Alles ist verloren, der beste Freund tot. Und wieder senkt sich die Last der Schuld auf die Schultern des Jungen. Der Freund ist tot, er selbst aber darf leben? Die Großmutter, die nun kein Zuhause mehr hat, findet gemeinsam mit dem Jungen Zuflucht bei ihrer zweiten Tochter, der Tante des Kindes. Die nimmt ihren Neffen wie ihr eigenes Kind auf und bietet ihm fortan ein Zuhause.

Die Bürde der Schuld wird den jungen Mann ein Leben lang begleiten. In seinen dunkelsten Stunden wird er sich mit Alkohol betäuben, um zu vergessen. Er heiratet, wird Vater, doch die Dämonen holen ihn immer wieder ein. Er bleibt Zeit seines Lebens ein Einzelgänger, unfähig, sich selbst oder jemand anderen zu lieben. Die Mutter seiner Kinder verlässt ihn und er findet eine andere Frau, die bereit ist, sich für ihn aufzuopfern, die ihm helfen möchte. Doch es gelingt nicht, er kann auch diese Beziehung nicht aufrecht erhalten. Seinen nun erwachsenen Kindern entfremdet, überlässt er sich immer mehr dem Alkohol. Einzig seine jüngste Tochter sucht die Nähe des Vaters und fordert ihn dazu auf, sich mit ihr auseinander zu setzen. Eine Vater-Tochter-Beziehung entwickelt sich, die auf wackeligen Beinen steht, jedoch das Leben zweier verwandter Seelen bereichtert. In vielen Gesprächen erfährt die Tochter von der Kindheitsgeschichte ihres Vaters und beginnt, ihn besser zu verstehen. Diese Tochter bin ich.

Warum ich euch das erzähle? Weil ich glaube, dass die meisten von uns eine Last mit sich herumtragen, unverarbeitete Erlebnisse aus der Kindheit, die uns ein Leben lang begleiten. Die Geschichte meines Vaters ist eine Erinnerung für mich, immer wachsam zu bleiben und nicht leichtfertig über Menschen zu urteilen. Auch ich kenne das Empfinden von Schuld und weiß von dem Trost, den Alkohol spenden kann. Ich ließ Männer in mein Leben, die meinem Vater nur allzu ähnlich waren – mit allen negativen Begleiterscheinungen. Die Geschichte meines Vaters hat mich auch dazu inspiriert, meinen eigenen Dämonen auf den Grund zu gehen – und ich begriff, dass man sich manchmal Hilfe suchen muss, um Heilung zu finden.

Wenige Monate nach dem letzten Besuch bei meinem Vater bekam ich einen Anruf, der mir die Nachricht von seinem Tod überbrachte. Kurz davor hatte er mir auf meinen Anrufbeantworter gesprochen – ich rief ihn nicht gleich zurück. Er wurde nur 60 Jahre alt.

50 – na und?

Es war vor ungefähr einem Jahr, als mir ein flüchtiger Bekannter auf den Kopf zusagte, dass ich unzufrieden wirke. „Wenn du nicht aufpasst, gehörst du bald zu diesen verbissenen älteren Frauen mit hängenden Mundwinkeln.“ Zack, das saß. Mein erster Impuls war, hysterisch zu lachen. Der zweite, aufzuspringen und zu gehen. Doch ich blieb sitzen, stumm, und dachte: Er hat recht.

Das vergangene Jahr wird in meine persönlichen Annalen als jenes eingehen, in dem ich in die Krise schlitterte. Midlife-Crisis, Wechseljahre, was auch immer. Ich steuerte auf meinen 50. Geburtstag zu und stellte alles in Frage: Meine Arbeit, meine Beziehung, meine Qualitäten als Ehefrau und Mutter – alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte. Dazu kamen gesundheitliche Probleme und finanzielle Sorgen. Mehr als einmal hätte ich am liebsten alles liegen und stehen gelassen, um einfach abzuhauen. 50 mag nur eine Zahl sein, aber diese Zahl ließ und lässt mich nicht kalt, auch ein halbes Jahr nach meinem Geburtstag fällt es mir schwer, sie auszusprechen. Dass ich ständig für jünger gehalten werde, macht die Sache auch nicht einfacher – es verwirrt mich eher noch mehr. Unbekannten, denen ich erzähle, dass ich einen 20 jährigen Sohn habe, steht die Verwirrung oft ins Gesicht geschrieben. Ich entwickle jüngeren Frauen gegenüber zunehmend mütterliche Gefühle, möchte sie unter meine Fittiche nehmen – und fühle mich unter jungen Menschen zuweilen fehl am Platz.

Ich beschloss also, meinen 50. Geburtstag mit Freunden und Familie zu feiern und es ordentlich krachen zu lassen. Ich erfüllte mir einen jahrelangen Traum und sang einen meiner Lieblingssongs vor allen Anwesenden. Zwar zitterten mir die Knie, aber ich fühlte mich lebendig wie lange nicht. Ich sang, tanzte und lachte mit meinen Freunden und meiner Familie – und einige Tage später brach ich zu einer dreiwöchigen Reise in die USA auf. Auch das war ein lange gehegter Wunsch von mir, ein Geschenk, das ich mir zu meinem runden Geburtstag selbst machte, mit der Unterstützung vieler lieber Menschen. Diese Reise war buchstäblich meine Rettung: Als ich zurück kam, hatte ich meine Balance wieder gefunden. Seither geht es aufwärts. Ich spüre es zwar immer noch, das hormonelle Auf und Ab, und es könnte durchaus sein, dass es noch eine Weile so weitergeht. Aber da ist auch eine neue Gelassenheit, die ich immer öfters empfinde. Eine satte Zufriedenheit mit dem, was gerade ist – dann fühle ich mich so sehr im Hier und Jetzt verankert, wie ich es früher nicht kannte.

Was die hängenden Mundwinkel betrifft: Ich habe beschlossen, wieder mehr zu lachen. Viel zu oft habe ich in der Vergangenheit nur verkrampft gegrinst oder verschämt gelächelt, um meine Zähne nicht zu zeigen – die sind nämlich schief. Ich übe mich also darin, Menschen anzulachen – und bis jetzt hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt oder sich über mich lustig gemacht. Auch meinen Mann lache ich jetzt wieder öfters an, statt Machtkämpfe mit ihm auszutragen, und das tut uns beiden gut. Ich bin eine Frau mittleren Alters, die hin und wieder mit ihren Hormonteufelchen kämpft und habe schiefe Zähne. Ich bin 50 und nicht perfekt – na und?

Mädchenpower

Selbstbewusste Frauen haben es heute schwerer denn je. Unsere Töchter können wir stärken, indem wir ihnen auf Augenhöhe begegnen und ihre Grenzen respektieren.

Die Zeiten sind für uns Frauen (noch) härter geworden. Je selbstsicherer wir werden und je mehr wir uns gegen männliche Übergriffe wehren, desto stärker wird der Gegenwind. Frauen, die sich zur Wehr setzen, werden mundtot gemacht, wie die Fälle Christine Blasey Ford oder Sigi Maurer zeigen.

Selbstbewusste Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, sind zwar mehr geworden – doch sie sind immer noch in der Minderheit. Ich sehe eine unserer größten Aufgaben als Eltern daher darin, unseren Töchtern Stärke und Selbstsicherheit zu vermitteln. Das bedeutet, sie wert zu schätzen und sie in ihrer Persönlichkeit zu bestärken. Ich möchte meine Tochter ermutigen, im richtigen Moment Nein zu sagen und ihre Grenzen respektieren. Sie dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst zu spüren. Und das gilt nicht nur für Töchter, sondern auch für unsere Söhne – denn ein gesundes Selbstwertgefühl ist der beste Weg zu einem respektvollen Umgang mit sich selbst und Anderen. Dazu braucht es allerdings auch Väter, die für ihre Kinder präsent sind und diese Eigenschaften vorleben. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, der unseren Kindern in vielerlei Hinsicht Vorbild ist.

Dass Frauen alleine wegen ihres Frau-Seins herab gewürdigt und belästigt werden, musste ich in jungen Jahren schmerzlich erfahren. Mein Selbstwertgefühl erarbeitete ich mir schrittweise, meine Familie war dabei keine Hilfe. Ich wuchs in dem Glauben auf, Bescheidenheit und Zurückhaltung seien erstrebenswerte Tugenden, lernte, dass andere Meinungen mehr zählten als meine eigene – besonders die von Männern. Doch in dem Maße, in dem mein Selbstwertgefühl wuchs, taten sich ungeahnte Möglichkeiten auf, gleichzeitig nahmen Grenzüberschreitungen von männlicher Seite ab. Indem ich lernte, mich selbst zu lieben, wuchs auch der Respekt der Männer (und Frauen) in meiner Umgebung.

Ich möchte es meiner Tochter leichter machen, möchte ihr den Kampf ersparen, den ich jahrelang geführt habe – gegen mich selbst und gegen Männer, die mich nicht wertschätzten. Daher ist es mir ein Herzensanliegen, meine Lebenserfahrung an sie weiter zu geben, sie in ihrem So-Sein zu bestärken – gerade auch, weil ihr Naturell sich von meinem grundlegend unterscheidet. Und wenn ich sie heute mit ihren vierzehn Jahren sehe, ihre unbändige Lebenslust, ihre kämpferische Natur und den Willen, alles zu erreichen, was sie sich vorgenommen hat, spüre ich, dass wir zwei auf einem guten Weg sind.

Beziehungsleben

Mein Mann und ich haben etwas zu feiern: Wir sind seit 15 Jahren ein Paar. In all den Jahren haben wir uns geliebt und gestritten, Machtkämpfe ausgefochten und Krisen überstanden. Und wissen heute mehr denn je: Wir gehören zusammen.

Wir sind in manchen Belangen wie Tag und Nacht, in anderen ergänzen wir uns wunderbar: Mein Mann liebt das kreative Chaos und lässt die Dinge gerne auf sich zukommen, ich plane lieber und bin gut organisiert. Er ist ein überschwänglicher Mensch, der am liebsten die ganze Welt umarmen würde, ich werde von Freunden gerne als „freundlich-distanziert“ bezeichnet. Er liebt das Bad in der Menge, ich genieße das Alleinsein. Und wir sind zwei Dickköpfe, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Es gab Zeiten, in denen wir mehr gegeneinander waren als miteinander, und Momente, in denen ich am liebsten gegangen wäre. Doch eines vereint uns: In unserem tiefsten Inneren haben wir stets gespürt, dass wir gut füreinander sind, und diese Verbundenheit motiviert uns immer wieder aufs Neue, aufeinander zu zu gehen. Wir teilen dieselben Werte: Gleichheit, Gerechtigkeit, Weltoffenheit. Das größte Geschenk ist jedoch unsere Tochter. Dieses wunderbare Mädchen ist Grund genug für mich, das Beste aus meiner Beziehung zu machen. Ich möchte ihr vorleben, dass es möglich ist, eine selbstbestimmte Frau zu sein und zugleich eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu führen.

(c) privat

Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir uns auf unseren Partner wahrhaftig einlassen, heil werden können. Unsere Partner sind immer Spiegel unserer selbst. Das kann weh tun, weil wir alle Kindheitsverletzungen in uns tragen und unser Partner mit großer Wahrscheinlichkeit an diesen Wunden rühren wird. Was uns zu Beginn am Liebsten anzieht und berührt, wird uns später lästig, sobald die erste Verliebtheit vorbei ist. Doch darin liegt unsere große Chance: wenn wir uns einander anvertrauen, unseren alten Verletzungen nachspüren, können wir gemeinsam diese Wunde heilen. Dazu ist es allerdings notwendig, den Partner als Verbündeten zu sehen und nicht als Feind. In unseren größten Krisenzeiten haben mein Mann und ich uns daher Hilfe von außen geholt. „Wenn wir als Paar Krisen durchstehen, an der Beziehung arbeiten und uns nicht gleich trennen, entwickeln wir uns weiter, werden reifer“, sagt Sabine Bösel, Imago-Therapeutin.

Ich selbst habe durch frühe Verletzungen und aufgrund negativer Erfahrungen mit Männern lange keinen Partner an mich heran gelassen. Meine Mutter und mein Vater trennten sich, als ich vier war, mein Stiefvater verließ uns zu Beginn meines Erwachsenenlebens. Mich einem Mann mit Haut und Haaren anzuvertrauen, machte mir lange Zeit Angst – was dazu führte, dass ich mir Männer suchte, die mich wahlweise auf Abstand hielten oder mich nicht respektierten (oder beides). Mein Mann trat in mein Leben, als es mir am dreckigsten ging: Ich hatte eine schmerzhafte Trennung hinter mir und einen kleinen Sohn, der unendlich unter dieser Trennung litt. Richard hörte sich geduldig meine Probleme und Selbstvorwürfe an und gab mir das Gefühl, immer für mich da zu sein. Durch ihn lernte ich, mich selbst wert zu schätzen. Dennoch hatte ich Angst, mich erneut auf eine Beziehung einzulassen und hielt ihn vorerst auf Abstand – und neige bis heute dazu, mich zurück zu ziehen, wenn die Nähe zu groß wird. Mein Mann wiederum ist ein Mensch, der Nähe sucht – wie kann das funktionieren?

Die unumstößliche Wahrheit ist: Es gehören zwei dazu. Zwei, die bereit sind, sich wieder und wieder aufeinander einzulassen, sich der täglichen Beziehungsarbeit zu stellen und nach jeder Krise einen Schritt weiter zu gehen. Das erfordert viel Mut und die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Partner. Die Belohnung dafür ist ein bereichernder Austausch, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das jede Krise überwinden kann.

Der Weg ist das Ziel

Reisen bedeutet für mich vor allem: mich auf die Menschen einzulassen, einzutauchen in das Land und mich treiben zu lassen. Je länger ich unterwegs bin, desto besser gelingt mir das.

(c) Susanne Wolf

Spätestens seit New Orleans, dieser entspannten Stadt, spüre ich, wie sich alles von selbst ergibt: ich suche dringend eine Unterkunft für eine zusätzliche Nacht und bekomme ein kostenloses Zimmer in meinem Guesthouse angeboten (zwar ohne Badezimmer, aber hey, ich war immer schon eine Improvisationskünstlerin!). Ich ändere spontan meine Pläne für die Weiterreise und suche eine Unterkunft über Couchsurfing für Albuquerque, New Mexico – und lande gleich bei der ersten Anfrage einen Volltreffer. Rosalie, meine Gastgeberin, ist eine kluge und weltoffene Frau, mit der ich Gespräche über das Reisen und über Politik führe. Bei einem gemeinsamen Abendessen lerne ich ihre Freundin Jane, eine pensionierte Gynäkologin, kennen, die mich mit ihrem trockenen Humor zum Lachen bringt. Als sie über ihr Haus am anderen Ende der Stadt, nahe des Rio Grande, erzählt, denke ich: Da will ich hin. Am nächsten Tag fragt Rosalie mich, ob ich mit ihr und Jane einen kleinen Ausflug machen möchte – in Jane’s Wohngegend. Und ob ich will! Bei unserem Spaziergang überholt uns eine Gruppe junger, durchtrainierter Männer und ich zücke spontan meine Kamera. „Don’t we have nice scenery?“ fragt Jane lachend. Später schlendere ich durch die Altstadt von Albuquerque, gemeinsam mit etlichen anderen Touristen. Auf dem Gehweg kommt mir ein Mann entgegen, beim Versuch, einander auszuweichen, stoßen wir beinahe zusammen. Er breitet seine Arme aus, fragt „Do you wanna dance?“ und geht lachend an mir vorbei. Die Freundlichkeit der Amerikaner ist einer der Gründe, weshalb es mich immer wieder in dieses Land zieht.

(c) Susanne Wolf

Die Weite des Landes und der tiefblaue Himmel haben eine beinahe meditative Wirkung auf mich, ich genieße jeden Augenblick. Je länger ich unterwegs bin, desto mehr gelingt es mir, im Hier und Jetzt zu sein. Ich denke nicht mehr darüber nach was ich tun oder mir ansehen sollte – sondern lasse auf mich zukommen, was sich ergibt. Weit weg erscheinen mir nun die Probleme, die mich vor meiner Abreise beschäftigten. Ich hatte so vieles in Frage gestellt: Meine selbständige Arbeit als Journalistin, die unzähligen Herausforderungen des Alltags. Das Leben erschien mir als einzige Anstrengung, ein Dahintänzeln am Rande der Erschöpfung. Und nun, unterwegs durch dieses Land der unendlichen Vielfalt, tun sich plötzlich neue Perspektiven auf. Nun wird mir wieder klar: Es liegt an mir, das Beste aus meinem Leben und meiner Arbeit zu machen.

Noch heute geht es weiter nach Santa Fe, der Besuch dort war der ursprüngliche Grund für meine Reise. Seit Jahren wünsche ich mir, diesen Ort kennen zu lernen, den viele Künstler als magisch und inspirierend bezeichnen. Julia Cameron hat ihr Buch „Der Weg des Künstlers“, hier geschrieben – ein Buch, das mich seit langer Zeit begleitet. Auch in Santa Fe habe ich über Couchsurfing eine Unterkunft gefunden – und auch das ist für mich ein Teil des Abenteuers Reisen: Mich auf jemanden einzulassen, den ich nie zuvor gesehen habe. Es funktioniert: Ich bin beim Couchsurfen noch nie enttäuscht worden.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Ich sitze im Zug Richtung New Orleans, seit Stunden begleitet von sattem Grün auf roter Erde, durchzogen von sumpfigem Boden. Die Sonne bricht immer wieder durch die dichten Bäume, und endlich kann ich es fühlen: Ich bin angekommen auf dieser Reise.

(c) Susanne Wolf

Hinter mir liegt ein kurzer Aufenthalt in Brooklyn, New York und eine 23 stündige Bahnfahrt in den Süden, gefolgt von einem Treffen mit meiner ehemaligen Gastfamilie in Alabama. Tagelang fragte ich mich, wo die Entspannung bleibt, war zu sehr damit beschäftigt, dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen und meine weitere Route zu planen. Und ich traf so viele unterschiedliche Menschen: Hillary, die New Yorker Poetin und Lehrerin; Russ, unermüdlicher Kritiker seines Landes; Bill, mein Sitznachbar im Zug, der mir ein von Zahnlücken durchsetztes Lächeln schenkt und mir von seinen Enkeln erzählt; Nancy und ihr Mann Jay, die sich in Alabama ein stattliches Heim geschaffen haben und es selbstverständlich finden, Waffen zu besitzen – „gut verschlossen“, wie sie betonen.

Das Bahnfahren entschleunigt mich wie immer, und dennoch vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Die Sitze sind komfortabel mit viel Beinfreiheit und es macht Spaß, das Zugpersonal bei ihrer Arbeit zu beobachten. Einem Zugbegbleiter beantworte ich die Frage, woher ich komme, mit einem routinierten „Austria, Europe“, in dem Wissen, dass viele Amerikaner Austria mit Australia verwechseln. In schönem Deutsch erzählt er mir daraufhin, dass er vor langer Zeit in Berlin gelebt habe.

(c) Susanne Wolf

Und endlich New Orleans, eine Stadt, die so ganz anders ist als die amerikanischen Städte, die ich kenne. Zak, der Chef meines Guesthouse erklärt mir, weshalb es erst ab 9 Uhr Frühstück gibt: „We take it easy.“ Es mag an den Temperaturen liegen, dass hier alles ein bisschen langsamer abläuft – es ist bereits jetzt im April sommerlich schwül und ich frage mich, wie heiß es wohl im Hochsommer wird. Wegen meiner chaotischen Planung bin ich auf der Suche nach einer Unterkunft für eine Nacht, bevor es weiter Richtung New Mexico geht. Das Wochenende naht und die ganze Stadt scheint ausgebucht zu sein. Also bietet Zak mir ein winziges Zimmer in seinem Guesthouse an und ich lerne die kreolische Hilfsbereitschaft kennen: „This is a little lagniappe from our side“ – eine kleine Aufmerksamkeit, ich muss nichts für diese eine Nacht bezahlen.

Ich verliebe mich sofort in die Stadt: Die Farbenpracht, die Gelassenheit der Menschen, das Lüftchen, das vom Mississippi River herüberweht. An jeder Ecke ist Musik zu hören – von Jazz-Bands in Lokalen bis zu jungen Leuten, die in der Wiese auf ihren Geigen und Banjos üben. Menschen sitzen auf ihren Veranden und rufen mir ein freundliches „Hello“ zu oder haben die Türen zu ihren Häuschen geöffnet. Ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht leicht fallen wird, weiter zu ziehen – doch die Weiterreise nach Albuquerque, New Mexico, ist bereits gebucht.

Aufbruchstimmung

Soll ich oder soll ich nicht? Oder vielmehr: Darf ich das? Seit Jahren träume ich davon, mich alleine auf den Weg zu machen, meinen Alltag für einige Wochen hinter mir zu lassen. Die letzten Jahre waren eine einzige Herausforderung: Mein Leben als Selbständige, die Tochter in der Pubertät, der Sohn auf dem Sprung ins Erwachsensein – und ein Mann, der sich vor einigen Jahren ebenfalls selbständig gemacht hat. Das bedeutete einen ständigen Balanceakt am Rande der Erschöpfung, ein hormonelles Auf und Ab – begleitet von der Frage: Geht da noch was?

Der Wunsch, den Alltagspflichten zumindest für einige Zeit zu entkommen, wurde mitunter beinahe übermächtig. Doch immer wieder tauchte die Frage auf: Darf ich das, meinen Mann alleine lassen mit einer Tochter, deren Stimmungen im Stundentakt schwanken? Darf ich mich auf den Weg machen, wenn das Geld ständig knapp ist? Ich beschloss, all diese Fragen mit einem deutlichen JA zu beantworten: Mein 50. Geburtstag sollte der Anlass für eine längere Reise werden. Ich darf, weil ich mir selbst die Erlaubnis dazu gebe. Denn ich spüre es ganz deutlich, wie sehr ich diese Auszeit brauche, wie sehr ich mich danach sehne, alleine unterwegs zu sein. Wenn ich alleine reise, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und mich für neue Ideen zu öffnen. Ich beschloss, über meine Erfahrungen auf dieser Reise zu schreiben.

Reisen haben mich seit meiner Kindheit begleitet. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein, in andere Kulturen einzutauchen und fremde Menschen kennen zu lernen, gehört zu mir wie eine Extraportion Abenteuerlust. Ich erinnere mich lebhaft an die erste große Reise mit meinen Eltern: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen, neben mir am Rücksitz quetschten sich Onkel und Tante in den kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns anzutreten. Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und weiter bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – da waren Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Das Meer! Die Klippen! Ich saugte alles in mir auf und konnte nicht genug kriegen von diesem neuen Gefühl.

Die Reiselust ist zu meiner treuen Begleiterin geworden: Nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fort zu kommen. Berufliche Reisen haben mich nach Indien und Westafrika geführt, nach Marokko und Honduras. Und darüber zu schreiben, macht das Reisen erst perfekt. Diesmal zieht es mich in die USA: Meine Reise wird mich von New York, dieser Stadt meiner Träume, in den Süden der Vereinigten Staaten führen. In Alabama wartet meine Gastfamilie auf mich, die mir vor über 30 Jahren für ein Schuljahr ein Zuhause bot. Von dort geht es weiter über New Orleans bis nach Santa Fe, New Mexico – mit dem Zug. Denn beim Bahnfahren gelingt es mir am besten, abzuschalten und den Kopf frei zu kriegen.

Ich werde diese Reise auch unternehmen, um die USA, dieses Land der Widersprüche, neu zu entdecken. Nicht jeder hat Verständnis dafür, dass es mich gerade jetzt dorthin zieht, angesichts eines umstrittenen Präsidenten. Ich antworte darauf stets: „Was würde es ändern, wenn ich zuhause bliebe?“ Lieber möchte ich mir ein Bild von der Stimmung im Land machen und mit den Menschen sprechen. Das allerwichtigste wird jedoch sein, dass ich diese Reise für mich unternehme. Um bei mir selbst anzukommen.

Die Kraft der Frauen

„Männer sind Schweine“ lautet der Titel eines Songs der „Ärzte“ aus dem Jahr 1998, „Ein Mann fühlt sich erst dann als Mann, wenn er es dir besorgen kann“ eine Textzeile daraus. Ich erinnere mich gut daran, wie ich damals beim Refrain mitjohlte und mir dachte, ja so ist es.

Ich war eine jener zornigen, jungen Frauen, die sich vom anderen Geschlecht missverstanden und schlecht behandelt fühlten. Zu oft hatte ich es erlebt, dass Männer mich auf der Straße anmachten oder sich im vollbesetzten Bus an mich pressten. Mehr als einmal schrie ich wildfremde Männer, die einen plumpen Annäherungsversuch gemacht hatten, genervt an. In Gesprächen mit meinen Freundinnen, in denen es oft um unsere schlechten Erfahrungen mit Männern ging, fühlte ich mich in meiner Meinung bestätigt. Irgendwann begann es mir jedoch zu dämmern: Solange ich mit dieser „Alle Männer sind Schweine“- Attitüde auf einen Mann zugehe, werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit von ihm enttäuscht werden. Und so geschah es auch, nur allzu oft traf ich Männer, die mich nicht respektierten und mich bald fallen ließen. Im Laufe der Jahre lernte ich, mich selbst wert zu schätzen – und siehe da, ich lernte Männer kennen, die mich respektvoll behandelten.

Dennoch kann ich es nachvollziehen, wenn Frauen gereizt auf männliche Verhaltensweisen wie das sogenannte manspreading reagieren (Männer, die in öffentlichen Verkehrsmitteln mit weit gespreizten Beinen dasitzen). Auch bei meiner Tochter wächst gerade das Bewusstsein für solch typisch männliches Verhalten. Neulich im Hallenbad erzählte sie mir, dass sie einen Mann beobachtet hätte, der mit seinen Blicken einer Frau durch die gesamte Schwimmhalle gefolgt war. Sie findet so etwas „creepy“. In solchen Fällen beschwichtige ich sie: Solange es nur Blicke seien, gäbe es keinen Grund zur Aufregung. Ich tue mein Bestes, um ihr Selbstbewusstsein  zu stärken und ermutige sie, Grenzen zu setzen. Aber natürlich weiß ich, wie sie sich fühlt, ich habe mir im Laufe der Jahre antrainiert, anzügliche Blicke zu ignorieren und mich gegen plumpe Anmache zu wehren. Das hat irgendwann zum Erfolg geführt, mich aber auch hart gemacht. Diese Härte scheint der Preis für selbstbewusste und erfolgreiche Frauen zu sein. Denn auch beruflicher Erfolg, der oft bedeutet, sich im Mitbewerb durch zu setzen, und nebenbei womöglich noch Kinder und Haushalt zu managen, erfordert viel Kraft und Zähigkeit. Diese Härte wiederum steht uns Frauen dabei im Weg, uns mit unserer urweiblichen Seite zu verbinden. Mit zunehmendem Alter spüre ich, dass ich den Weg zurück zu diesem weichen, nachgiebigen Teil in mir suche.

Wenn es darum geht, der männlichen „Platz da, jetzt komm ich“-Haltung etwas entgegen zu setzen, sind wir Frauen gefordert, zu eben dieser weiblichen Urkraft zurück zu finden. Das bedeutet nicht, dass wir uns unterordnen oder uns kleiner machen als wir sind (was leider viel zu oft passiert). Es bedeutet auch nicht,  uns männliche Verhaltensweisen anzutrainieren oder gar Machtkämpfe auszutragen. Wer will schon sein wie jene machthungrigen Männer, die es nicht ertragen, wenn ihnen die Kontrolle entgleitet? Die um sich schlagen – oft auch verbal – wenn ihnen der Boden, auf dem sie all ihr Machtgebaren einzementiert haben, unter den Füßen weggezogen wird? Als Folge der metoo-Debatte ist neuerdings zu hören, dass Männer Bedenken hätten, alleine mit einer Frau in den Lift zu steigen oder – erst kürzlich gelesen – einer Frau in einer Notsituation zu helfen. Aus Angst, im Nachhinein fälschlicherweise eines Übergriffes bezichtigt zu werden. Oder von Männern, die nicht mehr wissen, ob und wie sie mit einer Frau flirten dürfen. Dabei wäre es so einfach: ein klein wenig Hinspüren reicht aus, um zu wissen, ob eine Frau interessiert ist. Ja, es mag Frauen geben, die aus Geltungs- oder Rachsucht Männer einer Tat beschuldigen, die nie passiert ist. Meine Erfahrungwerte sagen mir jedoch, dass das eine Minderheit ist und die allermeisten Übergriffe Frauen gegenüber tatsächlich passiert sind – und passieren. Der Umkehrschluss würde lauten: Ich steige in keinen Lift mehr, in dem sich ein Mann befindet – weil ich schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht habe. Ich weigere mich jedoch, alte Ängste mit mir herumzutragen und habe mich dazu entschlossen, den Menschen grundsätzlich zu vertrauen – und es funktioniert!

Ich habe lange genug Machtkämpfe ausgetragen, auch in meinen Beziehungen, um zu wissen, dass es letztendlich darum geht, Frieden mit mir selbst zu schließen. Der Panzer, den ich mir im Lauf der Jahre zugelegt habe, beginnt zu bröckeln. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, von dem ich lernte, in mich hinein zu spüren und der unserer Tochter in vielerlei Hinsicht Vorbild ist. Mein Sohn hat sich zu einem feinfühligen jungen Mann entwickelt, dem respektvolle Beziehungen am Herzen liegen. Mehr und mehr wird mir klar: Wir Frauen können lernen, in unserer männerdominierten, auf Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft zu unseren weiblichen Qualitäten zurück zu finden und auf unsere innere Stärke zu vertrauen – und damit Männern ein Vorbild sein.  Dann wird es vielleicht – hoffentlich nicht in allzu ferner Zeit – ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Mann und Frau geben.