Was braucht es für ein gutes Leben?

Vor mehr als zehn Jahren entschloss ich mich nach langer Suche dazu, mich als Journalistin selbständig zu machen. Der Beginn meiner Laufbahn war nicht leicht, doch sobald ich mich dafür entschieden hatte, kniete ich mich rein. Ich spezialisierte mich auf die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit, schrieb mein erstes Buch, hatte damit Erfolg. Bald wurde ich als Nachhaltigkeitsexpertin gehandelt. Der Ehrgeiz hatte mich gepackt, ich wollte noch erfolgreicher sein. Da die durchschnittlichen Honorare im Journalismus nicht gerade berauschend sind (von einigen Ausnahmen abgesehen, für die ich sehr dankbar bin), musste ich dementsprechend viel arbeiten, um über die Runden zu kommen. Ich wollte aber auch für meine Familie und vor allem für meine Kinder da sein. Zum Glück hatte ich einen – ebenfalls selbständigen – Mann, der mich auf allen Ebenen unterstützte. Das ging einige Jahre gut, bis sich erste Erschöpfungsanzeichen bemerkbar machten. Ich war in ein Alter gekommen, in dem ich nicht mehr uneingeschränkt belastbar war.

Während der Jahre hat sich meine Einstellung zu Erfolg und auch zu materieller Fülle verändert. Durch meine Arbeit habe ich zu viel über die Auswirkungen unseres Konsums oder die Nachteile unseres Wirtschafts- und Finanzsystems gelernt, um weiterzumachen wie bisher. Ich stellte fest, dass ich nur sehr wenig brauche, um zufrieden zu sein – ja, dass die Dinge, die mich am glücklichsten machen, nicht materieller Natur sind. Heute kaufe ich nur mehr sehr wenig, vieles gebraucht, tausche und teile lieber. Und schließe mich mit Menschen zusammen, die ähnlich denken.

Die Corona-Krise, in der vieles plötzlich nicht mehr möglich war und auch die Aufträge zurückgingen, hat mir dann endgültig die Augen geöffnet. Zu sehen, dass gerade in dieser schwierigen Zeit die Schwerreichen profitierten und die Schere zwischen Arm und Reich noch mehr auseinanderging, machte etwas mit mir. Heute arbeite ich weniger und wähle meine Auftraggeber sehr bewusst aus. Ich denke viel darüber nach, wie und wo ich leben möchte und werde mich zu diesem Zweck auf eine Reise begeben – und meine Erfahrungen in einem Buch festhalten. Eine wichtige Frage wird sein: Wie viel Geld brauche ich für ein gutes Leben?

Erfolg bedeutet für mich nicht mehr, viel Geld zu verdienen, sondern für meine Werte einzustehen. Ich schreibe in meinen Blogs unentgeltlich, weil es mir ein Anliegen ist, Menschen Mut zu machen oder vielleicht auch zum Nachdenken anzuregen – und es kommt so viel zurück, was mit Geld nicht aufzuwiegen ist.

Abschied und Neubeginn

Seit einigen Monaten fühlt sich mein Leben wie ein einziger Abschied an: von meinem Leben mit Mann, Kind und Katze, von den Erwartungen an meine Beziehung, die sich nicht erfüllten. Von Lebensumständen, die sich am Ende nicht mehr richtig anfühlten. Und nun musste ich auch noch einem engen Familienmitglied Lebewohl sagen.

In manchen Bereichen war der Abschied endgültig, in manchen vollzieht er sich schrittweise. Meine Tochter wird nun erwachsen und muss sich von ihrer Mutter lösen. Und auch wenn es noch so sehr schmerzt, ist einmal mehr Loslassen gefragt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, sich vom mütterlichen Einfluss abzugrenzen und möchte ihr diesen Schritt leichter machen als er für mich war.

Ich verabschiede mich nun von meinem Leben in der Stadt, denn mit dem Herzen bin ich längst woanders. Es könnte auch ein – zumindest vorübergehender – Abschied von meinem seßhaften Leben werden. Reisen, eine Weile in einem anderen Land leben, Wohnen gegen Mithilfe – alles ist möglich, das Abenteuer ruft. Nach über zwanzig Jahren Leben mit Kindern ist nun die Zeit gekommen, loszuziehen – etwas, wovon ich mein ganzes Leben geträumt habe. Letztendlich ist es auch der Abschied von einem System, in dem ich mich schon lange nicht mehr wohlfühle.

Wenn mir das Herz schwer wird, denke ich daran, dass jeder Abschied auch ein Neubeginn ist. Wie Hermann Hesse in einem meiner Lieblingsgedichte schreibt:

„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Ein guter Morgen

Neulich war einer jener Tage, an denen sich eine Schwere über mich legte, die mir jede Zuversicht nahm. Einer jener Tage, an denen ein unbedachtes Wort oder ein schiefer Blick reicht, um mich aus der Bahn zu werfen. An denen ich alles – inklusive mich selbst – in Frage stelle und die allgegenwärtige Ungewissheit mich lähmt. Ich ging früh schlafen, hatte eine ruhige Nacht und stand mit der aufgehenden Sonne auf.

Und dann begann mein Tag mit einem Eichhörnchen, das es sich im Ahorn vor meinem Fenster gemütlich gemacht hatte, sich ausgiebig putzte und seinen weißen Bauch präsentierte. Mir fiel auf, dass die Blätter des Ahorns sich schon zeigen, die Blüten langsam abfallen und die Wiese gelb sprenkeln. Während die Morgensonne ihr rötliches Licht verbreitete, stimmten die Vögel ihr morgendliches Gezwitscher an. In diesem Moment war ich sehr dankbar für mein Refugium am Stadtrand, mit viel Natur um mich herum. Und mir wurde wieder bewusst, wie gut mein Leben ist.

Ein Satz fiel mir ein, den ich bei Louise Hay gelesen hatte: „Was Sie in der ersten Stunde des Morgens tun, entscheidet darüber, wie der Rest des Tages verlaufen wird.“ Ich werde mir diese Weisheit zu Herzen nehmen. Und ab jetzt jeden Morgen bewusst genießen.

Zwischenwelten

Nach allem, was in den vergangenen Monaten und Jahren geschehen ist, merke ich, wie müde ich bin, so müde. Ich habe permanent das Gefühl, in einem Zwischenraum festzustecken, zwischen Alt und Neu. Das Alte nimmt Abschied, aber das Neue lässt noch auf sich warten. Vieles macht mich gerade traurig, meine gescheiterte Beziehung, die vielen Baustellen weltweit, wie Menschen miteinander umgehen. Die allgemeine Verunsicherung, was die Zukunft bringen wird.

Ich habe eine entzückende kleine Wohnung am Stadtrand gefunden, mit Zugang zu einem Garten und einer Eibe vor meinem Fenster und den besten Nachbarn, die man sich vorstellen kann. Und dennoch fühle ich mich hier (noch) nicht angekommen, weiß nicht, wie lange ich bleiben werde. Es zieht mich mehr denn je hinaus aus der Stadt, vielleicht auch aus dem Land. Die Natur spiegelt diesen Schwebezustand wieder, vor meinem Fenster machen sich Kohlmeisen und Buchfinken zu schaffen, die Schneeglöckchen stecken ihre Köpfe heraus. Der Frühling zeigt sich zaghaft – und dennoch lauert der Winter noch hinter jeder Ecke.

In den letzten Tagen haben mich immer wieder diffuse Kopfschmerzen geplagt, die mir zeigen, dass ich auf mich achten muss. Gestern war der Druck in meinem Kopf wieder da und ich setzte mich dennoch pflichtbewusst an den Laptop – nur um ihn wenig später wieder zuzuklappen. Ich beschloss, mir einen freien Tag zu nehmen, etwas für mich zu tun. Ging (endlich) zum Friseur, blödelte mit meiner Tochter herum, die es wieder einmal schaffte, mich zum Lachen zu bringen – was das Kopfweh kurz verschwinden ließ. Danach hörte ich mir Entspannungsmusik an und machte mir einen Mädesüß-Weidenrinden-Tee – am Abend waren die Kopfschmerzen weg.

Heute ist die Müdigkeit da und ich bin gerade sehr froh über meine Selbständigkeit, die es mir erlaubt, mir meine Zeit frei einzuteilen. Gehe in den Wald, wie fast immer, wenn meine Energien schwinden und setze mich zu einem Baum. Lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und lausche dem Rauschen der Bäume im Wind. Ich bin dankbar dafür, dass ich im Laufe der Jahre gelernt habe, gut für mich zu sorgen und auf die Signale meines Körpers zu achten. Meinen Gefühlen nachzugeben und die Traurigkeit zuzulassen, statt mich sofort abzulenken – auch wenn das nicht immer einfach ist. Und so gönne ich mir eine Pause von den Turbulenzen da draußen und gehe einen Schritt nach dem anderen, in eine neue Zeit.

Abschied

Manchmal entwickeln sich die Dinge nicht wie gewünscht, auch wenn du dich noch so sehr bemühst. Manchmal hat das Leben andere Pläne. Dies scheint die Zeit der Veränderungen und Abschiede zu sein oder, wie eine liebe Freundin sagte: Jetzt stellt sich heraus, was zusammengehört und was sich trennen muss. Und so haben mein Mann und ich uns nach 18 gemeinsamen Jahren dazu entschlossen, Abschied zu nehmen. Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, sie nicht von heute auf morgen getroffen.

Ich war nach der Trennung vom Vater meines Sohnes entschlossen, es diesmal besser zu machen. Und es war lange Zeit gut, wie hatten wunderschöne Momente, haben uns geliebt und gestritten und uns immer wieder zusammengerauft. Doch ich war so beschäftigt damit, aller Welt zu beweisen, wie beziehungsfähig ich sei, dass ich völlig auf meine eigenen Bedürfnisse vergaß. Und übersehen habe, dass es auch eine Frage des Naturells sein könnte, ob man für eine längere Beziehung geeignet ist. Ich brauche viel Freiraum, viel Zeit für mich – und es zieht mich immer mehr in die Natur. Letztendlich mussten wir erkennen, dass unsere Wünsche und Ziele nicht mehr zusammenpassen und wir uns in verschiedene Richtungen entwickelt haben. Unser beider Wunsch ist es, in Frieden und Freundschaft auseinander zu gehen, alleine schon wegen unserer gemeinsamen Tochter. Durch dieses wundervolle Mädchen werden wir immer verbunden bleiben.

Und so nehme ich in Demut Abschied von einem Lebensabschnitt, in dem ich so vieles über mich lernen durfte und in vielerlei Hinsicht gereift bin. Danke, Richard, für alles, was du für uns getan hast. Danke, dass ich durch dich zu der Frau wurde, die ich heute bin.

Stark und weich zugleich

Ich habe lange nicht verstanden, woher der Jugend- und Schönheitswahn in unserer Gesellschaft kommt. Warum es gerade für Frauen so schwer zu sein scheint, zu ihren Rundungen und Falten zu stehen. Ich hörte dann mitunter, dass ich es leicht hätte, da ich von Natur aus schlank bin und immer essen konnte, was ich wollte. Und dann werde ich meist auch noch um Jahre jünger geschätzt. Wie ungerecht.

Heute weiß ich: es ist ein Mittel unserer patriarchalischen Gesellschaft, Frauen klein zu halten. Attraktiv, dünn, am besten auch noch zurückhaltend und bescheiden – das wurde jahrzehntelang als Idealbild der Frau gesehen. Ich habe dieses Spiel lange mitgespielt, mein Selbstbewusstsein in erster Linie aus meinem Aussehen genährt. War in meinem Inneren unsicher, orientierungslos und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Jetzt bin ich 53, und um nichts in der Welt würde ich meine Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gegen mein jüngeres Ich tauschen.

Auf der Suche nach mir selbst habe ich mich verloren und wieder gefunden. Habe die falschen Männer an mich rangelassen und schmerzhafte Trennungen erlebt. Zwei Kinder geboren, meinen Vater viel zu früh verloren. Habe jahrzehntelang eine Ur-Wut in mir getragen, die auch heute noch manchmal rauswill. Die Wut des kleinen Mädchens, das nicht gesehen wurde, und die ich lange nicht zeigen durfte. Große Teile meins Lebens habe ich mit Kämpfen verbracht. Kämpfen darum, in meinem So-Sein wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Das Streben um Unabhängigkeit von meiner Mutter, die Wut auf übergriffige Männer, Machtkämpfe in Beziehungen. Ich habe viele Energien mit diesen Kämpfen verschwendet, bis ich erkannte, dass sie sich erübrigen, wenn ich zu mir stehe. Dass ich stark und weich zugleich sein kann.

All diese Erfahrungen haben mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin – und wenn ich in den Spiegel schaue, mag ich, was ich sehe. Ich mag meine Fältchen – auch wenn es noch nicht viele sind – und nehme liebevoll zur Kenntnis, wie mein Körper sich im Laufe der Jahre verändert hat. Am meisten aber feiere ich die zunehmende Gelassenheit, die mit dem Älterwerden einhergeht. Dass ich gelernt habe, mich nicht nur auf meinen Verstand zu verlassen, sondern auch auf meine innere Stimme zu hören. Immer mehr bei mir anzukommen, zu meiner Meinung und meinen Unzulänglichkeiten zu stehen.

Ich glaube ja, dass es immer noch Männer gibt, die Angst vor starken Frauen haben, vor allem jene, die vom Patriarchat profitieren. Diese Ewiggestrigen können sich warm anziehen, denn nun ist die Zeit gekommen, da immer mehr Frauen in ihre Kraft kommen – ob jung oder alt.

P.S. Während ich diesen Text schreibe, steckt meine Tochter den Kopf zur Tür herein, um mir ein Lied vorzuspielen:

„I am woman, I am fearless

I am sexy, I am divine

I am unbeatable, I am creative

honey you can get in line

I am feminine, I am masculine

I am anything I want“

(„I am woman“, Emmy Meli)

Reisen, um zu schreiben

Reisen begleiten mich seit meiner Kindheit. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein und in andere Kulturen einzutauchen, gehört zu mir ebenso wie der Wunsch, diese Welt ein Stück besser zu machen.

Ich kann mich lebhaft daran erinnern, als ich mit meinen Eltern meine erste große Reise antrat: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, um die Nacht durchzufahren, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen. Neben mir am Rücksitz schlichteten sich Onkel und Tante in unseren kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns zu verbringen. Und dann ging es los: Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und dann noch einmal dieselbe Strecke bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Diese Sprache! Das Meer! Die zerklüfteten Klippen! Ich saugte alles in mir auf und es war der Beginn einer großen Liebe.

Bald begann ich über meine Reisen zu schreiben, füllte Tagebücher mit meinen Erlebnissen. Meine zwei großen Leidenschaften zu verbinden, war für mich das größte Glück – und es war perfekt, als meine ersten Reiseberichte veröffentlicht wurden. Schon bald gesellte sich ein dritter Wunsch dazu: Über sinnstiftende und mutmachende Projekte und Entwicklungen in anderen Ländern zu berichten. Ich besuchte mit Fairtrade Kaffeefarmer in Honduras, nahm an der Klimakonferenz in Marrakesch teil, verbrachte mit Greenpeace einige Tage im rumänischen Urwald oder schrieb über den Umweltplan der Stadt New York.

Erlebnisse wie diese bereichern mein Leben, daraus schöpfe ich Kraft.

vor über 25 Jahren in Quito, Ecuador – damals noch mit wallendem Haar 🙂

In den vergangenen zwei Jahren war ich aus bekannten Gründen kaum unterwegs und merke nun, wie die Reiselust sich wieder meldet – wie immer gepaart mit dem Wunsch, zu inspirieren und Mut zu machen. Nun steht Costa Rica auf dem Plan, das Land, das so vieles anders macht, von der Abschaffung des Militärs bis zu einer Vorreiterrolle beim Umwelt- und Klimaschutz. Ich möchte mir ansehen, woher dieses Denken über den Tellerrand kommt und mit Verantwortlichen sprechen.

Leben und leben lassen

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich für mein Leben gerne unterwegs bin, und dass ich hin und wieder alleine losziehe, um den Kopf frei zu kriegen. In den letzten Wochen war es wieder soweit: der Wunsch nach einem Tapetenwechsel wurde stärker. Also habe ich mich in einen Bus gesetzt, bin die Nacht durch gefahren und in Sarajevo angekommen, wo ich in der Wohnung einer Freundin bleiben konnte.

Bereits vor acht Jahren war ich mit meiner Familie in Bosnien und habe mich Hals über Kopf in dieses Land verliebt. Es war das Wissen um einen schrecklichen Krieg, dessen Folgen bis heute sichtbar sind, eine Mischung aus schwer greifbarer Melancholie, freundlichen Menschen und grandiosen Landschaften. Und dann kamen wir nach Mostar und es war endgültig um mich geschehen. Wir verbrachten nur zwei Stunden dort, und in dieser kurzen Zeit brannte eine Sehnsucht in meinem Herzen, die ich nur schwer einordnen konnte. Seit damals wollte ich noch einmal zurück, wollte herausfinden, was es ist, das mich an diesem Ort so sehr berührt hat.

Also stehe ich um halb sechs Uhr auf, um den Zug von Sarajevo nach Mostar zu erwischen. Komme im letzten Moment am Bahnhof an, wo es keine Anzeigentafeln und keinen Hinweis darauf gibt, zu welchem Bahnsteig ich muss. Renne Stiegen hinauf, sehe einen Zug am Gleis nebenan stehen, renne wieder hinunter. Eine Frau kommt an mir vorbei, ich keuche „The train to Mostar?“. Sie antwortet „You don‘t have to hurry, it‘s still three minutes“. Sie geht seelenruhgie die Stufen hinauf und spricht mit dem Schaffner, weil ich keine Zeit mehr hatte, ein Ticket zu kaufen. Der setzt eine strenge Miene auf und erklärt mir, dass ich drei Bosnische Mark extra zahlen muss. Wir fahren los, die Landschaft außerhalb Sarajevos versinkt im Nebel. Doch bald kämpft sich die Sonne durch und wir werden von grünen Hügeln begleitet, unterbrochen von zu vielen Tunnels, die mir die Sicht nehmen.

In einem der Tunnels dann ein lautes Krachen, als ob etwas auf den Zug gefallen wäre. Der Zug kommt kurz nach dem Tunnel zu stehen und dann geschieht lange nichts. Endlich taucht ein Zugbegleiter auf und erklärt, was passiert ist, ein älterer Bosnier übersetzt für mich ins Englische: ein Stein hat sich aus der Tunneldecke gelöst und hat die Elektronik der Lokomotive beschädigt. Eine neue Lokomotive wurde aus Mostar angefordert, aber es kann eine Stunde dauern, bis sie da ist.

Eine Stunde vergeht, dann noch eine. Ich unterhalte mich mit dem Bosnier, einem Universitätsprofessor, und er erzählt mir, dass er kurz vor dem Krieg mit seiner Familie in die USA ging und nach 20 Jahren zurückkehrte. Auf die erstaunten Fragen seiner Studenten, warum er nicht geblieben sei, lautete seine Antwort: „Weil es sich hier gut leben lässt.“ Die Fahrgäste bleiben ruhig, ich höre viel Gelächter und gehe in die Kaffeebar, um etwas zu trinken. Dort haben einige Leute sich versammelt und unterhalten sich angeregt. Nur manche schauen nervös in ihr Handy, doch niemand scheint sich zu beschweren. Der Zug steht mitten in einem Waldstück, einige Türen sind geöffnet und ich strecke meine Nase hinaus, um die frische Luft einzuatmen.

Nach über zwei Stunden geht die Fahrt weiter und wir erreichen Mostar nach zwei weiteren Unterbrechungen schließlich mit drei Stunden Verspätung. Ich bin sofort wieder verliebt in diese Altstadt mit dem orientalischen Charme, dem türkisgrünen Fluss, der berühmten Brücke. Ich finde das Café wieder, wo ich damals mit meinem Mann saß und auf den Fluss schaute – mit dem Gedanken im Kopf: ich will hier nicht mehr weg. Nun sitze ich wieder hier und denke an die Worte des Universitätsprofessors und an ein Gespräch mit der jungen Frau aus dem Zug: dass die Menschen am Balkan viel entspannter seien als im Rest Europas.

Und mir wird klar, dass es das ist, was die Menschen in diesem Land uns beibringen können: Leben und leben lassen.

Für meinen Sohn

Ich war 30, als ich zum ersten Mal Mutter wurde, und von einem Tag auf den anderen stand mein Leben auf dem Kopf. Bis dahin war ich ziellos durchs Leben getrieben, wechselte Jobs ebenso häufig wie die Männer. Ich hatte nie gelernt, mich selbst wert zu schätzen oder Verantwortung zu übernehmen.

Und nun war da ein kleiner Mensch, der auf meine Liebe angewiesen war. All die klugen Bücher, die ich gelesen hatte, konnten mich nicht darauf vorbereiten, was mich als Mutter erwarten würde: Die durchwachten Nächte, der Schlafmangel, die dünnen Nerven. Wer hatte das Märchen von den Muttergefühlen erfunden, die sich automatisch nach der Geburt einstellen? Ich war hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu diesem kleinen Menschen und der Überforderung, die zum täglichen Begleiter wurde. Mein innerer Freigeist rebellierte dagegen, rund um die Uhr für jemanden verantwortlich zu sein. Also begann ich mich schuldig zu fühlen. Stimmte etwas nicht mit mir? War ich anders als andere Mütter? Sollte ich mein Kind nicht verdammt nochmal lieben, egal wie erschöpft ich war?

Irgendwann kam der Tag, da ich mich über nichts mehr freuen konnte. Am Morgen sehnte ich bereits den Abend herbei und konnte es kaum erwarten, ein wenig Zeit für mich zu haben. Die Tage dehnten sich ins Endlose. Die vorwurfsvollen Blicke von Menschen, die mir meine Überforderung ansahen, machten es nur noch schlimmer. Ich fühlte mich als Versagerin, wertlos. Dazu kam die schwierige Beziehung zum Vater meines Kindes, dem ich nichts recht machen konnte – so erschien es mir zumindest.

Die Mutterrolle warf mich auf mich selbst zurück und zeigte mir meine Schwächen mit aller Deutlichkeit auf. Sie führte aber auch dazu, dass ich endlich begann, mich mit meinem bisherigen Leben auseinander zu setzen. Ich wollte mehr für mein Kind sein als eine überforderte Mutter. Dazu musste ich beginnen, mich von meiner eigenen Mutter zu lösen und meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich begann eine Therapie und es war ein langer, schwieriger Prozess, der letztendlich zur Trennung vom Vater meines Sohnes führte.

Es gab diesen Moment, als Leon nach mehreren Tagen bei seinem Vater zu mir kommen sollte, und sich verzweifelt an das Bein seines Papas klammerte. Es gab Momente, in denen ich, des Kämpfens müde, den Drang verspürte, mich beleidigt zurück zu ziehen. Ich musste an die Worte meines Vaters denken, der uns nach der Scheidung verlassen hatte: „Ihr hattet einen Stiefvater, also habt ihr mich nicht mehr gebraucht.“ Meinem Vater war nicht bewusst, wie sehr ich mich als Kind nach ihm sehnte – woher sollte er es auch wissen? Und dann gab ich mir wieder einen Ruck und tat alles dafür, meinen Sohn regelmäßig zu sehen, für ihn da sein zu dürfen.

Heute ist aus dem ängstlichen Kind von damals ein reflektierter und empathischer junger Mann geworden, der früh damit begann, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Als er 16 war, schrieb er mir und seinem Vater einen Brief, in dem er uns bat, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Er entschloss sich, wie sein Vater, zu einer Ausbildung zum Psychotherapeuten. Wenn wir uns heute sehen, führen wir tiefgründige Gespräche auf Augenhöhe und er bringt mich gemeinsam mit seiner Schwester zum Lachen. Er macht sich viele Gedanken darüber, wie er die Welt zu einem besseren Ort machen könnte.

Manchmal wünschte ich, ich könnte meinem Sohn das Päckchen, das er seit seiner Kindheit mit sich herumträgt, abnehmen. Dann fühle ich mich schuldig für all meine Unzulänglichkeiten – und weiß doch, dass ich mein Bestes gegeben habe, so wie alle Eltern es tun. Wenn ich mir diesen schlaksigen und empathischen jungen Mann heute ansehe, wird mir warm ums Herz. Dann möchte ich ihn umsorgen, ihn behüten, ihm alle Steine aus dem Weg räumen. Und doch weiß ich, dass er seinen Weg alleine gehen muss – in der Gewissheit, dass ich immer für ihn da bin.

Vertrauen

Ich werde oft gefragt, woher ich meine Zuversicht und mein Vertrauen ins Leben nehme. Dafür muss ich ein wenig ausholen.

Schon als Kind tat ich die waghalsigsten Dinge, sprang im Schwimmbad vom 10 Meter-Turm oder raste beim Schifahren die Hänge im Abfahrtsstil hinunter. Später reiste ich, oft alleine, durch die Welt, immer im Vertrauen darauf, dass mir nichts passieren würde – und so war es. Man könnte es auch Sorglosigkeit nennen, doch mit der Geburt meines ersten Kindes wandelte sich diese Sorglosigkeit in Verantwortung, gepaart mit Vertrauen. Ich war eine Mutter, die ihren Kindern alles zutraute, was sie sich selbst zutrauten, und noch mehr.

Das mag daran liegen, dass ich selbst als jüngstes von drei Geschwistern schon früh auf mich gestellt war. Meine Mutter begann zu arbeiten, als ich im Kindergarten war – in den 70ern nicht selbstverständlich. Ich erinnere mich an eine Situation, ich muss sechs oder sieben gewesen sein, als ich alleine mit der Straßenbahn zur Schule fuhr. Ich verpasste die Station, bei der ich aussteigen sollte, und begann verzweifelt zu weinen. Eine ältere Frau nahm mich bei der Hand, stieg mit mir bei der nächsten Station aus und wir gingen gemeinsam den ganzen Weg zurück zur Schule. Hin und wieder kam es vor, dass ich abends alleine zuhause war, dann fürchtete ich mich vor den dunklen Zimmern in der großen Wohnung. Schon damals mit einer reichen Fantasie ausgestattet, vermutete ich dort böse Geister, die auf mich lauerten. Eines Abends, ich war wieder alleine, begann in unserer Küche eine Aufzieh-Spieluhr plötzlich wie von Geisterhand zu spielen und jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. In diesem Moment entschloss ich mich dazu, an gute Geister zu glauben. Denn ein Geist, der solchen Schabernack mit mir trieb, musste ein humorvolles Wesen sein. Ich stellte mir eine lustige Alte vor, die mir da drüben einen Streich spielte und herzhaft darüber lachte. Danach war ich beruhigt und hatte fortan keine Angst mehr, wenn ich alleine war.

An dieser Stelle höre ich die Kritiker sagen: Wie verantwortungslos von den Eltern, das Kind alleine zu lassen (man bedenke: es gab noch keine Handys)! Ein Kinderschänder hätte mich entführen können! Das sind jene, die überall Gefahr wittern und immer vom Schlimmsten ausgehen. Ich dagegen bin überzeugt davon, dass es auf diesem Planeten mehr freundliche Menschen gibt als solche, die uns Böses wollen (auch wenn die Medien uns anderes weismachen wollen).

Meine Eltern hatten offensichtlich Vertrauen in mich, sie trauten mir zu, alleine zu bleiben. Das hat letztendlich dazu geführt, dass ich bis heute sehr gut mit mir alleine sein kann. Mit meinen Kindern habe ich es ähnlich gehalten, hatte immer großes Vertrauen in sie und ihre Fähigkeiten. Sie waren früh selbständig und wussten sich selbst zu helfen. Die Erfahrungen meiner Kindheit haben dazu geführt, dass ich in anderen Menschen lieber das Gute sehe, als ihnen zu misstrauen. Und auch wenn ich in meinem Erwachsenenleben einige schmerzhafte Erfahrungen machen musste, habe ich heute ein tiefes Vertrauen ins Leben. Diese Einstellung kam nicht von heute auf morgen. Ich habe sie mir erarbeitet, habe gelernt, mich auf positive Entwicklungen zu konzentrieren statt auf das, was schief läuft. Ich gehe davon aus, dass alles, was weltweit geschieht, einen Sinn hat und Teil einer größeren Entwicklung ist. Und übernehme zugleich Verantwortung dafür, meinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten.

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