Musik, die aus dem Herzen kommt

Als Kind liebte ich es, Musik zu machen: Ich lernte einige Akkorde auf der Gitarre, spielte Blockflöte und schaute mir von meiner großen Schwester das Klavierspielen ab. Ich brachte mir Beatles-Lieder auf dem Klavier bei und sang dazu. Meine Eltern beschlossen jedoch, dass ich Geige lernen sollte, also begann ich als Sechsjährige mit dem Unterricht an einer Musikschule.
Ich erinnere mich gut daran, dass mir das Geige spielen nie besonders viel Spaß machte, aber aus irgendeinem Grund war es mir nicht möglich, das meinen Eltern zu vermitteln – oder vielleicht wollten sie es auch nicht hören. Also besuchte ich den Unterricht und erfand oft Ausreden, um nicht hingehen zu müssen. Etüden und Fingerübungen fand ich langweilig, und nach Jahren des Unterrichts wurde mir die  klassische Musik zu eintönig – etwas Anderes gab es jedoch nicht. Das Klavierspielen machte mir irgendwann auch keinen Spaß mehr.

Doch meine Eltern waren entschlossen, eine Berufsmusikerin aus mir zu machen – sie träumten davon, mich in einem Orchester spielen zu sehen. Ich besuchte das Musikgymnasium und fühlte mich fehl am Platz unter all den musikalischen Genies. Jetzt konnte ich erst recht nicht mit dem Geigenunterricht aufhören, da er Bedingung für den Besuch dieser Schule war. Also machte ich weiter, die Aufnahmeprüfung an die Musikhochschule schaffte ich jedoch nicht. Kaum hatte ich maturiert, teilte ich meinem Geigenlehrer mit, dass ich nicht mehr kommen würde – danach fühlte ich mich um Tonnen leichter. Zwar spielte ich danach hin und wieder mit Freunden, aber auch das wurde weniger und schließlich hörte ich ganz mit dem Geige spielen auf.

Als ich Mutter wurde, wollte ich auch meinen Kindern Musik nahebringen, da ich überzeugt von ihrer positiven Wirkung bin. Mein Sohn spielte für kurze Zeit Gitarre, war aber nie wirklich mit dem Herzen dabei. Meine Tochter begann mit dem Klavierunterricht, als sie ein Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt besuchte. Ihr Klavierlehrer schaffte es jedoch innerhalb kurzer Zeit, ihr die Freude daran zu nehmen. „Es geht darum, die Technik zu lernen, Spaß am Spielen ist unwichtig“, lautete seine Meinung. Wir versuchten es noch eine Weile, doch mir wurde bald klar, dass ich mit meiner Tochter nicht meine eigene Geschichte wiederholen wollte. Auch sie hatte keine Lust, regelmäßig zu üben, auch sie musste in erster Linie Klassik spielen. Druck auf sie zu machen, bewirkte eher das Gegenteil. Da auch an dieser Schule das Instrument ein Pflichtfach war, brauchte es eine andere Lösung – und diese winkte in Form der Rudolf Steiner-Schule, die meine Tochter nun seit zwei Jahren besucht. Auch hier wird großer Wert auf künstlerischen Ausdruck in Form von Musik, darstellender Kunst und Kunsthandwerk gelegt – doch der pädagogische Zugang ist ein völlig anderer. Es war die beste Entscheidung, die wir für dieses kreative Mädchen treffen konnten.

Seit meine Tochter keinen Zwang mehr verspürt, ein Instrument spielen zu müssen, tut sie es freiwillig und mit Leidenschaft. Sie setzt sich immer wieder ans Klavier, um sich ihre Lieblingssongs beizubringen und hat vor einiger Zeit auch die Gitarre entdeckt, um sich darauf selbst zu begleiten. Wenn ich sie so höre, wie sie aus vollem Herzen singt und spielt, berührt das etwas ganz tief in mir. Es ist ein Weg für sie, ihre Gefühle auszudrücken, und ihre Musik geht direkt ins Herz. Durch meine Tochter ist auch bei mir die Freude an der Musik wieder gestiegen. Ich singe nun wieder mehr, oft auch mit ihr gemeinsam, und überlege, wieder mit dem Klavier spielen zu beginnen. Manchmal liege ich in der Hängematte und singe meine Lieblingslieder, und dann spüre ich, wie sich etwas in mir öffnet. Die Geige habe ich verkauft.

Das Bild zeigt meine Tochter bei den Dreharbeiten für einen Kurzfilm, bei dem sie ihre Freude am Spielen ausleben konnte.

Der Sprung ins kalte Wasser

Einer meiner Lieblingsfilme ist „A Star is born“, der auf berührende und sensible Weise die Liebesgeschichte zwischen einer aufstrebenden Sängerin und einem abgehalfterten Rockstar mit Alkoholproblemen erzählt. Darin gibt es eine Szene, in der die noch unbekannte Sängerin Ally von Jack auf die Bühne geholt wird, um gemeinsam einen von ihr komponierten Song zu singen. Der Moment, in dem sie, nach anfänglichem Zögern und noch am Rand der Bühne stehend, beschließt, da hinaus zu gehen und vor einem Riesenpublikum zu singen, ist etwas, das ich nur allzu gut kenne.

Ich habe es immer schon gebraucht, dieses Gefühl, über meinen eigenen Schatten zu springen und meinen Ängsten ein Schnippchen zu schlagen. Wenn ich als Kind im Freibad vom 10 Meter-Turm sprang, gab es diesen entscheidenden Moment vor dem Sprung: Ich trat einen Schritt von der Kante des Sprungbretts zurück, um nicht in die Tiefe blicken zu müssen – in der Gewissheit, dass das Becken darunter für Schwimmer gesperrt war – schaltete mein Hirn aus, machte einen Schritt nach vorne und sprang. Ich liebte das Gefühl des freien Falls und den Moment, da ich ins Wasser eintauchte und in die Tiefe sank, außer Atem von der Aufregung vor dem Sprung. Ich erinnere mich, wie ich mit dem letzten Rest von Luft in meiner Lunge so schnell wie möglich an die Oberfläche schwamm und das köstliche Gefühl, wenn die Luft wieder in meine Lungen strömte.

Zwar springe ich heute nicht mehr vom 10 Meter-Brett, aber die Suche nach Herausforderungen und Abenteuern hat mich meine Leben lang begleitet. So kam es, dass ich – trotz Höhenangst – mit einem Gummiseil um den Knöchel von einer 100 Meter hohen Brücke sprang (und mir danach schwor, es nie wieder zu tun), trotz meiner angeborenen Schüchternheit eine TEDx-Rede vor 200 Menschen hielt oder mehrmals als Sängerin auf einer Bühne stand.

Immer war da dieses Kribbeln im Bauch und weiche Knie. Immer auch ein Teufelchen, das mir zuflüsterte: Tu‘s einfach! Und jedes Mal danach das Gefühl der Erleichterung und des Stolzes. Nach jeder gemeisterten Herausforderung fühlte ich mich ein wenig stärker, mit jedem Schritt aus meiner Komfortzone wuchs meine Selbstsicherheit. Denn ich habe gelernt: Was ich mir vornehme, kann ich auch schaffen.

In unsere Kraft kommen

Wir erleben es täglich: Frauen werden bewertet, herabgewürdigt, verurteilt, sehr oft wegen ihres Aussehens. Das Schlimme daran: Nicht nur Männer tun das, sondern auch andere Frauen. Dieses so typisch weibliche Gezänke und Hick-Hack sorgt dafür, dass wir einander klein machen und uns letztendlich selbst schwächen. Welcher Mann käme auf die Idee, abfällig über das Äußere eines Geschlechtsgenossen zu sprechen? Doch wir Frauen tun es, wieder und wieder. Es reicht nicht, dass manche Männer uns klein halten wollen, wir tun es gleich selbst. Wir stellen unser Licht unter den Scheffel, trauen uns zu wenig zu, halten uns mit unserer Meinung zurück, schlucken unsere Wut hinunter.
Wir beklagen uns darüber, dass Frauen weniger als Männer verdienen, tun aber zu wenig, um das zu ändern. Wenn es darum geht, ein besseres Gehalt auszuverhandeln oder die eigenen Stärken hervorzuheben, kneifen viele. Veranstalter von Talk Shows oder Podiumsdiskussionen beklagen immer wieder, dass angefragte Frauen eine Teilnahme ablehnen würden – mit der Begründung, nicht qualifiziert genug zu sein. Sei bescheiden, halte dich zurück – so sind Frauen meiner Generation erzogen worden. Ich selbst kenne dieses Verhaltensmuster nur zu gut, jahrelang habe ich mitgemacht, mich klein gemacht, habe mich mit wenig zufrieden gegeben, nur nicht aufmucken, immer lächeln.

Ich war eine jener Mütter, dich sich darüber beschweren, dass sie sich um Haushalt und Kinder kümmern müssen und dabei übersehen, dass die Väter von heute sehr gerne ihren Beitrag zur Kindererziehung leisten würden – wenn wir sie nur ließen. Denn wenn es um Kinder und Familie geht, fühlen wir Frauen uns stark. Wir haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie unsere Kinder behandelt werden sollen, bloß decken sich die nicht immer mit denen der Väter. Also nörgeln wir an ihnen herum, wissen alles besser, bis ihnen die Lust am Kinderbetreuen vergeht (mein Mann ließ sich zum Glück nicht beirren, dafür bin ich ihm bis heute dankbar). Loslassen wäre gefragt, mehr Vertrauen in die Väter, die vieles ein wenig lockerer sehen als die Mütter. Das tut dem Kind gut, Kinder brauchen Väter, und wenn die anders agieren als die Mütter, umso besser. Die Zeit, die wir mit Nörgeln verbringen, könnten wir auch wunderbar für uns selbst nutzen, denn natürlich beschweren wir uns auch darüber, dass wir nie Zeit für irgendetwas haben – am wenigsten für uns selbst. Dabei wäre es so wichtig, gut für uns selbst zu sorgen, der Alltag mit Kind und Mann ist anstrengend genug. Aber wir glauben, dass wir stark sein und alles aushalten müssen, um in der Männerwelt bestehen zu können, wo nur starke Frauen etwas wert sind. Die gute Nachricht: Wir können stark und weich zugleich sein! Wir haben verlernt, auf unsere innere Stärke zu vertrauen und lassen uns stattdessen einreden, dass wir alles schaffen und dabei auch noch perfekt aussehen müssen. Währenddessen überlassen wir den Männern weiterhin das Regieren, das Entscheiden und sehen zu, wie sie ihre Kriege führen und die Welt in den Abgrund treiben.

Dass gerade eine Generation von jungen Frauen heranwächst, die sich auf die Füße stellt und es mit den alten (weißen) Männern aufnimmt – wie die Klimaaktivistin Greta Thunberg oder die US-amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez – stimmt mich froh. Ich bin ziemlich sicher, dass diese Frauen nie ein abfälliges Wort über eine andere Frau fallen lassen würden – sie sind zu beschäftigt damit, ihren eigenen Weg zu gehen.
Vielleicht bin ich auch deshalb ein so großer Fan von Greta Thunberg: Ich wäre selbst gerne so gewesen in diesem Alter, so unbeirrbar und tapfer, hätte gerne einen Vater gehabt, der mich in meinem So-Sein unterstützt (wie gesagt, Väter sind wichtig..). Immerhin habe ich gelernt, für mich einzustehen, mich für die Dinge einzusetzen, die mir etwas bedeuten, meine Meinung zu sagen und dazu zu stehen. Das hat zwar ein bisschen länger gedauert hat, aber, hey, es ist nie zu spät, oder?

P.S. Dieser Text klingt wütend? Mag sein. Ein wenig Wut tut uns Frauen gut.

Der perfekte Moment

Ich sitze alleine beim Sonntagsfrühstück auf meinem Balkon und fühle mich pudelwohl. Der Kater liegt zu meinen Füßen, ich bewundere das üppige Grün der Balkonpflanzen und die pinkfarbenen Blüten des Oleanders, neben mir die orange-gelb-gestreifte Hängematte, in der ich so gerne schaukle. Und ich spüre es wieder einmal ganz stark: Wenn ich alleine bin, gelingt es mir am besten, runter zu kommen und in Kontakt mit meinem Innersten zu treten. Ich brauche diese Momente der Achtsamkeit, der uneingeschränkten Gegenwärtigkeit, um mich zu spüren und Energie zu tanken für die Herausforderungen des Alltags. Im Buddhismus bedeutet Achtsamkeit, mit sich selbst im Einklang zu sein, die eigenen Bedürfnisse zu spüren, den Moment bewusst wahrzunehmen. Und noch viel mehr: „Achtsamkeit ist die Fähigkeit eines Menschen, sich geistig zu sammeln und sich auf diese Weise auf seine zentralen Werte und seine innere Motivation zurückzubesinnen“, schreibt der Dalai Lama in seinem Buch „Rückkehr zur Menschlichkeit“.

In Momenten wie diesen spüre ich eine tief empfundene Dankbarkeit: Für meinen Mann, der sich hingebungsvoll um diese prächtigen Pflanzen kümmert und mit unserer Tochter gerade ein Camping-Wochenende verbringt. Für unser gemütliches Zuhause in dieser lebenswerten Stadt, für mein gutes Leben. Ja, es ist ein gutes Leben, auch wenn ich manchmal unzufrieden bin oder erschöpft von den Anforderungen des Alltags. Als Selbständige und Mutter einer halbwüchsigen Tochter sind die Herausforderungen oft enorm und Unterbrechungen vom Alltag lebensnotwendig.

Kurz überlege ich, das Handy einzuschalten, um die Welt teilhaben zu lassen an meinem Glück, mit ein paar schnell geschossenen Fotos. Doch ich spüre sofort, dass es den perfekten Moment zerstören würde und lasse es bleiben. Ein Gedanke lässt mich nicht los: Warum fällt es mir – und vielen anderen – so schwer, abzuschalten und im Hier und Jetzt zu sein? Um in Kontakt mit mir zu sein, ist es hin und wieder notwendig, in mich hinein zu spüren und bei mir zu bleiben, ohne mich ablenken zu lassen. Doch die Verlockungen sind groß: Ein Knopfdruck, ein paar Klicks, und wir sind mitten drin im Geschehen, verbunden mit dem Rest der Welt. Ich merke es oft, wie sehr es mich aufreibt, von einem Kanal zum nächsten zu springen, eine Nachricht hier, ein post da, ein like dort – es erfordert bisweilen ungeheure Anstrengung, sich dem zu entziehen und draußen zu bleiben. Was verpasse ich, wenn ich ein paar Stunden nicht auf facebook bin, meine Mails ungeöffnet lasse? Und auch jetzt der Gedanke: Vielleicht haben meine Liebsten Fotos geschickt? Ob wohl jemand auf meinen letzten facebook-post reagiert hat? Und wie wird heute eigentlich das Wetter? Ich bleibe standhaft, atme einmal tief durch und lege mich in die Hängematte. Alles andere kann warten.

Den eigenen Weg finden

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, ein Leben zu leben, das ihren Vorstellungen entspricht und einer Arbeit nachzugehen, die sie erfüllt?

Wenn ich mich umsehe, sehe ich Menschen, die unzufrieden sind mit dem, was sie tun, die fremdbestimmt wirken und sich in ein Leben gefügt haben, das nicht das ihre zu sein scheint. In unserer Gesellschaft, die Leistung um jeden Preis verlangt, scheint es normal zu sein, einer Arbeit nachzugehen, die keinen Spaß macht, aber Sicherheit und gutes Geld verspricht (und oft nicht einmal das).

Es beginnt schon in der Schule, die sich mehr auf Schwächen konzentriert, statt Stärken zu fördern und setzt sich in einem neoliberal geprägten Gesellschaftssystem fort, in dem Herzenswünsche nicht gefragt sind. Vielleicht hat es damit zu tun, dass das Wort Erfolg bei uns einen negativen Beigeschmack hat: es wird oft mit Geldgier und rücksichtslosem Machtstreben gleich gesetzt. Dabei können wir in so vielen Bereichen erfolgreich sein: Bei der Arbeit, in Beziehungen, in der persönlichen Entwicklung. Erfolg kann bedeuten, etwas zu erreichen, das ich mir vorgenommen habe, meine Träume zu verwirklichen, eine gute Mutter zu sein, mich für meine Werte einzusetzen. Und ja, auch gut von meiner Arbeit leben zu können – und zwar von einer Arbeit, die mich erfüllt und Sinn stiftet. „Es ist eine hohe Form der Selbstbestimmung, wenn ein Mensch das tut, was sie oder er gerne tut“, schreibt Verena Florian in ihrem Buch „Mut zum Rollentausch“. „In diesem Moment übernimmt sie oder er die Verantwortung für sich selbst. Das trägt dazu bei, dass dieser Mensch ausgeglichen und gesund ist sowie einen konstruktiven Beitrag für die Allgemeinheit leistet.“ Wenn mehr Menschen sich erlauben würden, einer Arbeit nachzugehen, die ihren Talenten und Wünschen entspricht, wären sie zufriedener und hätten mehr Muße, sich darüber Gedanken zu machen, welche Werte ihnen wichtig sind. Sie würden sich vielleicht mehr für ihre Umwelt einsetzen, sich sozial oder politisch engagieren.

Auch ich war lange auf der Suche nach der Arbeit, die zu mir passt. Das Schreiben lag mir immer schon am Herzen, doch ich war voll von Selbstzweifeln: Bin ich gut genug? Ich begann ein Studium und brach es wieder ab, versuchte es mit einer weiteren Ausbildung. Die Jahre vergingen und ich wusste nicht, wohin ich gehörte. Bis ich einen Job als Online-Redakteurin fand – und zum ersten Mal in meinem Leben stolz auf das war, was ich tat. Es sollten weitere Jahre mit Fortbildungen vergehen, bis ich all meinen Mut zusammennahm und mich bei einem Gesundheitsmagazin bewarb, das auf der Suche nach Mitarbeitern war. Ich schrieb meinen ersten großen Artikel und wurde als Kolumnistin ausgewählt.  Endlich fühlte sich alles richtig an.

Ich habe mich oft gefragt, weshalb es bei mir so lange dauerte, bis ich meinen Weg fand. Das mag zum einen daran liegen, dass ich mich nicht so schnell mit halben Sachen zufrieden gebe und tief in meinem Inneren immer gespürt habe, dass ich es verdient habe, glücklich zu sein – auch wenn ich es mir lange Zeit nicht zugestand. Es mag aber auch daran liegen, dass ich als Kind und in meiner Jugend fremdgesteuert war und nie lernte, meine eigenen Wünsche zu artikulieren. Auf die Klosterschule, in der ich mich nicht wohl fühlte, folgte das Musikgymnasium, in dem ich mich fehl am Platz fühlte. Ich machte lange Zeit mit, ließ mich verbiegen, obwohl ich schon bald merkte, dass mir für eine Musikerkarriere der Ehrgeiz fehlte. Nach der Matura tat ich dann genau das Gegenteil von dem für mich vorgesehenen Plan: Ich trieb plan- und ziellos durchs Leben, probierte vieles aus, jobbte und reiste.

Auch wenn ich es lange nicht begriff, war das meine Art, gegen den mir vorgegebenen Weg aufzubegehren. Glücklich machte es mich jedenfalls nicht. Heute weiß ich: Ich will mit meiner Arbeit etwas bewegen, zum Nachdenken und vor allem auch zum Handeln anregen. Wenn es mir gelingt, Menschen zu erreichen und zu inspirieren, macht mich das glücklich.

Auf der Straße tanzen

Dieses Foto ist eine Erinnerung an meine erste Reise durch Südamerika. Es war in Ecuador, ich war Mitte 20 und auf der Suche nach Abenteuern. Die Fahrt auf dem Dach eines Zuges, der mich von Quito nach Baños brachte, war das erste Highlight dieser Reise, dem noch viele weitere folgen sollten. Ich erinnere mich, dass einer der Dachpassagiere während der Fahrt seinen Hut verlor, der Zug daraufhin nach lautem Geschrei stoppte und ein Stück rückwärts fuhr. Der Mann kletterte hinunter, klaubte seinen Hut auf und stieg wieder aufs Dach, bevor der Zug weiterfuhr.

Diese Aufnahme ist für mich der Inbegriff von Leichtigkeit und Unbeschwertheit. In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich das Bild sehnsüchtig betrachte (es ist eines von mehreren Reisefotos, die in meinem Arbeitszimmer hängen). Es erinnert mich an eine Zeit, in der ich sorglos durchs Leben steuerte und an ein Land, in dem die Menschen auf den Straßen tanzten und Musik in jedem öffentlichen Verkehrsmittel zu hören war (die übrigens nie den Fahrplan einhielten). Ein Land, das den Begriff Buen Vivir (gutes Leben) in seine Verfassung geschrieben hat.

Manchmal frage ich mich, warum es in unseren Breiten so schwierig zu sein scheint, mehr Entspanntheit in unseren Alltag zu bringen. Viele hetzen verbissen durchs Leben, alles dreht sich um materielle Werte. Manchmal sehne ich mich zurück nach jener Leichtigkeit, die mich auf meinen Reisen begleitete – und die ich am häufigsten in Ländern verspürte, die nach unseren Maßstäben arm sind. Auch heute noch fühle ich mich oft wie ein anderer Mensch, wenn ich unterwegs bin. Wie schön wäre es, diesen Zustand in mein alltägliches Leben zu transportieren und mir ein Stück Buen Vivir nachhause zu holen! Ich werde gleich morgen auf der Straße tanzen.

Die Freiheit in mir

Vor nicht langer Zeit saß ich in einem Musiklokal und wartete auf eine Freundin. Ich schaute mich um und beobachtete die Menschen um mich herum. Sie hatten etwas an sich, das mir in diesem Moment sehr erstrebenswert erschien, sie wirkten selbstbewusst, lässig, kreativ. Ein schleichendes Gefühl, nicht dazu zu gehören, breitete sich in mir aus. In mein Notizbuch schrieb ich an jenem Abend: Warum habe ich so oft das Gefühl, fehl am Platz zu sein, nicht ins Bild zu passen?

Dieses Empfinden, anders zu sein und mich unter Menschen einsam zu fühlen, verfolgt mich seit meiner Kindheit. Es begann in der Klosterschule und setzte sich fort im Musikgymnasium, wo ich mich unter all den musikalischen Genies fehl am Platz fühlte. Ich begann ein Studium, das ich nach kurzer Zeit abbrach und probierte es mit einer anderen Ausbildung – Fehlanzeige. Immer wieder der Gedanke: Ich gehöre nicht hierhin. Gleichzeitig tat ich alles, um draußen zu bleiben, war unnahbar und nahm wenig Rücksicht auf andere. Meine ältere Schwester erzählte mir eine Anekdote, die, wie sie meinte, typisch für mich gewesen sei: Wir waren bei Freunden eingeladen und die Gastgeberin hatte eine bestimmte Sitzordnung vorgesehen. Ich war die einzige, die sich woanders hin setzte. Solche Dinge bemerkte ich früher nicht einmal, ich spürte nur, dass ich mich nicht anpassen wollte, wenn es nicht für mich passte. Zwar nehme ich heute mehr Rücksicht auf andere, wehre mich aber nach wie vor gegen Gruppenzwang. Wenn irgendwo eine Menschenschlange angestellt ist, schaue ich mich nach einer anderen Möglichkeit um – die es oft auch gibt, wie etwa eine weitere geöffnete Kassa. Wenn ich von etwas überzeugt bin, stehe ich zu meiner Meinung, selbst wenn ich mich damit unbeliebt mache.

Diese Unangepasstheit hat ihren Preis und sie hat mich oft einsam gemacht. Irgendwann merkte ich jedoch: Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und dazu stehen kann, wer ich bin, ist es nicht mehr so wichtig, was andere über mich denken oder ob ich zu einer bestimmten Gruppe gehöre. Dann fühle ich mich wohl in meiner Haut und kann auch alleine sein, ohne mich einsam zu fühlen. Ein Zitat der afroamerikanischen Autorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou beschreibt das sehr schön: „Man ist erst dann frei, wenn man erkennt, dass man nirgendwo hingehört. Man gehört überall hin – und nirgends. Der Preis ist hoch. Die Belohnung auch.“ Ich verstand: Das Einzige das zählt, ist zu mir selbst zu gehören, in meinem Sein authentisch zu bleiben.

Das Schöne daran: Ich muss keine eigenbrötlerische Egomanin sein, um mich mit mir wohl zu fühlen, sondern kann empathisch bleiben und die Gesellschaft anderer genießen. Am stärksten verspüre ich diese Verbundenheit in meiner Familie und mit guten Freunden – mit Menschen, die mich nehmen können, wie ich bin. Oder beim Netzwerken mit Gleichgesinnten, die sich für die selben Werte einsetzen. Immer öfter spüre ich aber auch eine tiefe Verbindung zu Menschen, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheinen als ich oder die vom Leben benachteiligt sind. Die Soziologin und Autorin Brené Brown schreibt zu diesem Gefühl der Verbundenheit: „Spiritualität bedeutet anzuerkennen und zu feiern, dass wir alle durch eine Macht, die größer ist als wir selbst, untrennbar miteinander verbunden sind und dass sich unsere Verbindung zu dieser Macht und zueinander auf Liebe und Mitgefühl gründet.“ Alleine und doch verbunden – was für ein schöner Gedanke!

Brené Browns Buch „Entdecke deine innere Stärke“ hat mich zu diesem Artikel inspiriert, das Zitat von Maya Angelou stammt ebenfalls daraus.

Unsere tiefste Angst

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich viel darüber nachdenke, wie wir unsere Welt ein Stück besser machen können. Ich bin immer auf der Suche nach Lösungen für die wachsenden weltweiten Herausforderungen und habe zuletzt vermehrt zum Aktivismus aufgerufen. Doch mir ist auch bewusst, dass das nicht für jede/n passt.  Ich bin überzeugt, dass wir ebenso einen Beitrag leisten können, wenn wir bei uns selbst beginnen. Und damit meine ich nicht nur einen bewussten und nachhaltigen Lebensstil, sondern zuallererst die Wertschätzung für uns selbst.

Ich begegne immer wieder Menschen, die sich klein machen und nicht für Dinge eintreten, die ihnen wichtig sind – schon gar nicht für sich selbst. Zuerst kommt die Arbeit, die Kinder, der Druck zu funktionieren und nicht selten der Wunsch, es allen recht zu machen. Dabei wird übersehen, wie  lebensnotwendig die Balance zwischen beruflichen und familiären Verpflichtungen und dem eigenen Wohlbefinden ist. Als berufstätige Mutter zweier Kinder weiß ich um die Herausforderung, im Alltag bei sich selbst zu bleiben. Und doch habe ich im Lauf der Jahre gelernt, wie wichtig es ist, gut für mich selbst zu sorgen.

Auf meinem Weg dorthin öffnete mir vor vielen Jahren ein Vorfall die Augen:
Ich bin auf dem Weg nachhause von einem Einkauf, bepackt mit zwei schweren Taschen. Vor wenigen Tagen habe ich nach einer Operation das Krankenhaus verlassen. In meinem Haus bleibe ich am Fuße der Stufen stehen und denke an die Worte des Arztes: Nichts Schweres heben! Kurz überlege ich, was ich tun soll, es ist niemand da, der mir helfen könnte. „Scheiß drauf“, schießt es mir durch den Kopf, ich hebe die Einkaufstaschen wieder hoch und steige die Stufen hinauf, drei Stöcke hoch. Danach bin ich erschöpft und fühle mich unwohl; wenige Stunden später muss ich erneut ins Krankenhaus.
Als ich kurz darauf in einer Gesprächstherapie die Episode mit den schweren Einkaufstaschen beschreibe, gebe ich den Gedanken wieder, der mir damals durch den Kopf schoss. Die Antwort meiner Therapeutin lautet: „In Wahrheit haben Sie auf sich selbst geschissen.“ Es brauchte tatsächlich solch drastische Worte, um mir klar zu machen, was ich mir und meinem Körper jahrelang angetan hatte. Und in einem Genesungsprozess, der sich über Jahre erstreckte, lernte ich, meine ureigenen Bedürfnisse zu erkennen und mich selbst wichtig zu nehmen.

In dieser Zeit stieß ich auf einen Text der amerikanischen Autorin und spirituellen Lehrerin Marianne Williamson, der tief in mir etwas zum Klingen brachte und den ich bis heute immer wieder zur Hand nehme, wenn ich an mir zweifle:

Unsere tiefste Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere tiefste Angst ist, über die Maßen machtvoll zu sein.
Es ist unser Licht, das uns erschreckt, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich geistreich, großartig, talentiert, fantastisch sein soll?
Aber wer bist du, dies nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes!
Dich klein zu machen dient der Welt nicht.
Es liegt nichts Erleuchtetes darin, zu schrumpfen, damit andere Menschen sich in deiner Nähe nicht unsicher fühlen.
Wir sollen alle strahlen, wie Kinder es tun.
Wir wurden geboren, damit die Herrlichkeit Gottes manifestiert wird, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen, sie ist in jedem von uns.
Wenn wir unser eigenes Licht leuchten lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, das gleiche zu tun.
Wenn wir frei von Angst sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

„Indem wir unser eigenes Licht leuchten lassen“ – wie schön! Wir alle tragen ein solches Licht in uns, doch viele bleiben lieber im Dunklen. Stellt euch vor, wir alle ließen dieses Licht leuchten! Wir könnten in unsere Kraft kommen, unsere Stärken leben und andere damit anstecken. Dieses Leuchten würde alles überstrahlen.
Ja, ich glaube fest daran, dass wir die Welt verändern können, wenn wir bei uns selbst beginnen.

Stürmische Zeiten

„Women don’t owe you shit“ lautet der whatsapp-Status meiner 14 jährigen Tochter. Und er sagt viel über dieses Mädchen aus, über ihre kämpferische Natur, ihr erwachendes weibliches Selbstverständnis. Wenn ich meine Gefühle für dieses schöne, kluge, lustige und temperamentvolle Mädchen beschreiben soll, fehlen mir zuweilen die Worte. Natürlich ist es Liebe, bedingungslos. Aber da ist noch viel mehr: Bewunderung, Dankbarkeit. Immer wieder Erstaunen über diese heranwachsende junge Frau, die in vielen Dingen so anders ist als ich. Und, in den turbulenten Zeiten der Pubertät, zunehmend auch die Frage: Kann ich meiner Tochter jemals gerecht werden? In einem Moment überschäumend vor Lebensfreude, im nächsten unnahbar und übellaunig. Fordernd und bissig, lustig und exaltiert, Schauspielerin mit Leib und Seele (das Foto zeigt sie als Mrs. Higgins in einer Schulaufführung von „My Fair Lady“). Schwankend zwischen dem Wunsch, möglichst schnell erwachsen zu werden, und dem Drang, sich in ihrem Zimmer zu verkriechen. Es ist ein ständiger Balanceakt: Für sie da zu sein, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, zugleich die Distanziertheit auszuhalten und zu respektieren.

Wenn ich dann hin und wieder ratlos bin, mich gekränkt und abgelehnt fühle, lese ich bei dem wunderbaren Jesper Juul nach: „Der Mythos, dass die Pubertät zwangsläufig eine Vielzahl von familiären Konflikten mit sich bringt, hat mit der Realität nichts zu tun“, schreibt der dänische Familientherapeut in seinem Buch „Dein kompetentes Kind“. „Wenn Konflikte entstehen, liegt das zumeist an der mangelnden Fähigkeit oder dem mangelnden Willen der Eltern, der individuellen Persönlichkeit ihres Kindes offen zu begegnen.“ Ich fühle mich ertappt: Allzu oft hadere ich mit der Tendenz meiner Tochter, sich zurück zu ziehen, frage sie, weshalb sie nichts mit ihren Freundinnen unternimmt, oder dränge sie dazu, mehr Sport zu machen.

„Das Problem der insistierenden, besserwisserischen Erziehung besteht darin, dass sie zwei Botschaften aussendet, auf die nur die wenigsten Jugendlichen ruhig und gelassen reagieren können“, schreibt Juul weiter.  „Erstens: ,Ich weiß, was gut für dich ist‘ und zweitens: ,Ich bin nicht zufrieden mit dir, wie du bist!‘. Eltern können zu diesem Zeitpunkt nichts Besseres tun, als sich zurück zu lehnen und das Resultat ihrer Anstrengungen der letzten Jahre zu genießen.“

Ich lasse diese Worte wirken und spüre, dass wir ganz viel richtig gemacht haben bei unserer Tochter. Ich habe auch in den stürmischsten Zeiten einen guten Draht zu ihr, sie weiß, dass sie mit ihren Eltern über alles reden kann und dass sie ernst genommen wird. Also nehme ich mir vor, mich in Gelassenheit zu üben und wieder mehr für mich zu tun. Denn meine Tochter ist nicht die Einzige in der Familie, die an Stimmungsschwankungen laboriert; und ich vermute, dass es Eltern, die im Reinen mit sich selbst sind, leichter fällt, ihre Kinder so zu nehmen wie sie sind. Also komme ich zu dem Schluss: Die Pubertät ist ein Lernprozess auf beiden Seiten und auch für uns Eltern die Chance, einen Schritt weiter zu gehen. Und ich spüre es wieder einmal ganz stark: Liebe bedeutet auch, loslassen zu können.

Die Dämonen der Kindheit

Wir schreiben das Jahr 1939, der zweite Weltkrieg hat gerade begonnen. In einem Wiener Krankenhaus bringt eine junge Frau ihr erstes Kind zur Welt, einen Sohn.

Es ist eine schwere Geburt mit Komplikationen und die Mutter stirbt wenige Tage danach. Der Vater, außer sich vor Schmerz über den Tod seiner Frau, lässt den Sohn im Krankenhaus zurück. Das Kind wird in einem staatlichen Kinderheim untergebracht, bis es nach einem Gerichtsbeschluss von seiner Großmutter aufgenommen wird. „Ich bin schuld am Tod meiner Mutter“ – dieser Satz brennt sich dem Jungen unauslöschlich ein, und seine Umgebung tut alles, ihn diese Schuld nicht vergessen zu lassen. Der Junge ist mein Vater.

Auch wenn ihn die Großmutter täglich wissen lässt, dass sie ihm den Tod ihrer Tochter nie verzeihen wird, entwickelt das Kind sich zu einem aufgeweckten Jungen, der es versteht, sich von seiner Oma die Aufmerksamkeit zu holen, die er braucht. So ist es auch an einem Tag gegen Ende des Krieges, als die Sirenen einen nahenden Luftangriff auf Wien ankündigen. Der kleine Junge ist gerade mit seiner Oma zu Besuch bei einer Freundin im Nebenhaus, als die Sirenen aufheulen. Er drängt die Oma, zurück in den Keller ihres Wohnhauses zu flüchten, doch dafür bleibt keine Zeit. Alle drei eilen in den Keller der Freundin hinunter, wo sie sich mit den anderen Hausbewohnern zusammen kauern und abwarten. Und dann zerrreißt eine ohrenbetäubende Explosion die Luft. Das Haus bebt und die Menschen im Keller befürchten das Schlimmste. Doch nichts passiert. Als nach der Entwarnung Ruhe einkehrt und sie sich hinaus wagen, sehen der kleine Junge und seine Oma das Nebenhaus – ihr Haus – in Schutt und Asche liegen. Alles ist verloren, der beste Freund tot. Und wieder senkt sich die Last der Schuld auf die Schultern des Jungen. Der Freund ist tot, er selbst aber darf leben? Die Großmutter, die nun kein Zuhause mehr hat, findet gemeinsam mit dem Jungen Zuflucht bei ihrer zweiten Tochter, der Tante des Kindes. Die nimmt ihren Neffen wie ihr eigenes Kind auf und bietet ihm fortan ein Zuhause.

Die Bürde der Schuld wird den jungen Mann ein Leben lang begleiten. In seinen dunkelsten Stunden wird er sich mit Alkohol betäuben, um zu vergessen. Er heiratet, wird Vater, doch die Dämonen holen ihn immer wieder ein. Er bleibt Zeit seines Lebens ein Einzelgänger, unfähig, sich selbst oder jemand anderen zu lieben. Die Mutter seiner Kinder verlässt ihn und er findet eine andere Frau, die bereit ist, sich für ihn aufzuopfern, die ihm helfen möchte. Doch es gelingt nicht, er kann auch diese Beziehung nicht aufrecht erhalten. Seinen nun erwachsenen Kindern entfremdet, überlässt er sich immer mehr dem Alkohol. Einzig seine jüngste Tochter sucht die Nähe des Vaters und fordert ihn dazu auf, sich mit ihr auseinander zu setzen. Eine Vater-Tochter-Beziehung entwickelt sich, die auf wackeligen Beinen steht, jedoch das Leben zweier verwandter Seelen bereichtert. In vielen Gesprächen erfährt die Tochter von der Kindheitsgeschichte ihres Vaters und beginnt, ihn besser zu verstehen. Diese Tochter bin ich.

Warum ich euch das erzähle? Weil ich glaube, dass die meisten von uns eine Last mit sich herumtragen, unverarbeitete Erlebnisse aus der Kindheit, die uns ein Leben lang begleiten. Die Geschichte meines Vaters ist eine Erinnerung für mich, immer wachsam zu bleiben und nicht leichtfertig über Menschen zu urteilen. Auch ich kenne das Empfinden von Schuld und weiß von dem Trost, den Alkohol spenden kann. Ich ließ Männer in mein Leben, die meinem Vater nur allzu ähnlich waren – mit allen negativen Begleiterscheinungen. Die Geschichte meines Vaters hat mich auch dazu inspiriert, meinen eigenen Dämonen auf den Grund zu gehen – und ich begriff, dass man sich manchmal Hilfe suchen muss, um Heilung zu finden.

Wenige Monate nach dem letzten Besuch bei meinem Vater bekam ich einen Anruf, der mir die Nachricht von seinem Tod überbrachte. Kurz davor hatte er mir auf meinen Anrufbeantworter gesprochen – ich rief ihn nicht gleich zurück. Er wurde nur 60 Jahre alt.