Die Freiheit in mir

Vor nicht langer Zeit saß ich in einem Musiklokal und wartete auf eine Freundin. Ich schaute mich um und beobachtete die Menschen um mich herum. Sie hatten etwas an sich, das mir in diesem Moment sehr erstrebenswert erschien, sie wirkten selbstbewusst, lässig, kreativ. Ein schleichendes Gefühl, nicht dazu zu gehören, breitete sich in mir aus. In mein Notizbuch schrieb ich an jenem Abend: Warum habe ich so oft das Gefühl, fehl am Platz zu sein, nicht ins Bild zu passen?

Dieses Empfinden, anders zu sein und mich unter Menschen einsam zu fühlen, verfolgt mich seit meiner Kindheit. Es begann in der Klosterschule und setzte sich fort im Musikgymnasium, wo ich mich unter all den musikalischen Genies fehl am Platz fühlte. Ich begann ein Studium, das ich nach kurzer Zeit abbrach und probierte es mit einer anderen Ausbildung – Fehlanzeige. Immer wieder der Gedanke: Ich gehöre nicht hierhin. Gleichzeitig tat ich alles, um draußen zu bleiben, war unnahbar und nahm wenig Rücksicht auf andere. Meine ältere Schwester erzählte mir eine Anekdote, die, wie sie meinte, typisch für mich gewesen sei: Wir waren bei Freunden eingeladen und die Gastgeberin hatte eine bestimmte Sitzordnung vorgesehen. Ich war die einzige, die sich woanders hin setzte. Solche Dinge bemerkte ich früher nicht einmal, ich spürte nur, dass ich mich nicht anpassen wollte, wenn es nicht für mich passte. Zwar nehme ich heute mehr Rücksicht auf andere, wehre mich aber nach wie vor gegen Gruppenzwang. Wenn irgendwo eine Menschenschlange angestellt ist, schaue ich mich nach einer anderen Möglichkeit um – die es oft auch gibt, wie etwa eine weitere geöffnete Kassa. Wenn ich von etwas überzeugt bin, stehe ich zu meiner Meinung, selbst wenn ich mich damit unbeliebt mache.

Diese Unangepasstheit hat ihren Preis und sie hat mich oft einsam gemacht. Irgendwann merkte ich jedoch: Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und dazu stehen kann, wer ich bin, ist es nicht mehr so wichtig, was andere über mich denken oder ob ich zu einer bestimmten Gruppe gehöre. Dann fühle ich mich wohl in meiner Haut und kann auch alleine sein, ohne mich einsam zu fühlen. Ein Zitat der afroamerikanischen Autorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou beschreibt das sehr schön: „Man ist erst dann frei, wenn man erkennt, dass man nirgendwo hingehört. Man gehört überall hin – und nirgends. Der Preis ist hoch. Die Belohnung auch.“ Ich verstand: Das Einzige das zählt, ist zu mir selbst zu gehören, in meinem Sein authentisch zu bleiben.

Das Schöne daran: Ich muss keine eigenbrötlerische Egomanin sein, um mich mit mir wohl zu fühlen, sondern kann empathisch bleiben und die Gesellschaft anderer genießen. Am stärksten verspüre ich diese Verbundenheit in meiner Familie und mit guten Freunden – mit Menschen, die mich nehmen können, wie ich bin. Oder beim Netzwerken mit Gleichgesinnten, die sich für die selben Werte einsetzen. Immer öfter spüre ich aber auch eine tiefe Verbindung zu Menschen, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheinen als ich oder die vom Leben benachteiligt sind. Die Soziologin und Autorin Brené Brown schreibt zu diesem Gefühl der Verbundenheit: „Spiritualität bedeutet anzuerkennen und zu feiern, dass wir alle durch eine Macht, die größer ist als wir selbst, untrennbar miteinander verbunden sind und dass sich unsere Verbindung zu dieser Macht und zueinander auf Liebe und Mitgefühl gründet.“ Alleine und doch verbunden – was für ein schöner Gedanke!

Brené Browns Buch „Entdecke deine innere Stärke“ hat mich zu diesem Artikel inspiriert, das Zitat von Maya Angelou stammt ebenfalls daraus.

Unsere tiefste Angst

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich viel darüber nachdenke, wie wir unsere Welt ein Stück besser machen können. Ich bin immer auf der Suche nach Lösungen für die wachsenden weltweiten Herausforderungen und habe zuletzt vermehrt zum Aktivismus aufgerufen. Doch mir ist auch bewusst, dass das nicht für jede/n passt.  Ich bin überzeugt, dass wir ebenso einen Beitrag leisten können, wenn wir bei uns selbst beginnen. Und damit meine ich nicht nur einen bewussten und nachhaltigen Lebensstil, sondern zuallererst die Wertschätzung für uns selbst.

Ich begegne immer wieder Menschen, die sich klein machen und nicht für Dinge eintreten, die ihnen wichtig sind – schon gar nicht für sich selbst. Zuerst kommt die Arbeit, die Kinder, der Druck zu funktionieren und nicht selten der Wunsch, es allen recht zu machen. Dabei wird übersehen, wie  lebensnotwendig die Balance zwischen beruflichen und familiären Verpflichtungen und dem eigenen Wohlbefinden ist. Als berufstätige Mutter zweier Kinder weiß ich um die Herausforderung, im Alltag bei sich selbst zu bleiben. Und doch habe ich im Lauf der Jahre gelernt, wie wichtig es ist, gut für mich selbst zu sorgen.

Auf meinem Weg dorthin öffnete mir vor vielen Jahren ein Vorfall die Augen:
Ich bin auf dem Weg nachhause von einem Einkauf, bepackt mit zwei schweren Taschen. Vor wenigen Tagen habe ich nach einer Operation das Krankenhaus verlassen. In meinem Haus bleibe ich am Fuße der Stufen stehen und denke an die Worte des Arztes: Nichts Schweres heben! Kurz überlege ich, was ich tun soll, es ist niemand da, der mir helfen könnte. „Scheiß drauf“, schießt es mir durch den Kopf, ich hebe die Einkaufstaschen wieder hoch und steige die Stufen hinauf, drei Stöcke hoch. Danach bin ich erschöpft und fühle mich unwohl; wenige Stunden später muss ich erneut ins Krankenhaus.
Als ich kurz darauf in einer Gesprächstherapie die Episode mit den schweren Einkaufstaschen beschreibe, gebe ich den Gedanken wieder, der mir damals durch den Kopf schoss. Die Antwort meiner Therapeutin lautet: „In Wahrheit haben Sie auf sich selbst geschissen.“ Es brauchte tatsächlich solch drastische Worte, um mir klar zu machen, was ich mir und meinem Körper jahrelang angetan hatte. Und in einem Genesungsprozess, der sich über Jahre erstreckte, lernte ich, meine ureigenen Bedürfnisse zu erkennen und mich selbst wichtig zu nehmen.

In dieser Zeit stieß ich auf einen Text der amerikanischen Autorin und spirituellen Lehrerin Marianne Williamson, der tief in mir etwas zum Klingen brachte und den ich bis heute immer wieder zur Hand nehme, wenn ich an mir zweifle:

Unsere tiefste Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere tiefste Angst ist, über die Maßen machtvoll zu sein.
Es ist unser Licht, das uns erschreckt, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich geistreich, großartig, talentiert, fantastisch sein soll?
Aber wer bist du, dies nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes!
Dich klein zu machen dient der Welt nicht.
Es liegt nichts Erleuchtetes darin, zu schrumpfen, damit andere Menschen sich in deiner Nähe nicht unsicher fühlen.
Wir sollen alle strahlen, wie Kinder es tun.
Wir wurden geboren, damit die Herrlichkeit Gottes manifestiert wird, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen, sie ist in jedem von uns.
Wenn wir unser eigenes Licht leuchten lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, das gleiche zu tun.
Wenn wir frei von Angst sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

„Indem wir unser eigenes Licht leuchten lassen“ – wie schön! Wir alle tragen ein solches Licht in uns, doch viele bleiben lieber im Dunklen. Stellt euch vor, wir alle ließen dieses Licht leuchten! Wir könnten in unsere Kraft kommen, unsere Stärken leben und andere damit anstecken. Dieses Leuchten würde alles überstrahlen.
Ja, ich glaube fest daran, dass wir die Welt verändern können, wenn wir bei uns selbst beginnen.

Stürmische Zeiten

„Women don’t owe you shit“ lautet der whatsapp-Status meiner 14 jährigen Tochter. Und er sagt viel über dieses Mädchen aus, über ihre kämpferische Natur, ihr erwachendes weibliches Selbstverständnis. Wenn ich meine Gefühle für dieses schöne, kluge, lustige und temperamentvolle Mädchen beschreiben soll, fehlen mir zuweilen die Worte. Natürlich ist es Liebe, bedingungslos. Aber da ist noch viel mehr: Bewunderung, Dankbarkeit. Immer wieder Erstaunen über diese heranwachsende junge Frau, die in vielen Dingen so anders ist als ich. Und, in den turbulenten Zeiten der Pubertät, zunehmend auch die Frage: Kann ich meiner Tochter jemals gerecht werden? In einem Moment überschäumend vor Lebensfreude, im nächsten unnahbar und übellaunig. Fordernd und bissig, lustig und exaltiert, Schauspielerin mit Leib und Seele (das Foto zeigt sie als Mrs. Higgins in einer Schulaufführung von „My Fair Lady“). Schwankend zwischen dem Wunsch, möglichst schnell erwachsen zu werden, und dem Drang, sich in ihrem Zimmer zu verkriechen. Es ist ein ständiger Balanceakt: Für sie da zu sein, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, zugleich die Distanziertheit auszuhalten und zu respektieren.

Wenn ich dann hin und wieder ratlos bin, mich gekränkt und abgelehnt fühle, lese ich bei dem wunderbaren Jesper Juul nach: „Der Mythos, dass die Pubertät zwangsläufig eine Vielzahl von familiären Konflikten mit sich bringt, hat mit der Realität nichts zu tun“, schreibt der dänische Familientherapeut in seinem Buch „Dein kompetentes Kind“. „Wenn Konflikte entstehen, liegt das zumeist an der mangelnden Fähigkeit oder dem mangelnden Willen der Eltern, der individuellen Persönlichkeit ihres Kindes offen zu begegnen.“ Ich fühle mich ertappt: Allzu oft hadere ich mit der Tendenz meiner Tochter, sich zurück zu ziehen, frage sie, weshalb sie nichts mit ihren Freundinnen unternimmt, oder dränge sie dazu, mehr Sport zu machen.

„Das Problem der insistierenden, besserwisserischen Erziehung besteht darin, dass sie zwei Botschaften aussendet, auf die nur die wenigsten Jugendlichen ruhig und gelassen reagieren können“, schreibt Juul weiter.  „Erstens: ,Ich weiß, was gut für dich ist‘ und zweitens: ,Ich bin nicht zufrieden mit dir, wie du bist!‘. Eltern können zu diesem Zeitpunkt nichts Besseres tun, als sich zurück zu lehnen und das Resultat ihrer Anstrengungen der letzten Jahre zu genießen.“

Ich lasse diese Worte wirken und spüre, dass wir ganz viel richtig gemacht haben bei unserer Tochter. Ich habe auch in den stürmischsten Zeiten einen guten Draht zu ihr, sie weiß, dass sie mit ihren Eltern über alles reden kann und dass sie ernst genommen wird. Also nehme ich mir vor, mich in Gelassenheit zu üben und wieder mehr für mich zu tun. Denn meine Tochter ist nicht die Einzige in der Familie, die an Stimmungsschwankungen laboriert; und ich vermute, dass es Eltern, die im Reinen mit sich selbst sind, leichter fällt, ihre Kinder so zu nehmen wie sie sind. Also komme ich zu dem Schluss: Die Pubertät ist ein Lernprozess auf beiden Seiten und auch für uns Eltern die Chance, einen Schritt weiter zu gehen. Und ich spüre es wieder einmal ganz stark: Liebe bedeutet auch, loslassen zu können.

Die Dämonen der Kindheit

Wir schreiben das Jahr 1939, der zweite Weltkrieg hat gerade begonnen. In einem Wiener Krankenhaus bringt eine junge Frau ihr erstes Kind zur Welt, einen Sohn.

Es ist eine schwere Geburt mit Komplikationen und die Mutter stirbt wenige Tage danach. Der Vater, außer sich vor Schmerz über den Tod seiner Frau, lässt den Sohn im Krankenhaus zurück. Das Kind wird in einem staatlichen Kinderheim untergebracht, bis es nach einem Gerichtsbeschluss von seiner Großmutter aufgenommen wird. „Ich bin schuld am Tod meiner Mutter“ – dieser Satz brennt sich dem Jungen unauslöschlich ein, und seine Umgebung tut alles, ihn diese Schuld nicht vergessen zu lassen. Der Junge ist mein Vater.

Auch wenn ihn die Großmutter täglich wissen lässt, dass sie ihm den Tod ihrer Tochter nie verzeihen wird, entwickelt das Kind sich zu einem aufgeweckten Jungen, der es versteht, sich von seiner Oma die Aufmerksamkeit zu holen, die er braucht. So ist es auch an einem Tag gegen Ende des Krieges, als die Sirenen einen nahenden Luftangriff auf Wien ankündigen. Der kleine Junge ist gerade mit seiner Oma zu Besuch bei einer Freundin im Nebenhaus, als die Sirenen aufheulen. Er drängt die Oma, zurück in den Keller ihres Wohnhauses zu flüchten, doch dafür bleibt keine Zeit. Alle drei eilen in den Keller der Freundin hinunter, wo sie sich mit den anderen Hausbewohnern zusammen kauern und abwarten. Und dann zerrreißt eine ohrenbetäubende Explosion die Luft. Das Haus bebt und die Menschen im Keller befürchten das Schlimmste. Doch nichts passiert. Als nach der Entwarnung Ruhe einkehrt und sie sich hinaus wagen, sehen der kleine Junge und seine Oma das Nebenhaus – ihr Haus – in Schutt und Asche liegen. Alles ist verloren, der beste Freund tot. Und wieder senkt sich die Last der Schuld auf die Schultern des Jungen. Der Freund ist tot, er selbst aber darf leben? Die Großmutter, die nun kein Zuhause mehr hat, findet gemeinsam mit dem Jungen Zuflucht bei ihrer zweiten Tochter, der Tante des Kindes. Die nimmt ihren Neffen wie ihr eigenes Kind auf und bietet ihm fortan ein Zuhause.

Die Bürde der Schuld wird den jungen Mann ein Leben lang begleiten. In seinen dunkelsten Stunden wird er sich mit Alkohol betäuben, um zu vergessen. Er heiratet, wird Vater, doch die Dämonen holen ihn immer wieder ein. Er bleibt Zeit seines Lebens ein Einzelgänger, unfähig, sich selbst oder jemand anderen zu lieben. Die Mutter seiner Kinder verlässt ihn und er findet eine andere Frau, die bereit ist, sich für ihn aufzuopfern, die ihm helfen möchte. Doch es gelingt nicht, er kann auch diese Beziehung nicht aufrecht erhalten. Seinen nun erwachsenen Kindern entfremdet, überlässt er sich immer mehr dem Alkohol. Einzig seine jüngste Tochter sucht die Nähe des Vaters und fordert ihn dazu auf, sich mit ihr auseinander zu setzen. Eine Vater-Tochter-Beziehung entwickelt sich, die auf wackeligen Beinen steht, jedoch das Leben zweier verwandter Seelen bereichtert. In vielen Gesprächen erfährt die Tochter von der Kindheitsgeschichte ihres Vaters und beginnt, ihn besser zu verstehen. Diese Tochter bin ich.

Warum ich euch das erzähle? Weil ich glaube, dass die meisten von uns eine Last mit sich herumtragen, unverarbeitete Erlebnisse aus der Kindheit, die uns ein Leben lang begleiten. Die Geschichte meines Vaters ist eine Erinnerung für mich, immer wachsam zu bleiben und nicht leichtfertig über Menschen zu urteilen. Auch ich kenne das Empfinden von Schuld und weiß von dem Trost, den Alkohol spenden kann. Ich ließ Männer in mein Leben, die meinem Vater nur allzu ähnlich waren – mit allen negativen Begleiterscheinungen. Die Geschichte meines Vaters hat mich auch dazu inspiriert, meinen eigenen Dämonen auf den Grund zu gehen – und ich begriff, dass man sich manchmal Hilfe suchen muss, um Heilung zu finden.

Wenige Monate nach dem letzten Besuch bei meinem Vater bekam ich einen Anruf, der mir die Nachricht von seinem Tod überbrachte. Kurz davor hatte er mir auf meinen Anrufbeantworter gesprochen – ich rief ihn nicht gleich zurück. Er wurde nur 60 Jahre alt.

50 – na und?

Es war vor ungefähr einem Jahr, als mir ein flüchtiger Bekannter auf den Kopf zusagte, dass ich unzufrieden wirke. „Wenn du nicht aufpasst, gehörst du bald zu diesen verbissenen älteren Frauen mit hängenden Mundwinkeln.“ Zack, das saß. Mein erster Impuls war, hysterisch zu lachen. Der zweite, aufzuspringen und zu gehen. Doch ich blieb sitzen, stumm, und dachte: Er hat recht.

Das vergangene Jahr wird in meine persönlichen Annalen als jenes eingehen, in dem ich in die Krise schlitterte. Midlife-Crisis, Wechseljahre, was auch immer. Ich steuerte auf meinen 50. Geburtstag zu und stellte alles in Frage: Meine Arbeit, meine Beziehung, meine Qualitäten als Ehefrau und Mutter – alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte. Dazu kamen gesundheitliche Probleme und finanzielle Sorgen. Mehr als einmal hätte ich am liebsten alles liegen und stehen gelassen, um einfach abzuhauen. 50 mag nur eine Zahl sein, aber diese Zahl ließ und lässt mich nicht kalt, auch ein halbes Jahr nach meinem Geburtstag fällt es mir schwer, sie auszusprechen. Dass ich ständig für jünger gehalten werde, macht die Sache auch nicht einfacher – es verwirrt mich eher noch mehr. Unbekannten, denen ich erzähle, dass ich einen 20 jährigen Sohn habe, steht die Verwirrung oft ins Gesicht geschrieben. Ich entwickle jüngeren Frauen gegenüber zunehmend mütterliche Gefühle, möchte sie unter meine Fittiche nehmen – und fühle mich unter jungen Menschen zuweilen fehl am Platz.

Ich beschloss also, meinen 50. Geburtstag mit Freunden und Familie zu feiern und es ordentlich krachen zu lassen. Ich erfüllte mir einen jahrelangen Traum und sang einen meiner Lieblingssongs vor allen Anwesenden. Zwar zitterten mir die Knie, aber ich fühlte mich lebendig wie lange nicht. Ich sang, tanzte und lachte mit meinen Freunden und meiner Familie – und einige Tage später brach ich zu einer dreiwöchigen Reise in die USA auf. Auch das war ein lange gehegter Wunsch von mir, ein Geschenk, das ich mir zu meinem runden Geburtstag selbst machte, mit der Unterstützung vieler lieber Menschen. Diese Reise war buchstäblich meine Rettung: Als ich zurück kam, hatte ich meine Balance wieder gefunden. Seither geht es aufwärts. Ich spüre es zwar immer noch, das hormonelle Auf und Ab, und es könnte durchaus sein, dass es noch eine Weile so weitergeht. Aber da ist auch eine neue Gelassenheit, die ich immer öfters empfinde. Eine satte Zufriedenheit mit dem, was gerade ist – dann fühle ich mich so sehr im Hier und Jetzt verankert, wie ich es früher nicht kannte.

Was die hängenden Mundwinkel betrifft: Ich habe beschlossen, wieder mehr zu lachen. Viel zu oft habe ich in der Vergangenheit nur verkrampft gegrinst oder verschämt gelächelt, um meine Zähne nicht zu zeigen – die sind nämlich schief. Ich übe mich also darin, Menschen anzulachen – und bis jetzt hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt oder sich über mich lustig gemacht. Auch meinen Mann lache ich jetzt wieder öfters an, statt Machtkämpfe mit ihm auszutragen, und das tut uns beiden gut. Ich bin eine Frau mittleren Alters, die hin und wieder mit ihren Hormonteufelchen kämpft und habe schiefe Zähne. Ich bin 50 und nicht perfekt – na und?

Mädchenpower

Selbstbewusste Frauen haben es heute schwerer denn je. Unsere Töchter können wir stärken, indem wir ihnen auf Augenhöhe begegnen und ihre Grenzen respektieren.

Die Zeiten sind für uns Frauen (noch) härter geworden. Je selbstsicherer wir werden und je mehr wir uns gegen männliche Übergriffe wehren, desto stärker wird der Gegenwind. Frauen, die sich zur Wehr setzen, werden mundtot gemacht, wie die Fälle Christine Blasey Ford oder Sigi Maurer zeigen.

Selbstbewusste Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, sind zwar mehr geworden – doch sie sind immer noch in der Minderheit. Ich sehe eine unserer größten Aufgaben als Eltern daher darin, unseren Töchtern Stärke und Selbstsicherheit zu vermitteln. Das bedeutet, sie wert zu schätzen und sie in ihrer Persönlichkeit zu bestärken. Ich möchte meine Tochter ermutigen, im richtigen Moment Nein zu sagen und ihre Grenzen respektieren. Sie dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst zu spüren. Und das gilt nicht nur für Töchter, sondern auch für unsere Söhne – denn ein gesundes Selbstwertgefühl ist der beste Weg zu einem respektvollen Umgang mit sich selbst und Anderen. Dazu braucht es allerdings auch Väter, die für ihre Kinder präsent sind und diese Eigenschaften vorleben. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, der unseren Kindern in vielerlei Hinsicht Vorbild ist.

Dass Frauen alleine wegen ihres Frau-Seins herab gewürdigt und belästigt werden, musste ich in jungen Jahren schmerzlich erfahren. Mein Selbstwertgefühl erarbeitete ich mir schrittweise, meine Familie war dabei keine Hilfe. Ich wuchs in dem Glauben auf, Bescheidenheit und Zurückhaltung seien erstrebenswerte Tugenden, lernte, dass andere Meinungen mehr zählten als meine eigene – besonders die von Männern. Doch in dem Maße, in dem mein Selbstwertgefühl wuchs, taten sich ungeahnte Möglichkeiten auf, gleichzeitig nahmen Grenzüberschreitungen von männlicher Seite ab. Indem ich lernte, mich selbst zu lieben, wuchs auch der Respekt der Männer (und Frauen) in meiner Umgebung.

Ich möchte es meiner Tochter leichter machen, möchte ihr den Kampf ersparen, den ich jahrelang geführt habe – gegen mich selbst und gegen Männer, die mich nicht wertschätzten. Daher ist es mir ein Herzensanliegen, meine Lebenserfahrung an sie weiter zu geben, sie in ihrem So-Sein zu bestärken – gerade auch, weil ihr Naturell sich von meinem grundlegend unterscheidet. Und wenn ich sie heute mit ihren vierzehn Jahren sehe, ihre unbändige Lebenslust, ihre kämpferische Natur und den Willen, alles zu erreichen, was sie sich vorgenommen hat, spüre ich, dass wir zwei auf einem guten Weg sind.

Beziehungsleben

Mein Mann und ich haben etwas zu feiern: Wir sind seit 15 Jahren ein Paar. In all den Jahren haben wir uns geliebt und gestritten, Machtkämpfe ausgefochten und Krisen überstanden. Und wissen heute mehr denn je: Wir gehören zusammen.

Wir sind in manchen Belangen wie Tag und Nacht, in anderen ergänzen wir uns wunderbar: Mein Mann liebt das kreative Chaos und lässt die Dinge gerne auf sich zukommen, ich plane lieber und bin gut organisiert. Er ist ein überschwänglicher Mensch, der am liebsten die ganze Welt umarmen würde, ich werde von Freunden gerne als „freundlich-distanziert“ bezeichnet. Er liebt das Bad in der Menge, ich genieße das Alleinsein. Und wir sind zwei Dickköpfe, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Es gab Zeiten, in denen wir mehr gegeneinander waren als miteinander, und Momente, in denen ich am liebsten gegangen wäre. Doch eines vereint uns: In unserem tiefsten Inneren haben wir stets gespürt, dass wir gut füreinander sind, und diese Verbundenheit motiviert uns immer wieder aufs Neue, aufeinander zu zu gehen. Wir teilen dieselben Werte: Gleichheit, Gerechtigkeit, Weltoffenheit. Das größte Geschenk ist jedoch unsere Tochter. Dieses wunderbare Mädchen ist Grund genug für mich, das Beste aus meiner Beziehung zu machen. Ich möchte ihr vorleben, dass es möglich ist, eine selbstbestimmte Frau zu sein und zugleich eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu führen.

(c) privat

Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir uns auf unseren Partner wahrhaftig einlassen, heil werden können. Unsere Partner sind immer Spiegel unserer selbst. Das kann weh tun, weil wir alle Kindheitsverletzungen in uns tragen und unser Partner mit großer Wahrscheinlichkeit an diesen Wunden rühren wird. Was uns zu Beginn am Liebsten anzieht und berührt, wird uns später lästig, sobald die erste Verliebtheit vorbei ist. Doch darin liegt unsere große Chance: wenn wir uns einander anvertrauen, unseren alten Verletzungen nachspüren, können wir gemeinsam diese Wunde heilen. Dazu ist es allerdings notwendig, den Partner als Verbündeten zu sehen und nicht als Feind. In unseren größten Krisenzeiten haben mein Mann und ich uns daher Hilfe von außen geholt. „Wenn wir als Paar Krisen durchstehen, an der Beziehung arbeiten und uns nicht gleich trennen, entwickeln wir uns weiter, werden reifer“, sagt Sabine Bösel, Imago-Therapeutin.

Ich selbst habe durch frühe Verletzungen und aufgrund negativer Erfahrungen mit Männern lange keinen Partner an mich heran gelassen. Meine Mutter und mein Vater trennten sich, als ich vier war, mein Stiefvater verließ uns zu Beginn meines Erwachsenenlebens. Mich einem Mann mit Haut und Haaren anzuvertrauen, machte mir lange Zeit Angst – was dazu führte, dass ich mir Männer suchte, die mich wahlweise auf Abstand hielten oder mich nicht respektierten (oder beides). Mein Mann trat in mein Leben, als es mir am dreckigsten ging: Ich hatte eine schmerzhafte Trennung hinter mir und einen kleinen Sohn, der unendlich unter dieser Trennung litt. Richard hörte sich geduldig meine Probleme und Selbstvorwürfe an und gab mir das Gefühl, immer für mich da zu sein. Durch ihn lernte ich, mich selbst wert zu schätzen. Dennoch hatte ich Angst, mich erneut auf eine Beziehung einzulassen und hielt ihn vorerst auf Abstand – und neige bis heute dazu, mich zurück zu ziehen, wenn die Nähe zu groß wird. Mein Mann wiederum ist ein Mensch, der Nähe sucht – wie kann das funktionieren?

Die unumstößliche Wahrheit ist: Es gehören zwei dazu. Zwei, die bereit sind, sich wieder und wieder aufeinander einzulassen, sich der täglichen Beziehungsarbeit zu stellen und nach jeder Krise einen Schritt weiter zu gehen. Das erfordert viel Mut und die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Partner. Die Belohnung dafür ist ein bereichernder Austausch, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das jede Krise überwinden kann.

Der Weg ist das Ziel

Reisen bedeutet für mich vor allem: mich auf die Menschen einzulassen, einzutauchen in das Land und mich treiben zu lassen. Je länger ich unterwegs bin, desto besser gelingt mir das.

(c) Susanne Wolf

Spätestens seit New Orleans, dieser entspannten Stadt, spüre ich, wie sich alles von selbst ergibt: ich suche dringend eine Unterkunft für eine zusätzliche Nacht und bekomme ein kostenloses Zimmer in meinem Guesthouse angeboten (zwar ohne Badezimmer, aber hey, ich war immer schon eine Improvisationskünstlerin!). Ich ändere spontan meine Pläne für die Weiterreise und suche eine Unterkunft über Couchsurfing für Albuquerque, New Mexico – und lande gleich bei der ersten Anfrage einen Volltreffer. Rosalie, meine Gastgeberin, ist eine kluge und weltoffene Frau, mit der ich Gespräche über das Reisen und über Politik führe. Bei einem gemeinsamen Abendessen lerne ich ihre Freundin Jane, eine pensionierte Gynäkologin, kennen, die mich mit ihrem trockenen Humor zum Lachen bringt. Als sie über ihr Haus am anderen Ende der Stadt, nahe des Rio Grande, erzählt, denke ich: Da will ich hin. Am nächsten Tag fragt Rosalie mich, ob ich mit ihr und Jane einen kleinen Ausflug machen möchte – in Jane’s Wohngegend. Und ob ich will! Bei unserem Spaziergang überholt uns eine Gruppe junger, durchtrainierter Männer und ich zücke spontan meine Kamera. „Don’t we have nice scenery?“ fragt Jane lachend. Später schlendere ich durch die Altstadt von Albuquerque, gemeinsam mit etlichen anderen Touristen. Auf dem Gehweg kommt mir ein Mann entgegen, beim Versuch, einander auszuweichen, stoßen wir beinahe zusammen. Er breitet seine Arme aus, fragt „Do you wanna dance?“ und geht lachend an mir vorbei. Die Freundlichkeit der Amerikaner ist einer der Gründe, weshalb es mich immer wieder in dieses Land zieht.

(c) Susanne Wolf

Die Weite des Landes und der tiefblaue Himmel haben eine beinahe meditative Wirkung auf mich, ich genieße jeden Augenblick. Je länger ich unterwegs bin, desto mehr gelingt es mir, im Hier und Jetzt zu sein. Ich denke nicht mehr darüber nach was ich tun oder mir ansehen sollte – sondern lasse auf mich zukommen, was sich ergibt. Weit weg erscheinen mir nun die Probleme, die mich vor meiner Abreise beschäftigten. Ich hatte so vieles in Frage gestellt: Meine selbständige Arbeit als Journalistin, die unzähligen Herausforderungen des Alltags. Das Leben erschien mir als einzige Anstrengung, ein Dahintänzeln am Rande der Erschöpfung. Und nun, unterwegs durch dieses Land der unendlichen Vielfalt, tun sich plötzlich neue Perspektiven auf. Nun wird mir wieder klar: Es liegt an mir, das Beste aus meinem Leben und meiner Arbeit zu machen.

Noch heute geht es weiter nach Santa Fe, der Besuch dort war der ursprüngliche Grund für meine Reise. Seit Jahren wünsche ich mir, diesen Ort kennen zu lernen, den viele Künstler als magisch und inspirierend bezeichnen. Julia Cameron hat ihr Buch „Der Weg des Künstlers“, hier geschrieben – ein Buch, das mich seit langer Zeit begleitet. Auch in Santa Fe habe ich über Couchsurfing eine Unterkunft gefunden – und auch das ist für mich ein Teil des Abenteuers Reisen: Mich auf jemanden einzulassen, den ich nie zuvor gesehen habe. Es funktioniert: Ich bin beim Couchsurfen noch nie enttäuscht worden.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Ich sitze im Zug Richtung New Orleans, seit Stunden begleitet von sattem Grün auf roter Erde, durchzogen von sumpfigem Boden. Die Sonne bricht immer wieder durch die dichten Bäume, und endlich kann ich es fühlen: Ich bin angekommen auf dieser Reise.

(c) Susanne Wolf

Hinter mir liegt ein kurzer Aufenthalt in Brooklyn, New York und eine 23 stündige Bahnfahrt in den Süden, gefolgt von einem Treffen mit meiner ehemaligen Gastfamilie in Alabama. Tagelang fragte ich mich, wo die Entspannung bleibt, war zu sehr damit beschäftigt, dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen und meine weitere Route zu planen. Und ich traf so viele unterschiedliche Menschen: Hillary, die New Yorker Poetin und Lehrerin; Russ, unermüdlicher Kritiker seines Landes; Bill, mein Sitznachbar im Zug, der mir ein von Zahnlücken durchsetztes Lächeln schenkt und mir von seinen Enkeln erzählt; Nancy und ihr Mann Jay, die sich in Alabama ein stattliches Heim geschaffen haben und es selbstverständlich finden, Waffen zu besitzen – „gut verschlossen“, wie sie betonen.

Das Bahnfahren entschleunigt mich wie immer, und dennoch vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Die Sitze sind komfortabel mit viel Beinfreiheit und es macht Spaß, das Zugpersonal bei ihrer Arbeit zu beobachten. Einem Zugbegbleiter beantworte ich die Frage, woher ich komme, mit einem routinierten „Austria, Europe“, in dem Wissen, dass viele Amerikaner Austria mit Australia verwechseln. In schönem Deutsch erzählt er mir daraufhin, dass er vor langer Zeit in Berlin gelebt habe.

(c) Susanne Wolf

Und endlich New Orleans, eine Stadt, die so ganz anders ist als die amerikanischen Städte, die ich kenne. Zak, der Chef meines Guesthouse erklärt mir, weshalb es erst ab 9 Uhr Frühstück gibt: „We take it easy.“ Es mag an den Temperaturen liegen, dass hier alles ein bisschen langsamer abläuft – es ist bereits jetzt im April sommerlich schwül und ich frage mich, wie heiß es wohl im Hochsommer wird. Wegen meiner chaotischen Planung bin ich auf der Suche nach einer Unterkunft für eine Nacht, bevor es weiter Richtung New Mexico geht. Das Wochenende naht und die ganze Stadt scheint ausgebucht zu sein. Also bietet Zak mir ein winziges Zimmer in seinem Guesthouse an und ich lerne die kreolische Hilfsbereitschaft kennen: „This is a little lagniappe from our side“ – eine kleine Aufmerksamkeit, ich muss nichts für diese eine Nacht bezahlen.

Ich verliebe mich sofort in die Stadt: Die Farbenpracht, die Gelassenheit der Menschen, das Lüftchen, das vom Mississippi River herüberweht. An jeder Ecke ist Musik zu hören – von Jazz-Bands in Lokalen bis zu jungen Leuten, die in der Wiese auf ihren Geigen und Banjos üben. Menschen sitzen auf ihren Veranden und rufen mir ein freundliches „Hello“ zu oder haben die Türen zu ihren Häuschen geöffnet. Ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht leicht fallen wird, weiter zu ziehen – doch die Weiterreise nach Albuquerque, New Mexico, ist bereits gebucht.

Aufbruchstimmung

Soll ich oder soll ich nicht? Oder vielmehr: Darf ich das? Seit Jahren träume ich davon, mich alleine auf den Weg zu machen, meinen Alltag für einige Wochen hinter mir zu lassen. Die letzten Jahre waren eine einzige Herausforderung: Mein Leben als Selbständige, die Tochter in der Pubertät, der Sohn auf dem Sprung ins Erwachsensein – und ein Mann, der sich vor einigen Jahren ebenfalls selbständig gemacht hat. Das bedeutete einen ständigen Balanceakt am Rande der Erschöpfung, ein hormonelles Auf und Ab – begleitet von der Frage: Geht da noch was?

Der Wunsch, den Alltagspflichten zumindest für einige Zeit zu entkommen, wurde mitunter beinahe übermächtig. Doch immer wieder tauchte die Frage auf: Darf ich das, meinen Mann alleine lassen mit einer Tochter, deren Stimmungen im Stundentakt schwanken? Darf ich mich auf den Weg machen, wenn das Geld ständig knapp ist? Ich beschloss, all diese Fragen mit einem deutlichen JA zu beantworten: Mein 50. Geburtstag sollte der Anlass für eine längere Reise werden. Ich darf, weil ich mir selbst die Erlaubnis dazu gebe. Denn ich spüre es ganz deutlich, wie sehr ich diese Auszeit brauche, wie sehr ich mich danach sehne, alleine unterwegs zu sein. Wenn ich alleine reise, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und mich für neue Ideen zu öffnen. Ich beschloss, über meine Erfahrungen auf dieser Reise zu schreiben.

Reisen haben mich seit meiner Kindheit begleitet. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein, in andere Kulturen einzutauchen und fremde Menschen kennen zu lernen, gehört zu mir wie eine Extraportion Abenteuerlust. Ich erinnere mich lebhaft an die erste große Reise mit meinen Eltern: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen, neben mir am Rücksitz quetschten sich Onkel und Tante in den kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns anzutreten. Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und weiter bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – da waren Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Das Meer! Die Klippen! Ich saugte alles in mir auf und konnte nicht genug kriegen von diesem neuen Gefühl.

Die Reiselust ist zu meiner treuen Begleiterin geworden: Nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fort zu kommen. Berufliche Reisen haben mich nach Indien und Westafrika geführt, nach Marokko und Honduras. Und darüber zu schreiben, macht das Reisen erst perfekt. Diesmal zieht es mich in die USA: Meine Reise wird mich von New York, dieser Stadt meiner Träume, in den Süden der Vereinigten Staaten führen. In Alabama wartet meine Gastfamilie auf mich, die mir vor über 30 Jahren für ein Schuljahr ein Zuhause bot. Von dort geht es weiter über New Orleans bis nach Santa Fe, New Mexico – mit dem Zug. Denn beim Bahnfahren gelingt es mir am besten, abzuschalten und den Kopf frei zu kriegen.

Ich werde diese Reise auch unternehmen, um die USA, dieses Land der Widersprüche, neu zu entdecken. Nicht jeder hat Verständnis dafür, dass es mich gerade jetzt dorthin zieht, angesichts eines umstrittenen Präsidenten. Ich antworte darauf stets: „Was würde es ändern, wenn ich zuhause bliebe?“ Lieber möchte ich mir ein Bild von der Stimmung im Land machen und mit den Menschen sprechen. Das allerwichtigste wird jedoch sein, dass ich diese Reise für mich unternehme. Um bei mir selbst anzukommen.