Die Freiheit in mir

Vor nicht langer Zeit saß ich in einem Musiklokal und wartete auf eine Freundin. Ich schaute mich um und beobachtete die Menschen um mich herum. Sie hatten etwas an sich, das mir in diesem Moment sehr erstrebenswert erschien, sie wirkten selbstbewusst, lässig, kreativ. Ein schleichendes Gefühl, nicht dazu zu gehören, breitete sich in mir aus. In mein Notizbuch schrieb ich an jenem Abend: Warum habe ich so oft das Gefühl, fehl am Platz zu sein, nicht ins Bild zu passen?

Dieses Empfinden, anders zu sein und mich unter Menschen einsam zu fühlen, verfolgt mich seit meiner Kindheit. Es begann in der Klosterschule und setzte sich fort im Musikgymnasium, wo ich mich unter all den musikalischen Genies fehl am Platz fühlte. Ich begann ein Studium, das ich nach kurzer Zeit abbrach und probierte es mit einer anderen Ausbildung – Fehlanzeige. Immer wieder der Gedanke: Ich gehöre nicht hierhin. Gleichzeitig tat ich alles, um draußen zu bleiben, war unnahbar und nahm wenig Rücksicht auf andere. Meine ältere Schwester erzählte mir eine Anekdote, die, wie sie meinte, typisch für mich gewesen sei: Wir waren bei Freunden eingeladen und die Gastgeberin hatte eine bestimmte Sitzordnung vorgesehen. Ich war die einzige, die sich woanders hin setzte. Solche Dinge bemerkte ich früher nicht einmal, ich spürte nur, dass ich mich nicht anpassen wollte, wenn es nicht für mich passte. Zwar nehme ich heute mehr Rücksicht auf andere, wehre mich aber nach wie vor gegen Gruppenzwang. Wenn irgendwo eine Menschenschlange angestellt ist, schaue ich mich nach einer anderen Möglichkeit um – die es oft auch gibt, wie etwa eine weitere geöffnete Kassa. Wenn ich von etwas überzeugt bin, stehe ich zu meiner Meinung, selbst wenn ich mich damit unbeliebt mache.

Diese Unangepasstheit hat ihren Preis und sie hat mich oft einsam gemacht. Irgendwann merkte ich jedoch: Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und dazu stehen kann, wer ich bin, ist es nicht mehr so wichtig, was andere über mich denken oder ob ich zu einer bestimmten Gruppe gehöre. Dann fühle ich mich wohl in meiner Haut und kann auch alleine sein, ohne mich einsam zu fühlen. Ein Zitat der afroamerikanischen Autorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou beschreibt das sehr schön: „Man ist erst dann frei, wenn man erkennt, dass man nirgendwo hingehört. Man gehört überall hin – und nirgends. Der Preis ist hoch. Die Belohnung auch.“ Ich verstand: Das Einzige das zählt, ist zu mir selbst zu gehören, in meinem Sein authentisch zu bleiben.

Das Schöne daran: Ich muss keine eigenbrötlerische Egomanin sein, um mich mit mir wohl zu fühlen, sondern kann empathisch bleiben und die Gesellschaft anderer genießen. Am stärksten verspüre ich diese Verbundenheit in meiner Familie und mit guten Freunden – mit Menschen, die mich nehmen können, wie ich bin. Oder beim Netzwerken mit Gleichgesinnten, die sich für die selben Werte einsetzen. Immer öfter spüre ich aber auch eine tiefe Verbindung zu Menschen, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheinen als ich oder die vom Leben benachteiligt sind. Die Soziologin und Autorin Brené Brown schreibt zu diesem Gefühl der Verbundenheit: „Spiritualität bedeutet anzuerkennen und zu feiern, dass wir alle durch eine Macht, die größer ist als wir selbst, untrennbar miteinander verbunden sind und dass sich unsere Verbindung zu dieser Macht und zueinander auf Liebe und Mitgefühl gründet.“ Alleine und doch verbunden – was für ein schöner Gedanke!

Brené Browns Buch „Entdecke deine innere Stärke“ hat mich zu diesem Artikel inspiriert, das Zitat von Maya Angelou stammt ebenfalls daraus.

6 Antworten auf “Die Freiheit in mir”

  1. toll geschrieben. mir leuchtet auch immer mehr ein, wie wichtig es ist, seine eigene wege zu gehen und zu finden. ich habe das auch schon immer gemacht, aber doch mit dem hintergedanken „eigentlich sollte man das so und so machen“… ich dachte auch, als erwachsene würde ich schon „normal“ werden, aber gerade jetzt hat die Normalität erst recht ihren reiz verloren 😀

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