Vom Wachsen und Reifen

Meine Tochter, wie sie leibt und lebt: überbordende Lebensfreude, ein großes Herz und komisches Talent, das mich verlässlich zum Lachen bringt. Es ist noch nicht lange her, dass dieses Mädchen mich immer wieder herausgefordert und mir klipp und klar Grenzen gesetzt hat. Bis ich kapierte, dass sie nun erwachsen wird und endgültig ihren eigenen Weg gehen möchte. Einmal mehr war loslassen gefragt.

Wir zwei haben es uns nicht immer leicht gemacht: eine Mutter mit Hang zum Perfektionismus und dieses Mädchen, das uns recht bald zu verstehen gab, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Ich erinnere mich gut an eine Begebenheit, als sie etwa vier war: Sie hatte Durchfall, wollte aber unbedingt Kakao trinken. Ich verweigerte, weil ich überzeugt war, dass es ihr nicht guttun würde. Doch sie war so hartnäckig, dass ich ihr schließlich den Kakao machte – und es war kein Problem. Damals verstand ich, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen wollte und musste.

Meine Tochter ist in manchen Dingen das Gegenteil von mir: extravertiert, übersprudelnd. Das war für mich nicht immer leicht, manchmal war ich von ihrem Temperament überfordert. Doch letztendlich habe ich durch sie gelernt, mich zu öffnen, bin mit ihr gewachsen. Relativ bald wurde auch klar, dass jede Art von Druck – ob in der Schule, beim Lernen eines Instruments oder bei Hausaufgaben – kontraproduktiv war. Sie machte uns unmissverständlich klar, dass sie unter Druck nicht funktionieren würde – was letztendlich dazu führte, dass sie vom Gymnasium in eine Waldorfschule wechselte. Es war die beste Entscheidung, die wir für dieses kreative und talentierte Mädchen treffen konnten. Sie singt leidenschaftlich gerne, spielt Gitarre und Klavier – und zwar dann, wenn sie gerade Lust dazu hat.

Ich denke, unser Bemühen, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, hat auch dazu geführt, dass sie sich keinem Gruppendruck beugt. Sie ist eine der wenigen in ihrem Freundeskreis, die keinen Alkohol trinkt. Neulich hat sie uns erzählt, dass sie mit Freunden in einem Pub war, wo sie Karten spielten. Weil sie gewann, spendierten die anderen ihr einen Drink. Ihre Wahl: Zitronenlimonade.

Nun geht ein Schuljahr, das es den Schülern nicht immer leicht gemacht hat, zu Ende. Zu sehen, wie dieses Mädchen sich trotz aller Schwierigkeiten in diesem Jahr zu einer empathischen und selbstbewussten jungen Frau entwickelt hat, ist das schönste Geschenk für uns Eltern. Als ich sie neulich spontan umarmte und meinte, wie schön ich es fände, dass dies nun wieder möglich sei, sagte sie, mit diesem für sie typischen schelmischen Blick: „Weißt du, irgendwann ist es halt auch vorbei mit der Pubertät!“

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