Zurück zur Natur

Ich sitze in der Abendsonne auf unserem Balkon, eine Taube fliegt gurrend aufs Dach gegenüber. Die Nachbarskatze spaziert mitten auf der Straße und mit hoch erhobenem Kopf  vorbei. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, bis auf Autogeräusche in weiter Ferne ist nichts zu hören. Ich atme tief die frische Luft ein und fühle mich bis in die Zehenspitzen wohl in meiner Haut.

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(c) privat

Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich in naher Zukunft das Stadtleben mit Freude gegen ein Leben auf dem Land tauschen würde, hätte ich wohl herzlich gelacht. Ich bin in der Großstadt geboren und aufgewachsen und habe mich immer als Stadtkind betrachtet. Ich liebte die Möglichkeiten, die die Stadt bietet, die Anonymität, die Vielfalt der Bewohner und Bewohnerinnen, das kulturelle Angebot und auch die Tatsache, dass ich hier kein Auto brauche (auch wenn es viel zu viele Autos gibt). Ich erzählte jedem, der es hören wollte, dass ich in einer der lebenswertesten Städte der Welt wohne. Doch seit einigen Jahren wächst meine Sehnsucht nach Natur im gleichen Maße wie der Widerwillen gegen Autolärm und zubetonierte Flächen.

Zum Glück habe ich dank meinem Mann seit Jahren eine zweite Heimat im Salzkammergut, die mir mehr und mehr ans Herz wächst. Plötzlich kann ich mir vorstellen, für immer hier zu leben. Auf dem Weg dorthin fährt die Bahn auf dem letzten Teil der Strecke entlang des Traunsees und an diesem Punkt fängt mein Herz verlässlich zu hüpfen an. Auch nach ungezählten Fahrten drücke ich mir noch die Nase platt, um diese Schönheit in mich aufzunehmen.

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(c) Susanne Wolf

Die Stille in unserer Straße, der Garten vor der Türe und der Wald gleich um die Ecke, dazu Freunde, die in Gehweite wohnen und nachts ein großartiger Sternenhimmel. Ich stehe in der Früh auf, ziehe mir meine Laufschuhe an und laufe nach hinten in den Wald, bis zu einer Stelle am Fluss, wo ich mich gerne niederlasse und dem Rauschen des Wassers lausche. Hier gelingt es mir am besten, in mich hineinzuspüren und ganz bei mir zu sein. Auch das Laufen fällt mir hier leicht, während ich mich in Wien kaum noch dazu motivieren kann.

Es mag mit meinem fortgeschrittenen Alter zusammen hängen, oder auch mit meiner wachsenden Naturverbundenheit angesichts des Zustands unserer Umwelt – die Vorteile der Stadt rücken zusehends in den Hintergrund. Kultur? Gibt es auch hier. Vielfalt? Die ist ohnehin in meinem Kopf. Auch die Anonymität hat ihren Reiz verloren – zu oft habe ich es in der Stadt erlebt, dass Menschen an Mitmenschen, die bewegungslos auf dem Boden liegen (schlafend? bewusstlos?), einfach vorbeigehen oder Andere, die offensichtlich Hilfe brauchen, ignorieren. Die Spaltung der Gesellschaft, die Abgetrenntheit der Menschen von der Natur erscheint mir in der Stadt noch größer als anderswo. Je mehr ich mich mit der Bedeutung der Natur und des Waldes für unser Wohlbefinden beschäftige, desto weniger möchte ich darauf verzichten. Mehr und mehr wächst in mir das Bewusstsein, dass ich ohne Natur nicht mehr leben möchte, und dass es mir nicht ausreicht, hin und wieder einen Ausflug zu machen. Wenn Freunde über meinen Gesinnungswandel überrascht sind und mich an die lebenswerte Stadt erinnern, lautet meine Antwort: Ja eh, aber.. Stadt.

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Noch hält mich meine Familie in der Stadt, meine Tochter geht hier zur Schule. Doch die Besuche in der zweiten Heimat werden mehr und länger – und ich plane, in Zukunft noch mehr Zeit dort zu verbringen. Zum Glück kann ich meine Arbeit dank Laptop und Internet fast überall erledigen, das macht mich flexibel und ortsungebunden – und das ist genau die Freiheit, dich ich brauche.

Zurück zu mir

Je älter ich werde, desto klarer wird mir: Ich will nicht mehr um jeden Preis funktionieren müssen, will nicht mehr zu einem System beitragen, das uns in den Abgrund treibt. Will mich spüren, ganz bei mir sein, frei von Zwängen und Leistungsdruck. Ich träume davon, mich mehr mit der Natur zu verbinden, Teil von ihr zu werden, in ihrem Rhythmus zu schwingen.

Ich habe lange genug funktioniert und mich angepasst, habe mich jahrelang verbiegen lassen. Von Menschen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um mich zu sehen, von einem Schulsystem, in dem die eigene Meinung nicht gefragt war. Ich habe dem patriarchalen System gedient, mich Männern untergeordnet, mich für sie aufgehübscht, mich klein halten lassen und klein gemacht. Suchte Bestätigung von außen, weil ich sie in mir nicht fand, hielt mich für dumm, traute mir zu wenig zu. Ich wurde Teil der Konsumgesellschaft, weil sie mir für einige Stunden und Tage das Gefühl gab, etwas wert zu sein. Ich kaufte, um anderen zu gefallen und einem Schönheitsideal zu entsprechen. Ich flog um die halbe Welt, um mich abzulenken, scheinbar auf der Suche nach mir selbst, in Wahrheit aber auf der Flucht vor mir. Ich rauchte, trank zu viel, behandelte meinen Körper mit der größtmöglichen Sorglosigkeit. Ich verlor mich, verliebte mich, wieder und wieder, nur um festzustellen, dass ich zuerst mich selbst lieben lernen musste. Ich behandelte Menschen, denen ich etwas bedeutete, ohne Respekt, weil ich nicht begreifen konnte, weshalb sie ihre Liebe an mich verschwendeten.

Nun bin ich in der zweiten Hälfte meines Lebens und die Prioritäten haben sich geändert. Ich habe zwei Kinder groß gezogen und dabei Höhen und Tiefen erlebt. Habe gelernt zu lieben und mich lieben zu lassen, mir den Stellenwert einzuräumen, den ich verdient habe. Und, wie wichtig es ist, gut für mich zu sorgen, mir Freiräume zu nehmen. Nun wartet die nächste Herausforderung: die verflixten Wechseljahre. Die Nächte werden kürzer – aber nicht etwa, weil ich so viel feiere, sondern nachts wach liege – und die Augenringe immer tiefer. Neuerdings gehe ich nicht mehr außer Haus, ohne mich zu schminken, um niemanden zu verschrecken. Meine Stimmungen fahren Achterbahn und mein Herz macht Bocksprünge, ohne mich vorzuwarnen. Und meine schlanke Taille ist endgültig Vergangenheit.
Komischerweise redet kaum eine Frau über diese Zeit, obwohl doch laut Statistik zwei Drittel Beschwerden haben, ein Drittel davon starke. Statt dazu zu stehen und Verständnis einzufordern machen viele weiter, als ob nichts wäre, genauso wie sie es schon immer getan haben. Zum Glück hat das Älter werden auch Vorteile: Ich lasse mir nicht mehr so viel gefallen, stehe zu meiner Meinung, kann besser Nein sagen. Es ist nicht mehr so wichtig, was andere von mir denken – und ich mag meine Lachfalten. 🙂

Übrigens kommen auch Männer ins Klimakterium – das heißt dann Andropause – und die reden erst recht nicht darüber. Männer und Schwäche zeigen? Schwierig. Vielleicht können wir Frauen mit gutem Beispiel vorangehen und beweisen, dass nichts passiert, wenn wir mal Schwäche zeigen. Sondern dass es im Gegenteil ein Zeichen von Stärke ist, gut auf uns zu schauen und darüber zu reden, wie es uns geht – und uns Hilfe zu holen, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Gut zu sich selbst zu sein und sich zu spüren ist allerdings in unserer leistungsorientierten Gesellschaft verdächtig, Begriffe wie Achtsamkeit und Selbstfürsorge landen schnell in der Esoterik-Schublade. Umso wichtiger finde ich es, zu unseren Bedürfnissen zu stehen.

Das Schöne an dieser Lebensphase: Ich fühle mich meinem Mann verbundener denn je, wenn wir abends auf der Couch zusammensacken und uns nicht mehr von der Stelle rühren. Statt mich als Opfer der Umstände zu sehen habe ich beschlossen, die Signale meines Körpers als Anlass nehmen, in mich hinein zu spüren: Was brauche ich gerade? Was tut mir gut? Bin ich in meinem Rhythmus, lasse ich mich zu sehr unter Druck setzen oder setze ich mich selbst unter Druck? Wenn ich nach einer unruhigen Nacht müde bin, will ich dieser Müdigkeit nachgeben dürfen und mich nicht zu Höchstleistungen zwingen müssen. Vor allem will ich meiner Tochter vorleben, was es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen und sich selbst zu spüren. Zum Glück bin ich selbständig und kann mir meine Zeit gut einteilen – und dennoch fühle ich mich manchmal wie im Hamsterrad.

Irgendwann, als ich wieder einmal erschöpft vor meinem Computer saß und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, beschloss ich, wieder besser für mich zu sorgen und sanfter zu mir selbst zu sein. Nicht mehr alles gleichzeitig erledigen zu wollen (arbeiten, Mails checken, facebooken, telefonieren) sondern mir endlich eingestehen, dass ich nicht für Multitasking geschaffen bin. Zu diesem Zwecke habe ich mir einen Zettel über meinen Schreibtisch gehängt: Eins nach dem anderen – und siehe da, es hilft! Immer, wenn ich merke, dass ich mich zu sehr anspanne, atme ich tief durch und konzentriere mich auf den Moment. Immer öfter zieht es mich in den Wald, wo ich besonders gut Energien tanken kann.
Auch wenn ich nicht von einem Tag auf den anderen alles richtig mache, bin ich doch zufrieden mit mir. Ich habe beschlossen, dass ich nicht mehr funktionieren muss.

Der Sprung ins kalte Wasser

Einer meiner Lieblingsfilme ist „A Star is born“, der auf berührende und sensible Weise die Liebesgeschichte zwischen einer aufstrebenden Sängerin und einem abgehalfterten Rockstar mit Alkoholproblemen erzählt. Darin gibt es eine Szene, in der die noch unbekannte Sängerin Ally von Jack auf die Bühne geholt wird, um gemeinsam einen von ihr komponierten Song zu singen. Der Moment, in dem sie, nach anfänglichem Zögern und noch am Rand der Bühne stehend, beschließt, da hinaus zu gehen und vor einem Riesenpublikum zu singen, ist etwas, das ich nur allzu gut kenne.

Ich habe es immer schon gebraucht, dieses Gefühl, über meinen eigenen Schatten zu springen und meinen Ängsten ein Schnippchen zu schlagen. Wenn ich als Kind im Freibad vom 10 Meter-Turm sprang, gab es diesen entscheidenden Moment vor dem Sprung: Ich trat einen Schritt von der Kante des Sprungbretts zurück, um nicht in die Tiefe blicken zu müssen – in der Gewissheit, dass das Becken darunter für Schwimmer gesperrt war – schaltete mein Hirn aus, machte einen Schritt nach vorne und sprang. Ich liebte das Gefühl des freien Falls und den Moment, da ich ins Wasser eintauchte und in die Tiefe sank, außer Atem von der Aufregung vor dem Sprung. Ich erinnere mich, wie ich mit dem letzten Rest von Luft in meiner Lunge so schnell wie möglich an die Oberfläche schwamm und das köstliche Gefühl, wenn die Luft wieder in meine Lungen strömte.

Zwar springe ich heute nicht mehr vom 10 Meter-Brett, aber die Suche nach Herausforderungen und Abenteuern hat mich meine Leben lang begleitet. So kam es, dass ich – trotz Höhenangst – mit einem Gummiseil um den Knöchel von einer 100 Meter hohen Brücke sprang (und mir danach schwor, es nie wieder zu tun), trotz meiner angeborenen Schüchternheit eine TEDx-Rede vor 200 Menschen hielt oder mehrmals als Sängerin auf einer Bühne stand.

Immer war da dieses Kribbeln im Bauch und weiche Knie. Immer auch ein Teufelchen, das mir zuflüsterte: Tu‘s einfach! Und jedes Mal danach das Gefühl der Erleichterung und des Stolzes. Nach jeder gemeisterten Herausforderung fühlte ich mich ein wenig stärker, mit jedem Schritt aus meiner Komfortzone wuchs meine Selbstsicherheit. Denn ich habe gelernt: Was ich mir vornehme, kann ich auch schaffen.

Die Freiheit in mir

Vor nicht langer Zeit saß ich in einem Musiklokal und wartete auf eine Freundin. Ich schaute mich um und beobachtete die Menschen um mich herum. Sie hatten etwas an sich, das mir in diesem Moment sehr erstrebenswert erschien, sie wirkten selbstbewusst, lässig, kreativ. Ein schleichendes Gefühl, nicht dazu zu gehören, breitete sich in mir aus. In mein Notizbuch schrieb ich an jenem Abend: Warum habe ich so oft das Gefühl, fehl am Platz zu sein, nicht ins Bild zu passen?

Dieses Empfinden, anders zu sein und mich unter Menschen einsam zu fühlen, verfolgt mich seit meiner Kindheit. Es begann in der Klosterschule und setzte sich fort im Musikgymnasium, wo ich mich unter all den musikalischen Genies fehl am Platz fühlte. Ich begann ein Studium, das ich nach kurzer Zeit abbrach und probierte es mit einer anderen Ausbildung – Fehlanzeige. Immer wieder der Gedanke: Ich gehöre nicht hierhin. Gleichzeitig tat ich alles, um draußen zu bleiben, war unnahbar und nahm wenig Rücksicht auf andere. Meine ältere Schwester erzählte mir eine Anekdote, die, wie sie meinte, typisch für mich gewesen sei: Wir waren bei Freunden eingeladen und die Gastgeberin hatte eine bestimmte Sitzordnung vorgesehen. Ich war die einzige, die sich woanders hin setzte. Solche Dinge bemerkte ich früher nicht einmal, ich spürte nur, dass ich mich nicht anpassen wollte, wenn es nicht für mich passte. Zwar nehme ich heute mehr Rücksicht auf andere, wehre mich aber nach wie vor gegen Gruppenzwang. Wenn irgendwo eine Menschenschlange angestellt ist, schaue ich mich nach einer anderen Möglichkeit um – die es oft auch gibt, wie etwa eine weitere geöffnete Kassa. Wenn ich von etwas überzeugt bin, stehe ich zu meiner Meinung, selbst wenn ich mich damit unbeliebt mache.

Diese Unangepasstheit hat ihren Preis und sie hat mich oft einsam gemacht. Irgendwann merkte ich jedoch: Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und dazu stehen kann, wer ich bin, ist es nicht mehr so wichtig, was andere über mich denken oder ob ich zu einer bestimmten Gruppe gehöre. Dann fühle ich mich wohl in meiner Haut und kann auch alleine sein, ohne mich einsam zu fühlen. Ein Zitat der afroamerikanischen Autorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou beschreibt das sehr schön: „Man ist erst dann frei, wenn man erkennt, dass man nirgendwo hingehört. Man gehört überall hin – und nirgends. Der Preis ist hoch. Die Belohnung auch.“ Ich verstand: Das Einzige das zählt, ist zu mir selbst zu gehören, in meinem Sein authentisch zu bleiben.

Das Schöne daran: Ich muss keine eigenbrötlerische Egomanin sein, um mich mit mir wohl zu fühlen, sondern kann empathisch bleiben und die Gesellschaft anderer genießen. Am stärksten verspüre ich diese Verbundenheit in meiner Familie und mit guten Freunden – mit Menschen, die mich nehmen können, wie ich bin. Oder beim Netzwerken mit Gleichgesinnten, die sich für die selben Werte einsetzen. Immer öfter spüre ich aber auch eine tiefe Verbindung zu Menschen, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheinen als ich oder die vom Leben benachteiligt sind. Die Soziologin und Autorin Brené Brown schreibt zu diesem Gefühl der Verbundenheit: „Spiritualität bedeutet anzuerkennen und zu feiern, dass wir alle durch eine Macht, die größer ist als wir selbst, untrennbar miteinander verbunden sind und dass sich unsere Verbindung zu dieser Macht und zueinander auf Liebe und Mitgefühl gründet.“ Alleine und doch verbunden – was für ein schöner Gedanke!

Brené Browns Buch „Entdecke deine innere Stärke“ hat mich zu diesem Artikel inspiriert, das Zitat von Maya Angelou stammt ebenfalls daraus.

50 – na und?

Es war vor ungefähr einem Jahr, als mir ein flüchtiger Bekannter auf den Kopf zusagte, dass ich unzufrieden wirke. „Wenn du nicht aufpasst, gehörst du bald zu diesen verbissenen älteren Frauen mit hängenden Mundwinkeln.“ Zack, das saß. Mein erster Impuls war, hysterisch zu lachen. Der zweite, aufzuspringen und zu gehen. Doch ich blieb sitzen, stumm, und dachte: Er hat recht.

Das vergangene Jahr wird in meine persönlichen Annalen als jenes eingehen, in dem ich in die Krise schlitterte. Midlife-Crisis, Wechseljahre, was auch immer. Ich steuerte auf meinen 50. Geburtstag zu und stellte alles in Frage: Meine Arbeit, meine Beziehung, meine Qualitäten als Ehefrau und Mutter – alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte. Dazu kamen gesundheitliche Probleme und finanzielle Sorgen. Mehr als einmal hätte ich am liebsten alles liegen und stehen gelassen, um einfach abzuhauen. 50 mag nur eine Zahl sein, aber diese Zahl ließ und lässt mich nicht kalt, auch ein halbes Jahr nach meinem Geburtstag fällt es mir schwer, sie auszusprechen. Dass ich ständig für jünger gehalten werde, macht die Sache auch nicht einfacher – es verwirrt mich eher noch mehr. Unbekannten, denen ich erzähle, dass ich einen 20 jährigen Sohn habe, steht die Verwirrung oft ins Gesicht geschrieben. Ich entwickle jüngeren Frauen gegenüber zunehmend mütterliche Gefühle, möchte sie unter meine Fittiche nehmen – und fühle mich unter jungen Menschen zuweilen fehl am Platz.

Ich beschloss also, meinen 50. Geburtstag mit Freunden und Familie zu feiern und es ordentlich krachen zu lassen. Ich erfüllte mir einen jahrelangen Traum und sang einen meiner Lieblingssongs vor allen Anwesenden. Zwar zitterten mir die Knie, aber ich fühlte mich lebendig wie lange nicht. Ich sang, tanzte und lachte mit meinen Freunden und meiner Familie – und einige Tage später brach ich zu einer dreiwöchigen Reise in die USA auf. Auch das war ein lange gehegter Wunsch von mir, ein Geschenk, das ich mir zu meinem runden Geburtstag selbst machte, mit der Unterstützung vieler lieber Menschen. Diese Reise war buchstäblich meine Rettung: Als ich zurück kam, hatte ich meine Balance wieder gefunden. Seither geht es aufwärts. Ich spüre es zwar immer noch, das hormonelle Auf und Ab, und es könnte durchaus sein, dass es noch eine Weile so weitergeht. Aber da ist auch eine neue Gelassenheit, die ich immer öfters empfinde. Eine satte Zufriedenheit mit dem, was gerade ist – dann fühle ich mich so sehr im Hier und Jetzt verankert, wie ich es früher nicht kannte.

Was die hängenden Mundwinkel betrifft: Ich habe beschlossen, wieder mehr zu lachen. Viel zu oft habe ich in der Vergangenheit nur verkrampft gegrinst oder verschämt gelächelt, um meine Zähne nicht zu zeigen – die sind nämlich schief. Ich übe mich also darin, Menschen anzulachen – und bis jetzt hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt oder sich über mich lustig gemacht. Auch meinen Mann lache ich jetzt wieder öfters an, statt Machtkämpfe mit ihm auszutragen, und das tut uns beiden gut. Ich bin eine Frau mittleren Alters, die hin und wieder mit ihren Hormonteufelchen kämpft und habe schiefe Zähne. Ich bin 50 und nicht perfekt – na und?

Vom Lieben und Loslassen

Muddi, Frau Mutter, Mami, alte Frau: das sind die Namen, die mir meine überaus einfallsreiche Tochter zur Zeit gibt. Ich versuche, ihre Stimmungen, die zwischen übermütig, distanziert, peinlich berührt und genervt schwanken, mit Humor zu nehmen und mich in Gelassenheit zu üben.

Wieder einmal ist Loslassen angesagt, diese schwierigste aller elterlichen Aufgaben. Es ist ein ständiger Balanceakt: Meine Tochter in ihrer Eigenständigkeit zu bestärken und ihr gleichzeitig zu vermitteln, dass ich immer für sie da bin, auch in ihren unzugänglichsten Zeiten. Zugleich ist dieses Mädchen mein größtes Vorbild: ihre Bereitschaft, sich für Dinge einzusetzen, die ihr wichtig sind, der unbedingte Wille, Schauspielerin zu werden. Ihr sonniges Gemüt und eine überschäumende Lebenslust. In den pubertären Höhen und Tiefen ist ihr großer Bruder Ruhepol und Anlaufstelle für alle wichtigen Fragen des Lebens. Wie diese zwei so unterschiedlichen jungen Menschen – der coole 18 jährige und die quirlige 12 jährige – in Zuneigung einander verbunden sind und ihre Späße miteinander treiben (mit Unflätigkeiten, die ich hier lieber nicht wiedergebe), wärmt mir das Herz.

Mein fast erwachsener Sohn, von dessen Vater ich getrennt lebe, beginnt nun, sich mit der Trennung seiner Eltern auseinander zu setzen – und ich habe mir vor langer Zeit geschworen, für alle Fragen und Vorwürfe offen zu sein, die da kommen mögen. Die Gespräche, die wir führen, sind bereichernd, bisweilen schmerzhaft – und immer auf Augenhöhe. Zu sehen, wie erwachsen und reif er geworden ist, selbstreflektiert und empathisch, zeigt mir, dass sein Vater und ich trotz Trennung nicht alles falsch gemacht haben können. Auch wenn mir manchmal schmerzhaft bewusst ist, dass meine Tochter, die mit beiden Eltern aufgewachsen ist, ihr Selbstbewusstsein mit einer Selbstverständlichkeit vor sich her trägt, die mein Sohn sich hart arbeiten musste.

Meine Kinder haben die Gabe, Emotionen aus mir heraus zu locken, die ich lieber verdrängen würde: Hilflosigkeit, Eifersucht, Wut, Trauer. Sie bringen mich zum Lachen und zum Weinen, berühren mich ganz und gar. Und sie erinnern mich immer wieder daran, dass Lieben gleichbedeutend ist mit Loslassen. Ich habe die Wahl, mich zu entscheiden, wie ich auf eine Situation reagiere, etwa wenn mein Sohn lieber mit seiner anderen Familie feiert als mit uns ein Wochenende zu verbringen. Bin ich beleidigt und mache ihm ein schlechtes Gewissen oder bestärke ich ihn in seiner Unabhängigkeit? Meist spüre ich es ganz deutlich: sobald ich die Situation akzeptiere, geht es nicht nur mir selbst, sondern auch dem anderen besser. Sobald wir manipulieren statt aufrichtige Liebe zu schenken,  handeln wir egoistisch. Dann geht es scheinbar um das Wohl des Kindes, doch in Wahrheit übertragen wir die eigene Unsicherheit, die eigenen Befindlichkeiten auf den Nachwuchs. Ich habe viele Male Eltern erlebt, die ihre Ängste den Kindern überstülpten – und anwesenden Eltern und Kindern gleich dazu. Die Herausforderung besteht darin, Kinder in ihrer Eigenheit anzunehmen, selbst wenn sie gänzlich anders geraten sind als Mutter oder Vater. Das Schöne daran: wir können durch sie so viel über uns selbst lernen! Können darauf vertrauen, dass unsere Kinder ihren eigenen Weg finden werden – und immer wieder aufs Neue loslassen. Oder um es mit den Worten meiner Tochter zu sagen: „Chill‘ dein Leben.“

 

Geht da noch was?

Je näher mein 50. Geburtstag rückt, desto seltsamere Verhaltensweisen lege ich an den Tag. Ich tue Dinge wie vor 30 Jahren: Mir denselben Film mehrmals im Kino anzusehen oder in verrauchten Lokalen zu verkehren.

Manchmal fühle ich mich wie Faust (Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust): Wenn ich wieder einmal alles liegen und stehen lassen möchte, um in ein Land (irgendeines!) auszuwandern, in dem immerfort die Sonne scheint – und im nächsten Moment bis über beide Ohren in meine Heimatstadt verliebt bin. Oder wenn ich die kleinen Rituale meines Alltags genieße und gleich darauf glaube, vor Langeweile sterben zu müssen. Neulich ertappte ich mich in einem jener Raucherlokale dabei, wie ich die Frau hinter der Bar beobachtete und mir für einen kurzen, aber denkwürdigen Moment ihren Job wünschte.

Und immer wieder der Gedanke: War’s das jetzt? Dann stelle ich alles in Frage: mein – zugegebenermaßen nicht schlechtes – Leben in einer der schönsten Städte der Welt, mit Mann, Kindern und einem Job, von dem ich immer geträumt habe. Geht da noch was? Ich träume von Aufbruch, von Reisen (das allerdings, seit ich denken kann), vom Leben in der Natur und Abenteuern ohne Ende. Meine Familie holt mich mit schöner Regelmäßigkeit auf den Boden der Realität zurück. Wenn meine Tochter mir mit ihren pubertären Verrücktheiten mein eigenes Verhalten widerspiegelt oder mein Sohn mir einen Vortrag darüber hält, wie wichtig es sei, sich für Wünsche und Ziele einzusetzen.

Ich brauche diese kleinen Abenteuer wie die Luft zum Atmen

Und dann merke ich wieder, wie einfach es sein kann, frischen Wind in den Alltag zu bringen – ohne ans andere Ende der Welt reisen zu müssen. So wie neulich, als ich beim Laufen auf meiner Lieblingsstrecke eine spontane Idee hatte. Ich kletterte einen steilen Waldhang hinauf, um von ganz oben einen Blick auf das Tal zu werfen. Während ich hinauf klettere, immer darauf bedacht, auf dem weichen und rutschigen Untergrund Halt zu finden, fühle ich mich wie bei einer Expedition auf den Kilimandscharo. Ich zwinge mich dazu, nicht zu oft hinunter zu sehen, weil ich sonst dank meiner nicht unbeträchtlichen Höhenangst weiche Knie bekäme. Und als ich den höchsten Punkt erreicht habe, mich von der Sonne wärmen lasse und meinen Blick über den Fluss hinüber zu den Bergen schweifen lasse, ist da ein Gefühl von Stolz. Gefolgt von der bangen Frage: Werde ich wieder hinunter kommen? Auf dem Weg nachhause zittern meine Knie zwar von der ungewohnten Anstrengung, aber mir wird klar: diese kleinen Abenteuer, das Ausbrechen aus der alltäglichen Routine, ist es, was ich brauche wie die Luft zum Atmen.

Ich bin überzeugt davon: Älterwerden bedeutet nicht das Ende aller Träume. „Die Lebensmitte ist die Zeit der Bilanzierung, und damit auch die Chance zum Neustart“, sagt die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Gut so. Denn ich werde nie aufhören, das Beste aus meinem Leben zu machen. Ich möchte einen Roman schreiben, all die Länder besuchen, die noch auf meiner Liste stehen – und vielleicht sogar meinen Traum vom Leben am Meer umsetzen. Das Geschenk, das ich mir selbst zu meinem 50er machen werde, steht jedenfalls fest: es soll eine längere Reise werden, über die ich auch schreiben werde. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Weil ich es mir wert bin

Selbstliebe – was für ein großes Wort! Dürfen wir das denn, uns selbst lieben? Die Antwort lautet: Ja. Denn es bedeutet nichts anderes, als gut für sich selbst zu sorgen.

Es dauerte lange, bis ich lernte, das umzusetzen. Als ich jung war, konnte ich mich selbst nicht leiden, trieb ziellos durchs Leben, war egoistisch und verantwortungslos. Mittels zahllosen vollgeschriebenen Tagebüchern, Therapien und Gesprächen mit guten Freunden – und nicht zuletzt durch den Einfluss meiner Kinder und meines Mannes – lernte ich, was es bedeutet, gut zu sich selbst zu sein. Und damit meine ich nicht selbstbezogenes Verhalten ohne Rücksicht auf andere. Heute bin ich überzeugt davon, dass alles bei sich selbst beginnt: erfüllte Beziehungen, Gesundheit, Erfolg im Beruf.

Spaß am Leben statt langweiliger Selbstoptimierung

Eine liebe Freundin, die für mich der Inbegriff von Lebenslust und unbändiger Freiheitsliebe ist, meinte, dass ich die „vernünftigste“ ihrer Freundinnen sei. Und schon begann es in meinem Kopf zu rattern: Vernünftig? Ist das nicht gleichbedeutend mit langweilig? Sie spielte wohl darauf an, dass ich ein ziemlich geregeltes Leben mit meiner Familie führe, wenig Alkohol trinke, mich bewusst ernähre, gerne schlafe – kurz: gut auf mich schaue. Ja, das mag für manche nach langweiliger Selbstoptimierung klingen. Doch es ist so viel mehr! Es bedeutet, in mich hinein zu spüren, was mir gerade gut tut und was nicht. Bewegung zu machen, wenn mein Körper danach verlangt. Zu essen, wenn ich Hunger verspüre. Nein zu sagen, wenn ich mich überfordert fühle. Oder auch: Mit meiner Tochter Trampolin zu springen und mir dabei fast in die Hosen zu machen. Natürlich gelingt mir das nicht immer – bisweilen werde auch ich vom Hamsterrad des Alltags überrollt. Das merke ich daran, dass ich übellaunig werde und/oder mein Körper eindeutige Signale der Überforderung aussendet. Diese Signale rechtzeitig wahrzunehmen und einen Gang herunter zu schalten, ist wohl die schwierigste Übung. Mein Wunsch nach Abwechslung ist jedenfalls ungebrochen – nicht umsonst habe ich mich selbständig gemacht. Meine Arbeit als freie Journalistin und Autorin ermöglicht mir inspirierende Begegnungen und immer wieder neue Erkenntnisse.

Mehr Frieden und weniger Hass

Zugegeben: manchmal vermisse ich mein kopfloses Dasein von früher. Dann sehne ich mich nach den Zeiten zurück, in denen ich mich, ohne lange nachzudenken, in Situationen begab, die heute wohl unter politisch unkorrekt fallen würden (Bungee Jumping – trotz Höhenangst – von einer Brücke in Ecuador. Irgendwo in Südamerika den Saft einer halluzinogenen Pflanze trinken. Heiße Küsse mit einer Urlaubsbekanntschaft tauschen, während der Partner im Hotelzimmer wartet). Heute gebe ich der Abenteuerlust, die immer noch tief in mir steckt, in harmloserer Form auf meinen (meist beruflichen) Reisen nach. Wenn ich weit weg bin von zuhause, fällt es mir leichter, abzuschalten und das Hamsterrad des Alltags hinter mir zu lassen. Der Unterschied zu meinen früheren Abenteuern ist: ich achte darauf, mir selbst oder anderen Menschen nicht zu schaden.

Ich glaube, die Welt wäre eine bessere, wenn die Menschen sich selbst mehr wertschätzen würden. Es gäbe weniger Scheidungen, glücklichere Kinder, mehr Frieden und weniger Zynismus. Klingt nach einem unerreichbaren Traum? Mag sein. Aber es ist Weihnachten, und träumen ist ausdrücklich erwünscht.

Innenschau

Es war an einem Sonntagnachmittag, nach einem nur mittelmäßig entspannten Wochenende: während eines Brettspiels mit meinem Mann und meiner Tochter merkte ich, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Mein Kopf fühlte sich an wie ein Druckkochtopf, der kurz davor steht, zu explodieren. Mir war zum Heulen zumute.

Ich wusste: so kann es nicht weitergehen. Ich fühlte mich seit Tagen ausgebrannt und erschöpft, konnte mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren, mein Kopf fühlte sich leer an. Dazu kamen Rückenbeschwerden, die mich seit Monaten plagten. Die letzten Monate hatten ihren Tribut gefordert: zu viel Arbeit, kaum Verschnaufpausen und zu wenig Urlaub, da ich meinen Mann, der sich vor einiger Zeit selbständig gemacht hat, finanziell unterstützte. Mir wurde klar: ich habe ein Alter erreicht, in dem meine Energien nicht unendlich sind.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“
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©Susanne Wolf

Ich begann zu überlegen, was ich an meinem Lebensstil ändern könnte: Morgens war mein erster Griff zum Smartphone gewesen. Die Gewissheit, rund um die Uhr online sein zu können, verlangt mir einiges an Selbstdisziplin ab. Muss ich wirklich in der U-Bahn meine Mails oder die Neuigkeiten auf facebook checken? Oder ist es nicht viel entspannter, einfach nur da zu sitzen, Leute zu beobachten und die Gedanken schweifen zu lassen? Es gibt dieses schöne Zitat von Astrid Lindgren: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“ Das klingt so einfach und ist doch so schwer umzusetzen! Ich spüre, dass es mir immer wichtiger wird, Zeit für mich zu haben und Stille um mich herum zu spüren. immer öfters zieht es mich in den Wald: Wenn ich unter Bäumen bin, spüre ich förmlich, wie die Energien zu mir zurückkehren. Und es gibt so viele andere Möglichkeiten, etwas für mich zu tun – wenn ich es denn tue: Zeit mit der Familie. Musik hören, singen, tanzen. Jede Form der Bewegung wie Trampolin springen, Yoga, laufen, schwimmen.

Niemand scheint Zeit für Muße zu haben
©Susanne Wolf
©Susanne Wolf

All das – regelmäßig Pausen zu machen oder sich gar eine Auszeit zu nehmen – ist nicht gerade einfach, wenn man selbstständig ist. Denn der Druck, funktionieren zu müssen, um regelmäßige Einkünfte zu erzielen, ist groß. Und dann ist da noch die Frage: wie erkläre ich meinem Arbeitgeber, dass ich erschöpft bin? Wird das in unserer Leistungsgesellschaft überhaupt akzeptiert? Oder fällt es vielleicht doch eher unter faul sein? Wenn ich mich umschaue, bekomme ich den Eindruck, dass es nicht nur mir so geht. Niemand scheint Zeit für Muße zu haben, für Freundschaften oder Tätigkeiten, die die Seele nähren. Viele wirken unzufrieden und gehetzt.

Zum Glück habe ich einen Mann an meiner Seite, der Experte in Sachen Gesundheit und achtsamer Lebensstil ist. Ich bekomme Shiatsu-Behandlungen und Ernährungsberatung, wir reden viel darüber, wie wir unser Leben gestalten möchten. Durch meinen Mann habe ich gelernt, mehr in mich hinein zu spüren und auf Signale meines Körpers zu achten – doch leider ist der Druck, den ich mir selbst auferlege, bisweilen größer als die Achtsamkeit. Denn Stress machen wir uns immer selbst, und die ständige Erreichbarkeit ist einer der größten Stressfaktoren geworden. Doch ich kann jeden Tag aufs Neue entscheiden, wie ich damit umgehe: Ob ich jedes Mail sofort beantworte oder mit meinem Smartphone ständig online bin. Ich kann immer wieder überprüfen, ob ich das, was ich tue – beruflich wie privat – mit Liebe tue. Und ich übe, mich an Kleinigkeiten zu freuen: an der Musikeinlage eines Straßenmusikers. Ein paar Sonnenstrahlen im nebligen Herbst. Wenn mein Sohn, der nun erwachsen wird, uns ein paar Minuten seiner Zeit schenkt. Oder wenn meine zwölfjährige Tochter es zulässt, dass ich mich beim Schlafengehen zu ihr kuschle.

Ich glaube, dass wir der vorherrschenden Allzeit Bereit-Mentalität die Stirn bieten müssen. Indem wir (wieder) lernen, mehr auf uns zu achten, unser eigenes Tempo zu finden. Dem (Selbst)Optimierungs-Wahn etwas mehr Gelassenheit entgegensetzen und lernen, auch mal Nein zu sagen. Und immer wieder innehalten, um den Augenblick zu genießen.

Die Leichtigkeit des Seins

Ich stehe auf der Brücke, mit einem Gummiband um meinen Knöchel, und blicke in den Abgrund. Tief unter mir glänzt ein schmaler Fluß in der Sonne. Das war es dann wohl, schießt es mir durch den Kopf. Hier stehe ich nun, auf einer Brücke irgendwo in Südamerika und muss mir etwas beweisen. Oder vielleicht auch dem Mann hinter mir, den ich gerade mal seit einer Woche kenne. Wie bin ich nur auf die absurde Idee gekommen, Bungee Jumping zu machen? Ich, die ich unter Höhenangst leide und weiche Knie bekomme, wenn ich mich mehr als zehn Meter über dem sicheren Boden befinde? Kurz überlege ich, einen Rückzieher zu machen, doch das verbietet mir mein Stolz. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und springe kopfüber in die Tiefe.

Diese Szene trug sich vor gut 20 Jahren auf einer Brücke nahe Quito, Ecuador zu und war bezeichnend für mein Leben: Immer wieder tat ich Dinge wider mein besseres Wissen, ließ mich auf Männer ein, die mir nicht gut taten und fügte mir selbst Schaden zu. Der Moment auf der Brücke war jedoch ein Wendepunkt in meinem Leben: zwar sprang ich tatsächlich, und überstand den Sprung relativ unbeschadet, doch werde ich nie den Moment des Absprungs vergessen – die panische Angst, die mich durchfuhr. Und den Gedanken, als ich kopfüber in der Luft baumelte und darauf wartete, wieder hochgezogen zu werden: Was mache ich hier eigentlich? Danach wusste ich, dass dies eine der letzten unvernünftigen, oder zumindest selbstzerstörerischen Handlungen in meinem Leben sein sollte. Nun ja, eine Weile dauerte es noch, bis es wirklich so weit war.

Heute, 20 Jahre später, frage ich mich: wie kommt es, dass ich so verdammt vernünftig und ernsthaft geworden bin? Manchmal sehne ich mich nach den Zeiten zurück, in denen ich mich, ohne lange nachzudenken, in Situationen begab, über dich ich heute nur den Kopf schütteln kann. Natürlich könnte diese neue Ernsthaftigkeit mit meinem fortgeschrittenen Alter zusammenhängen. Oder damit, dass ich nun schon seit geraumer Zeit Verantwortung für zwei junge Menschen trage. Vielleicht auch damit, dass ich gelernt habe, besser auf mich zu achten und hin zu spüren, was mir gut tut und was nicht. Aber muss das bedeuten, dass ich keinen Spaß mehr habe? Vor einiger Zeit sagte mir jemand, den ich erst kurz zuvor kennen gelernt hatte: „Du wirkst so seriös.“ Ich zerbrach mir den Kopf darüber, ob das nun ein Kompliment war oder doch eher das Gegenteil. Seriös? Ist das nicht gleichbedeutend mit langweilig? Dieser achtlos dahin gesagte Satz setzte mir zu. Und stimmte mich nachdenklich. Ich fragte mich, wo die Leichtigkeit in meinem Leben geblieben ist, diese Momente, in denen man selbstvergessen und unbefangen durchs Leben steuert, sich sinnlos betrinkt oder sonstige unvernünftige Dinge tut.

Und auch jetzt hat sie mich wieder erwischt – diese Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit; die Mühlen des Alltags haben mich fest im Griff. Doch wenn ich darüber nachdenke, fallen mir einige leichtfüßige Momente ein, die noch nicht so lange her sind: eine Fahrradtour alleine durch Manhattan, die Hochzeit von lieben Freunden, bei der wir die Nacht durchtanzten, ein Lachanfall, ausgelöst durch die Faxen meiner Tochter. Vielleicht ist das ja auch eine Begleiterscheinung des Alterns: diese schwankenden Stimmungen und das immer wieder kehrende Gefühl, etwas zu verpassen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, regelmäßig aus dem Alltag auszubrechen und Dinge zu tun, die Spaß machen – und das Leben insgesamt ein bisschen leichter zu nehmen. Muss ja nicht gleich der Sprung von einer Brücke sein.