Musik, die aus dem Herzen kommt

Als Kind liebte ich es, Musik zu machen: Ich lernte einige Akkorde auf der Gitarre, spielte Blockflöte und schaute mir von meiner großen Schwester das Klavierspielen ab. Ich brachte mir Beatles-Lieder auf dem Klavier bei und sang dazu. Meine Eltern beschlossen jedoch, dass ich Geige lernen sollte, also begann ich als Sechsjährige mit dem Unterricht an einer Musikschule.
Ich erinnere mich gut daran, dass mir das Geige spielen nie besonders viel Spaß machte, aber aus irgendeinem Grund war es mir nicht möglich, das meinen Eltern zu vermitteln – oder vielleicht wollten sie es auch nicht hören. Also besuchte ich den Unterricht und erfand oft Ausreden, um nicht hingehen zu müssen. Etüden und Fingerübungen fand ich langweilig, und nach Jahren des Unterrichts wurde mir die  klassische Musik zu eintönig – etwas Anderes gab es jedoch nicht. Das Klavierspielen machte mir irgendwann auch keinen Spaß mehr.

Doch meine Eltern waren entschlossen, eine Berufsmusikerin aus mir zu machen – sie träumten davon, mich in einem Orchester spielen zu sehen. Ich besuchte das Musikgymnasium und fühlte mich fehl am Platz unter all den musikalischen Genies. Jetzt konnte ich erst recht nicht mit dem Geigenunterricht aufhören, da er Bedingung für den Besuch dieser Schule war. Also machte ich weiter, die Aufnahmeprüfung an die Musikhochschule schaffte ich jedoch nicht. Kaum hatte ich maturiert, teilte ich meinem Geigenlehrer mit, dass ich nicht mehr kommen würde – danach fühlte ich mich um Tonnen leichter. Zwar spielte ich danach hin und wieder mit Freunden, aber auch das wurde weniger und schließlich hörte ich ganz mit dem Geige spielen auf.

Als ich Mutter wurde, wollte ich auch meinen Kindern Musik nahebringen, da ich überzeugt von ihrer positiven Wirkung bin. Mein Sohn spielte für kurze Zeit Gitarre, war aber nie wirklich mit dem Herzen dabei. Meine Tochter begann mit dem Klavierunterricht, als sie ein Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt besuchte. Ihr Klavierlehrer schaffte es jedoch innerhalb kurzer Zeit, ihr die Freude daran zu nehmen. „Es geht darum, die Technik zu lernen, Spaß am Spielen ist unwichtig“, lautete seine Meinung. Wir versuchten es noch eine Weile, doch mir wurde bald klar, dass ich mit meiner Tochter nicht meine eigene Geschichte wiederholen wollte. Auch sie hatte keine Lust, regelmäßig zu üben, auch sie musste in erster Linie Klassik spielen. Druck auf sie zu machen, bewirkte eher das Gegenteil. Da auch an dieser Schule das Instrument ein Pflichtfach war, brauchte es eine andere Lösung – und diese winkte in Form der Rudolf Steiner-Schule, die meine Tochter nun seit zwei Jahren besucht. Auch hier wird großer Wert auf künstlerischen Ausdruck in Form von Musik, darstellender Kunst und Kunsthandwerk gelegt – doch der pädagogische Zugang ist ein völlig anderer. Es war die beste Entscheidung, die wir für dieses kreative Mädchen treffen konnten.

Seit meine Tochter keinen Zwang mehr verspürt, ein Instrument spielen zu müssen, tut sie es freiwillig und mit Leidenschaft. Sie setzt sich immer wieder ans Klavier, um sich ihre Lieblingssongs beizubringen und hat vor einiger Zeit auch die Gitarre entdeckt, um sich darauf selbst zu begleiten. Wenn ich sie so höre, wie sie aus vollem Herzen singt und spielt, berührt das etwas ganz tief in mir. Es ist ein Weg für sie, ihre Gefühle auszudrücken, und ihre Musik geht direkt ins Herz. Durch meine Tochter ist auch bei mir die Freude an der Musik wieder gestiegen. Ich singe nun wieder mehr, oft auch mit ihr gemeinsam, und überlege, wieder mit dem Klavier spielen zu beginnen. Manchmal liege ich in der Hängematte und singe meine Lieblingslieder, und dann spüre ich, wie sich etwas in mir öffnet. Die Geige habe ich verkauft.

Das Bild zeigt meine Tochter bei den Dreharbeiten für einen Kurzfilm, bei dem sie ihre Freude am Spielen ausleben konnte.

Stürmische Zeiten

„Women don’t owe you shit“ lautet der whatsapp-Status meiner 14 jährigen Tochter. Und er sagt viel über dieses Mädchen aus, über ihre kämpferische Natur, ihr erwachendes weibliches Selbstverständnis. Wenn ich meine Gefühle für dieses schöne, kluge, lustige und temperamentvolle Mädchen beschreiben soll, fehlen mir zuweilen die Worte. Natürlich ist es Liebe, bedingungslos. Aber da ist noch viel mehr: Bewunderung, Dankbarkeit. Immer wieder Erstaunen über diese heranwachsende junge Frau, die in vielen Dingen so anders ist als ich. Und, in den turbulenten Zeiten der Pubertät, zunehmend auch die Frage: Kann ich meiner Tochter jemals gerecht werden? In einem Moment überschäumend vor Lebensfreude, im nächsten unnahbar und übellaunig. Fordernd und bissig, lustig und exaltiert, Schauspielerin mit Leib und Seele (das Foto zeigt sie als Mrs. Higgins in einer Schulaufführung von „My Fair Lady“). Schwankend zwischen dem Wunsch, möglichst schnell erwachsen zu werden, und dem Drang, sich in ihrem Zimmer zu verkriechen. Es ist ein ständiger Balanceakt: Für sie da zu sein, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, zugleich die Distanziertheit auszuhalten und zu respektieren.

Wenn ich dann hin und wieder ratlos bin, mich gekränkt und abgelehnt fühle, lese ich bei dem wunderbaren Jesper Juul nach: „Der Mythos, dass die Pubertät zwangsläufig eine Vielzahl von familiären Konflikten mit sich bringt, hat mit der Realität nichts zu tun“, schreibt der dänische Familientherapeut in seinem Buch „Dein kompetentes Kind“. „Wenn Konflikte entstehen, liegt das zumeist an der mangelnden Fähigkeit oder dem mangelnden Willen der Eltern, der individuellen Persönlichkeit ihres Kindes offen zu begegnen.“ Ich fühle mich ertappt: Allzu oft hadere ich mit der Tendenz meiner Tochter, sich zurück zu ziehen, frage sie, weshalb sie nichts mit ihren Freundinnen unternimmt, oder dränge sie dazu, mehr Sport zu machen.

„Das Problem der insistierenden, besserwisserischen Erziehung besteht darin, dass sie zwei Botschaften aussendet, auf die nur die wenigsten Jugendlichen ruhig und gelassen reagieren können“, schreibt Juul weiter.  „Erstens: ,Ich weiß, was gut für dich ist‘ und zweitens: ,Ich bin nicht zufrieden mit dir, wie du bist!‘. Eltern können zu diesem Zeitpunkt nichts Besseres tun, als sich zurück zu lehnen und das Resultat ihrer Anstrengungen der letzten Jahre zu genießen.“

Ich lasse diese Worte wirken und spüre, dass wir ganz viel richtig gemacht haben bei unserer Tochter. Ich habe auch in den stürmischsten Zeiten einen guten Draht zu ihr, sie weiß, dass sie mit ihren Eltern über alles reden kann und dass sie ernst genommen wird. Also nehme ich mir vor, mich in Gelassenheit zu üben und wieder mehr für mich zu tun. Denn meine Tochter ist nicht die Einzige in der Familie, die an Stimmungsschwankungen laboriert; und ich vermute, dass es Eltern, die im Reinen mit sich selbst sind, leichter fällt, ihre Kinder so zu nehmen wie sie sind. Also komme ich zu dem Schluss: Die Pubertät ist ein Lernprozess auf beiden Seiten und auch für uns Eltern die Chance, einen Schritt weiter zu gehen. Und ich spüre es wieder einmal ganz stark: Liebe bedeutet auch, loslassen zu können.

Die Dämonen der Kindheit

Wir schreiben das Jahr 1939, der zweite Weltkrieg hat gerade begonnen. In einem Wiener Krankenhaus bringt eine junge Frau ihr erstes Kind zur Welt, einen Sohn.

Es ist eine schwere Geburt mit Komplikationen und die Mutter stirbt wenige Tage danach. Der Vater, außer sich vor Schmerz über den Tod seiner Frau, lässt den Sohn im Krankenhaus zurück. Das Kind wird in einem staatlichen Kinderheim untergebracht, bis es nach einem Gerichtsbeschluss von seiner Großmutter aufgenommen wird. „Ich bin schuld am Tod meiner Mutter“ – dieser Satz brennt sich dem Jungen unauslöschlich ein, und seine Umgebung tut alles, ihn diese Schuld nicht vergessen zu lassen. Der Junge ist mein Vater.

Auch wenn ihn die Großmutter täglich wissen lässt, dass sie ihm den Tod ihrer Tochter nie verzeihen wird, entwickelt das Kind sich zu einem aufgeweckten Jungen, der es versteht, sich von seiner Oma die Aufmerksamkeit zu holen, die er braucht. So ist es auch an einem Tag gegen Ende des Krieges, als die Sirenen einen nahenden Luftangriff auf Wien ankündigen. Der kleine Junge ist gerade mit seiner Oma zu Besuch bei einer Freundin im Nebenhaus, als die Sirenen aufheulen. Er drängt die Oma, zurück in den Keller ihres Wohnhauses zu flüchten, doch dafür bleibt keine Zeit. Alle drei eilen in den Keller der Freundin hinunter, wo sie sich mit den anderen Hausbewohnern zusammen kauern und abwarten. Und dann zerrreißt eine ohrenbetäubende Explosion die Luft. Das Haus bebt und die Menschen im Keller befürchten das Schlimmste. Doch nichts passiert. Als nach der Entwarnung Ruhe einkehrt und sie sich hinaus wagen, sehen der kleine Junge und seine Oma das Nebenhaus – ihr Haus – in Schutt und Asche liegen. Alles ist verloren, der beste Freund tot. Und wieder senkt sich die Last der Schuld auf die Schultern des Jungen. Der Freund ist tot, er selbst aber darf leben? Die Großmutter, die nun kein Zuhause mehr hat, findet gemeinsam mit dem Jungen Zuflucht bei ihrer zweiten Tochter, der Tante des Kindes. Die nimmt ihren Neffen wie ihr eigenes Kind auf und bietet ihm fortan ein Zuhause.

Die Bürde der Schuld wird den jungen Mann ein Leben lang begleiten. In seinen dunkelsten Stunden wird er sich mit Alkohol betäuben, um zu vergessen. Er heiratet, wird Vater, doch die Dämonen holen ihn immer wieder ein. Er bleibt Zeit seines Lebens ein Einzelgänger, unfähig, sich selbst oder jemand anderen zu lieben. Die Mutter seiner Kinder verlässt ihn und er findet eine andere Frau, die bereit ist, sich für ihn aufzuopfern, die ihm helfen möchte. Doch es gelingt nicht, er kann auch diese Beziehung nicht aufrecht erhalten. Seinen nun erwachsenen Kindern entfremdet, überlässt er sich immer mehr dem Alkohol. Einzig seine jüngste Tochter sucht die Nähe des Vaters und fordert ihn dazu auf, sich mit ihr auseinander zu setzen. Eine Vater-Tochter-Beziehung entwickelt sich, die auf wackeligen Beinen steht, jedoch das Leben zweier verwandter Seelen bereichtert. In vielen Gesprächen erfährt die Tochter von der Kindheitsgeschichte ihres Vaters und beginnt, ihn besser zu verstehen. Diese Tochter bin ich.

Warum ich euch das erzähle? Weil ich glaube, dass die meisten von uns eine Last mit sich herumtragen, unverarbeitete Erlebnisse aus der Kindheit, die uns ein Leben lang begleiten. Die Geschichte meines Vaters ist eine Erinnerung für mich, immer wachsam zu bleiben und nicht leichtfertig über Menschen zu urteilen. Auch ich kenne das Empfinden von Schuld und weiß von dem Trost, den Alkohol spenden kann. Ich ließ Männer in mein Leben, die meinem Vater nur allzu ähnlich waren – mit allen negativen Begleiterscheinungen. Die Geschichte meines Vaters hat mich auch dazu inspiriert, meinen eigenen Dämonen auf den Grund zu gehen – und ich begriff, dass man sich manchmal Hilfe suchen muss, um Heilung zu finden.

Wenige Monate nach dem letzten Besuch bei meinem Vater bekam ich einen Anruf, der mir die Nachricht von seinem Tod überbrachte. Kurz davor hatte er mir auf meinen Anrufbeantworter gesprochen – ich rief ihn nicht gleich zurück. Er wurde nur 60 Jahre alt.

Mädchenpower

Selbstbewusste Frauen haben es heute schwerer denn je. Unsere Töchter können wir stärken, indem wir ihnen auf Augenhöhe begegnen und ihre Grenzen respektieren.

Die Zeiten sind für uns Frauen (noch) härter geworden. Je selbstsicherer wir werden und je mehr wir uns gegen männliche Übergriffe wehren, desto stärker wird der Gegenwind. Frauen, die sich zur Wehr setzen, werden mundtot gemacht, wie die Fälle Christine Blasey Ford oder Sigi Maurer zeigen.

Selbstbewusste Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, sind zwar mehr geworden – doch sie sind immer noch in der Minderheit. Ich sehe eine unserer größten Aufgaben als Eltern daher darin, unseren Töchtern Stärke und Selbstsicherheit zu vermitteln. Das bedeutet, sie wert zu schätzen und sie in ihrer Persönlichkeit zu bestärken. Ich möchte meine Tochter ermutigen, im richtigen Moment Nein zu sagen und ihre Grenzen respektieren. Sie dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst zu spüren. Und das gilt nicht nur für Töchter, sondern auch für unsere Söhne – denn ein gesundes Selbstwertgefühl ist der beste Weg zu einem respektvollen Umgang mit sich selbst und Anderen. Dazu braucht es allerdings auch Väter, die für ihre Kinder präsent sind und diese Eigenschaften vorleben. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, der unseren Kindern in vielerlei Hinsicht Vorbild ist.

Dass Frauen alleine wegen ihres Frau-Seins herab gewürdigt und belästigt werden, musste ich in jungen Jahren schmerzlich erfahren. Mein Selbstwertgefühl erarbeitete ich mir schrittweise, meine Familie war dabei keine Hilfe. Ich wuchs in dem Glauben auf, Bescheidenheit und Zurückhaltung seien erstrebenswerte Tugenden, lernte, dass andere Meinungen mehr zählten als meine eigene – besonders die von Männern. Doch in dem Maße, in dem mein Selbstwertgefühl wuchs, taten sich ungeahnte Möglichkeiten auf, gleichzeitig nahmen Grenzüberschreitungen von männlicher Seite ab. Indem ich lernte, mich selbst zu lieben, wuchs auch der Respekt der Männer (und Frauen) in meiner Umgebung.

Ich möchte es meiner Tochter leichter machen, möchte ihr den Kampf ersparen, den ich jahrelang geführt habe – gegen mich selbst und gegen Männer, die mich nicht wertschätzten. Daher ist es mir ein Herzensanliegen, meine Lebenserfahrung an sie weiter zu geben, sie in ihrem So-Sein zu bestärken – gerade auch, weil ihr Naturell sich von meinem grundlegend unterscheidet. Und wenn ich sie heute mit ihren vierzehn Jahren sehe, ihre unbändige Lebenslust, ihre kämpferische Natur und den Willen, alles zu erreichen, was sie sich vorgenommen hat, spüre ich, dass wir zwei auf einem guten Weg sind.

Beziehungsleben

Mein Mann und ich haben etwas zu feiern: Wir sind seit 15 Jahren ein Paar. In all den Jahren haben wir uns geliebt und gestritten, Machtkämpfe ausgefochten und Krisen überstanden. Und wissen heute mehr denn je: Wir gehören zusammen.

Wir sind in manchen Belangen wie Tag und Nacht, in anderen ergänzen wir uns wunderbar: Mein Mann liebt das kreative Chaos und lässt die Dinge gerne auf sich zukommen, ich plane lieber und bin gut organisiert. Er ist ein überschwänglicher Mensch, der am liebsten die ganze Welt umarmen würde, ich werde von Freunden gerne als „freundlich-distanziert“ bezeichnet. Er liebt das Bad in der Menge, ich genieße das Alleinsein. Und wir sind zwei Dickköpfe, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Es gab Zeiten, in denen wir mehr gegeneinander waren als miteinander, und Momente, in denen ich am liebsten gegangen wäre. Doch eines vereint uns: In unserem tiefsten Inneren haben wir stets gespürt, dass wir gut füreinander sind, und diese Verbundenheit motiviert uns immer wieder aufs Neue, aufeinander zu zu gehen. Wir teilen dieselben Werte: Gleichheit, Gerechtigkeit, Weltoffenheit. Das größte Geschenk ist jedoch unsere Tochter. Dieses wunderbare Mädchen ist Grund genug für mich, das Beste aus meiner Beziehung zu machen. Ich möchte ihr vorleben, dass es möglich ist, eine selbstbestimmte Frau zu sein und zugleich eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu führen.

(c) privat

Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir uns auf unseren Partner wahrhaftig einlassen, heil werden können. Unsere Partner sind immer Spiegel unserer selbst. Das kann weh tun, weil wir alle Kindheitsverletzungen in uns tragen und unser Partner mit großer Wahrscheinlichkeit an diesen Wunden rühren wird. Was uns zu Beginn am Liebsten anzieht und berührt, wird uns später lästig, sobald die erste Verliebtheit vorbei ist. Doch darin liegt unsere große Chance: wenn wir uns einander anvertrauen, unseren alten Verletzungen nachspüren, können wir gemeinsam diese Wunde heilen. Dazu ist es allerdings notwendig, den Partner als Verbündeten zu sehen und nicht als Feind. In unseren größten Krisenzeiten haben mein Mann und ich uns daher Hilfe von außen geholt. „Wenn wir als Paar Krisen durchstehen, an der Beziehung arbeiten und uns nicht gleich trennen, entwickeln wir uns weiter, werden reifer“, sagt Sabine Bösel, Imago-Therapeutin.

Ich selbst habe durch frühe Verletzungen und aufgrund negativer Erfahrungen mit Männern lange keinen Partner an mich heran gelassen. Meine Mutter und mein Vater trennten sich, als ich vier war, mein Stiefvater verließ uns zu Beginn meines Erwachsenenlebens. Mich einem Mann mit Haut und Haaren anzuvertrauen, machte mir lange Zeit Angst – was dazu führte, dass ich mir Männer suchte, die mich wahlweise auf Abstand hielten oder mich nicht respektierten (oder beides). Mein Mann trat in mein Leben, als es mir am dreckigsten ging: Ich hatte eine schmerzhafte Trennung hinter mir und einen kleinen Sohn, der unendlich unter dieser Trennung litt. Richard hörte sich geduldig meine Probleme und Selbstvorwürfe an und gab mir das Gefühl, immer für mich da zu sein. Durch ihn lernte ich, mich selbst wert zu schätzen. Dennoch hatte ich Angst, mich erneut auf eine Beziehung einzulassen und hielt ihn vorerst auf Abstand – und neige bis heute dazu, mich zurück zu ziehen, wenn die Nähe zu groß wird. Mein Mann wiederum ist ein Mensch, der Nähe sucht – wie kann das funktionieren?

Die unumstößliche Wahrheit ist: Es gehören zwei dazu. Zwei, die bereit sind, sich wieder und wieder aufeinander einzulassen, sich der täglichen Beziehungsarbeit zu stellen und nach jeder Krise einen Schritt weiter zu gehen. Das erfordert viel Mut und die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Partner. Die Belohnung dafür ist ein bereichernder Austausch, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das jede Krise überwinden kann.

Aufbruchstimmung

Soll ich oder soll ich nicht? Oder vielmehr: Darf ich das? Seit Jahren träume ich davon, mich alleine auf den Weg zu machen, meinen Alltag für einige Wochen hinter mir zu lassen. Die letzten Jahre waren eine einzige Herausforderung: Mein Leben als Selbständige, die Tochter in der Pubertät, der Sohn auf dem Sprung ins Erwachsensein – und ein Mann, der sich vor einigen Jahren ebenfalls selbständig gemacht hat. Das bedeutete einen ständigen Balanceakt am Rande der Erschöpfung, ein hormonelles Auf und Ab – begleitet von der Frage: Geht da noch was?

Der Wunsch, den Alltagspflichten zumindest für einige Zeit zu entkommen, wurde mitunter beinahe übermächtig. Doch immer wieder tauchte die Frage auf: Darf ich das, meinen Mann alleine lassen mit einer Tochter, deren Stimmungen im Stundentakt schwanken? Darf ich mich auf den Weg machen, wenn das Geld ständig knapp ist? Ich beschloss, all diese Fragen mit einem deutlichen JA zu beantworten: Mein 50. Geburtstag sollte der Anlass für eine längere Reise werden. Ich darf, weil ich mir selbst die Erlaubnis dazu gebe. Denn ich spüre es ganz deutlich, wie sehr ich diese Auszeit brauche, wie sehr ich mich danach sehne, alleine unterwegs zu sein. Wenn ich alleine reise, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und mich für neue Ideen zu öffnen. Ich beschloss, über meine Erfahrungen auf dieser Reise zu schreiben.

Reisen haben mich seit meiner Kindheit begleitet. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein, in andere Kulturen einzutauchen und fremde Menschen kennen zu lernen, gehört zu mir wie eine Extraportion Abenteuerlust. Ich erinnere mich lebhaft an die erste große Reise mit meinen Eltern: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen, neben mir am Rücksitz quetschten sich Onkel und Tante in den kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns anzutreten. Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und weiter bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – da waren Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Das Meer! Die Klippen! Ich saugte alles in mir auf und konnte nicht genug kriegen von diesem neuen Gefühl.

Die Reiselust ist zu meiner treuen Begleiterin geworden: Nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fort zu kommen. Berufliche Reisen haben mich nach Indien und Westafrika geführt, nach Marokko und Honduras. Und darüber zu schreiben, macht das Reisen erst perfekt. Diesmal zieht es mich in die USA: Meine Reise wird mich von New York, dieser Stadt meiner Träume, in den Süden der Vereinigten Staaten führen. In Alabama wartet meine Gastfamilie auf mich, die mir vor über 30 Jahren für ein Schuljahr ein Zuhause bot. Von dort geht es weiter über New Orleans bis nach Santa Fe, New Mexico – mit dem Zug. Denn beim Bahnfahren gelingt es mir am besten, abzuschalten und den Kopf frei zu kriegen.

Ich werde diese Reise auch unternehmen, um die USA, dieses Land der Widersprüche, neu zu entdecken. Nicht jeder hat Verständnis dafür, dass es mich gerade jetzt dorthin zieht, angesichts eines umstrittenen Präsidenten. Ich antworte darauf stets: „Was würde es ändern, wenn ich zuhause bliebe?“ Lieber möchte ich mir ein Bild von der Stimmung im Land machen und mit den Menschen sprechen. Das allerwichtigste wird jedoch sein, dass ich diese Reise für mich unternehme. Um bei mir selbst anzukommen.

Vom Lieben und Loslassen

Muddi, Frau Mutter, Mami, alte Frau: das sind die Namen, die mir meine überaus einfallsreiche Tochter zur Zeit gibt. Ich versuche, ihre Stimmungen, die zwischen übermütig, distanziert, peinlich berührt und genervt schwanken, mit Humor zu nehmen und mich in Gelassenheit zu üben.

Wieder einmal ist Loslassen angesagt, diese schwierigste aller elterlichen Aufgaben. Es ist ein ständiger Balanceakt: Meine Tochter in ihrer Eigenständigkeit zu bestärken und ihr gleichzeitig zu vermitteln, dass ich immer für sie da bin, auch in ihren unzugänglichsten Zeiten. Zugleich ist dieses Mädchen mein größtes Vorbild: ihre Bereitschaft, sich für Dinge einzusetzen, die ihr wichtig sind, der unbedingte Wille, Schauspielerin zu werden. Ihr sonniges Gemüt und eine überschäumende Lebenslust. In den pubertären Höhen und Tiefen ist ihr großer Bruder Ruhepol und Anlaufstelle für alle wichtigen Fragen des Lebens. Wie diese zwei so unterschiedlichen jungen Menschen – der coole 18 jährige und die quirlige 12 jährige – in Zuneigung einander verbunden sind und ihre Späße miteinander treiben (mit Unflätigkeiten, die ich hier lieber nicht wiedergebe), wärmt mir das Herz.

Mein fast erwachsener Sohn, von dessen Vater ich getrennt lebe, beginnt nun, sich mit der Trennung seiner Eltern auseinander zu setzen – und ich habe mir vor langer Zeit geschworen, für alle Fragen und Vorwürfe offen zu sein, die da kommen mögen. Die Gespräche, die wir führen, sind bereichernd, bisweilen schmerzhaft – und immer auf Augenhöhe. Zu sehen, wie erwachsen und reif er geworden ist, selbstreflektiert und empathisch, zeigt mir, dass sein Vater und ich trotz Trennung nicht alles falsch gemacht haben können. Auch wenn mir manchmal schmerzhaft bewusst ist, dass meine Tochter, die mit beiden Eltern aufgewachsen ist, ihr Selbstbewusstsein mit einer Selbstverständlichkeit vor sich her trägt, die mein Sohn sich hart arbeiten musste.

Meine Kinder haben die Gabe, Emotionen aus mir heraus zu locken, die ich lieber verdrängen würde: Hilflosigkeit, Eifersucht, Wut, Trauer. Sie bringen mich zum Lachen und zum Weinen, berühren mich ganz und gar. Und sie erinnern mich immer wieder daran, dass Lieben gleichbedeutend ist mit Loslassen. Ich habe die Wahl, mich zu entscheiden, wie ich auf eine Situation reagiere, etwa wenn mein Sohn lieber mit seiner anderen Familie feiert als mit uns ein Wochenende zu verbringen. Bin ich beleidigt und mache ihm ein schlechtes Gewissen oder bestärke ich ihn in seiner Unabhängigkeit? Meist spüre ich es ganz deutlich: sobald ich die Situation akzeptiere, geht es nicht nur mir selbst, sondern auch dem anderen besser. Sobald wir manipulieren statt aufrichtige Liebe zu schenken,  handeln wir egoistisch. Dann geht es scheinbar um das Wohl des Kindes, doch in Wahrheit übertragen wir die eigene Unsicherheit, die eigenen Befindlichkeiten auf den Nachwuchs. Ich habe viele Male Eltern erlebt, die ihre Ängste den Kindern überstülpten – und anwesenden Eltern und Kindern gleich dazu. Die Herausforderung besteht darin, Kinder in ihrer Eigenheit anzunehmen, selbst wenn sie gänzlich anders geraten sind als Mutter oder Vater. Das Schöne daran: wir können durch sie so viel über uns selbst lernen! Können darauf vertrauen, dass unsere Kinder ihren eigenen Weg finden werden – und immer wieder aufs Neue loslassen. Oder um es mit den Worten meiner Tochter zu sagen: „Chill‘ dein Leben.“

 

Für meinen Vater

Heute wäre mein Papa 77 Jahre alt geworden. Je älter ich werde, desto mehr fühle ich mich ihm verbunden.
Mein Vater, der rastlose Eigenbrötler und Freigeist, der voll von großartigen Ideen war, sich bei der Verwirklichung aber oft selbst im Weg stand. Ein Vater, der zwar hin und wieder zuhause, aber geistig nie wirklich anwesend war und der sich die Geburtstage seiner Kinder nicht merken konnte. Eine meiner frühesten Erinnerungen an ihn ist, wie ich auf seinem Schoß sitze und er mich „Sasn“ nennt – es war seine Art, mir Zuneigung zu zeigen. Manchmal betrachte ich ein Foto von ihm und mir, er sitzt Zeitung lesend in einem Liegestuhl, ich kauere daneben auf dem Boden und grinse in die Kamera, und ich weiß, dass dieses Bild seine Beziehung zu uns Kindern ziemlich genau auf den Punkt trifft. Ich muss damals um die drei Jahre alt gewesen sein.
papa1Ein Jahr später reichte meine Mutter die Scheidung ein und ich sah meinen Vater nur noch sporadisch wieder. Umso mehr genoss ich die seltenen Wochenenden mit ihm, seine Schrullen und unorthodoxen Späße. Als ich erwachsen wurde, konfrontierte ich ihn mit der Tatsache, dass er nie für uns da gewesen war, überhäufte ihn mit Vorwürfen. Und machte die Erfahrung, dass er sich mir gegenüber öffnete und meinen vielen Fragen standhielt. Ich begann zu begreifen, was er in seiner Kindheit durchgemacht hatte: im 2. Weltkrieg geboren, die Mutter kurz nach der Geburt verstorben, vom Vater abgelehnt, nur knapp eine Bombardierung Wiens überlebt. Ich liebte es, mit ihm alte Fotos anzusehen, auf denen er lässig vor einem Motorrad posiert und bis heute habe ich eine Schwäche für Lederjacken – und für Männer mit Brillen.
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Ich söhnte mich mit meinem Vater aus, besuchte ihn regelmäßig in Linz und hin und wieder kam er nach Wien. Dann holte ich ihn vom Westbahnhof ab, wir tranken einen Kaffee im Westend und spazierten die Mariahilfer Straße hinunter. Ich bin froh über unsere Annäherung, denn er starb plötzlich und viel zu früh, mit 60 Jahren. Kurz davor war eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter gewesen, er hatte wieder einmal die Geburtstage von mir und meiner Schwester verwechselt. Als Strafe beschloss ich, ihn zappeln zu lassen und nicht gleich zurück zu rufen. Zwei Tage später erfuhr ich, dass er in seiner kleinen Linzer Wohnung einem Herzinfarkt erlegen war. Als ich wenig später die Wohnung betrat, zog es mir das Herz zusammen: da lag seine Brille am Couchtisch, daneben ein Aschenbecher und eine Tasse Kaffee – als wäre er eben aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen…
Manchmal wünsche ich mir, er könnte mich heute sehen und bin sicher, er wäre stolz auf mich. Er war immer der Meinung, ich solle schreiben, lange bevor ich mir selbst das zutraute. Viel später erfuhr ich von seiner zweiten Frau, dass er zwei Leidenschaften gehabt hatte: schreiben und singen – genau wie ich. Wenn ich daran denke, stelle ich mir vor, wie er mir von da oben zuzwinkert und einen Witz darüber reißt.

Besser geht’s nicht

Neulich, als ich mit meiner Familie einen Badenachmittag verbrachte, machte sich eine wohlige Zufriedenheit in mir breit. Ich beobachtete meine Tochter dabei, wie sie selbstvergessen im See planschte und spürte mit aller Deutlichkeit, dass es das ist, was mein Leben lebenswert macht. Gleichzeitig dachte ich an den Artikel, den ich am Vormittag abgeliefert hatte und mir wurde klar, dass das Eine ohne das Andere nur halb so viel wert wäre. Ich spürte große Dankbarkeit dafür, dass es mir gelungen ist, zwei Leben zu vereinbaren – als Mutter und als erfolgreiche Journalistin. Es wird ja viel geschrieben und diskutiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und immer öfter fällt die Behauptung, dass sie nicht machbar sei. Ich behaupte das Gegenteil: Ja, sie ist machbar, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. In meinem Fall funktioniert es, weil ich einen Mann an meiner Seite habe, dem es genauso wichtig ist wie mir, seine Zeit auf Arbeit und Familie aufzuteilen. Es ist möglich, weil wir beide selbständig sind und unsere Arbeitszeit selbst einteilen können. Und es funktioniert vor allem deshalb, weil wir uns nicht nur Kinderbetreuung und Haushalt aufteilen, sondern auch das Familieneinkommen. Denn Halbe-Halbe sollte sich nicht darauf beschränken, den Mann an seine Pflichten im Haushalt zu erinnern, sondern vielmehr eine Chance für beide Elternteile bedeuten, mehr Verantwortung zu übernehmen: er für die Kinder, sie für das Geld.

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten, sondern kann auch funktionieren, wenn beide sich ihre Zeit so einteilen, dass genügend davon für die Famile und Freizeit bleibt. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Arbeitswelt sich endlich an veränderte Bedürfnisse von heutigen Eltern anpasst und es Männern leichter macht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder in Karenz zu gehen. Und für Frauen nicht nur schlecht bezahlte Teilzeitjobs bietet, sondern andere Möglichkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint dazu: “Es sollte für Eltern eine dreißig Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und Haushalt kümmern und gleichzeitig ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. In Wirklichkeit kann niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.”

Bis dahin scheint es ein weiter Weg zu sein. Und auch bei mir dauerte es lange, bis ich in meiner Partnerschaft Verantwortung für die gemeinsamen Finanzen übernahm. Ich hasste zwar das Gefühl, abhängig zu sein, war latent unzufrieden – nahm das aber lange Zeit in Kauf. Teils aus Bequemlichkeit, teils wegen mangelnder beruflicher Perspektiven. Und auch heute ist es nicht so, dass die Aufteilung zwischen meinem Mann und mir immer reibungsfrei abläuft. Denn es geht ja nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch um die Arbeit im Haushalt, um Freizeit, Sport, Freunde und die Zeit, die wir als Paar verbringen wollen. Und dann wären da noch die Auszeiten, die jeder von uns in regelmäßigen Abständen für sich einfordert. Da kann es schon passieren, dass die Frage, wer mit dem Einkaufen dran ist, in einen Machtkampf ausartet. Und in hitzige Diskussionen darüber, wer sich mehr im Haushalt einbringt. Manchmal helfen dann nur noch ausgefeilte Entspannungstechniken, oder aber die hilfreiche Gabe, Prioritäten zu setzen und großzügig über die Staubschicht im Wohnzimmer hinwegzusehen.

All die Strapazen und Differenzen sind jedoch vergessen, wenn ich mir des Privilegs bewusst werde, all das zu haben, was ich mir immer gewünscht habe: zwei wunderbare Kinder, einen Beruf, den ich liebe, ein erfülltes Leben. Besser geht’s nicht.

Der weibliche Hang zum Perfektionismus

In einer Umfrage des Frauenministeriums gaben zwei Drittel der befragten Frauen an, täglich weniger als eine Stunde Zeit für sich selbst und ihr Wohlbefinden zu haben. Bei Männern machte nur jeder Zweite diese Angabe. Die Frauenministerin schließt daraus: „Vieles, das Frauen selbstverständlich für Familie und Haushalt tun, geschieht auf Kosten ihrer eigenen Freizeit“ und appelliert an die Männer, ihre Frauen mehr zu unterstützen.

Genauso wichtig wäre es jedoch, an die Frauen zu appellieren, sich selbst und ihre Bedürfnisse wichtiger zu nehmen und mehr Zeit für sich einzufordern. Denn Frauen neigen dazu, es allen außer sich selbst recht machen zu wollen, was dazu führt, dass sie sich permanent überfordern. Sie glauben, in allem perfekt sein zu müssen: im Job, bei der Kindererziehung, im Haushalt. Aber mal ehrlich: ist es wirklich notwendig, den Kindern am Abend ein warmes Essen zu zu bereiten, wenn sie bereits mittags in Kindergarten oder Schule verköstigt wurden? Muss die Küche zu jeder Tageszeit aussehen wie dem Ikea-Katalog entsprungen? Und kann die schmutzige Wäsche nicht auch noch bis morgen oder vielleicht sogar bis zum Wochenende warten? Frauen machen sich selbst das Leben oft schwerer als es sein müsste; immer mehr leiden an typisch weiblichen Symptomen wie Migräne oder PMS, zwei Drittel der von Depressionen Betroffenen sind Frauen. Denn natürlich wollen sie nicht nur im Job und zuhause funktionieren, sondern sie stellen auch noch den Anspruch an sich selbst, jederzeit freundlich und nett zu sein, und gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen. Wo bleibt da die Zeit für Entspannung und Muße?

Natürlich könnten ihre Frauen ruhig noch mehr unterstützen. Doch besteht dabei die Gefahr, dass diese Hilfe gar nicht ankommt – weil viele Frauen ihre ganz eigenen Vorstellungen davon haben, wie die Wohnung geputzt, die Wäsche gebügelt oder die Kinder erzogen werden müssen. Und solange Frauen ihrer Umwelt vermitteln, dass sie stark genug sind und keine Hilfe benötigen, werden sie wohl auch keine bekommen.