Aufbruchstimmung

Soll ich oder soll ich nicht? Oder vielmehr: Darf ich das? Seit Jahren träume ich davon, mich alleine auf den Weg zu machen, meinen Alltag für einige Wochen hinter mir zu lassen. Die letzten Jahre waren eine einzige Herausforderung: Mein Leben als Selbständige, die Tochter in der Pubertät, der Sohn auf dem Sprung ins Erwachsensein – und ein Mann, der sich vor einigen Jahren ebenfalls selbständig gemacht hat. Das bedeutete einen ständigen Balanceakt am Rande der Erschöpfung, ein hormonelles Auf und Ab – begleitet von der Frage: Geht da noch was?

Der Wunsch, den Alltagspflichten zumindest für einige Zeit zu entkommen, wurde mitunter beinahe übermächtig. Doch immer wieder tauchte die Frage auf: Darf ich das, meinen Mann alleine lassen mit einer Tochter, deren Stimmungen im Stundentakt schwanken? Darf ich mich auf den Weg machen, wenn das Geld ständig knapp ist? Ich beschloss, all diese Fragen mit einem deutlichen JA zu beantworten: Mein 50. Geburtstag sollte der Anlass für eine längere Reise werden. Ich darf, weil ich mir selbst die Erlaubnis dazu gebe. Denn ich spüre es ganz deutlich, wie sehr ich diese Auszeit brauche, wie sehr ich mich danach sehne, alleine unterwegs zu sein. Wenn ich alleine reise, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und mich für neue Ideen zu öffnen. Ich beschloss, über meine Erfahrungen auf dieser Reise zu schreiben.

Reisen haben mich seit meiner Kindheit begleitet. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein, in andere Kulturen einzutauchen und fremde Menschen kennen zu lernen, gehört zu mir wie eine Extraportion Abenteuerlust. Ich erinnere mich lebhaft an die erste große Reise mit meinen Eltern: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen, neben mir am Rücksitz quetschten sich Onkel und Tante in den kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns anzutreten. Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und weiter bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – da waren Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Das Meer! Die Klippen! Ich saugte alles in mir auf und konnte nicht genug kriegen von diesem neuen Gefühl.

Die Reiselust ist zu meiner treuen Begleiterin geworden: Nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fort zu kommen. Berufliche Reisen haben mich nach Indien und Westafrika geführt, nach Marokko und Honduras. Und darüber zu schreiben, macht das Reisen erst perfekt. Diesmal zieht es mich in die USA: Meine Reise wird mich von New York, dieser Stadt meiner Träume, in den Süden der Vereinigten Staaten führen. In Alabama wartet meine Gastfamilie auf mich, die mir vor über 30 Jahren für ein Schuljahr ein Zuhause bot. Von dort geht es weiter über New Orleans bis nach Santa Fe, New Mexico – mit dem Zug. Denn beim Bahnfahren gelingt es mir am besten, abzuschalten und den Kopf frei zu kriegen.

Ich werde diese Reise auch unternehmen, um die USA, dieses Land der Widersprüche, neu zu entdecken. Nicht jeder hat Verständnis dafür, dass es mich gerade jetzt dorthin zieht, angesichts eines umstrittenen Präsidenten. Ich antworte darauf stets: „Was würde es ändern, wenn ich zuhause bliebe?“ Lieber möchte ich mir ein Bild von der Stimmung im Land machen und mit den Menschen sprechen. Das allerwichtigste wird jedoch sein, dass ich diese Reise für mich unternehme. Um bei mir selbst anzukommen.

Vom Lieben und Loslassen

Muddi, Frau Mutter, Mami, alte Frau: das sind die Namen, die mir meine überaus einfallsreiche Tochter zur Zeit gibt. Ich versuche, ihre Stimmungen, die zwischen übermütig, distanziert, peinlich berührt und genervt schwanken, mit Humor zu nehmen und mich in Gelassenheit zu üben.

Wieder einmal ist Loslassen angesagt, diese schwierigste aller elterlichen Aufgaben. Es ist ein ständiger Balanceakt: Meine Tochter in ihrer Eigenständigkeit zu bestärken und ihr gleichzeitig zu vermitteln, dass ich immer für sie da bin, auch in ihren unzugänglichsten Zeiten. Zugleich ist dieses Mädchen mein größtes Vorbild: ihre Bereitschaft, sich für Dinge einzusetzen, die ihr wichtig sind, der unbedingte Wille, Schauspielerin zu werden. Ihr sonniges Gemüt und eine überschäumende Lebenslust. In den pubertären Höhen und Tiefen ist ihr großer Bruder Ruhepol und Anlaufstelle für alle wichtigen Fragen des Lebens. Wie diese zwei so unterschiedlichen jungen Menschen – der coole 18 jährige und die quirlige 12 jährige – in Zuneigung einander verbunden sind und ihre Späße miteinander treiben (mit Unflätigkeiten, die ich hier lieber nicht wiedergebe), wärmt mir das Herz.

Mein fast erwachsener Sohn, von dessen Vater ich getrennt lebe, beginnt nun, sich mit der Trennung seiner Eltern auseinander zu setzen – und ich habe mir vor langer Zeit geschworen, für alle Fragen und Vorwürfe offen zu sein, die da kommen mögen. Die Gespräche, die wir führen, sind bereichernd, bisweilen schmerzhaft – und immer auf Augenhöhe. Zu sehen, wie erwachsen und reif er geworden ist, selbstreflektiert und empathisch, zeigt mir, dass sein Vater und ich trotz Trennung nicht alles falsch gemacht haben können. Auch wenn mir manchmal schmerzhaft bewusst ist, dass meine Tochter, die mit beiden Eltern aufgewachsen ist, ihr Selbstbewusstsein mit einer Selbstverständlichkeit vor sich her trägt, die mein Sohn sich hart arbeiten musste.

Meine Kinder haben die Gabe, Emotionen aus mir heraus zu locken, die ich lieber verdrängen würde: Hilflosigkeit, Eifersucht, Wut, Trauer. Sie bringen mich zum Lachen und zum Weinen, berühren mich ganz und gar. Und sie erinnern mich immer wieder daran, dass Lieben gleichbedeutend ist mit Loslassen. Ich habe die Wahl, mich zu entscheiden, wie ich auf eine Situation reagiere, etwa wenn mein Sohn lieber mit seiner anderen Familie feiert als mit uns ein Wochenende zu verbringen. Bin ich beleidigt und mache ihm ein schlechtes Gewissen oder bestärke ich ihn in seiner Unabhängigkeit? Meist spüre ich es ganz deutlich: sobald ich die Situation akzeptiere, geht es nicht nur mir selbst, sondern auch dem anderen besser. Sobald wir manipulieren statt aufrichtige Liebe zu schenken,  handeln wir egoistisch. Dann geht es scheinbar um das Wohl des Kindes, doch in Wahrheit übertragen wir die eigene Unsicherheit, die eigenen Befindlichkeiten auf den Nachwuchs. Ich habe viele Male Eltern erlebt, die ihre Ängste den Kindern überstülpten – und anwesenden Eltern und Kindern gleich dazu. Die Herausforderung besteht darin, Kinder in ihrer Eigenheit anzunehmen, selbst wenn sie gänzlich anders geraten sind als Mutter oder Vater. Das Schöne daran: wir können durch sie so viel über uns selbst lernen! Können darauf vertrauen, dass unsere Kinder ihren eigenen Weg finden werden – und immer wieder aufs Neue loslassen. Oder um es mit den Worten meiner Tochter zu sagen: „Chill‘ dein Leben.“

 

Eigenbrötler und Freigeist

80 Jahre wäre mein Papa heute alt – und würde wohl immer noch von Abenteuern in fernen Ländern träumen.

Mein Vater, der rastlose Eigenbrötler und Freigeist, der voll von großartigen Ideen war, sich bei der Verwirklichung aber oft selbst im Weg stand. Ein Vater, der zwar hin und wieder zuhause, aber geistig nie wirklich anwesend war und der sich die Geburtstage seiner Kinder nicht merken konnte. Eine meiner frühesten Erinnerungen an ihn ist, wie ich auf seinem Schoß sitze und er mich „Sasn“ nennt – es war seine Art, mir Zuneigung zu zeigen. Manchmal betrachte ich ein Foto von ihm und mir, er sitzt Zeitung lesend in einem Liegestuhl, ich kauere daneben auf dem Boden und grinse in die Kamera, und ich weiß, dass dieses Bild seine Beziehung zu uns Kindern ziemlich genau auf den Punkt trifft. Ich muss damals um die drei Jahre alt gewesen sein.
papa1Ein Jahr später reichte meine Mutter die Scheidung ein und ich sah meinen Papa nur noch sporadisch wieder. Umso mehr genoss ich die seltenen Wochenenden mit ihm, seine Schrullen und unorthodoxen Späße. Als ich erwachsen wurde, konfrontierte ich ihn mit der Tatsache, dass er nie für uns da gewesen war, überhäufte ihn mit Vorwürfen. Und machte die Erfahrung, dass er sich mir gegenüber öffnete und meinen vielen Fragen standhielt. Ich begann zu begreifen, was er in seiner Kindheit durchgemacht hatte: Mitten im 2. Weltkrieg geboren, die Mutter kurz nach der Geburt verstorben, vom Vater abgelehnt, nur knapp eine Bombardierung Wiens überlebt. Ich liebte es, mit ihm alte Fotos anzusehen, auf denen er lässig vor einem Motorrad posiert und bis heute habe ich eine Schwäche für Lederjacken – und für Männer mit Brillen.
Ich söhnte mich mit meinem Vater aus, besuchte ihn regelmäßig in Linz und hin und wieder kam er nach Wien. Dann holte ich ihn vom Westbahnhof ab, wir tranken einen Kaffee im Westend und spazierten die Mariahilfer Straße hinunter. Er erzählte mir von seinen Jobs im Ausland, er hatte in Argentinien, Algerien und der Schweiz gearbeitet.
Ich bin froh über unsere Annäherung, denn er starb plötzlich und viel zu früh, mit 60 Jahren. Kurz davor war eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter gewesen, er hatte wieder einmal die Geburtstage von mir und meiner Schwester verwechselt. Als Strafe beschloss ich, ihn zappeln zu lassen und nicht gleich zurück zu rufen. Zwei Tage später erfuhr ich, dass er in seiner kleinen Linzer Wohnung einem Herzinfarkt erlegen war.
Als ich wenig später die Wohnung betrat, zog es mir das Herz zusammen: da lag seine Brille am Couchtisch, daneben ein Aschenbecher und eine Tasse Kaffee – als wäre er eben aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen…
Manchmal wünsche ich mir, er könnte mich heute sehen und bin sicher, er wäre stolz auf mich. Er war immer der Meinung, ich solle schreiben, lange bevor ich mir selbst das zutraute. Viel später erfuhr ich von seiner zweiten Frau, dass er zwei Leidenschaften gehabt hatte: schreiben und singen – genau wie ich. Wenn ich daran denke, stelle ich mir vor, wie er mir von da oben zuzwinkert und einen Witz darüber reißt.

Besser geht’s nicht

Neulich, als ich mit meiner Familie einen Badenachmittag verbrachte, machte sich eine wohlige Zufriedenheit in mir breit. Ich beobachtete meine Tochter dabei, wie sie selbstvergessen im See planschte und spürte mit aller Deutlichkeit, dass es das ist, was mein Leben lebenswert macht. Gleichzeitig dachte ich an den Artikel, den ich am Vormittag abgeliefert hatte und mir wurde klar, dass das Eine ohne das Andere nur halb so viel wert wäre. Ich spürte große Dankbarkeit dafür, dass es mir gelungen ist, zwei Leben zu vereinbaren – als Mutter und als erfolgreiche Journalistin. Es wird ja viel geschrieben und diskutiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und immer öfter fällt die Behauptung, dass sie nicht machbar sei. Ich behaupte das Gegenteil: Ja, sie ist machbar, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. In meinem Fall funktioniert es, weil ich einen Mann an meiner Seite habe, dem es genauso wichtig ist wie mir, seine Zeit auf Arbeit und Familie aufzuteilen. Es ist möglich, weil wir beide selbständig sind und unsere Arbeitszeit selbst einteilen können. Und es funktioniert vor allem deshalb, weil wir uns nicht nur Kinderbetreuung und Haushalt aufteilen, sondern auch das Familieneinkommen. Denn Halbe-Halbe sollte sich nicht darauf beschränken, den Mann an seine Pflichten im Haushalt zu erinnern, sondern vielmehr eine Chance für beide Elternteile bedeuten, mehr Verantwortung zu übernehmen: er für die Kinder, sie für das Geld.

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten, sondern kann auch funktionieren, wenn beide sich ihre Zeit so einteilen, dass genügend davon für die Famile und Freizeit bleibt. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Arbeitswelt sich endlich an veränderte Bedürfnisse von heutigen Eltern anpasst und es Männern leichter macht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder in Karenz zu gehen. Und für Frauen nicht nur schlecht bezahlte Teilzeitjobs bietet, sondern andere Möglichkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint dazu: “Es sollte für Eltern eine dreißig Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und Haushalt kümmern und gleichzeitig ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. In Wirklichkeit kann niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.”

Bis dahin scheint es ein weiter Weg zu sein. Und auch bei mir dauerte es lange, bis ich in meiner Partnerschaft Verantwortung für die gemeinsamen Finanzen übernahm. Ich hasste zwar das Gefühl, abhängig zu sein, war latent unzufrieden – nahm das aber lange Zeit in Kauf. Teils aus Bequemlichkeit, teils wegen mangelnder beruflicher Perspektiven. Und auch heute ist es nicht so, dass die Aufteilung zwischen meinem Mann und mir immer reibungsfrei abläuft. Denn es geht ja nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch um die Arbeit im Haushalt, um Freizeit, Sport, Freunde und die Zeit, die wir als Paar verbringen wollen. Und dann wären da noch die Auszeiten, die jeder von uns in regelmäßigen Abständen für sich einfordert. Da kann es schon passieren, dass die Frage, wer mit dem Einkaufen dran ist, in einen Machtkampf ausartet. Und in hitzige Diskussionen darüber, wer sich mehr im Haushalt einbringt. Manchmal helfen dann nur noch ausgefeilte Entspannungstechniken, oder aber die hilfreiche Gabe, Prioritäten zu setzen und großzügig über die Staubschicht im Wohnzimmer hinwegzusehen.

All die Strapazen und Differenzen sind jedoch vergessen, wenn ich mir des Privilegs bewusst werde, all das zu haben, was ich mir immer gewünscht habe: zwei wunderbare Kinder, einen Beruf, den ich liebe, ein erfülltes Leben. Besser geht’s nicht.

Der weibliche Hang zum Perfektionismus

In einer Umfrage des Frauenministeriums gaben zwei Drittel der befragten Frauen an, täglich weniger als eine Stunde Zeit für sich selbst und ihr Wohlbefinden zu haben. Bei Männern machte nur jeder Zweite diese Angabe. Die Frauenministerin schließt daraus: „Vieles, das Frauen selbstverständlich für Familie und Haushalt tun, geschieht auf Kosten ihrer eigenen Freizeit“ und appelliert an die Männer, ihre Frauen mehr zu unterstützen.

Genauso wichtig wäre es jedoch, an die Frauen zu appellieren, sich selbst und ihre Bedürfnisse wichtiger zu nehmen und mehr Zeit für sich einzufordern. Denn Frauen neigen dazu, es allen außer sich selbst recht machen zu wollen, was dazu führt, dass sie sich permanent überfordern. Sie glauben, in allem perfekt sein zu müssen: im Job, bei der Kindererziehung, im Haushalt. Aber mal ehrlich: ist es wirklich notwendig, den Kindern am Abend ein warmes Essen zu zu bereiten, wenn sie bereits mittags in Kindergarten oder Schule verköstigt wurden? Muss die Küche zu jeder Tageszeit aussehen wie dem Ikea-Katalog entsprungen? Und kann die schmutzige Wäsche nicht auch noch bis morgen oder vielleicht sogar bis zum Wochenende warten? Frauen machen sich selbst das Leben oft schwerer als es sein müsste; immer mehr leiden an typisch weiblichen Symptomen wie Migräne oder PMS, zwei Drittel der von Depressionen Betroffenen sind Frauen. Denn natürlich wollen sie nicht nur im Job und zuhause funktionieren, sondern sie stellen auch noch den Anspruch an sich selbst, jederzeit freundlich und nett zu sein, und gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen. Wo bleibt da die Zeit für Entspannung und Muße?

Natürlich könnten ihre Frauen ruhig noch mehr unterstützen. Doch besteht dabei die Gefahr, dass diese Hilfe gar nicht ankommt – weil viele Frauen ihre ganz eigenen Vorstellungen davon haben, wie die Wohnung geputzt, die Wäsche gebügelt oder die Kinder erzogen werden müssen. Und solange Frauen ihrer Umwelt vermitteln, dass sie stark genug sind und keine Hilfe benötigen, werden sie wohl auch keine bekommen.

 

Verantwortung ist weiblich

Die Teilzeitquote ist bei Frauen in den vergangenen zwei Dekaden stetig angestiegen. 1990 lag sie bei 20,2 Prozent, 2000 bei 33,2 Prozent, 2010 arbeiteten bereits 44,3 Prozent aller erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, das sind mehr als 700.000. Vor allem  Frauen mit Kindern unter 15 Jahren betrachten Teilzeitbeschäftigung oft als die einzige Möglichkeit, neben den Betreuungsaufgaben einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
Das Problem mit der Teilzeitarbeit: Die Bezahlung reicht oft nicht zum Überleben aus, ein Karriereaufstieg wird fast unmöglich und in der Pension fehlen Teilzeitbeschäftigten wertvolle Versicherungszeiten. Was außerdem auffällt: Teilzeitkräfte verdienen für die gleiche Arbeit weniger als Vollzeitkräfte, in manchen Branchen sind es bis zu drei Euro Unterschied beim Bruttostundenlohn.

Es wird also Zeit, dass die Rollen neu verteilt werden – immer noch sieht sich hierzulande ein Großteil der Väter als Haupternährer und viele Mütter fühlen sich alleine zuständig für die Kindererziehung. Und daran ist nicht nur das viel zitierte Problem schuld, dass Frauen im allgemeinen weniger verdienen als Männer. Oder der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen. Meiner Meinung nach geben viele Frauen nur zu gerne die finanzielle Verantwortung an ihre Männer ab und fügen sich in die Rolle der Mutter und Teilzeitarbeiterin. So manche vielleicht auch aus Mangel an Selbstvertrauen und fehlender beruflicher Perspektiven. Das überhöhte Mutter-Ideal, das hierzulande vorherrscht, tut sein übriges.

Natürlich bräuchte es auch eine Veränderung unserer Arbeitswelt: flexiblere Arbeitszeiten, mehr Arbeit von zuhause aus – dann könnten Frauen und Männer sich die Kinderbetreuung besser aufteilen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint in einem Interview mit diestandard.at: „Es sollte für beide eine dreißig Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und Haushalt kümmern und beide ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. Die Leute schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu, in Wirklichkeit kann aber niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.“

Welch hohen Stellenwert Väter für ihre Kinder haben, macht der Psychologe Dr. Wolf Dietrich Zuzan deutlich: „Väter sind in jedem Alter für ihre Kinder wichtig, besonders aber ab einem Alter von 10 oder 11 Jahren – hier sind sie vor allem zuständig für die Ausbildung des Selbstwertgefühls. Man muss die Familie als ein Beziehungsgeflecht sehen, in dem alle Beteiligten Einfluss aufeinander haben. Wenn der Vater abwesend ist, ist dieses Beziehungsgeflecht gestört und die anderen Partner müssen die Abwesenheit kompensieren, was nicht immer gelingt. Das kann zu Fehlentwicklungen beim Kind führen.“ Angesichts der großen Zahl an Wochenend-Vätern und Alleinerzieherinnen eine nicht unwesentliche Information..

Auch wenn es ein langer Weg zu gerechter Rollenverteilung und familienfreundlichem Arbeitsmarkt sein mag: es wird Zeit, dass Frauen sich mehr zutrauen, mehr Verantwortung an die Väter abgeben und diese wiederum mehr Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Nicht nur in finanzieller Hinsicht.

Was Frauen wollen

Es wird soviel polemisiert und diskutiert über die Gleichstellung der Frau, dass die Gefahr besteht, zu vergessen, worum es dabei wirklich geht. Für viele Frauen ist Feminismus gleichbedeutend mit einem täglichen Kampf um Gleichberechtigung, wogegen das Wort feminin in unserer Gesellschaft gleichgesetzt wird mit weiblich, im Sinne von zart, schön, attraktiv. Und meilenweit entfernt von kämpferisch. Kann feminin und Feminismus also überhaupt zusammen passen? Und wofür kämpfen wir Frauen eigentlich? Geht es wirklich nur noch um Gleichberechtigung – oder vielmehr um das Recht, über das eigene Leben bestimmen zu können?

Die Debatte rund um den Feminismus scheint unsere Gesellschaft zunehmend in zwei Lager zu spalten: diejenigen, die sich für die Gleichberechtigung der Frau stark machen und das Gegenlager, das sich für eine „neue Weiblichkeit“ einsetzt, sprich: Frauen sollen sich ihrer ursprünglichen Bestimmung besinnen, nämlich Kinder in die Welt zu setzen. Mit zunehmender Polarisierung übersehen all diese streitbaren Frauen gerne, dass es zwischen den beiden Polen noch unendlich viele Varianten gibt und die meisten Frauen einfach nur versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen.

Denn wenn wir ehrlich sind, können wir es sowieso niemandem recht machen: Wenn eine Frau sich von ganzem Herzen dazu entschließt, zuhause zu bleiben, um für die Familie da zu sein, bekommt sie den wenig schmeichelhaften Stempel „Nur-Hausfrau“ aufgedrückt.  Frauen, die sich für Karriere und gegen Kinder entscheiden, werden gerne in die Schublade „karrieregeile Mannsweiber“ gesteckt. Immer mehr Frauen, die versuchen, alles unter einen Hut zu bringen, die sich morgens bis abends mit einem schlecht bezahlten Teilzeitjob, anspruchsvollen Kindern, einem noch anspruchsvolleren Partner und, nicht zu vergessen, Staubsaugern und Küchengeräten, herumschlagen, schrammen tagtäglich knapp am Burn Out vorbei. Und wer bestimmt eigentlich darüber, was eine gute Mutter ist? Die deutsche Sprache ist die einzige, in der das Wort „Rabenmutter“ existiert.

Die einzige Lösung für uns Frauen bleibt, es uns selbst recht zu machen, statt allen anderen. Dazu müssen wir natürlich erst wissen, was wir wollen, und das ist wahrscheinlich die größte Hürde. Denn wir sind ständig hin- und her gerissen zwischen all den Möglichkeiten, die wir heutzutage haben, zwischen dem Wunsch, uns selbst zu verwirklichen und dem Anspruch, ein angepasster Teil der Gesellschaft zu sein. Schön wäre, wenn jede Frau für sich selbst bestimmen dürfte, welchen Weg sie gehen möchte, ohne sich dafür vor irgend jemandem rechtfertigen zu müssen. Erst dann wären wir wahrlich gleichberechtigt. Aber solange uns in unserer Gesellschaft suggeriert wird, dass frau schlank, schön und jugendlich, also feminin zu sein hat, und die Frauen dabei in ständiger Konkurrenz zueinander stehen, sind wir sowieso noch weit entfernt vom Ziel des Feminismus: nämlich als Frau, egal ob dick oder dünn, schön oder durchschnittlich, unseren Weg zu gehen.