Unsere tiefste Angst

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich viel darüber nachdenke, wie wir unsere Welt ein Stück besser machen können. Ich bin immer auf der Suche nach Lösungen für die wachsenden weltweiten Herausforderungen und habe zuletzt vermehrt zum Aktivismus aufgerufen. Doch mir ist auch bewusst, dass das nicht für jede/n passt.  Ich bin überzeugt, dass wir ebenso einen Beitrag leisten können, wenn wir bei uns selbst beginnen. Und damit meine ich nicht nur einen bewussten und nachhaltigen Lebensstil, sondern zuallererst die Wertschätzung für uns selbst.

Ich begegne immer wieder Menschen, die sich klein machen und nicht für Dinge eintreten, die ihnen wichtig sind – schon gar nicht für sich selbst. Zuerst kommt die Arbeit, die Kinder, der Druck zu funktionieren und nicht selten der Wunsch, es allen recht zu machen. Dabei wird übersehen, wie  lebensnotwendig die Balance zwischen beruflichen und familiären Verpflichtungen und dem eigenen Wohlbefinden ist. Als berufstätige Mutter zweier Kinder weiß ich um die Herausforderung, im Alltag bei sich selbst zu bleiben. Und doch habe ich im Lauf der Jahre gelernt, wie wichtig es ist, gut für mich selbst zu sorgen.

Auf meinem Weg dorthin öffnete mir vor vielen Jahren ein Vorfall die Augen:
Ich bin auf dem Weg nachhause von einem Einkauf, bepackt mit zwei schweren Taschen. Vor wenigen Tagen habe ich nach einer Operation das Krankenhaus verlassen. In meinem Haus bleibe ich am Fuße der Stufen stehen und denke an die Worte des Arztes: Nichts Schweres heben! Kurz überlege ich, was ich tun soll, es ist niemand da, der mir helfen könnte. „Scheiß drauf“, schießt es mir durch den Kopf, ich hebe die Einkaufstaschen wieder hoch und steige die Stufen hinauf, drei Stöcke hoch. Danach bin ich erschöpft und fühle mich unwohl; wenige Stunden später muss ich erneut ins Krankenhaus.
Als ich kurz darauf in einer Gesprächstherapie die Episode mit den schweren Einkaufstaschen beschreibe, gebe ich den Gedanken wieder, der mir damals durch den Kopf schoss. Die Antwort meiner Therapeutin lautet: „In Wahrheit haben Sie auf sich selbst geschissen.“ Es brauchte tatsächlich solch drastische Worte, um mir klar zu machen, was ich mir und meinem Körper jahrelang angetan hatte. Und in einem Genesungsprozess, der sich über Jahre erstreckte, lernte ich, meine ureigenen Bedürfnisse zu erkennen und mich selbst wichtig zu nehmen.

In dieser Zeit stieß ich auf einen Text der amerikanischen Autorin und spirituellen Lehrerin Marianne Williamson, der tief in mir etwas zum Klingen brachte und den ich bis heute immer wieder zur Hand nehme, wenn ich an mir zweifle:

Unsere tiefste Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere tiefste Angst ist, über die Maßen machtvoll zu sein.
Es ist unser Licht, das uns erschreckt, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich geistreich, großartig, talentiert, fantastisch sein soll?
Aber wer bist du, dies nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes!
Dich klein zu machen dient der Welt nicht.
Es liegt nichts Erleuchtetes darin, zu schrumpfen, damit andere Menschen sich in deiner Nähe nicht unsicher fühlen.
Wir sollen alle strahlen, wie Kinder es tun.
Wir wurden geboren, damit die Herrlichkeit Gottes manifestiert wird, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen, sie ist in jedem von uns.
Wenn wir unser eigenes Licht leuchten lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, das gleiche zu tun.
Wenn wir frei von Angst sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

„Indem wir unser eigenes Licht leuchten lassen“ – wie schön! Wir alle tragen ein solches Licht in uns, doch viele bleiben lieber im Dunklen. Stellt euch vor, wir alle ließen dieses Licht leuchten! Wir könnten in unsere Kraft kommen, unsere Stärken leben und andere damit anstecken. Dieses Leuchten würde alles überstrahlen.
Ja, ich glaube fest daran, dass wir die Welt verändern können, wenn wir bei uns selbst beginnen.

50 – na und?

Es war vor ungefähr einem Jahr, als mir ein flüchtiger Bekannter auf den Kopf zusagte, dass ich unzufrieden wirke. „Wenn du nicht aufpasst, gehörst du bald zu diesen verbissenen älteren Frauen mit hängenden Mundwinkeln.“ Zack, das saß. Mein erster Impuls war, hysterisch zu lachen. Der zweite, aufzuspringen und zu gehen. Doch ich blieb sitzen, stumm, und dachte: Er hat recht.

Das vergangene Jahr wird in meine persönlichen Annalen als jenes eingehen, in dem ich in die Krise schlitterte. Midlife-Crisis, Wechseljahre, was auch immer. Ich steuerte auf meinen 50. Geburtstag zu und stellte alles in Frage: Meine Arbeit, meine Beziehung, meine Qualitäten als Ehefrau und Mutter – alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte. Dazu kamen gesundheitliche Probleme und finanzielle Sorgen. Mehr als einmal hätte ich am liebsten alles liegen und stehen gelassen, um einfach abzuhauen. 50 mag nur eine Zahl sein, aber diese Zahl ließ und lässt mich nicht kalt, auch ein halbes Jahr nach meinem Geburtstag fällt es mir schwer, sie auszusprechen. Dass ich ständig für jünger gehalten werde, macht die Sache auch nicht einfacher – es verwirrt mich eher noch mehr. Unbekannten, denen ich erzähle, dass ich einen 20 jährigen Sohn habe, steht die Verwirrung oft ins Gesicht geschrieben. Ich entwickle jüngeren Frauen gegenüber zunehmend mütterliche Gefühle, möchte sie unter meine Fittiche nehmen – und fühle mich unter jungen Menschen zuweilen fehl am Platz.

Ich beschloss also, meinen 50. Geburtstag mit Freunden und Familie zu feiern und es ordentlich krachen zu lassen. Ich erfüllte mir einen jahrelangen Traum und sang einen meiner Lieblingssongs vor allen Anwesenden. Zwar zitterten mir die Knie, aber ich fühlte mich lebendig wie lange nicht. Ich sang, tanzte und lachte mit meinen Freunden und meiner Familie – und einige Tage später brach ich zu einer dreiwöchigen Reise in die USA auf. Auch das war ein lange gehegter Wunsch von mir, ein Geschenk, das ich mir zu meinem runden Geburtstag selbst machte, mit der Unterstützung vieler lieber Menschen. Diese Reise war buchstäblich meine Rettung: Als ich zurück kam, hatte ich meine Balance wieder gefunden. Seither geht es aufwärts. Ich spüre es zwar immer noch, das hormonelle Auf und Ab, und es könnte durchaus sein, dass es noch eine Weile so weitergeht. Aber da ist auch eine neue Gelassenheit, die ich immer öfters empfinde. Eine satte Zufriedenheit mit dem, was gerade ist – dann fühle ich mich so sehr im Hier und Jetzt verankert, wie ich es früher nicht kannte.

Was die hängenden Mundwinkel betrifft: Ich habe beschlossen, wieder mehr zu lachen. Viel zu oft habe ich in der Vergangenheit nur verkrampft gegrinst oder verschämt gelächelt, um meine Zähne nicht zu zeigen – die sind nämlich schief. Ich übe mich also darin, Menschen anzulachen – und bis jetzt hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt oder sich über mich lustig gemacht. Auch meinen Mann lache ich jetzt wieder öfters an, statt Machtkämpfe mit ihm auszutragen, und das tut uns beiden gut. Ich bin eine Frau mittleren Alters, die hin und wieder mit ihren Hormonteufelchen kämpft und habe schiefe Zähne. Ich bin 50 und nicht perfekt – na und?

Mädchenpower

Selbstbewusste Frauen haben es heute schwerer denn je. Unsere Töchter können wir stärken, indem wir ihnen auf Augenhöhe begegnen und ihre Grenzen respektieren.

Die Zeiten sind für uns Frauen (noch) härter geworden. Je selbstsicherer wir werden und je mehr wir uns gegen männliche Übergriffe wehren, desto stärker wird der Gegenwind. Frauen, die sich zur Wehr setzen, werden mundtot gemacht, wie die Fälle Christine Blasey Ford oder Sigi Maurer zeigen.

Selbstbewusste Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, sind zwar mehr geworden – doch sie sind immer noch in der Minderheit. Ich sehe eine unserer größten Aufgaben als Eltern daher darin, unseren Töchtern Stärke und Selbstsicherheit zu vermitteln. Das bedeutet, sie wert zu schätzen und sie in ihrer Persönlichkeit zu bestärken. Ich möchte meine Tochter ermutigen, im richtigen Moment Nein zu sagen und ihre Grenzen respektieren. Sie dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst zu spüren. Und das gilt nicht nur für Töchter, sondern auch für unsere Söhne – denn ein gesundes Selbstwertgefühl ist der beste Weg zu einem respektvollen Umgang mit sich selbst und Anderen. Dazu braucht es allerdings auch Väter, die für ihre Kinder präsent sind und diese Eigenschaften vorleben. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, der unseren Kindern in vielerlei Hinsicht Vorbild ist.

Dass Frauen alleine wegen ihres Frau-Seins herab gewürdigt und belästigt werden, musste ich in jungen Jahren schmerzlich erfahren. Mein Selbstwertgefühl erarbeitete ich mir schrittweise, meine Familie war dabei keine Hilfe. Ich wuchs in dem Glauben auf, Bescheidenheit und Zurückhaltung seien erstrebenswerte Tugenden, lernte, dass andere Meinungen mehr zählten als meine eigene – besonders die von Männern. Doch in dem Maße, in dem mein Selbstwertgefühl wuchs, taten sich ungeahnte Möglichkeiten auf, gleichzeitig nahmen Grenzüberschreitungen von männlicher Seite ab. Indem ich lernte, mich selbst zu lieben, wuchs auch der Respekt der Männer (und Frauen) in meiner Umgebung.

Ich möchte es meiner Tochter leichter machen, möchte ihr den Kampf ersparen, den ich jahrelang geführt habe – gegen mich selbst und gegen Männer, die mich nicht wertschätzten. Daher ist es mir ein Herzensanliegen, meine Lebenserfahrung an sie weiter zu geben, sie in ihrem So-Sein zu bestärken – gerade auch, weil ihr Naturell sich von meinem grundlegend unterscheidet. Und wenn ich sie heute mit ihren vierzehn Jahren sehe, ihre unbändige Lebenslust, ihre kämpferische Natur und den Willen, alles zu erreichen, was sie sich vorgenommen hat, spüre ich, dass wir zwei auf einem guten Weg sind.

Aufbruchstimmung

Soll ich oder soll ich nicht? Oder vielmehr: Darf ich das? Seit Jahren träume ich davon, mich alleine auf den Weg zu machen, meinen Alltag für einige Wochen hinter mir zu lassen. Die letzten Jahre waren eine einzige Herausforderung: Mein Leben als Selbständige, die Tochter in der Pubertät, der Sohn auf dem Sprung ins Erwachsensein – und ein Mann, der sich vor einigen Jahren ebenfalls selbständig gemacht hat. Das bedeutete einen ständigen Balanceakt am Rande der Erschöpfung, ein hormonelles Auf und Ab – begleitet von der Frage: Geht da noch was?

Der Wunsch, den Alltagspflichten zumindest für einige Zeit zu entkommen, wurde mitunter beinahe übermächtig. Doch immer wieder tauchte die Frage auf: Darf ich das, meinen Mann alleine lassen mit einer Tochter, deren Stimmungen im Stundentakt schwanken? Darf ich mich auf den Weg machen, wenn das Geld ständig knapp ist? Ich beschloss, all diese Fragen mit einem deutlichen JA zu beantworten: Mein 50. Geburtstag sollte der Anlass für eine längere Reise werden. Ich darf, weil ich mir selbst die Erlaubnis dazu gebe. Denn ich spüre es ganz deutlich, wie sehr ich diese Auszeit brauche, wie sehr ich mich danach sehne, alleine unterwegs zu sein. Wenn ich alleine reise, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und mich für neue Ideen zu öffnen. Ich beschloss, über meine Erfahrungen auf dieser Reise zu schreiben.

Reisen haben mich seit meiner Kindheit begleitet. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein, in andere Kulturen einzutauchen und fremde Menschen kennen zu lernen, gehört zu mir wie eine Extraportion Abenteuerlust. Ich erinnere mich lebhaft an die erste große Reise mit meinen Eltern: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen, neben mir am Rücksitz quetschten sich Onkel und Tante in den kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns anzutreten. Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und weiter bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – da waren Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Das Meer! Die Klippen! Ich saugte alles in mir auf und konnte nicht genug kriegen von diesem neuen Gefühl.

Die Reiselust ist zu meiner treuen Begleiterin geworden: Nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fort zu kommen. Berufliche Reisen haben mich nach Indien und Westafrika geführt, nach Marokko und Honduras. Und darüber zu schreiben, macht das Reisen erst perfekt. Diesmal zieht es mich in die USA: Meine Reise wird mich von New York, dieser Stadt meiner Träume, in den Süden der Vereinigten Staaten führen. In Alabama wartet meine Gastfamilie auf mich, die mir vor über 30 Jahren für ein Schuljahr ein Zuhause bot. Von dort geht es weiter über New Orleans bis nach Santa Fe, New Mexico – mit dem Zug. Denn beim Bahnfahren gelingt es mir am besten, abzuschalten und den Kopf frei zu kriegen.

Ich werde diese Reise auch unternehmen, um die USA, dieses Land der Widersprüche, neu zu entdecken. Nicht jeder hat Verständnis dafür, dass es mich gerade jetzt dorthin zieht, angesichts eines umstrittenen Präsidenten. Ich antworte darauf stets: „Was würde es ändern, wenn ich zuhause bliebe?“ Lieber möchte ich mir ein Bild von der Stimmung im Land machen und mit den Menschen sprechen. Das allerwichtigste wird jedoch sein, dass ich diese Reise für mich unternehme. Um bei mir selbst anzukommen.

Die Kraft der Frauen

„Männer sind Schweine“ lautet der Titel eines Songs der „Ärzte“ aus dem Jahr 1998, „Ein Mann fühlt sich erst dann als Mann, wenn er es dir besorgen kann“ eine Textzeile daraus. Ich erinnere mich gut daran, wie ich damals beim Refrain mitjohlte und mir dachte, ja so ist es.

Ich war eine jener zornigen, jungen Frauen, die sich vom anderen Geschlecht missverstanden und schlecht behandelt fühlten. Zu oft hatte ich es erlebt, dass Männer mich auf der Straße anmachten oder sich im vollbesetzten Bus an mich pressten. Mehr als einmal schrie ich wildfremde Männer, die einen plumpen Annäherungsversuch gemacht hatten, genervt an. In Gesprächen mit meinen Freundinnen, in denen es oft um unsere schlechten Erfahrungen mit Männern ging, fühlte ich mich in meiner Meinung bestätigt. Irgendwann begann es mir jedoch zu dämmern: Solange ich mit dieser „Alle Männer sind Schweine“- Attitüde auf einen Mann zugehe, werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit von ihm enttäuscht werden. Und so geschah es auch, nur allzu oft traf ich Männer, die mich nicht respektierten und mich bald fallen ließen. Im Laufe der Jahre lernte ich, mich selbst wert zu schätzen – und siehe da, ich lernte Männer kennen, die mich respektvoll behandelten.

Dennoch kann ich es nachvollziehen, wenn Frauen gereizt auf männliche Verhaltensweisen wie das sogenannte manspreading reagieren (Männer, die in öffentlichen Verkehrsmitteln mit weit gespreizten Beinen dasitzen). Auch bei meiner Tochter wächst gerade das Bewusstsein für solch typisch männliches Verhalten. Neulich im Hallenbad erzählte sie mir, dass sie einen Mann beobachtet hätte, der mit seinen Blicken einer Frau durch die gesamte Schwimmhalle gefolgt war. Sie findet so etwas „creepy“. In solchen Fällen beschwichtige ich sie: Solange es nur Blicke seien, gäbe es keinen Grund zur Aufregung. Ich tue mein Bestes, um ihr Selbstbewusstsein  zu stärken und ermutige sie, Grenzen zu setzen. Aber natürlich weiß ich, wie sie sich fühlt, ich habe mir im Laufe der Jahre antrainiert, anzügliche Blicke zu ignorieren und mich gegen plumpe Anmache zu wehren. Das hat irgendwann zum Erfolg geführt, mich aber auch hart gemacht. Diese Härte scheint der Preis für selbstbewusste und erfolgreiche Frauen zu sein. Denn auch beruflicher Erfolg, der oft bedeutet, sich im Mitbewerb durch zu setzen, und nebenbei womöglich noch Kinder und Haushalt zu managen, erfordert viel Kraft und Zähigkeit. Diese Härte wiederum steht uns Frauen dabei im Weg, uns mit unserer urweiblichen Seite zu verbinden. Mit zunehmendem Alter spüre ich, dass ich den Weg zurück zu diesem weichen, nachgiebigen Teil in mir suche.

Wenn es darum geht, der männlichen „Platz da, jetzt komm ich“-Haltung etwas entgegen zu setzen, sind wir Frauen gefordert, zu eben dieser weiblichen Urkraft zurück zu finden. Das bedeutet nicht, dass wir uns unterordnen oder uns kleiner machen als wir sind (was leider viel zu oft passiert). Es bedeutet auch nicht,  uns männliche Verhaltensweisen anzutrainieren oder gar Machtkämpfe auszutragen. Wer will schon sein wie jene machthungrigen Männer, die es nicht ertragen, wenn ihnen die Kontrolle entgleitet? Die um sich schlagen – oft auch verbal – wenn ihnen der Boden, auf dem sie all ihr Machtgebaren einzementiert haben, unter den Füßen weggezogen wird? Als Folge der metoo-Debatte ist neuerdings zu hören, dass Männer Bedenken hätten, alleine mit einer Frau in den Lift zu steigen oder – erst kürzlich gelesen – einer Frau in einer Notsituation zu helfen. Aus Angst, im Nachhinein fälschlicherweise eines Übergriffes bezichtigt zu werden. Oder von Männern, die nicht mehr wissen, ob und wie sie mit einer Frau flirten dürfen. Dabei wäre es so einfach: ein klein wenig Hinspüren reicht aus, um zu wissen, ob eine Frau interessiert ist. Ja, es mag Frauen geben, die aus Geltungs- oder Rachsucht Männer einer Tat beschuldigen, die nie passiert ist. Meine Erfahrungwerte sagen mir jedoch, dass das eine Minderheit ist und die allermeisten Übergriffe Frauen gegenüber tatsächlich passiert sind – und passieren. Der Umkehrschluss würde lauten: Ich steige in keinen Lift mehr, in dem sich ein Mann befindet – weil ich schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht habe. Ich weigere mich jedoch, alte Ängste mit mir herumzutragen und habe mich dazu entschlossen, den Menschen grundsätzlich zu vertrauen – und es funktioniert!

Ich habe lange genug Machtkämpfe ausgetragen, auch in meinen Beziehungen, um zu wissen, dass es letztendlich darum geht, Frieden mit mir selbst zu schließen. Der Panzer, den ich mir im Lauf der Jahre zugelegt habe, beginnt zu bröckeln. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, von dem ich lernte, in mich hinein zu spüren und der unserer Tochter in vielerlei Hinsicht Vorbild ist. Mein Sohn hat sich zu einem feinfühligen jungen Mann entwickelt, dem respektvolle Beziehungen am Herzen liegen. Mehr und mehr wird mir klar: Wir Frauen können lernen, in unserer männerdominierten, auf Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft zu unseren weiblichen Qualitäten zurück zu finden und auf unsere innere Stärke zu vertrauen – und damit Männern ein Vorbild sein.  Dann wird es vielleicht – hoffentlich nicht in allzu ferner Zeit – ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Mann und Frau geben.

Das Leben feiern

Es wird Zeit, dass wir Frauen damit aufhören, uns über unser Aussehen zu definieren. Es gibt so viel Wichtigeres im Leben, als Kilos zu zählen!

Ich muss um die siebzehn gewesen sein, als es mir dämmerte: dünn zu sein ist erstrebenswert. Lange Zeit hatte ich mich als zu mager, zu wenig weiblich empfunden. Bis ich meinen ersten richtigen Freund hatte und der mich gut fand – genauso, wie ich war. Ich begann, mich über meinen Körper zu definieren und bezog mein Selbstwertgefühl forthin aus der Tatsache, dass Männer mich attraktiv fanden. Das traf sich gut, denn in meinem Inneren blieb ich schüchtern und unsicher, daran änderte auch der scheinbar perfekte Körper nichts. Zur Bewunderung der Männer kam der Neid des eigenen Geschlechts: jahrelang bekam ich Kommentare zu meiner Figur zu hören, oft untergriffig und respektlos, immer von Frauen. Und ich lernte viele kennen, die mit ihrem Aussehen haderten: Freundinnen, die sich zu dick fanden, obwohl ich keinen Gramm zu viel an ihnen entdecken konnte. Die beste Freundin, die immer mehr an Gewicht verlor – bis ich herausfand, dass sie magersüchtig war.

Ich gebe zu, dass ich es gut getroffen habe: Ich kann essen, was ich will, ohne zu zu nehmen, war nie auf Diät, benutze keine Waage. Warum soll es wichtig sein, mein Gewicht zu kennen, solange ich mich wohl in meiner Haut fühle? Doch auch bei mir gab Zeiten, in denen ich mit meinem Äußeren nicht zufrieden war. Bis ich zu dem Schluss kam: Ich bin jenseits der 40, habe zwei Kinder geboren, muss ich aussehen wie ein Supermodel? Heute fühle ich mich wohl mit mir und meinem Körper, doch das war ein langer Weg. Es brauchte Jahre, bis ich kapierte: äußere Schönheit ist nichts wert, wenn du dich innen drin nicht leiden kannst. Und auch heute ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich andere Frauen kritisch mustere und vorschnell ein Urteil fälle, alleine wegen ihres Aussehens. Dann mache ich mir bewusst, wie sehr wir vom Schönheitsideal beeinflusst werden, das die Werbung oder Hollywood uns vorgibt. All diese makellosen und scheinbar alterslosen Schönheiten – sind sie wirklich das Maß aller Dinge? Wie kommt es, dass wir Frauen uns auf unsere Körper reduzieren lassen und bei diesem Irrsinn mitmachen? Hin und wieder begegne ich Frauen (und Männern) mit einer besonderen Anziehungskraft, die nichts mit perfekten Proportionen zu tun hat. Es sind Menschen, die ein Strahlen in den Augen haben, die wissen, was sie wollen und sich nicht darum kümmern, was andere von ihnen denken. Oder ältere Menschen, die dieses gewisse Etwas haben und in sich ruhen – Menschen, die zu ihrem Alter stehen können. „Wo sind wir als Gesellschaft so falsch abgebogen, dass wir das Altern als etwas Schlechtes ansehen?“ fragt  Taryn Brumfitt, die in ihrer Doku „Embrace“ den vorherrschenden Jugend- und Schönheitswahn aufs Korn nimmt.

Es wird Zeit, dass wir Frauen damit aufhören, uns über unseren Körper zu definieren und uns stattdessen unserer Stärken besinnen – und beginnen, das Leben zu feiern! Es gibt so viel Wichtigeres als Kilos zu zählen und sich ein Schönheitsideal überstülpen zu lassen. Wollen wir wirklich unseren Töchtern vermitteln, dass sie nicht gut genug sind, nur weil sie keine Modelmaße haben? Wollen wir es zulassen, dass Mädchen sich über ein Körperbild definieren, bei dem eine Lücke zwischen den Oberschenkeln (Thigh Gap) als erstrebenswert gilt? Auch der aktuelle Trend, mollige Frauen hoch zu stilisieren, ist nur ein weiterer Auswuchs weiblicher Körperfixiertheit. Ich glaube, dass wir damit aufhören müssen, den weiblichen Körper zum Thema zu machen, egal ob dick oder dünn. Denn wir Frauen sind viel mehr als das.

Geht da noch was?

Je näher mein 50. Geburtstag rückt, desto seltsamere Verhaltensweisen lege ich an den Tag. Ich tue Dinge wie vor 30 Jahren: Mir denselben Film mehrmals im Kino anzusehen oder in verrauchten Lokalen zu verkehren.

Manchmal fühle ich mich wie Faust (Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust): Wenn ich wieder einmal alles liegen und stehen lassen möchte, um in ein Land (irgendeines!) auszuwandern, in dem immerfort die Sonne scheint – und im nächsten Moment bis über beide Ohren in meine Heimatstadt verliebt bin. Oder wenn ich die kleinen Rituale meines Alltags genieße und gleich darauf glaube, vor Langeweile sterben zu müssen. Neulich ertappte ich mich in einem jener Raucherlokale dabei, wie ich die Frau hinter der Bar beobachtete und mir für einen kurzen, aber denkwürdigen Moment ihren Job wünschte.

Und immer wieder der Gedanke: War’s das jetzt? Dann stelle ich alles in Frage: mein – zugegebenermaßen nicht schlechtes – Leben in einer der schönsten Städte der Welt, mit Mann, Kindern und einem Job, von dem ich immer geträumt habe. Geht da noch was? Ich träume von Aufbruch, von Reisen (das allerdings, seit ich denken kann), vom Leben in der Natur und Abenteuern ohne Ende. Meine Familie holt mich mit schöner Regelmäßigkeit auf den Boden der Realität zurück. Wenn meine Tochter mir mit ihren pubertären Verrücktheiten mein eigenes Verhalten widerspiegelt oder mein Sohn mir einen Vortrag darüber hält, wie wichtig es sei, sich für Wünsche und Ziele einzusetzen.

Ich brauche diese kleinen Abenteuer wie die Luft zum Atmen

Und dann merke ich wieder, wie einfach es sein kann, frischen Wind in den Alltag zu bringen – ohne ans andere Ende der Welt reisen zu müssen. So wie neulich, als ich beim Laufen auf meiner Lieblingsstrecke eine spontane Idee hatte. Ich kletterte einen steilen Waldhang hinauf, um von ganz oben einen Blick auf das Tal zu werfen. Während ich hinauf klettere, immer darauf bedacht, auf dem weichen und rutschigen Untergrund Halt zu finden, fühle ich mich wie bei einer Expedition auf den Kilimandscharo. Ich zwinge mich dazu, nicht zu oft hinunter zu sehen, weil ich sonst dank meiner nicht unbeträchtlichen Höhenangst weiche Knie bekäme. Und als ich den höchsten Punkt erreicht habe, mich von der Sonne wärmen lasse und meinen Blick über den Fluss hinüber zu den Bergen schweifen lasse, ist da ein Gefühl von Stolz. Gefolgt von der bangen Frage: Werde ich wieder hinunter kommen? Auf dem Weg nachhause zittern meine Knie zwar von der ungewohnten Anstrengung, aber mir wird klar: diese kleinen Abenteuer, das Ausbrechen aus der alltäglichen Routine, ist es, was ich brauche wie die Luft zum Atmen.

Ich bin überzeugt davon: Älterwerden bedeutet nicht das Ende aller Träume. „Die Lebensmitte ist die Zeit der Bilanzierung, und damit auch die Chance zum Neustart“, sagt die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Gut so. Denn ich werde nie aufhören, das Beste aus meinem Leben zu machen. Ich möchte einen Roman schreiben, all die Länder besuchen, die noch auf meiner Liste stehen – und vielleicht sogar meinen Traum vom Leben am Meer umsetzen. Das Geschenk, das ich mir selbst zu meinem 50er machen werde, steht jedenfalls fest: es soll eine längere Reise werden, über die ich auch schreiben werde. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Liebeserklärung

„Mama, du solltest mal ein paar Tage Urlaub machen, OHNE Laptop!“ meinte meine Tochter neulich, als ich mich darüber beklagte, dass gerade alles ein bisschen viel sei. Und mein großer, vernünftiger Sohn empfahl mir, einen Zeitplan für die Arbeit an meinem  Buch zu machen.

Kinder zu haben war definitiv die beste Entscheidung meines Lebens – auch wenn das Mutterdasein mich immer wieder vor Herausforderungen stellt und mich bisweilen an meine Grenzen bringt. Nichts und niemand konnte mich darauf vorbereiten, was mich als Mutter erwarten würde. Rund um die Uhr für einen kleinen Menschen da zu sein, war für einen freiheitsliebenden Menschen wie mich die größte Herausforderung überhaupt und es dauerte eine Weile, bis ich mich mit meiner neuen Rolle angefreundet hatte. Heute, siebzehn Jahre später, kann ich sagen, dass ich ohne meine Kinder nicht da wäre, wo ich jetzt bin – privat und beruflich. Durch sie bin ich über mich hinausgewachsen und gereift, mit ihnen hatte ich die besten, aber auch die schwierigsten Momente meines Lebens. Wenn ich mich über meine elfjährige pubertierende Tochter ärgere, hilft es, mir vor Augen zu halten, dass sie mein Verhalten spiegelt: ihre Launen, die Ungeduld und Sturheit – all das sind Eigenschaften, die ich auch von mir kenne. Wenn ich meinen Großen ansehe, schlaksig und unnahbar, sehe ich den Teenager, der ich einst war.

Dass diese Aufgabe nicht nur Honiglecken ist, kann wohl jede Mutter bestätigen. Daher kann ich auch ansatzweise nachvollziehen, was in Frauen vorgeht, die ihre Mutterschaft bereuen. Die israelische Soziologin Orna Donath sprach für eine Studie mit 23 Frauen, die auf die Frage „Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten, mit all dem Wissen und der Erfahrung von heute, würden Sie dann noch einmal Mutter werden?“ mit Nein antworteten. Wenn ich heute auf dem selben Bewusstseins- und Entwicklungsstand wie bei der Geburt meines ersten Kindes wäre, würde ich meine Mutterschaft vielleicht auch bereuen. Ich kenne die Gefühle der Überforderung, der Verzweiflung und die Momente, wo man alles hinschmeißen möchte, um nur ein paar Stunden Ruhe zu haben. Die Zeiten, in denen die Verantwortung mich beinahe erdrückte. Doch zum Glück habe ich die Herausforderung angenommen, mich auf meine Kinder eingelassen und durch sie vieles gelernt, das mir als Nicht-Mutter versagt geblieben wäre. Ich habe gelernt, Prioritäten zu setzen und mich in Geduld zu üben; mein eigenes Leben zu leben und trotzdem für sie da zu sein.

Und ich lerne immer noch: meine Kinder als eigenständige Menschen zu respektieren, sie so sein zu lassen wie sie sind, mit all ihren Eigenheiten. Sie auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben zu begleiten und gleichzeitig loszulassen – wohl eine der schwierigsten Übungen. Doch das Schönste am Muttersein ist wahrscheinlich das: meine Kinder halten mir nicht nur eigene Schwächen vor Augen, sondern wecken auch ungeahnte Talente in mir. Durch die Extravertiertheit meiner Tochter, die Schauspielerin werden möchte, wurde mir bewusst, dass auch ich diese Seite in mir trage. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass ich den Mut fasste, mich zum ersten Mal auf eine Bühne zu stellen und einen Vortrag zu halten. Mein Leben lang hatte ich geglaubt, ich sei zu schüchtern, um vor Menschen zu sprechen, bin in dem Glauben aufgewachsen, Zurückhaltung und Bescheidenheit seien erstrebenswerte Tugenden. Bis mir meine Tochter mit ihrer überschäumenden Lebenslust zeigte, dass es auch anders geht.

Dass es der größte Wunsch von Kindern ist, mit beiden Elternteilen zusammenzuleben, musste ich schmerzlich erfahren, als ich mich vom Vater meines Sohnes trennte – es dauerte lange, bis mein Sohn die neue Situation akzeptierte. Das spüre ich auch heute bei meiner Tochter, wenn sie ihren Papa und mich zu sich heranzieht und den „Hot Dog“ einfordert. Dann quetscht sie sich zwischen uns beide und mimt das „Würstchen“. Und berührt mich dabei jedes Mal ganz tief in meinem Herzen.

Natürlich, wie könnte es anders sein, halte ich meine Kinder für die großartigsten Menschen der Welt! Sie sind klug, witzig, kreativ und auf ihre Weise etwas ganz Besonderes. Und ich bin unendlich dankbar für die Bereicherung, die sie in mein Leben bringen.

 

Besser geht’s nicht

Neulich, als ich mit meiner Familie einen Badenachmittag verbrachte, machte sich eine wohlige Zufriedenheit in mir breit. Ich beobachtete meine Tochter dabei, wie sie selbstvergessen im See planschte und spürte mit aller Deutlichkeit, dass es das ist, was mein Leben lebenswert macht. Gleichzeitig dachte ich an den Artikel, den ich am Vormittag abgeliefert hatte und mir wurde klar, dass das Eine ohne das Andere nur halb so viel wert wäre. Ich spürte große Dankbarkeit dafür, dass es mir gelungen ist, zwei Leben zu vereinbaren – als Mutter und als erfolgreiche Journalistin. Es wird ja viel geschrieben und diskutiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und immer öfter fällt die Behauptung, dass sie nicht machbar sei. Ich behaupte das Gegenteil: Ja, sie ist machbar, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. In meinem Fall funktioniert es, weil ich einen Mann an meiner Seite habe, dem es genauso wichtig ist wie mir, seine Zeit auf Arbeit und Familie aufzuteilen. Es ist möglich, weil wir beide selbständig sind und unsere Arbeitszeit selbst einteilen können. Und es funktioniert vor allem deshalb, weil wir uns nicht nur Kinderbetreuung und Haushalt aufteilen, sondern auch das Familieneinkommen. Denn Halbe-Halbe sollte sich nicht darauf beschränken, den Mann an seine Pflichten im Haushalt zu erinnern, sondern vielmehr eine Chance für beide Elternteile bedeuten, mehr Verantwortung zu übernehmen: er für die Kinder, sie für das Geld.

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten, sondern kann auch funktionieren, wenn beide sich ihre Zeit so einteilen, dass genügend davon für die Famile und Freizeit bleibt. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Arbeitswelt sich endlich an veränderte Bedürfnisse von heutigen Eltern anpasst und es Männern leichter macht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder in Karenz zu gehen. Und für Frauen nicht nur schlecht bezahlte Teilzeitjobs bietet, sondern andere Möglichkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint dazu: “Es sollte für Eltern eine dreißig Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und Haushalt kümmern und gleichzeitig ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. In Wirklichkeit kann niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.”

Bis dahin scheint es ein weiter Weg zu sein. Und auch bei mir dauerte es lange, bis ich in meiner Partnerschaft Verantwortung für die gemeinsamen Finanzen übernahm. Ich hasste zwar das Gefühl, abhängig zu sein, war latent unzufrieden – nahm das aber lange Zeit in Kauf. Teils aus Bequemlichkeit, teils wegen mangelnder beruflicher Perspektiven. Und auch heute ist es nicht so, dass die Aufteilung zwischen meinem Mann und mir immer reibungsfrei abläuft. Denn es geht ja nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch um die Arbeit im Haushalt, um Freizeit, Sport, Freunde und die Zeit, die wir als Paar verbringen wollen. Und dann wären da noch die Auszeiten, die jeder von uns in regelmäßigen Abständen für sich einfordert. Da kann es schon passieren, dass die Frage, wer mit dem Einkaufen dran ist, in einen Machtkampf ausartet. Und in hitzige Diskussionen darüber, wer sich mehr im Haushalt einbringt. Manchmal helfen dann nur noch ausgefeilte Entspannungstechniken, oder aber die hilfreiche Gabe, Prioritäten zu setzen und großzügig über die Staubschicht im Wohnzimmer hinwegzusehen.

All die Strapazen und Differenzen sind jedoch vergessen, wenn ich mir des Privilegs bewusst werde, all das zu haben, was ich mir immer gewünscht habe: zwei wunderbare Kinder, einen Beruf, den ich liebe, ein erfülltes Leben. Besser geht’s nicht.

Der weibliche Hang zum Perfektionismus

In einer Umfrage des Frauenministeriums gaben zwei Drittel der befragten Frauen an, täglich weniger als eine Stunde Zeit für sich selbst und ihr Wohlbefinden zu haben. Bei Männern machte nur jeder Zweite diese Angabe. Die Frauenministerin schließt daraus: „Vieles, das Frauen selbstverständlich für Familie und Haushalt tun, geschieht auf Kosten ihrer eigenen Freizeit“ und appelliert an die Männer, ihre Frauen mehr zu unterstützen.

Genauso wichtig wäre es jedoch, an die Frauen zu appellieren, sich selbst und ihre Bedürfnisse wichtiger zu nehmen und mehr Zeit für sich einzufordern. Denn Frauen neigen dazu, es allen außer sich selbst recht machen zu wollen, was dazu führt, dass sie sich permanent überfordern. Sie glauben, in allem perfekt sein zu müssen: im Job, bei der Kindererziehung, im Haushalt. Aber mal ehrlich: ist es wirklich notwendig, den Kindern am Abend ein warmes Essen zu zu bereiten, wenn sie bereits mittags in Kindergarten oder Schule verköstigt wurden? Muss die Küche zu jeder Tageszeit aussehen wie dem Ikea-Katalog entsprungen? Und kann die schmutzige Wäsche nicht auch noch bis morgen oder vielleicht sogar bis zum Wochenende warten? Frauen machen sich selbst das Leben oft schwerer als es sein müsste; immer mehr leiden an typisch weiblichen Symptomen wie Migräne oder PMS, zwei Drittel der von Depressionen Betroffenen sind Frauen. Denn natürlich wollen sie nicht nur im Job und zuhause funktionieren, sondern sie stellen auch noch den Anspruch an sich selbst, jederzeit freundlich und nett zu sein, und gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen. Wo bleibt da die Zeit für Entspannung und Muße?

Natürlich könnten ihre Frauen ruhig noch mehr unterstützen. Doch besteht dabei die Gefahr, dass diese Hilfe gar nicht ankommt – weil viele Frauen ihre ganz eigenen Vorstellungen davon haben, wie die Wohnung geputzt, die Wäsche gebügelt oder die Kinder erzogen werden müssen. Und solange Frauen ihrer Umwelt vermitteln, dass sie stark genug sind und keine Hilfe benötigen, werden sie wohl auch keine bekommen.