Eine andere Welt ist möglich

Wir erleben gerade den Übergang in ein neues Zeitalter. Der Weg dorthin ist holprig und von Hindernissen geprägt, doch je mehr von uns an diese neue Welt glauben und sich für ihr Gelingen einsetzen, desto eher wird sie Wirklichkeit werden.

Ich träume von einer Welt, in der ..

..die Menschen in Frieden miteinander leben

..Kooperation statt Konkurrenz gelebt wird

..bereits Kinder lernen, sich selbst wertzuschätzen

..Frauen sich ihrer inneren Stärke besinnen

..jeder Mensch seine Talente ausleben kann

..Kinder lernen, ihrem Herzen zu folgen

..wir sorgsam mit Ressourcen umgehen –

mit den eigenen und denen des Planeten

..Werte wie Selbstfürsorge und Achtsamkeit gelebt werden

..der Mensch als Einheit von Körper, Geist und Seele betrachtet wird

..an den Schulen Herzensbildung gelehrt wird und soziale Verantwortung

..das Sein vor dem Haben steht

..alle Menschen genug zu essen haben

..Konsum nebenrangig ist

..Arbeitskräfte fair bezahlt werden

..wir in Verbundenheit mit der Natur leben

..Tiere als gleichwertige Wesen behandelt werden

..Menschen sich als mündige Bürger sehen

..das Geld gerecht unter allen Menschen verteilt ist

..wir ausgelassen das Leben feiern.

Ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass diese Welt möglich ist.

Bild: Unsplash/Robert Collins

Zeit der Veränderung

Es ist ein glasklarer Morgen, die schneebedeckten Berggipfel heben sich gestochen scharf vom blauen Himmel ab. Weiter unten hängt noch der Frühnebel, Reif liegt auf den Wiesen. Nachbarskater Jimmy sitzt mitten auf dem Trampolin in unserem Garten und sieht mir mit stoischer Gelassenheit entgegen. Ich gehe in den Wald, um mich schweren Herzens von meiner zweiten Heimat zu verabschieden. Nur die Gewissheit, bald wiederkommen zu können, lässt mich den Weg nach Wien und zu meiner Familie antreten.

Je lauter und dichter die Energien da draußen, desto mehr sehne ich mich nach Natur. Je länger dieser ungewisse Zustand anhält, desto mehr ziehe ich mich zurück. In der Natur fällt es mir leichter, die täglichen Nachrichten auszublenden und abzuschalten. Wenn ich im Wald oder am Wasser bin (noch besser: beides), werde ich innerlich ganz ruhig; hier schöpfe ich Kraft für meine Arbeit. Darauf hinzuweisen, was gerade schief läuft, Missstände aufzuzeigen, treibt mich an – und zugleich mögliche Lösungen zu finden. Immer klarer wird nun, dass ich mich nicht länger den destruktiven Energien da draußen widmen will, sondern meine Aufmerksamkeit darauf richte, wie wir am besten durch diese Krise kommen – und wie es danach weitergeht. Wir befinden uns in einem Wandlungsprozess und das alte Denken verliert mehr und mehr an Kraft, neue Wege und Lösungen tun sich auf. In der Natur gelingt es mir am besten, darauf zu vertrauen, dass wir auf dem richtigen Weg sind – auch wenn dieser voll von Hindernissen und Stolpersteinen ist.

In gleichem Maße wie draußen die Transformation stattfindet, verändere ich mich in meinem Inneren. Ich bin empfindsamer geworden, nehme die Energien von den Menschen um mich wahr. Unachtsamkeit oder groben Humor kann ich nur noch schwer ertragen. Schon die kleinste Andeutung von Brutalität oder Grausamkeit in Büchern und Filmen setzt mir zu. Ich bin auf der Suche nach Wahrhaftigkeit; Zynismus, der mir früher allzu schnell über die Lippen kam, ist mir fremd geworden. Die Sehnsucht nach einem Leben in Verbundenheit mit der Natur wächst, jeder achtlos weggeworfene Zigarettenstummel am Wegrand schmerzt. Ich esse kein Fleisch mehr, trinke kaum noch Alkohol, weil ich spüre, dass es meinem Körper nicht gut tut. Ich streite mit meinem Mann wegen jedem weggeworfenen Essensrest, Lebensmittelverschwendung erscheint mir angesichts des Zustands unseres Planeten wie ein Verbrechen.

In der Stadt, umgeben von Beton und Autos, fühle ich mich zunehmend verloren. Ich spüre nun immer stärker, dass ich meine innere Stimme nicht länger ignorieren will, die mir laut und deutlich sagt, dass ich die Stadt hinter mir lassen muss. Doch wie kann ich die Sehnsucht nach einem Leben in der Natur mit meiner Familie vereinbaren, die das Stadtleben genießt? Dieser Zwiespalt ist mir nicht neu: hier die Familie und mein Zuhause, dort meine Sehnsucht nach einem ungebundenen Lebensstil. Beides ist mir lieb und teuer. Es mag das Erbe meines Vaters sein, der Zeit seines Lebens von einer Rastlosigkeit getrieben war, die ihn schwer greifbar machte. Der monatelang im Ausland arbeitete und, wenn er zuhause war, kaum anwesend schien.

Dieses Erbe hat jedoch auch den Wunsch in mir gestärkt, die Zeit mit meinen Kindern sehr bewusst zu verbringen. Momente wie jene zu genießen, wenn meine Tochter zur Gitarre greift und ihre Lieblingssongs singt. Mit ihr darüber zu reden, was mich und sie beschäftigt, auf Augenhöhe. Auch wenn ich meinen erwachsenen Sohn treffe, sind unsere Gespräche lang und intensiv. Beide sind es von früher Kindheit an gewöhnt, ihre Mutter nicht ständig um sich zu haben. Beide haben fürsorgliche Väter und ein starkes soziales Netz. Bleibt die Beziehung zu meinem Mann, der sein Zuhause in der Stadt nicht einfach aufgeben möchte, hier seine Shiatsu-Praxis hat. Auch mit ihm rede ich viel und oft darüber, wie unsere Zukunft aussehen mag. Vieles steht gerade in den Sternen, und in diesem Jahr der Veränderung wird sich wohl noch einiges entscheiden. Und so pendle ich in immer kürzeren Abständen zwischen Stadt und Land, in der Gewissheit: Wenn ich auf meine innere Stimme höre und mir treu bleibe, wird sich der Rest fügen.

Wege aus der Angst

Das vergangene Jahr war von Angst und Unsicherheit geprägt: Vieles, was gerade passiert, lässt uns ratlos zurück und niemand weiß so genau, wie es weitergeht. Viele fürchten eine Ansteckung mit dem Virus oder sorgen sich um ihre Liebsten; andere sind mit Arbeitslosigkeit konfrontiert. Die zunehmend autoritären Maßnahmen und manche gesellschaftliche Entwicklungen steigern die Verunsicherung. Wir leben in einer herausfordernen Zeit, soviel steht fest. Doch Angst hat uns auch früher schon begleitet: vor Krieg, Terror, Flüchtlingen, Wirtschaftskrisen oder eben Krankheiten. Sehr oft wird Angst von Medien geschürt.

Es ist nicht leicht, positiv und im Vertrauen zu leben, wenn die Medien ein Bild der Welt zeichnen, das sich in erster Linie um Krisen und Konflikte dreht. Denn tatsächlich gibt es zahlreiche positive Entwicklungen auf diesem Planeten, über die viel zu wenig berichtet wird. Stattdessen werden wir täglich mit negativen Nachrichten bombardiert. Der sogenannte konstruktive Journalismus macht es anders: Er wirft einen Blick über den Tellerrand und begibt sich auf die Suche nach Lösungsansätzen. Und ja, wie könnte es anders sein, ich selbst habe mich dieser Form des Journalismus verschrieben. 🙂 Das mag daran liegen, dass mich Lösungen immer schon mehr interessiert haben als Probleme.

In meinem Leben hat Angst bisher keine große Rolle gespielt: als Kind kletterte ich auf die höchsten Bäume, sprang im Schwimmbad vom Zehn Meter-Turm und fuhr Schi im Abfahrtsstil. Später reiste ich alleine durch die Welt und dachte nicht lange darüber nach, ob etwas gefährlich war. Ich kann nicht sagen, woher diese Furchtlosigkeit kommt, mir scheint ein gewisses Grundvertrauen ins Leben mitgegeben worden zu sein. Natürlich bin auch ich nicht frei von Ängsten, etwa vor gewissen Krabbeltieren. Mit zunehmendem Alter habe ich Höhenangst entwickelt und bekomme weiche Knie, wenn ich vor einem Abgrund stehe.

Die Sorglosigkeit, mit der ich früher durchs Leben gesteuert bin, hat sich im Laufe der Jahre gewandelt: Ich gehe nun achtsamer mit mir selbst um, habe Verantwortung übernommen, auch für meine Kinder. Ängstlicher bin ich dennoch nicht geworden. Doch Angst und Sorge scheint in unserer Gesellschaft allgegenwärtig zu sein. Ich kenne Menschen, die Situationen, vor denen sie sich fürchten, geradezu anziehen. Erklärungen dafür liefert die Quantenphysik oder der Buddhismus: Energie folgt der Aufmerksamkeit, Gedanken erschaffen die Wirklichkeit.

Was können wir also tun, um der Angst zu begegnen?

Ein guter Tipp ist, Nachrichten und Social Media nur in Maßen zu konsumieren. Wir müssen nicht täglich auf Corona-Zahlen starren und erfahren, welche Maßnahmen wo umgesetzt werden. Zermürbende Diskussionen und Machtkämpfe in sozialen Medien schwächen zusätzlich. Lieber gezielt Medien suchen, die sich auf positive bzw. konstruktive Nachrichten spezialisiert haben – die gibt es!

Was wir tun können, um wieder ins Vertrauen zu kommen, ist es, sich aktiv Dinge vor Augen zu halten, die positiv sind und sie jeden Abend aufzuschreiben. Eine „Dankbarkeitsliste“, die uns zeigt, was gut läuft in unserem Leben. Das können kleine Dinge sein wie eine Umarmung oder das Lächeln eines Fremden auf der Straße, aber natürlich auch größere Erfolge. Nach einigen Wochen verschiebt sich der Fokus erwiesenermaßen hin zum Positiven. Das bedeutet: es fällt dann viel leichter, die schönen Dinge des Lebens, die ja immer um uns sind, wahrzunehmen. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen, ich war früher ein Mensch, der viel kritisierte und sich gerne in der Opferrolle sah. Durch die regelmäßige „Dankbarkeitsübung“, die übrigens aus der Positiven Psychologie kommt, hat sich meine Wahrnehmung deutlich verändert, ich kann mich heute viel mehr an kleinen Dingen erfreuen.

Was mir auch hilft: mir zu überlegen, wofür diese Situation gerade gut ist, was ich daraus lernen kann – oder auch meine Kinder. Und mit ihnen darüber zu reden. Dabei nützt mir mein Zugang, dass alles im Leben einen Sinn hat – auch wenn er nicht immer sofort erkennbar ist. Viktor Frankl, Begründer der Logo- und Existenzanalyse („Und trotzdem Ja zum Leben sagen“) prägte eine Frage, die er sich selbst immer wieder gestellt hat: „Wofür ist das eine Gelegenheit?

Und wenn sie doch einmal hinterrücks auftaucht, die Angst, hilft es, tief und regelmäßig zu atmen. Oder auch zu mediteren – ich persönlich bevorzuge geführte Meditationen.

Oder: Dinge tun, die Freude bereiten. In unserer Gesellschaft ist es normal geworden, ständig unter Druck zu stehen und Stress zu haben. Wir gönnen uns viel zu wenig Gutes, nehmen uns zu wenig Zeit für uns. Was mir am meist hilft, ist Bewegung in Form von laufen, schwimmen oder tanzen (auch zuhause!). Ich singe für mein Leben gerne und liebe Waldspaziergänge. Die Kunst ist, sich immer wieder selbst daran zu erinnern, diese Dinge auch zu tun. Eine „Spaßliste“, die an einem gut sichtbaren Ort aufgehängt wird, kann dabei helfen. Und natürlich müssen wir es uns auch noch erlauben, gut zu uns zu sein. Das ist nicht immer so einfach, wenn man dazu erzogen wurde, Leistung zu erbringen und zu funktionieren. Aber hey, wir sind es wert, gut zu uns zu sein! Dieses Leistungsdenken führt auch dazu, dass wir Krankheiten und den Tod fürchten – denn wenn wir immer funktionieren müssen, ist die logische Folge, dass der Tod Versagen bedeutet. Der Coach und Autor Veit Lindau schreibt dazu: „Wir reagieren dann panisch auf Bedrohungen wie das Corona-Virus, wenn wir wissen, dass wir noch nicht voll gelebt haben…Die einzige Möglichkeit, die Angst vor dem Tod zu besiegen, ist, dich deiner Angst, voll zu leben, zu stellen.“

Letztendlich geht es darum, ein Leben zu leben, das unseren Talenten und Werten entspricht, und nicht eines, das dem gesellschaftlichen Druck nachgibt. Das ist vielleicht der schwierigste Teil, auch ich habe lange gebraucht, bis ich meinen Traum vom Schreiben umsetzte. Auf dem Weg dahin habe ich mir Hilfe in Form von Therapien und Coachings geholt. Tatsächlich hört der Weg zu sich selbst nie auf – so erscheint es mir manchmal. Wir können uns immer wieder fragen: Wie geht es mir gerade, was brauche ich, was könnte besser sein?

Gerade in dieser Krise, in der wir stecken, ist Angst eine schlechte Ratgeberin, sie verstärkt die Spaltung und führt zu Misstrauen anderen gegenüber. Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther sagt in einem Interview: „Das Leben ist immer gefährlich. Wir müssen die Unkontrollierbarkeit des Lebendigen annehmen. Erst wenn wir aufhören, alles kontrollieren und beherrschen zu wollen, sind wir frei.“ Das größte Paradox ist wohl, dass ständige Angst das Immunsystem schwächt und erst recht krank macht. Es liegt also an uns selbst, aus diesem Teufelskreis auszubrechen und neue Wege zu gehen.

Innenschau

Nun ist er also da, der zweite Lockdown – und damit das nächste Kapitel in diesem Drama namens Corona. Auch wenn die Situation an das Frühjahr erinnert und nun wieder alles stillsteht, fühlt es sich doch anders an. Es sind mehr Menschen unterwegs, fast scheint es, als ob viele genug hätten von Vorschriften und Einschränkungen.

Die anfängliche Wut und das Gefühl der Hilflosigkeit wird abgelöst von dem Empfinden, dass dies alles für etwas gut sein muss. Habe ich mich im ersten Lockdown noch eingeschränkt und meiner Freiheit beraubt gefühlt, wächst nun die Erkenntnis: Es hat offensichtlich noch einmal diese Zuspitzung gebraucht, um endlich den anstehenden Wandel einzuleiten. Um begreiflich zu machen, dass wir nicht weitermachen können wie bisher. Und damit meine ich nicht nur den Umgang mit diesem Virus, sondern unser ganzes System – Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft. Wir müssen aufhören, mutwillig unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören und einander zu bekriegen. Und wir brauchen eine neue, wertschätzende Beziehung zu Tieren. Denn die Zerstörung ihrer Lebensräume wie die fortschreitende Rodung von Wäldern hat erst dazu geführt, dass das Virus von einem Tier auf den Menschen überspringen konnte. Will heißen: Wir haben uns diese Pandemie selbst erschaffen.

Immer wieder war ich in den letzten Monaten am Rande der Erschöpfung, weil ich mir den Kopf zerbrach über die verschiedenen Aspekte dieser Krise und mir die gesellschaftliche Entwicklung Sorgen bereiteten. Ich verbrachte zu viel Zeit mit Diskussionen in sozialen Medien, rieb mich dabei auf. Ein Termin bei einer Energetikerin und regelmäßige Übungen halfen mir, wieder in meine Mitte zu kommen. Auch meine fünfzehnjährige Tochter kämpfte mit Erschöpfung und depressiven Verstimmungen. Im ersten Lockdown wurde sie zur Einzelgängerin, die sich in ihr Schneckenhaus verkroch und sich zu nichts mehr motivieren ließ. Erst die Schulpsychologin schaffte es, zu ihr durch zu dringen. Einmal mehr wurde mir klar, wie wichtig es ist, sich Hilfe von außen zu holen.

Wir entschlossen uns, den Sommerurlaub in Griechenland zu verbringen, auch unserer Tochter zuliebe, die sich das sehnlichst wünschte. Der Urlaub am Meer war das Beste, was wir in dieser Situation tun konnten und wir alle kehrten gestärkt zurück.

Seitdem hat es immer wieder Momente gegeben, in denen ich mit mir im Reinen war wie nie zuvor. In denen ich pures Glück spüre darüber am Leben zu sein, im Hier und jetzt verankert. Fast immer habe ich solche Momente in der Natur – am Wasser oder im Wald – und sie werden mehr.

Nun ist also wieder Rückzug angesagt und das fühlt sich in der dunklen, kalten Jahreszeit irgendwie auch richtig an. Immer öfter spüre ich, dass ich gerade dann, wenn es da draußen am lautesten ist, die Stille in mir selbst finden kann. Dass ich mich ganz bewusst ausklinken kann aus Diskussionen, die mich schwächen. Dennoch – und das mag auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirken – höre ich nicht auf, die Entscheidungen der Politiker zu hinterfragen. Dass die Schulen wieder geschlossen wurden, ist für mich der größte Skandal – und ich tue meine Meinung darüber auf unterschiedliche Weise kund.

Vielleicht können wir auch das gerade jetzt lernen: Dass wir nicht so ohnmächtig sind, wie es sich manchmal anfühlt. Dass wir keine Marionetten der Politik sind, sondern Verantwortung tragen, für uns selbst und für die Gesellschaft, in der wir leben. Vielleicht haben wir mehr Macht, als wir denken? Was, wenn wir nicht mehr bei allem mitspielen?

Wenn wir..

..aufhören, zu funktionieren und wieder besser für uns sorgen

..uns und unsere Kinder weniger unter Druck setzen, auch beim Homeschooling

..unseren Arbeitgebern kommunizieren, wenn wir überfordert sind

..Netzwerke gründen, um einander zu unterstützen

..aufhören, täglich negative Nachrichten zu konsumieren

..jeden Tags aufs Neue entscheiden, worauf wir unseren Fokus legen

in die Natur gehen statt unsere Zeit in Social Media tot zu schlagen

..für uns selbst entscheiden, was uns gut tut und was nicht

.. Dinge tun, die uns Freude bereiten

..uns immer wieder vor Augen halten, dass wir im Geiste frei sind..

…dann könnte es sein, dass wir merken, wie viel unserer Hand liegt.

Was uns jetzt helfen kann, ist ein spiritueller Zugang, die Gewissheit, dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass wir in dieser Krise verbunden und Teil eines großen Ganzen sind – und dass alles, was jetzt passiert, der Beginn eines umfassenden Wandels ist. Nun wird uns vor Augen geführt, was wirklich zählt im Leben: Berührung, Nähe, Freunde und Familie. Jetzt sind wir gefordert, unsere Lebenskonzepte zu überdenken, herauszufinden, was wir uns wirklich wünschen vom Leben. Wir alle werden gerade unerbittlich mit unseren Schwächen konfrontiert.

Jetzt, wo das System im Umbruch ist, haben wir tatsächlich die Möglichkeit, unsere Zukunft gemeinsam zu gestalten. Wir entscheiden mit, wohin die Gesellschaft sich entwickelt. Wie soll unser Zusammenleben aussehen? Wollen wir weiterhin ein System, das Menschen und Ressourcen ausbeutet oder eines, das die Verbundenheit von Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt? Wir alle sind gefragt, einen Beitrag für eine Zukunft, die auch für unsere Kinder noch lebenswert ist, zu leisten. Denn, davon können wir ausgehen: Nichts wird bleiben, wie es war. Es liegt nun an uns, neue Wege zu gehen.

Heil durch die Krise

Die Rastlosigkeit springt mich hinterrücks an und schüttelt mich. Immer wenn ich denke, endlich zur Ruhe gefunden zu haben, ist sie wieder da, und mit ihr die Gereiztheit, die schlechte Laune. Dann will ich auf der Stelle abhauen, irgendwohin fahren, nur weg. Seit vier Wochen dauern die Ausgangsbeschränkungen nun schon an. Am Anfang war ungläubiges Erstaunen, alles erschien unwirklich, wie in einem dieser Science Fiction-Filme, die ich mir nicht ansehe. Dann die Erkenntnis: Nichts wird mehr so sein wie früher.

Wir richten es uns zuhause ein: Mein Mann darf als Shiatsu-Praktiker nicht arbeiten, die Tochter nicht zur Schule gehen, ich arbeite weiterhin von zuhause aus. Meine freiheitsliebende Natur wird auf die Probe gestellt: Ich brauche viel Zeit und Raum für mich und bin es gewöhnt, mir Auszeiten zu nehmen. Auch jetzt gehe ich immer wieder alleine los und genieße die wenigen Momente, die ich alleine zuhause habe. Zum Glück ist die Wohnung groß und wir genießen das schöne Wetter auf dem Balkon. Regelmäßig zieht es uns hinaus, zu Spaziergängen und Ausflügen mit dem Fahrrad. Ich bin erstaunt, wie gut das Zusammenleben zu dritt funktioniert. Jeder hat ein Zimmer für sich und hin und wieder treffen wir uns in der Wohnküche. Anfangs singen wir, wie viele anderen, am Balkon für die Nachbarn, sogar die Tochter macht mit. Doch nach einiger Zeit lässt der Enthusiasmus nach.

Die Ungewissheit, wie lange diese Situation andauern wird, setzt mir zu. Ich beginne die strikten Maßnahmen zu hinterfragen, stoße im Netz auf viele verschiedene Meinungen und Alternativen. Mein Kampfgeist ist erwacht: Ich will diese Einschränkungen meiner Freiheit nicht einfach so hinnehmen, will die Frage in den Raum stellen, ob wir der Politik bedingungslos vertrauen dürfen. Endlose Diskussionen in sozialen Medien folgen und ich spüre bald: dieses Kämpfen, das Teil meiner Natur ist, dieses Gegen-den-Strom-Schwimmen strengt auch an. Ich brauche meine Energien zur Zeit für etwas anderes, möchte lernen, die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Auch das entspricht meiner Natur: mich auf Positives zu konzentrieren, Lösungen zu finden. Doch nicht immer gibt es einfache Lösungen, manchmal hilft es auch, anzunehmen, was ist, wie es die Buddhisten lehren. Ich beginne zu meditieren, bekomme ein Achtsamkeits-Buch geschenkt. Es wirkt, ich werde ruhiger.

Ich erkenne, dass das Leben mich auf die Probe stellt und meine Schwächen nun zutage treten: Ungeduld, Perfektionismus, der Hang, alles unter Kontrolle haben zu wollen. Aus unserem geplanten Kurzurlaub im Zweitwohnsitz wird nichts, weil der Schwiegervater sich zu große Sorgen wegen der Ansteckungsgefahr macht. Ich bin wütend, frustriert, fühle mich wie eine gefangene Tigerin. Und dann gibt es wieder diese magischen Momente, in denen alles passt. Wenn ich das Zusammensein mit meiner Familie so intensiv empfinde wie nie zuvor. Wenn meine Tochter Gitarre spielt und dazu singt, und ich mitsinge. Die Augenblicke im Wald, in denen ich zur Ruhe komme. Der Moment, da in einem Waldstück mitten im Wiener Prater ein Reh an mir vorbei spaziert, ohne mich zu bemerken. Eine versöhnliche Nachricht von einem alten Freund, der mir lange gegrollt hat und nun um Verzeihung bittet. Wenn mein Mann mit unserer Tochter unterwegs ist, drehe ich zuhause die Musik auf volle Lautstärke und tanze dazu.

Meine Gefühle schwanken zwischen Trauer und Zuversicht, zwischen Resignation und Aufbegehren.

Ich übe mich in Gelassenheit, atme immer wieder tief durch und mir wird bewusst, wie dankbar ich bin: Für meine Familie, unser schönes Zuhause, meine Arbeit, die ich von jedem Ort aus erledigen kann. Dafür, dass wir alle gesund sind. Für die Gespräche mit meinem Mann, der die weisen Worte sagt: „Es hat keinen Sinn, gegen etwas anzukämpfen, das wir uns selbst erschaffen haben.“ Ich chatte mit meinem klugen und empathischen Sohn und stelle ihm die Frage, warum es mir so schwer fällt, anzunehmen was ist. Seine Antwort: „Weil du halt ein Freigeist bist.“

Doch immer öfter spüre ich es ganz stark: Es ist gut, wie es ist und es liegt an mir, wie ich mit der Situation umgehe. Ich kann dagegen ankämpfen und in Selbstmitleid versinken – damit schade ich jedoch nur mir selbst. Oder ich kann annehmen, was ist, und das Beste aus dem Moment machen. Keine Hoffnungen und Erwartungen mehr, im Moment leben, einen Tag nach dem anderen.

Vielleicht ist jetzt auch die Zeit gekommen, mich zu fragen, ob dies das Leben ist, das ich führen möchte und was ich daraus noch machen möchte – und dann auf die Antworten tief in meinem Inneren zu hören. Vielleicht ist es so, dass wir alle nun eine Aufgabe zu erfüllen haben, einen Lernschritt machen und daran wachsen können. Spirituelle und feinfühlige Menschen sagen, dass jetzt eine besondere Zeit sei, dass der Wandel hin zum Guten nicht mehr weit ist. Und da ist es wieder, mein positives Denken: Diese globale Krise könnte für uns alle eine Chance auf etwas Neues sein.

 P.S. Wer mich kennt, weiß, dass ich nie aufhören werde, kritisch und wachsam zu sein – ein kritischer Geist und positives Denken ist meiner Meinung nach kein Widerspruch. 🙂

 

Zurück zu mir

Je älter ich werde, desto klarer wird mir: Ich will nicht mehr um jeden Preis funktionieren müssen, will nicht mehr zu einem System beitragen, das uns in den Abgrund treibt. Will mich spüren, ganz bei mir sein, frei von Zwängen und Leistungsdruck. Ich träume davon, mich mehr mit der Natur zu verbinden, Teil von ihr zu werden, in ihrem Rhythmus zu schwingen.

Ich habe lange genug funktioniert und mich angepasst, habe mich jahrelang verbiegen lassen. Von Menschen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um mich zu sehen, von einem Schulsystem, in dem die eigene Meinung nicht gefragt war. Ich habe dem patriarchalen System gedient, mich Männern untergeordnet, mich für sie aufgehübscht, mich klein halten lassen und klein gemacht. Suchte Bestätigung von außen, weil ich sie in mir nicht fand, hielt mich für dumm, traute mir zu wenig zu. Ich wurde Teil der Konsumgesellschaft, weil sie mir für einige Stunden und Tage das Gefühl gab, etwas wert zu sein. Ich kaufte, um anderen zu gefallen und einem Schönheitsideal zu entsprechen. Ich flog um die halbe Welt, um mich abzulenken, scheinbar auf der Suche nach mir selbst, in Wahrheit aber auf der Flucht vor mir. Ich rauchte, trank zu viel, behandelte meinen Körper mit der größtmöglichen Sorglosigkeit. Ich verlor mich, verliebte mich, wieder und wieder, nur um festzustellen, dass ich zuerst mich selbst lieben lernen musste. Ich behandelte Menschen, denen ich etwas bedeutete, ohne Respekt, weil ich nicht begreifen konnte, weshalb sie ihre Liebe an mich verschwendeten.

Nun bin ich in der zweiten Hälfte meines Lebens und die Prioritäten haben sich geändert. Ich habe zwei Kinder groß gezogen und dabei Höhen und Tiefen erlebt. Habe gelernt zu lieben und mich lieben zu lassen, mir den Stellenwert einzuräumen, den ich verdient habe. Und, wie wichtig es ist, gut für mich zu sorgen, mir Freiräume zu nehmen. Nun wartet die nächste Herausforderung: die verflixten Wechseljahre. Die Nächte werden kürzer – aber nicht etwa, weil ich so viel feiere, sondern nachts wach liege – und die Augenringe immer tiefer. Neuerdings gehe ich nicht mehr außer Haus, ohne mich zu schminken, um niemanden zu verschrecken. Meine Stimmungen fahren Achterbahn und mein Herz macht Bocksprünge, ohne mich vorzuwarnen. Und meine schlanke Taille ist endgültig Vergangenheit.
Komischerweise redet kaum eine Frau über diese Zeit, obwohl doch laut Statistik zwei Drittel Beschwerden haben, ein Drittel davon starke. Statt dazu zu stehen und Verständnis einzufordern machen viele weiter, als ob nichts wäre, genauso wie sie es schon immer getan haben. Zum Glück hat das Älter werden auch Vorteile: Ich lasse mir nicht mehr so viel gefallen, stehe zu meiner Meinung, kann besser Nein sagen. Es ist nicht mehr so wichtig, was andere von mir denken – und ich mag meine Lachfalten. 🙂

Übrigens kommen auch Männer ins Klimakterium – das heißt dann Andropause – und die reden erst recht nicht darüber. Männer und Schwäche zeigen? Schwierig. Vielleicht können wir Frauen mit gutem Beispiel vorangehen und beweisen, dass nichts passiert, wenn wir mal Schwäche zeigen. Sondern dass es im Gegenteil ein Zeichen von Stärke ist, gut auf uns zu schauen und darüber zu reden, wie es uns geht – und uns Hilfe zu holen, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Gut zu sich selbst zu sein und sich zu spüren ist allerdings in unserer leistungsorientierten Gesellschaft verdächtig, Begriffe wie Achtsamkeit und Selbstfürsorge landen schnell in der Esoterik-Schublade. Umso wichtiger finde ich es, zu unseren Bedürfnissen zu stehen.

Das Schöne an dieser Lebensphase: Ich fühle mich meinem Mann verbundener denn je, wenn wir abends auf der Couch zusammensacken und uns nicht mehr von der Stelle rühren. Statt mich als Opfer der Umstände zu sehen habe ich beschlossen, die Signale meines Körpers als Anlass nehmen, in mich hinein zu spüren: Was brauche ich gerade? Was tut mir gut? Bin ich in meinem Rhythmus, lasse ich mich zu sehr unter Druck setzen oder setze ich mich selbst unter Druck? Wenn ich nach einer unruhigen Nacht müde bin, will ich dieser Müdigkeit nachgeben dürfen und mich nicht zu Höchstleistungen zwingen müssen. Vor allem will ich meiner Tochter vorleben, was es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen und sich selbst zu spüren. Zum Glück bin ich selbständig und kann mir meine Zeit gut einteilen – und dennoch fühle ich mich manchmal wie im Hamsterrad.

Irgendwann, als ich wieder einmal erschöpft vor meinem Computer saß und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, beschloss ich, wieder besser für mich zu sorgen und sanfter zu mir selbst zu sein. Nicht mehr alles gleichzeitig erledigen zu wollen (arbeiten, Mails checken, facebooken, telefonieren) sondern mir endlich eingestehen, dass ich nicht für Multitasking geschaffen bin. Zu diesem Zwecke habe ich mir einen Zettel über meinen Schreibtisch gehängt: Eins nach dem anderen – und siehe da, es hilft! Immer, wenn ich merke, dass ich mich zu sehr anspanne, atme ich tief durch und konzentriere mich auf den Moment. Immer öfter zieht es mich in den Wald, wo ich besonders gut Energien tanken kann.
Auch wenn ich nicht von einem Tag auf den anderen alles richtig mache, bin ich doch zufrieden mit mir. Ich habe beschlossen, dass ich nicht mehr funktionieren muss.

In unsere Kraft kommen

Wir erleben es täglich: Frauen werden bewertet, herabgewürdigt, verurteilt, sehr oft wegen ihres Aussehens. Das Schlimme daran: Nicht nur Männer tun das, sondern auch andere Frauen. Dieses so typisch weibliche Gezänke und Hick-Hack sorgt dafür, dass wir einander klein machen und uns letztendlich selbst schwächen. Welcher Mann käme auf die Idee, abfällig über das Äußere eines Geschlechtsgenossen zu sprechen? Doch wir Frauen tun es, wieder und wieder. Es reicht nicht, dass manche Männer uns klein halten wollen, wir tun es gleich selbst. Wir stellen unser Licht unter den Scheffel, trauen uns zu wenig zu, halten uns mit unserer Meinung zurück, schlucken unsere Wut hinunter.
Wir beklagen uns darüber, dass Frauen weniger als Männer verdienen, tun aber zu wenig, um das zu ändern. Wenn es darum geht, ein besseres Gehalt auszuverhandeln oder die eigenen Stärken hervorzuheben, kneifen viele. Veranstalter von Talk Shows oder Podiumsdiskussionen beklagen immer wieder, dass angefragte Frauen eine Teilnahme ablehnen würden – mit der Begründung, nicht qualifiziert genug zu sein. Sei bescheiden, halte dich zurück – so sind Frauen meiner Generation erzogen worden. Ich selbst kenne dieses Verhaltensmuster nur zu gut, jahrelang habe ich mitgemacht, mich klein gemacht, habe mich mit wenig zufrieden gegeben, nur nicht aufmucken, immer lächeln.

Ich war eine jener Mütter, dich sich darüber beschweren, dass sie sich um Haushalt und Kinder kümmern müssen und dabei übersehen, dass die Väter von heute sehr gerne ihren Beitrag zur Kindererziehung leisten würden – wenn wir sie nur ließen. Denn wenn es um Kinder und Familie geht, fühlen wir Frauen uns stark. Wir haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie unsere Kinder behandelt werden sollen, bloß decken sich die nicht immer mit denen der Väter. Also nörgeln wir an ihnen herum, wissen alles besser, bis ihnen die Lust am Kinderbetreuen vergeht (mein Mann ließ sich zum Glück nicht beirren, dafür bin ich ihm bis heute dankbar). Loslassen wäre gefragt, mehr Vertrauen in die Väter, die vieles ein wenig lockerer sehen als die Mütter. Das tut dem Kind gut, Kinder brauchen Väter, und wenn die anders agieren als die Mütter, umso besser. Die Zeit, die wir mit Nörgeln verbringen, könnten wir auch wunderbar für uns selbst nutzen, denn natürlich beschweren wir uns auch darüber, dass wir nie Zeit für irgendetwas haben – am wenigsten für uns selbst. Dabei wäre es so wichtig, gut für uns selbst zu sorgen, der Alltag mit Kind und Mann ist anstrengend genug. Aber wir glauben, dass wir stark sein und alles aushalten müssen, um in der Männerwelt bestehen zu können, wo nur starke Frauen etwas wert sind. Die gute Nachricht: Wir können stark und weich zugleich sein! Wir haben verlernt, auf unsere innere Stärke zu vertrauen und lassen uns stattdessen einreden, dass wir alles schaffen und dabei auch noch perfekt aussehen müssen. Währenddessen überlassen wir den Männern weiterhin das Regieren, das Entscheiden und sehen zu, wie sie ihre Kriege führen und die Welt in den Abgrund treiben.

Dass gerade eine Generation von jungen Frauen heranwächst, die sich auf die Füße stellt und es mit den alten (weißen) Männern aufnimmt – wie die Klimaaktivistin Greta Thunberg oder die US-amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez – stimmt mich froh. Ich bin ziemlich sicher, dass diese Frauen nie ein abfälliges Wort über eine andere Frau fallen lassen würden – sie sind zu beschäftigt damit, ihren eigenen Weg zu gehen.
Vielleicht bin ich auch deshalb ein so großer Fan von Greta Thunberg: Ich wäre selbst gerne so gewesen in diesem Alter, so unbeirrbar und tapfer, hätte gerne einen Vater gehabt, der mich in meinem So-Sein unterstützt (wie gesagt, Väter sind wichtig..). Immerhin habe ich gelernt, für mich einzustehen, mich für die Dinge einzusetzen, die mir etwas bedeuten, meine Meinung zu sagen und dazu zu stehen. Das hat zwar ein bisschen länger gedauert hat, aber, hey, es ist nie zu spät, oder?

P.S. Dieser Text klingt wütend? Mag sein. Ein wenig Wut tut uns Frauen gut.

Der perfekte Moment

Ich sitze alleine beim Sonntagsfrühstück auf meinem Balkon und fühle mich pudelwohl. Der Kater liegt zu meinen Füßen, ich bewundere das üppige Grün der Balkonpflanzen und die pinkfarbenen Blüten des Oleanders, neben mir die orange-gelb-gestreifte Hängematte, in der ich so gerne schaukle. Und ich spüre es wieder einmal ganz stark: Wenn ich alleine bin, gelingt es mir am besten, runter zu kommen und in Kontakt mit meinem Innersten zu treten. Ich brauche diese Momente der Achtsamkeit, der uneingeschränkten Gegenwärtigkeit, um mich zu spüren und Energie zu tanken für die Herausforderungen des Alltags. Im Buddhismus bedeutet Achtsamkeit, mit sich selbst im Einklang zu sein, die eigenen Bedürfnisse zu spüren, den Moment bewusst wahrzunehmen. Und noch viel mehr: „Achtsamkeit ist die Fähigkeit eines Menschen, sich geistig zu sammeln und sich auf diese Weise auf seine zentralen Werte und seine innere Motivation zurückzubesinnen“, schreibt der Dalai Lama in seinem Buch „Rückkehr zur Menschlichkeit“.

In Momenten wie diesen spüre ich eine tief empfundene Dankbarkeit: Für meinen Mann, der sich hingebungsvoll um diese prächtigen Pflanzen kümmert und mit unserer Tochter gerade ein Camping-Wochenende verbringt. Für unser gemütliches Zuhause in dieser lebenswerten Stadt, für mein gutes Leben. Ja, es ist ein gutes Leben, auch wenn ich manchmal unzufrieden bin oder erschöpft von den Anforderungen des Alltags. Als Selbständige und Mutter einer halbwüchsigen Tochter sind die Herausforderungen oft enorm und Unterbrechungen vom Alltag lebensnotwendig.

Kurz überlege ich, das Handy einzuschalten, um die Welt teilhaben zu lassen an meinem Glück, mit ein paar schnell geschossenen Fotos. Doch ich spüre sofort, dass es den perfekten Moment zerstören würde und lasse es bleiben. Ein Gedanke lässt mich nicht los: Warum fällt es mir – und vielen anderen – so schwer, abzuschalten und im Hier und Jetzt zu sein? Um in Kontakt mit mir zu sein, ist es hin und wieder notwendig, in mich hinein zu spüren und bei mir zu bleiben, ohne mich ablenken zu lassen. Doch die Verlockungen sind groß: Ein Knopfdruck, ein paar Klicks, und wir sind mitten drin im Geschehen, verbunden mit dem Rest der Welt. Ich merke es oft, wie sehr es mich aufreibt, von einem Kanal zum nächsten zu springen, eine Nachricht hier, ein post da, ein like dort – es erfordert bisweilen ungeheure Anstrengung, sich dem zu entziehen und draußen zu bleiben. Was verpasse ich, wenn ich ein paar Stunden nicht auf facebook bin, meine Mails ungeöffnet lasse? Und auch jetzt der Gedanke: Vielleicht haben meine Liebsten Fotos geschickt? Ob wohl jemand auf meinen letzten facebook-post reagiert hat? Und wie wird heute eigentlich das Wetter? Ich bleibe standhaft, atme einmal tief durch und lege mich in die Hängematte. Alles andere kann warten.

Den eigenen Weg finden

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, ein Leben zu leben, das ihren Vorstellungen entspricht und einer Arbeit nachzugehen, die sie erfüllt?

Wenn ich mich umsehe, sehe ich Menschen, die unzufrieden sind mit dem, was sie tun, die fremdbestimmt wirken und sich in ein Leben gefügt haben, das nicht das ihre zu sein scheint. In unserer Gesellschaft, die Leistung um jeden Preis verlangt, scheint es normal zu sein, einer Arbeit nachzugehen, die keinen Spaß macht, aber Sicherheit und gutes Geld verspricht (und oft nicht einmal das).

Es beginnt schon in der Schule, die sich mehr auf Schwächen konzentriert, statt Stärken zu fördern und setzt sich in einem neoliberal geprägten Gesellschaftssystem fort, in dem Herzenswünsche nicht gefragt sind. Vielleicht hat es damit zu tun, dass das Wort Erfolg bei uns einen negativen Beigeschmack hat: es wird oft mit Geldgier und rücksichtslosem Machtstreben gleich gesetzt. Dabei können wir in so vielen Bereichen erfolgreich sein: Bei der Arbeit, in Beziehungen, in der persönlichen Entwicklung. Erfolg kann bedeuten, etwas zu erreichen, das ich mir vorgenommen habe, meine Träume zu verwirklichen, eine gute Mutter zu sein, mich für meine Werte einzusetzen. Und ja, auch gut von meiner Arbeit leben zu können – und zwar von einer Arbeit, die mich erfüllt und Sinn stiftet. „Es ist eine hohe Form der Selbstbestimmung, wenn ein Mensch das tut, was sie oder er gerne tut“, schreibt Verena Florian in ihrem Buch „Mut zum Rollentausch“. „In diesem Moment übernimmt sie oder er die Verantwortung für sich selbst. Das trägt dazu bei, dass dieser Mensch ausgeglichen und gesund ist sowie einen konstruktiven Beitrag für die Allgemeinheit leistet.“ Wenn mehr Menschen sich erlauben würden, einer Arbeit nachzugehen, die ihren Talenten und Wünschen entspricht, wären sie zufriedener und hätten mehr Muße, sich darüber Gedanken zu machen, welche Werte ihnen wichtig sind. Sie würden sich vielleicht mehr für ihre Umwelt einsetzen, sich sozial oder politisch engagieren.

Auch ich war lange auf der Suche nach der Arbeit, die zu mir passt. Das Schreiben lag mir immer schon am Herzen, doch ich war voll von Selbstzweifeln: Bin ich gut genug? Ich begann ein Studium und brach es wieder ab, versuchte es mit einer weiteren Ausbildung. Die Jahre vergingen und ich wusste nicht, wohin ich gehörte. Bis ich einen Job als Online-Redakteurin fand – und zum ersten Mal in meinem Leben stolz auf das war, was ich tat. Es sollten weitere Jahre mit Fortbildungen vergehen, bis ich all meinen Mut zusammennahm und mich bei einem Gesundheitsmagazin bewarb, das auf der Suche nach Mitarbeitern war. Ich schrieb meinen ersten großen Artikel und wurde als Kolumnistin ausgewählt.  Endlich fühlte sich alles richtig an.

Ich habe mich oft gefragt, weshalb es bei mir so lange dauerte, bis ich meinen Weg fand. Das mag zum einen daran liegen, dass ich mich nicht so schnell mit halben Sachen zufrieden gebe und tief in meinem Inneren immer gespürt habe, dass ich es verdient habe, glücklich zu sein – auch wenn ich es mir lange Zeit nicht zugestand. Es mag aber auch daran liegen, dass ich als Kind und in meiner Jugend fremdgesteuert war und nie lernte, meine eigenen Wünsche zu artikulieren. Auf die Klosterschule, in der ich mich nicht wohl fühlte, folgte das Musikgymnasium, in dem ich mich fehl am Platz fühlte. Ich machte lange Zeit mit, ließ mich verbiegen, obwohl ich schon bald merkte, dass mir für eine Musikerkarriere der Ehrgeiz fehlte. Nach der Matura tat ich dann genau das Gegenteil von dem für mich vorgesehenen Plan: Ich trieb plan- und ziellos durchs Leben, probierte vieles aus, jobbte und reiste.

Auch wenn ich es lange nicht begriff, war das meine Art, gegen den mir vorgegebenen Weg aufzubegehren. Glücklich machte es mich jedenfalls nicht. Heute weiß ich: Ich will mit meiner Arbeit etwas bewegen, zum Nachdenken und vor allem auch zum Handeln anregen. Wenn es mir gelingt, Menschen zu erreichen und zu inspirieren, macht mich das glücklich.

Auf der Straße tanzen

Dieses Foto ist eine Erinnerung an meine erste Reise durch Südamerika. Es war in Ecuador, ich war Mitte 20 und auf der Suche nach Abenteuern. Die Fahrt auf dem Dach eines Zuges, der mich von Quito nach Baños brachte, war das erste Highlight dieser Reise, dem noch viele weitere folgen sollten. Ich erinnere mich, dass einer der Dachpassagiere während der Fahrt seinen Hut verlor, der Zug daraufhin nach lautem Geschrei stoppte und ein Stück rückwärts fuhr. Der Mann kletterte hinunter, klaubte seinen Hut auf und stieg wieder aufs Dach, bevor der Zug weiterfuhr.

Diese Aufnahme ist für mich der Inbegriff von Leichtigkeit und Unbeschwertheit. In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich das Bild sehnsüchtig betrachte (es ist eines von mehreren Reisefotos, die in meinem Arbeitszimmer hängen). Es erinnert mich an eine Zeit, in der ich sorglos durchs Leben steuerte und an ein Land, in dem die Menschen auf den Straßen tanzten und Musik in jedem öffentlichen Verkehrsmittel zu hören war (die übrigens nie den Fahrplan einhielten). Ein Land, das den Begriff Buen Vivir (gutes Leben) in seine Verfassung geschrieben hat.

Manchmal frage ich mich, warum es in unseren Breiten so schwierig zu sein scheint, mehr Entspanntheit in unseren Alltag zu bringen. Viele hetzen verbissen durchs Leben, alles dreht sich um materielle Werte. Manchmal sehne ich mich zurück nach jener Leichtigkeit, die mich auf meinen Reisen begleitete – und die ich am häufigsten in Ländern verspürte, die nach unseren Maßstäben arm sind. Auch heute noch fühle ich mich oft wie ein anderer Mensch, wenn ich unterwegs bin. Wie schön wäre es, diesen Zustand in mein alltägliches Leben zu transportieren und mir ein Stück Buen Vivir nachhause zu holen! Ich werde gleich morgen auf der Straße tanzen.