Eine Frage des Blickwinkels

Zum Jahreswechsel habe ich mir ein paar Gedanken gemacht: Mir ist bewusst geworden, dass manche meiner Blog-Beiträge und Postings den Eindruck erwecken, mein Leben sei sorglos und rundum perfekt. Nach Rückmeldungen zu schließen, halten mich manche meiner Leserinnen für die fehlerlose Mutter, liebende Partnerin, Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit, kurz: für einen Wunderwuzzi. Aber: Ich bin alles andere perfekt! Ich bin ein impulsiver, ungeduldiger Mensch und wenn ich nervös oder unzufrieden mit mir bin (was öfters vorkommt als ihr denkt), kaue ich an meinen Nägeln. Mein Mann beschwert sich darüber, dass ich schnarche.

Dass Menschen, die mich nicht so gut kennen, ein einseitiges Bild von mir haben, mag daran liegen, dass ich dazu neige, mich auf die positiven Seiten des Lebens zu konzentrieren und auch in den schwersten Zeiten ein Licht am Horizont sehe. Das war nicht immer so, ich habe mir diese Sichtweise gewissermaßen antrainiert. Tatsächlich habe ich in meinem Leben eine Menge Fehler gemacht (ich könnte Bände damit füllen), doch irgendwann begonnen, mich damit auseinander zu setzen. Der Unterschied zu früher ist: Ich mache mir Fehler bewusst und versuche, daraus zu lernen (was natürlich nicht von einem Tag auf den anderen gelingt). Wenn ich Menschen, die mir nahe stehen, verletzt habe, spreche ich mit ihnen darüber – soferne sie das möchten. In den dunklen Kapiteln meines Lebens oder wenn ich nicht weiter wusste, habe ich mir Hilfe gesucht – das hat sich bis heute nicht geändert.

Die Gefahr bei Menschen wie mir, die mit Geschriebenem an die Öffentlichkeit gehen, ist, mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Aber natürlich steht es mir nicht zu, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Ich kann nur bei mir bleiben und im besten Fall andere inspirieren, ihren eigenen Weg zu gehen. Es ist mir allerdings ein Bedürfnis, meine Lebenserfahrung und mein Wissen weiter zu geben – und mich weiter zu entwickeln, Lösungen zu finden, das Beste aus meinem Leben zu machen. Das kann auch anstrengend sein, nämlich dann, wenn es in Selbstoptimierung ausartet. Selbst ich muss zugeben, dass das Leben nicht immer ein Ponyhof ist und Hindernisse hinter jeder Ecke lauern – vor allem wenn man, so wie ich, in der Lebensmitte steht. Es ändert sich gerade vieles. Beziehungen und Freundschaften werden auf die Probe gestellt, wenn ich, wie es in letzter Zeit öfters passiert, im Rückzugmodus bin. Das empfinden manche als egoistisch oder rücksichtslos, ist für mich aber lebenswichtig.

Es ist also alles eine Frage der Perspektive und jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wie er sein Leben gestaltet. In diesem Sinn wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein bereicherndes Jahr 2019!

Die Kraft der Frauen

„Männer sind Schweine“ lautet der Titel eines Songs der „Ärzte“ aus dem Jahr 1998, „Ein Mann fühlt sich erst dann als Mann, wenn er es dir besorgen kann“ eine Textzeile daraus. Ich erinnere mich gut daran, wie ich damals beim Refrain mitjohlte und mir dachte, ja so ist es.

Ich war eine jener zornigen, jungen Frauen, die sich vom anderen Geschlecht missverstanden und schlecht behandelt fühlten. Zu oft hatte ich es erlebt, dass Männer mich auf der Straße anmachten oder sich im vollbesetzten Bus an mich pressten. Mehr als einmal schrie ich wildfremde Männer, die einen plumpen Annäherungsversuch gemacht hatten, genervt an. In Gesprächen mit meinen Freundinnen, in denen es oft um unsere schlechten Erfahrungen mit Männern ging, fühlte ich mich in meiner Meinung bestätigt. Irgendwann begann es mir jedoch zu dämmern: Solange ich mit dieser „Alle Männer sind Schweine“- Attitüde auf einen Mann zugehe, werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit von ihm enttäuscht werden. Und so geschah es auch, nur allzu oft traf ich Männer, die mich nicht respektierten und mich bald fallen ließen. Im Laufe der Jahre lernte ich, mich selbst wert zu schätzen – und siehe da, ich lernte Männer kennen, die mich respektvoll behandelten.

Dennoch kann ich es nachvollziehen, wenn Frauen gereizt auf männliche Verhaltensweisen wie das sogenannte manspreading reagieren (Männer, die in öffentlichen Verkehrsmitteln mit weit gespreizten Beinen dasitzen). Auch bei meiner Tochter wächst gerade das Bewusstsein für solch typisch männliches Verhalten. Neulich im Hallenbad erzählte sie mir, dass sie einen Mann beobachtet hätte, der mit seinen Blicken einer Frau durch die gesamte Schwimmhalle gefolgt war. Sie findet so etwas „creepy“. In solchen Fällen beschwichtige ich sie: Solange es nur Blicke seien, gäbe es keinen Grund zur Aufregung. Ich tue mein Bestes, um ihr Selbstbewusstsein  zu stärken und ermutige sie, Grenzen zu setzen. Aber natürlich weiß ich, wie sie sich fühlt, ich habe mir im Laufe der Jahre antrainiert, anzügliche Blicke zu ignorieren und mich gegen plumpe Anmache zu wehren. Das hat irgendwann zum Erfolg geführt, mich aber auch hart gemacht. Diese Härte scheint der Preis für selbstbewusste und erfolgreiche Frauen zu sein. Denn auch beruflicher Erfolg, der oft bedeutet, sich im Mitbewerb durch zu setzen, und nebenbei womöglich noch Kinder und Haushalt zu managen, erfordert viel Kraft und Zähigkeit. Diese Härte wiederum steht uns Frauen dabei im Weg, uns mit unserer urweiblichen Seite zu verbinden. Mit zunehmendem Alter spüre ich, dass ich den Weg zurück zu diesem weichen, nachgiebigen Teil in mir suche.

Wenn es darum geht, der männlichen „Platz da, jetzt komm ich“-Haltung etwas entgegen zu setzen, sind wir Frauen gefordert, zu eben dieser weiblichen Urkraft zurück zu finden. Das bedeutet nicht, dass wir uns unterordnen oder uns kleiner machen als wir sind (was leider viel zu oft passiert). Es bedeutet auch nicht,  uns männliche Verhaltensweisen anzutrainieren oder gar Machtkämpfe auszutragen. Wer will schon sein wie jene machthungrigen Männer, die es nicht ertragen, wenn ihnen die Kontrolle entgleitet? Die um sich schlagen – oft auch verbal – wenn ihnen der Boden, auf dem sie all ihr Machtgebaren einzementiert haben, unter den Füßen weggezogen wird? Als Folge der metoo-Debatte ist neuerdings zu hören, dass Männer Bedenken hätten, alleine mit einer Frau in den Lift zu steigen oder – erst kürzlich gelesen – einer Frau in einer Notsituation zu helfen. Aus Angst, im Nachhinein fälschlicherweise eines Übergriffes bezichtigt zu werden. Oder von Männern, die nicht mehr wissen, ob und wie sie mit einer Frau flirten dürfen. Dabei wäre es so einfach: ein klein wenig Hinspüren reicht aus, um zu wissen, ob eine Frau interessiert ist. Ja, es mag Frauen geben, die aus Geltungs- oder Rachsucht Männer einer Tat beschuldigen, die nie passiert ist. Meine Erfahrungwerte sagen mir jedoch, dass das eine Minderheit ist und die allermeisten Übergriffe Frauen gegenüber tatsächlich passiert sind – und passieren. Der Umkehrschluss würde lauten: Ich steige in keinen Lift mehr, in dem sich ein Mann befindet – weil ich schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht habe. Ich weigere mich jedoch, alte Ängste mit mir herumzutragen und habe mich dazu entschlossen, den Menschen grundsätzlich zu vertrauen – und es funktioniert!

Ich habe lange genug Machtkämpfe ausgetragen, auch in meinen Beziehungen, um zu wissen, dass es letztendlich darum geht, Frieden mit mir selbst zu schließen. Der Panzer, den ich mir im Lauf der Jahre zugelegt habe, beginnt zu bröckeln. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, von dem ich lernte, in mich hinein zu spüren und der unserer Tochter in vielerlei Hinsicht Vorbild ist. Mein Sohn hat sich zu einem feinfühligen jungen Mann entwickelt, dem respektvolle Beziehungen am Herzen liegen. Mehr und mehr wird mir klar: Wir Frauen können lernen, in unserer männerdominierten, auf Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft zu unseren weiblichen Qualitäten zurück zu finden und auf unsere innere Stärke zu vertrauen – und damit Männern ein Vorbild sein.  Dann wird es vielleicht – hoffentlich nicht in allzu ferner Zeit – ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Mann und Frau geben.

Das Leben feiern

Es wird Zeit, dass wir Frauen damit aufhören, uns über unser Aussehen zu definieren. Es gibt so viel Wichtigeres im Leben, als Kilos zu zählen!

Ich muss um die siebzehn gewesen sein, als es mir dämmerte: dünn zu sein ist erstrebenswert. Lange Zeit hatte ich mich als zu mager, zu wenig weiblich empfunden. Bis ich meinen ersten richtigen Freund hatte und der mich gut fand – genauso, wie ich war. Ich begann, mich über meinen Körper zu definieren und bezog mein Selbstwertgefühl forthin aus der Tatsache, dass Männer mich attraktiv fanden. Das traf sich gut, denn in meinem Inneren blieb ich schüchtern und unsicher, daran änderte auch der scheinbar perfekte Körper nichts. Zur Bewunderung der Männer kam der Neid des eigenen Geschlechts: jahrelang bekam ich Kommentare zu meiner Figur zu hören, oft untergriffig und respektlos, immer von Frauen. Und ich lernte viele kennen, die mit ihrem Aussehen haderten: Freundinnen, die sich zu dick fanden, obwohl ich keinen Gramm zu viel an ihnen entdecken konnte. Die beste Freundin, die immer mehr an Gewicht verlor – bis ich herausfand, dass sie magersüchtig war.

Ich gebe zu, dass ich es gut getroffen habe: Ich kann essen, was ich will, ohne zu zu nehmen, war nie auf Diät, benutze keine Waage. Warum soll es wichtig sein, mein Gewicht zu kennen, solange ich mich wohl in meiner Haut fühle? Doch auch bei mir gab Zeiten, in denen ich mit meinem Äußeren nicht zufrieden war. Bis ich zu dem Schluss kam: Ich bin jenseits der 40, habe zwei Kinder geboren, muss ich aussehen wie ein Supermodel? Heute fühle ich mich wohl mit mir und meinem Körper, doch das war ein langer Weg. Es brauchte Jahre, bis ich kapierte: äußere Schönheit ist nichts wert, wenn du dich innen drin nicht leiden kannst. Und auch heute ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich andere Frauen kritisch mustere und vorschnell ein Urteil fälle, alleine wegen ihres Aussehens. Dann mache ich mir bewusst, wie sehr wir vom Schönheitsideal beeinflusst werden, das die Werbung oder Hollywood uns vorgibt. All diese makellosen und scheinbar alterslosen Schönheiten – sind sie wirklich das Maß aller Dinge? Wie kommt es, dass wir Frauen uns auf unsere Körper reduzieren lassen und bei diesem Irrsinn mitmachen? Hin und wieder begegne ich Frauen (und Männern) mit einer besonderen Anziehungskraft, die nichts mit perfekten Proportionen zu tun hat. Es sind Menschen, die ein Strahlen in den Augen haben, die wissen, was sie wollen und sich nicht darum kümmern, was andere von ihnen denken. Oder ältere Menschen, die dieses gewisse Etwas haben und in sich ruhen – Menschen, die zu ihrem Alter stehen können. „Wo sind wir als Gesellschaft so falsch abgebogen, dass wir das Altern als etwas Schlechtes ansehen?“ fragt  Taryn Brumfitt, die in ihrer Doku „Embrace“ den vorherrschenden Jugend- und Schönheitswahn aufs Korn nimmt.

Es wird Zeit, dass wir Frauen damit aufhören, uns über unseren Körper zu definieren und uns stattdessen unserer Stärken besinnen – und beginnen, das Leben zu feiern! Es gibt so viel Wichtigeres als Kilos zu zählen und sich ein Schönheitsideal überstülpen zu lassen. Wollen wir wirklich unseren Töchtern vermitteln, dass sie nicht gut genug sind, nur weil sie keine Modelmaße haben? Wollen wir es zulassen, dass Mädchen sich über ein Körperbild definieren, bei dem eine Lücke zwischen den Oberschenkeln (Thigh Gap) als erstrebenswert gilt? Auch der aktuelle Trend, mollige Frauen hoch zu stilisieren, ist nur ein weiterer Auswuchs weiblicher Körperfixiertheit. Ich glaube, dass wir damit aufhören müssen, den weiblichen Körper zum Thema zu machen, egal ob dick oder dünn. Denn wir Frauen sind viel mehr als das.

Schule einmal anders

Vor über 30 Jahren lernte ich durch eine Freundin die Rudolf Steiner Schule, Waldorfschule in Wien Mauer kennen: Die künstlerisch-kreative Atmosphäre, der Hauch von Freiheit, der mich umwehte, hinterließen einen bleibenden Eindruck. Ich selbst besuchte ein klassisches Gymnasium, meine Eltern wären nie auf die Idee gekommen, mich in eine alternative Schule zu schicken. Und auch mein Sohn hat vor kurzem an einem Wiener Gymnasium maturiert. Doch in den letzten Jahren hat sich ein Gedanke in meinem Kopf festgesetzt: Dass meine zwölfjährige Tochter in einer Waldorfschule gut aufgehoben wäre.

Ich habe genug vom klassischen Schulsystem gesehen, um sagen zu können, dass dieses kreative Mädchen besser in ein alternatives Modell passt. Das hat nichts mit ihren schulischen Leistungen am Gymnasium zu tun – sie schreibt gute Noten und tut sich im allgemeinen recht leicht in der Schule – doch ich sehe nicht, dass ihre Talente und ihr Potential gefördert werden. Es ist ein starres System, das mehr Wert legt auf Noten als auf die Persönlichkeit des Kindes, das sich allzu oft auf negative Leistungen konzentriert statt auf die Förderung der Schüler. Dazu kommt das politische Trauerspiel rund um die sogenannten Bildungsreformen, bei denen weitreichende Neuerungen regelmäßig blockiert werden.

Natürlich gibt es an öffentlichen Schulen engagierte Lehrer, die jedoch oft gegen Windmühlen kämpfen. Und dann gibt es solche wie den Klavierlehrer meiner Tochter, die bisher den musikalischen Zweig eines Wiener Gymnasiums besuchte: Er behauptete allen Ernstes, Klavierspielen dürfe keinen Spaß machen, sondern es ginge rein darum, die Technik zu erlernen. „Schaffen wir die richtigen Bedingungen in unseren Schulen, schätzen wir alle Lernenden für das, was sie sind, und zwar aufrichtig“, sagt der Bildungsexperte Sir Ken Robinson im Film „Alphabet“. „Dann entsteht Wachstum.“

Nach drei Jahren Gymnasium ist es nun soweit: ab dem nächsten Schuljahr wird meine Tochter die Rudolf Steiner Schule besuchen. Und ich bin überzeugt davon, dass diese Schule für mein kluges, kreatives und quicklebendiges Mädchen genau die richtige ist. Sie selbst ist nach einer Schnupperwoche ebenfalls begeistert und freut sich auf die neue Erfahrung. Waldorfschulen wie die Steiner Schule leben mit Erfolg ein Konzept vor, über das unsere Regierung seit Jahren streitet: die Gesamtschule. Die Waldorf-Pädagogik ist darauf ausgerichtet, die Entwicklung der in jedem Menschen veranlagten Begabungen und Fähigkeiten zu unterstützen, die Entfaltung der Persönlichkeit sowie die schöpferischen und sozialen Fähigkeiten zu fördern. „Wir wollen die jungen Menschen in einer Weise unterstützend begleiten, dass sie Initiatoren und Träger eines sozialen und kulturellen Fortschrittes werden können“, ist auf der Homepage der Rudolf Steiner Schule zu lesen.

In den Waldorfschulen gibt es keine Noten und kein Sitzenbleiben, stattdessen wird verstärkt auf die Persönlichkeit der Schüler eingegangen. „Wir holen das Kind da ab, wo es steht“, drückt es ein Elternvertreter der Steiner Schule aus. Entgegen weit verbreiteter Vorurteile sind Waldorfschüler in ihrem Wissen gleichauf mit anderen Schülern. PISA-Österreich hat in den Jahren 2000 und 2003 die zehn österreichischen Waldorfschulen evaluiert, Fazit: Die Leistungen der Waldorfschüler bewegen sich im guten österreichischen Mittelfeld. „Waldorfschüler werden sehr gerne in AHS-Maturaklassen aufgenommen, weil sie meist reifer als andere Schüler ihres Alters sind“, sagt der Elternvertreter.

Freie Schulen wie die Waldorfschulen müssen das Geld für ihre Pädagogen übrigens selbst aufbringen, während Lehrer in konfessionellen Privatschulen vom Staat finanziert werden. Viele freien Schulen kämpfen ums Überleben, die Förderung durch den Staat ist marginal. „Eltern sollen sich aussuchen können, welche Schule ihr Kind besucht, unabhängig von Gehalt und sozialem Hintergrund“, fordert Momo Kreutz, Geschäftsführerin des Netzwerkes freier Schulen und sellvertretende Vorsitzende von EFFE-Östereich. Das European Forum for Freedom in Education (EFFE) setzt sich für das in der UNO-Menschenrechtsdeklaration niedergelegte „Menschenrecht auf Bildungsfreiheit“ ein und ist die Vetretung nichtkonfessioneller Schulen in freier Trägerschaft.

„Wir haben diese außergewöhnliche Vorstellungskraft. Jede Form menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit“, sagt Sir Ken Robinson. „Doch ich glaube, dass wir systematisch diese Fähigkeit in unseren Kindern zerstören.“

Weil ich es mir wert bin

Selbstliebe – was für ein großes Wort! Dürfen wir das denn, uns selbst lieben? Die Antwort lautet: Ja. Denn es bedeutet nichts anderes, als gut für sich selbst zu sorgen.

Es dauerte lange, bis ich lernte, das umzusetzen. Als ich jung war, konnte ich mich selbst nicht leiden, trieb ziellos durchs Leben, war egoistisch und verantwortungslos. Mittels zahllosen vollgeschriebenen Tagebüchern, Therapien und Gesprächen mit guten Freunden – und nicht zuletzt durch den Einfluss meiner Kinder und meines Mannes – lernte ich, was es bedeutet, gut zu sich selbst zu sein. Und damit meine ich nicht selbstbezogenes Verhalten ohne Rücksicht auf andere. Heute bin ich überzeugt davon, dass alles bei sich selbst beginnt: erfüllte Beziehungen, Gesundheit, Erfolg im Beruf.

Spaß am Leben statt langweiliger Selbstoptimierung

Eine liebe Freundin, die für mich der Inbegriff von Lebenslust und unbändiger Freiheitsliebe ist, meinte, dass ich die „vernünftigste“ ihrer Freundinnen sei. Und schon begann es in meinem Kopf zu rattern: Vernünftig? Ist das nicht gleichbedeutend mit langweilig? Sie spielte wohl darauf an, dass ich ein ziemlich geregeltes Leben mit meiner Familie führe, wenig Alkohol trinke, mich bewusst ernähre, gerne schlafe – kurz: gut auf mich schaue. Ja, das mag für manche nach langweiliger Selbstoptimierung klingen. Doch es ist so viel mehr! Es bedeutet, in mich hinein zu spüren, was mir gerade gut tut und was nicht. Bewegung zu machen, wenn mein Körper danach verlangt. Zu essen, wenn ich Hunger verspüre. Nein zu sagen, wenn ich mich überfordert fühle. Oder auch: Mit meiner Tochter Trampolin zu springen und mir dabei fast in die Hosen zu machen. Natürlich gelingt mir das nicht immer – bisweilen werde auch ich vom Hamsterrad des Alltags überrollt. Das merke ich daran, dass ich übellaunig werde und/oder mein Körper eindeutige Signale der Überforderung aussendet. Diese Signale rechtzeitig wahrzunehmen und einen Gang herunter zu schalten, ist wohl die schwierigste Übung. Mein Wunsch nach Abwechslung ist jedenfalls ungebrochen – nicht umsonst habe ich mich selbständig gemacht. Meine Arbeit als freie Journalistin und Autorin ermöglicht mir inspirierende Begegnungen und immer wieder neue Erkenntnisse.

Mehr Frieden und weniger Hass

Zugegeben: manchmal vermisse ich mein kopfloses Dasein von früher. Dann sehne ich mich nach den Zeiten zurück, in denen ich mich, ohne lange nachzudenken, in Situationen begab, die heute wohl unter politisch unkorrekt fallen würden (Bungee Jumping – trotz Höhenangst – von einer Brücke in Ecuador. Irgendwo in Südamerika den Saft einer halluzinogenen Pflanze trinken. Heiße Küsse mit einer Urlaubsbekanntschaft tauschen, während der Partner im Hotelzimmer wartet). Heute gebe ich der Abenteuerlust, die immer noch tief in mir steckt, in harmloserer Form auf meinen (meist beruflichen) Reisen nach. Wenn ich weit weg bin von zuhause, fällt es mir leichter, abzuschalten und das Hamsterrad des Alltags hinter mir zu lassen. Der Unterschied zu meinen früheren Abenteuern ist: ich achte darauf, mir selbst oder anderen Menschen nicht zu schaden.

Ich glaube, die Welt wäre eine bessere, wenn die Menschen sich selbst mehr wertschätzen würden. Es gäbe weniger Scheidungen, glücklichere Kinder, mehr Frieden und weniger Zynismus. Klingt nach einem unerreichbaren Traum? Mag sein. Aber es ist Weihnachten, und träumen ist ausdrücklich erwünscht.

Besser geht’s nicht

Neulich, als ich mit meiner Familie einen Badenachmittag verbrachte, machte sich eine wohlige Zufriedenheit in mir breit. Ich beobachtete meine Tochter dabei, wie sie selbstvergessen im See planschte und spürte mit aller Deutlichkeit, dass es das ist, was mein Leben lebenswert macht. Gleichzeitig dachte ich an den Artikel, den ich am Vormittag abgeliefert hatte und mir wurde klar, dass das Eine ohne das Andere nur halb so viel wert wäre. Ich spürte große Dankbarkeit dafür, dass es mir gelungen ist, zwei Leben zu vereinbaren – als Mutter und als erfolgreiche Journalistin. Es wird ja viel geschrieben und diskutiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und immer öfter fällt die Behauptung, dass sie nicht machbar sei. Ich behaupte das Gegenteil: Ja, sie ist machbar, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. In meinem Fall funktioniert es, weil ich einen Mann an meiner Seite habe, dem es genauso wichtig ist wie mir, seine Zeit auf Arbeit und Familie aufzuteilen. Es ist möglich, weil wir beide selbständig sind und unsere Arbeitszeit selbst einteilen können. Und es funktioniert vor allem deshalb, weil wir uns nicht nur Kinderbetreuung und Haushalt aufteilen, sondern auch das Familieneinkommen. Denn Halbe-Halbe sollte sich nicht darauf beschränken, den Mann an seine Pflichten im Haushalt zu erinnern, sondern vielmehr eine Chance für beide Elternteile bedeuten, mehr Verantwortung zu übernehmen: er für die Kinder, sie für das Geld.

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten, sondern kann auch funktionieren, wenn beide sich ihre Zeit so einteilen, dass genügend davon für die Famile und Freizeit bleibt. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Arbeitswelt sich endlich an veränderte Bedürfnisse von heutigen Eltern anpasst und es Männern leichter macht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder in Karenz zu gehen. Und für Frauen nicht nur schlecht bezahlte Teilzeitjobs bietet, sondern andere Möglichkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint dazu: “Es sollte für Eltern eine dreißig Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und Haushalt kümmern und gleichzeitig ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. In Wirklichkeit kann niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.”

Bis dahin scheint es ein weiter Weg zu sein. Und auch bei mir dauerte es lange, bis ich in meiner Partnerschaft Verantwortung für die gemeinsamen Finanzen übernahm. Ich hasste zwar das Gefühl, abhängig zu sein, war latent unzufrieden – nahm das aber lange Zeit in Kauf. Teils aus Bequemlichkeit, teils wegen mangelnder beruflicher Perspektiven. Und auch heute ist es nicht so, dass die Aufteilung zwischen meinem Mann und mir immer reibungsfrei abläuft. Denn es geht ja nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch um die Arbeit im Haushalt, um Freizeit, Sport, Freunde und die Zeit, die wir als Paar verbringen wollen. Und dann wären da noch die Auszeiten, die jeder von uns in regelmäßigen Abständen für sich einfordert. Da kann es schon passieren, dass die Frage, wer mit dem Einkaufen dran ist, in einen Machtkampf ausartet. Und in hitzige Diskussionen darüber, wer sich mehr im Haushalt einbringt. Manchmal helfen dann nur noch ausgefeilte Entspannungstechniken, oder aber die hilfreiche Gabe, Prioritäten zu setzen und großzügig über die Staubschicht im Wohnzimmer hinwegzusehen.

All die Strapazen und Differenzen sind jedoch vergessen, wenn ich mir des Privilegs bewusst werde, all das zu haben, was ich mir immer gewünscht habe: zwei wunderbare Kinder, einen Beruf, den ich liebe, ein erfülltes Leben. Besser geht’s nicht.

Nichts tun

Ich sitze auf einer saftig grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen, und genieße die Stille, die nur von zwitschernden Vögeln unterbrochen wird. Der Augenblick ist so schön, dass ich versucht bin, mein Handy zu zücken und die Welt an meinem Glück teilhaben zu lassen. Doch ein Gedanke hält mich davon ab: Habe ich es tatsächlich verlernt, das Hier und Jetzt zu genießen, nur für mich alleine, wie es mir immer so wichtig war? Schaffe ich es überhaupt noch, einige Minuten lang einfach NICHTS zu tun, ohne mich dabei abzulenken?

Denn es ist ja so: likes auf facebook zu sammeln, hat einen gewissen Suchtfaktor. Einen Beitrag zu posten und dann zu sehen, wie vielen Menschen das gefällt, erzeugt regelmäßig ein Kribbeln in mir. Andererseits spüre ich jedoch, dass es mir immer wichtiger wird, Zeit für mich zu haben und Stille um mich herum zu spüren. Oder dass es mehr Spaß macht, in der U-Bahn Menschen zu beobachten und dabei meine Gedanken schweifen zu lassen, als mein Smartphone zu konsultieren.

Das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen, auch im Beruf, ist einer der seltsamsten Auswüchse unserer Zeit. „Stress entsteht im Kopf“, sagt die deutsche Psychologin Diana Drexler. Stress machen wir uns immer selbst, und die ständige Erreichbarkeit ist einer der größten Stressfaktoren geworden. Doch es liegt an uns, das zu ändern: wir können selbst entscheiden, ob wir jedes Mail sofort beantworten oder ob wir mit unserem Smartphone ständig online sein müssen. Laut Arbeitszeitgesetz kann zu ständiger Bereitschaft, etwa im Urlaub oder in der Freizeit, niemand gezwungen werden.

Ich jedenfalls übe mich darin, mein eigenes Tempo zu finden und Ruhe zu bewahren – was gerade als Selbständige und Mutter zweier Kinder nicht immer einfach ist. Zum Beispiel dann, wenn ich das Bedürfnis verspüre, hundert Dinge gleichzeitig zu erledigen. Oder wenn mein Perfektionsanspruch überhand nimmt – dann neige ich dazu, nicht nur mich selbst unter Druck zu setzen, sondern auch die Menschen um mich herum, die vielleicht gerade ein ganz anderes Tempo als ich an den Tag legen. Wenn dann noch meine pubertierende Tochter ihre Launen an mir auslässt, während ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, macht das die Sache nicht gerade einfacher. Gerade dann brauche ich Pausen, in denen ich – in jeder Hinsicht – abschalten kann.

Ich sitze also in der grünen Wiese und beobachte eine Familie, die an mir vorbei wandert und ihren Hund, der mit wehenden Ohren durchs hohe Gras springt. Und lasse das Handy in der Tasche. Die Geschichte des Mannes fällt mir ein, der auf einer Reise gefragt wurde, warum er keine Fotos mache. Seine Antwort lautete: „Ich sehe es mir lieber gleich hier an.“

Vom Älter werden

Je älter ich werde, desto mehr finde ich zu mir – und das fühlt sich gut an. Denn das war nicht immer so: früher konnte ich mich selbst nicht leiden, trieb ziellos durchs Leben, war egoistisch und verantwortungslos und wechselte Jobs ebenso häufig wie die Männer. Bis ich Mutter wurde und mein Leben sich schlagartig änderte. Nun war ich für einen kleinen Menschen verantwortlich und konnte nicht mehr davonlaufen – eine Tatsache, die ich anfangs durchaus gewöhnungsbedürftig fand! Es dauerte eine Weile, bis ich mich mit meiner neuen Rolle anfreundete und sich meine Prioritäten änderten. Weitere Jahre sollten vergehen, bis ich – nun Mutter zweier Kinder – endlich meine Berufung fand: das Schreiben. Oder anders gesagt: es dauerte, bis ich mir zutraute, mich dieser meiner Leidenschaft mit Haut und Haaren zu widmen.

Nun befinde ich mich in der Mitte meines Lebens – man könnte auch sagen, in den besten Jahren! Und bin glücklich wie nie zuvor. Ich sitze in einem Flieger nach New York, einer meiner Lieblingsstädte, um Berufliches mit Privatem zu verbinden: Ich werde über den Umweltplan der Stadt berichten und anschießend meine Schwester auf Long Island besuchen. Und in diesem Moment wird es mir wieder bewusst: je älter ich werde, umso besser wird mein Leben! Ich habe zwei wundervolle Kinder, einen Mann an meiner Seite, der seit nunmehr 11 Jahren zu mir steht, mit allen Höhen und Tiefen, und ich liebe meine Arbeit. Und das Wichtigste: ich habe gelernt, mich selbst zu lieben, mir zu vertrauen und auf meine innere Stimme zu hören. Was auch bedeutet, hin zu spüren, was mir gut tut und meinen eigenen Rhythmus zu finden. Als selbständige Journalistin ist das nicht immer leicht – mal ist mehr zu tun, mal weniger. Oft habe ich so viel Arbeit, dass ich kaum zum Verschnaufen komme und in solchen Zeiten fällt es mir schwer, zur Ruhe zu finden. Doch auch das gelingt mir immer besser: sobald ich merke, dass ich mich zu sehr anspanne, lege ich eine Pause ein, gehe eine Runde laufen oder lege meine Lieblingsmusik auf, um zu tanzen. Wenn ich merke, dass ich einen ganzen Tag Pause brauche, gönne ich mir auch den – in der Gewissheit, am nächsten Tag mit neuen Energien weiter arbeiten zu können. Denn das ist ja das Schöne an der Selbständigkeit und am Arbeiten von zuhause aus: ich kann mir meine Arbeit selbst einteilen und habe alle Freiheiten! Und die Freiheit, über mein Leben und meine Zeit selbst bestimmen zu können, ist mir das Allerwichtigste: Zeit für meine Kinder zu haben, für meinen Mann und nicht zuletzt für mich selbst.

Je bewusster ich lebe, desto mehr kann ich mich an Kleinigkeiten freuen: über eine Möwe, die mich ein Stück entlang meiner Laufstrecke an der Donau begleitet. Über ein paar Sonnenstrahlen an einem sonst wolkigen Tag. Wenn mein Sohn, der nun erwachsen wird, uns ein paar Minuten seiner Zeit schenkt. Oder der Moment, wenn meine Tochter sich vor dem Einschlafen an mich kuschelt und ihre Finger mit meinen verschränkt. Das sind Augenblicke, die so kostbar sind, dass ich sie in einem reich verzierten Schatzkästchen aufbewahren möchte – und solche Momente bewusst wahrzunehmen, tragen zum großen Glück in meinem Leben bei.

Es gibt natürlich auch die nicht so schönen Momente: Streitereien, Unpässlichkeiten, Tage an denen ich mich hilflos fühle angesichts der Schreckensmeldungen aus aller Welt. Doch auch solche Phasen gefühlter Unzulänglichkeit werden weniger. Zurück bleibt eine positive Grundstimmung und die Gewissheit, dass ich mein Leben selbst gestalten kann.

 

Nachhaltig leben

Da es nun nicht mehr lange dauert, bis mein Ratgeber „Nachhaltig Leben“ vom VKI veröffentlicht wird (am 24. Oktober ist es so weit!), habe ich mir ein paar Gedanken zum Thema gemacht.

Was genau bedeutet „nachhaltiges Leben“ im Alltag? Reicht es, bewusst und kritisch zu konsumieren und Bio- oder Fairtrade-Produkte zu kaufen? Können wir etwas zu einer besseren Welt beitragen, indem wir weniger Auto fahren oder ökologische Putzmittel verwenden? Ja, ich glaube an die Macht des Einzelnen, glaube daran, dass wir etwas bewirken können, wenn wir an einem Strang ziehen. Je mehr Konsumenten ausbeuterische Konzerne boykottieren, desto eher werden diese gezwungen, sich für gerechte Arbeitsbedingungen und nachhaltig erzeugte Produkte einzusetzen. Doch mit Boykott meine ich nicht nur, bestimmte Produkte nicht zu kaufen, sondern gleichzeitig bei Unternehmen zu protestieren – in Form von E-Mails, Einträgen auf Social Media- Plattformen oder lästigen Fragen bei Geschäftsführern. Und vor allem auf Dinge zu verzichten, die wir nicht unbedingt brauchen.

Aber auch das alleine wird nicht reichen. Ebenso braucht es politisches Engagement, da letztendlich unsere Politiker über die Gesetze entscheiden, die uns alle betreffen. Immer mehr Menschen protestieren bei den jährlichen G8-Gipfeln gegen die Auswirkungen der Globalisierung oder versammeln sich beim Weltsozialforum, um neue Lösungen für eine gerechte Welt zu finden. Wir müssen aber gar nicht demonstrieren gehen, um etwas zu verändern – Mails an unsere Abgeordneten oder die Teilnahme an Petitionen wären auch schon ein Anfang.

Doch letztendlich beginnt alles bei uns selbst und im Mikrokosmos unseres täglichen Miteinanders. Es hat keinen Sinn, gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern zu protestieren und gleichzeitig die Augen vor Ungerechtigkeit oder Umweltverschmutzung im eigenen Land zu verschließen. Zivilcourage beginnt vor der eigenen Haustür!Solange wir selbst nicht bereit sind, etwas zu ändern, können wir das auch nicht von Anderen erwarten.

Zu guter Letzt dürfen wir auch nicht Europas Vorbildfunktion für den Rest der Welt unterschätzen: noch eifern Schwellenländer wie China oder Indien der westlichen Industrialisierung nach und nehmen dabei Umweltverschmutzung und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Kauf. Wenn Europa in Sachen Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit mit gutem Beispiel vorangeht, könnte das langfristig Auswirkungen auf andere Länder haben.

Verantwortung ist weiblich

Die Teilzeitquote ist bei Frauen in den vergangenen zwei Dekaden stetig angestiegen. 1990 lag sie bei 20,2 Prozent, 2000 bei 33,2 Prozent, 2010 arbeiteten bereits 44,3 Prozent aller erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, das sind mehr als 700.000. Vor allem  Frauen mit Kindern unter 15 Jahren betrachten Teilzeitbeschäftigung oft als die einzige Möglichkeit, neben den Betreuungsaufgaben einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
Das Problem mit der Teilzeitarbeit: Die Bezahlung reicht oft nicht zum Überleben aus, ein Karriereaufstieg wird fast unmöglich und in der Pension fehlen Teilzeitbeschäftigten wertvolle Versicherungszeiten. Was außerdem auffällt: Teilzeitkräfte verdienen für die gleiche Arbeit weniger als Vollzeitkräfte, in manchen Branchen sind es bis zu drei Euro Unterschied beim Bruttostundenlohn.

Es wird also Zeit, dass die Rollen neu verteilt werden – immer noch sieht sich hierzulande ein Großteil der Väter als Haupternährer und viele Mütter fühlen sich alleine zuständig für die Kindererziehung. Und daran ist nicht nur das viel zitierte Problem schuld, dass Frauen im allgemeinen weniger verdienen als Männer. Oder der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen. Meiner Meinung nach geben viele Frauen nur zu gerne die finanzielle Verantwortung an ihre Männer ab und fügen sich in die Rolle der Mutter und Teilzeitarbeiterin. So manche vielleicht auch aus Mangel an Selbstvertrauen und fehlender beruflicher Perspektiven. Das überhöhte Mutter-Ideal, das hierzulande vorherrscht, tut sein übriges.

Natürlich bräuchte es auch eine Veränderung unserer Arbeitswelt: flexiblere Arbeitszeiten, mehr Arbeit von zuhause aus – dann könnten Frauen und Männer sich die Kinderbetreuung besser aufteilen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint in einem Interview mit diestandard.at: „Es sollte für beide eine dreißig Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und Haushalt kümmern und beide ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. Die Leute schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu, in Wirklichkeit kann aber niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.“

Welch hohen Stellenwert Väter für ihre Kinder haben, macht der Psychologe Dr. Wolf Dietrich Zuzan deutlich: „Väter sind in jedem Alter für ihre Kinder wichtig, besonders aber ab einem Alter von 10 oder 11 Jahren – hier sind sie vor allem zuständig für die Ausbildung des Selbstwertgefühls. Man muss die Familie als ein Beziehungsgeflecht sehen, in dem alle Beteiligten Einfluss aufeinander haben. Wenn der Vater abwesend ist, ist dieses Beziehungsgeflecht gestört und die anderen Partner müssen die Abwesenheit kompensieren, was nicht immer gelingt. Das kann zu Fehlentwicklungen beim Kind führen.“ Angesichts der großen Zahl an Wochenend-Vätern und Alleinerzieherinnen eine nicht unwesentliche Information..

Auch wenn es ein langer Weg zu gerechter Rollenverteilung und familienfreundlichem Arbeitsmarkt sein mag: es wird Zeit, dass Frauen sich mehr zutrauen, mehr Verantwortung an die Väter abgeben und diese wiederum mehr Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Nicht nur in finanzieller Hinsicht.