Musik, die aus dem Herzen kommt

Als Kind liebte ich es, Musik zu machen: Ich lernte einige Akkorde auf der Gitarre, spielte Blockflöte und schaute mir von meiner großen Schwester das Klavierspielen ab. Ich brachte mir Beatles-Lieder auf dem Klavier bei und sang dazu. Meine Eltern beschlossen jedoch, dass ich Geige lernen sollte, also begann ich als Sechsjährige mit dem Unterricht an einer Musikschule.
Ich erinnere mich gut daran, dass mir das Geige spielen nie besonders viel Spaß machte, aber aus irgendeinem Grund war es mir nicht möglich, das meinen Eltern zu vermitteln – oder vielleicht wollten sie es auch nicht hören. Also besuchte ich den Unterricht und erfand oft Ausreden, um nicht hingehen zu müssen. Etüden und Fingerübungen fand ich langweilig, und nach Jahren des Unterrichts wurde mir die  klassische Musik zu eintönig – etwas Anderes gab es jedoch nicht. Das Klavierspielen machte mir irgendwann auch keinen Spaß mehr.

Doch meine Eltern waren entschlossen, eine Berufsmusikerin aus mir zu machen – sie träumten davon, mich in einem Orchester spielen zu sehen. Ich besuchte das Musikgymnasium und fühlte mich fehl am Platz unter all den musikalischen Genies. Jetzt konnte ich erst recht nicht mit dem Geigenunterricht aufhören, da er Bedingung für den Besuch dieser Schule war. Also machte ich weiter, die Aufnahmeprüfung an die Musikhochschule schaffte ich jedoch nicht. Kaum hatte ich maturiert, teilte ich meinem Geigenlehrer mit, dass ich nicht mehr kommen würde – danach fühlte ich mich um Tonnen leichter. Zwar spielte ich danach hin und wieder mit Freunden, aber auch das wurde weniger und schließlich hörte ich ganz mit dem Geige spielen auf.

Als ich Mutter wurde, wollte ich auch meinen Kindern Musik nahebringen, da ich überzeugt von ihrer positiven Wirkung bin. Mein Sohn spielte für kurze Zeit Gitarre, war aber nie wirklich mit dem Herzen dabei. Meine Tochter begann mit dem Klavierunterricht, als sie ein Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt besuchte. Ihr Klavierlehrer schaffte es jedoch innerhalb kurzer Zeit, ihr die Freude daran zu nehmen. „Es geht darum, die Technik zu lernen, Spaß am Spielen ist unwichtig“, lautete seine Meinung. Wir versuchten es noch eine Weile, doch mir wurde bald klar, dass ich mit meiner Tochter nicht meine eigene Geschichte wiederholen wollte. Auch sie hatte keine Lust, regelmäßig zu üben, auch sie musste in erster Linie Klassik spielen. Druck auf sie zu machen, bewirkte eher das Gegenteil. Da auch an dieser Schule das Instrument ein Pflichtfach war, brauchte es eine andere Lösung – und diese winkte in Form der Rudolf Steiner-Schule, die meine Tochter nun seit zwei Jahren besucht. Auch hier wird großer Wert auf künstlerischen Ausdruck in Form von Musik, darstellender Kunst und Kunsthandwerk gelegt – doch der pädagogische Zugang ist ein völlig anderer. Es war die beste Entscheidung, die wir für dieses kreative Mädchen treffen konnten.

Seit meine Tochter keinen Zwang mehr verspürt, ein Instrument spielen zu müssen, tut sie es freiwillig und mit Leidenschaft. Sie setzt sich immer wieder ans Klavier, um sich ihre Lieblingssongs beizubringen und hat vor einiger Zeit auch die Gitarre entdeckt, um sich darauf selbst zu begleiten. Wenn ich sie so höre, wie sie aus vollem Herzen singt und spielt, berührt das etwas ganz tief in mir. Es ist ein Weg für sie, ihre Gefühle auszudrücken, und ihre Musik geht direkt ins Herz. Durch meine Tochter ist auch bei mir die Freude an der Musik wieder gestiegen. Ich singe nun wieder mehr, oft auch mit ihr gemeinsam, und überlege, wieder mit dem Klavier spielen zu beginnen. Manchmal liege ich in der Hängematte und singe meine Lieblingslieder, und dann spüre ich, wie sich etwas in mir öffnet. Die Geige habe ich verkauft.

Das Bild zeigt meine Tochter bei den Dreharbeiten für einen Kurzfilm, bei dem sie ihre Freude am Spielen ausleben konnte.

Der Sprung ins kalte Wasser

Einer meiner Lieblingsfilme ist „A Star is born“, der auf berührende und sensible Weise die Liebesgeschichte zwischen einer aufstrebenden Sängerin und einem abgehalfterten Rockstar mit Alkoholproblemen erzählt. Darin gibt es eine Szene, in der die noch unbekannte Sängerin Ally von Jack auf die Bühne geholt wird, um gemeinsam einen von ihr komponierten Song zu singen. Der Moment, in dem sie, nach anfänglichem Zögern und noch am Rand der Bühne stehend, beschließt, da hinaus zu gehen und vor einem Riesenpublikum zu singen, ist etwas, das ich nur allzu gut kenne.

Ich habe es immer schon gebraucht, dieses Gefühl, über meinen eigenen Schatten zu springen und meinen Ängsten ein Schnippchen zu schlagen. Wenn ich als Kind im Freibad vom 10 Meter-Turm sprang, gab es diesen entscheidenden Moment vor dem Sprung: Ich trat einen Schritt von der Kante des Sprungbretts zurück, um nicht in die Tiefe blicken zu müssen – in der Gewissheit, dass das Becken darunter für Schwimmer gesperrt war – schaltete mein Hirn aus, machte einen Schritt nach vorne und sprang. Ich liebte das Gefühl des freien Falls und den Moment, da ich ins Wasser eintauchte und in die Tiefe sank, außer Atem von der Aufregung vor dem Sprung. Ich erinnere mich, wie ich mit dem letzten Rest von Luft in meiner Lunge so schnell wie möglich an die Oberfläche schwamm und das köstliche Gefühl, wenn die Luft wieder in meine Lungen strömte.

Zwar springe ich heute nicht mehr vom 10 Meter-Brett, aber die Suche nach Herausforderungen und Abenteuern hat mich meine Leben lang begleitet. So kam es, dass ich – trotz Höhenangst – mit einem Gummiseil um den Knöchel von einer 100 Meter hohen Brücke sprang (und mir danach schwor, es nie wieder zu tun), trotz meiner angeborenen Schüchternheit eine TEDx-Rede vor 200 Menschen hielt oder mehrmals als Sängerin auf einer Bühne stand.

Immer war da dieses Kribbeln im Bauch und weiche Knie. Immer auch ein Teufelchen, das mir zuflüsterte: Tu‘s einfach! Und jedes Mal danach das Gefühl der Erleichterung und des Stolzes. Nach jeder gemeisterten Herausforderung fühlte ich mich ein wenig stärker, mit jedem Schritt aus meiner Komfortzone wuchs meine Selbstsicherheit. Denn ich habe gelernt: Was ich mir vornehme, kann ich auch schaffen.