Eigenbrötler und Freigeist

80 Jahre wäre mein Papa heute alt – und würde wohl immer noch von Abenteuern in fernen Ländern träumen.

Mein Vater, der rastlose Eigenbrötler und Freigeist, der voll von großartigen Ideen war, sich bei der Verwirklichung aber oft selbst im Weg stand. Ein Vater, der zwar hin und wieder zuhause, aber geistig nie wirklich anwesend war und der sich die Geburtstage seiner Kinder nicht merken konnte. Eine meiner frühesten Erinnerungen an ihn ist, wie ich auf seinem Schoß sitze und er mich „Sasn“ nennt – es war seine Art, mir Zuneigung zu zeigen. Manchmal betrachte ich ein Foto von ihm und mir, er sitzt Zeitung lesend in einem Liegestuhl, ich kauere daneben auf dem Boden und grinse in die Kamera, und ich weiß, dass dieses Bild seine Beziehung zu uns Kindern ziemlich genau auf den Punkt trifft. Ich muss damals um die drei Jahre alt gewesen sein.
papa1Ein Jahr später reichte meine Mutter die Scheidung ein und ich sah meinen Papa nur noch sporadisch wieder. Umso mehr genoss ich die seltenen Wochenenden mit ihm, seine Schrullen und unorthodoxen Späße. Als ich erwachsen wurde, konfrontierte ich ihn mit der Tatsache, dass er nie für uns da gewesen war, überhäufte ihn mit Vorwürfen. Und machte die Erfahrung, dass er sich mir gegenüber öffnete und meinen vielen Fragen standhielt. Ich begann zu begreifen, was er in seiner Kindheit durchgemacht hatte: Mitten im 2. Weltkrieg geboren, die Mutter kurz nach der Geburt verstorben, vom Vater abgelehnt, nur knapp eine Bombardierung Wiens überlebt. Ich liebte es, mit ihm alte Fotos anzusehen, auf denen er lässig vor einem Motorrad posiert und bis heute habe ich eine Schwäche für Lederjacken – und für Männer mit Brillen.
Ich söhnte mich mit meinem Vater aus, besuchte ihn regelmäßig in Linz und hin und wieder kam er nach Wien. Dann holte ich ihn vom Westbahnhof ab, wir tranken einen Kaffee im Westend und spazierten die Mariahilfer Straße hinunter. Er erzählte mir von seinen Jobs im Ausland, er hatte in Argentinien, Algerien und der Schweiz gearbeitet.
Ich bin froh über unsere Annäherung, denn er starb plötzlich und viel zu früh, mit 60 Jahren. Kurz davor war eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter gewesen, er hatte wieder einmal die Geburtstage von mir und meiner Schwester verwechselt. Als Strafe beschloss ich, ihn zappeln zu lassen und nicht gleich zurück zu rufen. Zwei Tage später erfuhr ich, dass er in seiner kleinen Linzer Wohnung einem Herzinfarkt erlegen war.
Als ich wenig später die Wohnung betrat, zog es mir das Herz zusammen: da lag seine Brille am Couchtisch, daneben ein Aschenbecher und eine Tasse Kaffee – als wäre er eben aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen…
Manchmal wünsche ich mir, er könnte mich heute sehen und bin sicher, er wäre stolz auf mich. Er war immer der Meinung, ich solle schreiben, lange bevor ich mir selbst das zutraute. Viel später erfuhr ich von seiner zweiten Frau, dass er zwei Leidenschaften gehabt hatte: schreiben und singen – genau wie ich. Wenn ich daran denke, stelle ich mir vor, wie er mir von da oben zuzwinkert und einen Witz darüber reißt.

Liebeserklärung

„Mama, du solltest mal ein paar Tage Urlaub machen, OHNE Laptop!“ meinte meine Tochter neulich, als ich mich darüber beklagte, dass gerade alles ein bisschen viel sei. Und mein großer, vernünftiger Sohn empfahl mir, einen Zeitplan für die Arbeit an meinem  Buch zu machen.

Kinder zu haben war definitiv die beste Entscheidung meines Lebens – auch wenn das Mutterdasein mich immer wieder vor Herausforderungen stellt und mich bisweilen an meine Grenzen bringt. Nichts und niemand konnte mich darauf vorbereiten, was mich als Mutter erwarten würde. Rund um die Uhr für einen kleinen Menschen da zu sein, war für einen freiheitsliebenden Menschen wie mich die größte Herausforderung überhaupt und es dauerte eine Weile, bis ich mich mit meiner neuen Rolle angefreundet hatte. Heute, siebzehn Jahre später, kann ich sagen, dass ich ohne meine Kinder nicht da wäre, wo ich jetzt bin – privat und beruflich. Durch sie bin ich über mich hinausgewachsen und gereift, mit ihnen hatte ich die besten, aber auch die schwierigsten Momente meines Lebens. Wenn ich mich über meine elfjährige pubertierende Tochter ärgere, hilft es, mir vor Augen zu halten, dass sie mein Verhalten spiegelt: ihre Launen, die Ungeduld und Sturheit – all das sind Eigenschaften, die ich auch von mir kenne. Wenn ich meinen Großen ansehe, schlaksig und unnahbar, sehe ich den Teenager, der ich einst war.

Dass diese Aufgabe nicht nur Honiglecken ist, kann wohl jede Mutter bestätigen. Daher kann ich auch ansatzweise nachvollziehen, was in Frauen vorgeht, die ihre Mutterschaft bereuen. Die israelische Soziologin Orna Donath sprach für eine Studie mit 23 Frauen, die auf die Frage „Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten, mit all dem Wissen und der Erfahrung von heute, würden Sie dann noch einmal Mutter werden?“ mit Nein antworteten. Wenn ich heute auf dem selben Bewusstseins- und Entwicklungsstand wie bei der Geburt meines ersten Kindes wäre, würde ich meine Mutterschaft vielleicht auch bereuen. Ich kenne die Gefühle der Überforderung, der Verzweiflung und die Momente, wo man alles hinschmeißen möchte, um nur ein paar Stunden Ruhe zu haben. Die Zeiten, in denen die Verantwortung mich beinahe erdrückte. Doch zum Glück habe ich die Herausforderung angenommen, mich auf meine Kinder eingelassen und durch sie vieles gelernt, das mir als Nicht-Mutter versagt geblieben wäre. Ich habe gelernt, Prioritäten zu setzen und mich in Geduld zu üben; mein eigenes Leben zu leben und trotzdem für sie da zu sein.

Und ich lerne immer noch: meine Kinder als eigenständige Menschen zu respektieren, sie so sein zu lassen wie sie sind, mit all ihren Eigenheiten. Sie auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben zu begleiten und gleichzeitig loszulassen – wohl eine der schwierigsten Übungen. Doch das Schönste am Muttersein ist wahrscheinlich das: meine Kinder halten mir nicht nur eigene Schwächen vor Augen, sondern wecken auch ungeahnte Talente in mir. Durch die Extravertiertheit meiner Tochter, die Schauspielerin werden möchte, wurde mir bewusst, dass auch ich diese Seite in mir trage. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass ich den Mut fasste, mich zum ersten Mal auf eine Bühne zu stellen und einen Vortrag zu halten. Mein Leben lang hatte ich geglaubt, ich sei zu schüchtern, um vor Menschen zu sprechen, bin in dem Glauben aufgewachsen, Zurückhaltung und Bescheidenheit seien erstrebenswerte Tugenden. Bis mir meine Tochter mit ihrer überschäumenden Lebenslust zeigte, dass es auch anders geht.

Dass es der größte Wunsch von Kindern ist, mit beiden Elternteilen zusammenzuleben, musste ich schmerzlich erfahren, als ich mich vom Vater meines Sohnes trennte – es dauerte lange, bis mein Sohn die neue Situation akzeptierte. Das spüre ich auch heute bei meiner Tochter, wenn sie ihren Papa und mich zu sich heranzieht und den „Hot Dog“ einfordert. Dann quetscht sie sich zwischen uns beide und mimt das „Würstchen“. Und berührt mich dabei jedes Mal ganz tief in meinem Herzen.

Natürlich, wie könnte es anders sein, halte ich meine Kinder für die großartigsten Menschen der Welt! Sie sind klug, witzig, kreativ und auf ihre Weise etwas ganz Besonderes. Und ich bin unendlich dankbar für die Bereicherung, die sie in mein Leben bringen.

 

Besser geht’s nicht

Neulich, als ich mit meiner Familie einen Badenachmittag verbrachte, machte sich eine wohlige Zufriedenheit in mir breit. Ich beobachtete meine Tochter dabei, wie sie selbstvergessen im See planschte und spürte mit aller Deutlichkeit, dass es das ist, was mein Leben lebenswert macht. Gleichzeitig dachte ich an den Artikel, den ich am Vormittag abgeliefert hatte und mir wurde klar, dass das Eine ohne das Andere nur halb so viel wert wäre. Ich spürte große Dankbarkeit dafür, dass es mir gelungen ist, zwei Leben zu vereinbaren – als Mutter und als erfolgreiche Journalistin. Es wird ja viel geschrieben und diskutiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und immer öfter fällt die Behauptung, dass sie nicht machbar sei. Ich behaupte das Gegenteil: Ja, sie ist machbar, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. In meinem Fall funktioniert es, weil ich einen Mann an meiner Seite habe, dem es genauso wichtig ist wie mir, seine Zeit auf Arbeit und Familie aufzuteilen. Es ist möglich, weil wir beide selbständig sind und unsere Arbeitszeit selbst einteilen können. Und es funktioniert vor allem deshalb, weil wir uns nicht nur Kinderbetreuung und Haushalt aufteilen, sondern auch das Familieneinkommen. Denn Halbe-Halbe sollte sich nicht darauf beschränken, den Mann an seine Pflichten im Haushalt zu erinnern, sondern vielmehr eine Chance für beide Elternteile bedeuten, mehr Verantwortung zu übernehmen: er für die Kinder, sie für das Geld.

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten, sondern kann auch funktionieren, wenn beide sich ihre Zeit so einteilen, dass genügend davon für die Famile und Freizeit bleibt. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Arbeitswelt sich endlich an veränderte Bedürfnisse von heutigen Eltern anpasst und es Männern leichter macht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder in Karenz zu gehen. Und für Frauen nicht nur schlecht bezahlte Teilzeitjobs bietet, sondern andere Möglichkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint dazu: “Es sollte für Eltern eine dreißig Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und Haushalt kümmern und gleichzeitig ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. In Wirklichkeit kann niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.”

Bis dahin scheint es ein weiter Weg zu sein. Und auch bei mir dauerte es lange, bis ich in meiner Partnerschaft Verantwortung für die gemeinsamen Finanzen übernahm. Ich hasste zwar das Gefühl, abhängig zu sein, war latent unzufrieden – nahm das aber lange Zeit in Kauf. Teils aus Bequemlichkeit, teils wegen mangelnder beruflicher Perspektiven. Und auch heute ist es nicht so, dass die Aufteilung zwischen meinem Mann und mir immer reibungsfrei abläuft. Denn es geht ja nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch um die Arbeit im Haushalt, um Freizeit, Sport, Freunde und die Zeit, die wir als Paar verbringen wollen. Und dann wären da noch die Auszeiten, die jeder von uns in regelmäßigen Abständen für sich einfordert. Da kann es schon passieren, dass die Frage, wer mit dem Einkaufen dran ist, in einen Machtkampf ausartet. Und in hitzige Diskussionen darüber, wer sich mehr im Haushalt einbringt. Manchmal helfen dann nur noch ausgefeilte Entspannungstechniken, oder aber die hilfreiche Gabe, Prioritäten zu setzen und großzügig über die Staubschicht im Wohnzimmer hinwegzusehen.

All die Strapazen und Differenzen sind jedoch vergessen, wenn ich mir des Privilegs bewusst werde, all das zu haben, was ich mir immer gewünscht habe: zwei wunderbare Kinder, einen Beruf, den ich liebe, ein erfülltes Leben. Besser geht’s nicht.

Sehnsucht nach der Ferne

¨Gegen die Einsamkeit scheint es kein anderes Mittel zu geben als das Alleinsein¨, schreibt John Steinbeck in seinem Buch „Die Reise mit Charley“.

Diese Worte des großen amerikanischen Schriftstellers gehen mir durch den Kopf, während ich an einem wunderschönen Karibikstrand meinen Kaffee trinke und aufs Meer hinausblicke. Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt und mir nach einer Fairtrade-Pressereise in Honduras einen langjährigen Traum erfüllt: einmal die Karibik zu sehen. Während meine Kollegen bereits die Heimreise angetreten haben, bin ich weiter auf die Insel Roatán gereist, um hier noch einige Tage auszuspannen. Alleine im Paradies – ja, es fühlt sich gut an. Ich blicke auf das türkisfarbene Wasser, hänge meinen Gedanken nach und komme zu dem Schluss: ich brauche diese regelmäßigen Auszeiten wie andere die tägliche Zigarette. Wenn ich alleine bin, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und in mich hinein zu spüren. Und so suche ich immer wieder die Einsamkeit und genieße  das Alleinsein – am liebsten unterwegs.

Es ist jedes mal dieselbe Routine: nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fort zu kommen. Daran ändert nichts, dass ich alles an meinem Leben liebe: meine Familie, meine Arbeit, mein Zuhause. „Wenn das Virus der Rastlosigkeit von einem unsteten Menschen Besitz ergreift und die Straße, die in die Ferne führt, ihm breit und gerade und lockend erscheint, dann muss das Opfer zuerst in sich selbst einen guten und zureichenden Grund zum Aufbruch finden. Für den erfahrenen Tramp ist das kein Problem.“ So schreibt John Steinbeck weiter in seinem Reisebericht und ich erkenne mich in seinen Worten wieder. Ich liebe es, unterwegs zu sein und fremde Länder kennen zu lernen, oder auch nur ein paar Tage meinem Alltag zu entfliehen. Und doch spüre ich jedesmal die widerstreitenden Gefühle in mir: hier meine Kinder, meine Familie – dort das lockende Abenteuer. Je näher die Abreise rückt, desto größer wird die Vorfreude – manchmal gesellt sich auch Nervosität dazu. Letztendlich überwiegt jedoch immer die Abenteuerlust, und die unbändige Freude am Reisen.

Bei meinen Reiseentscheidungen hilft mir die Gewissheit, einen Mann zu haben, der hinter mir steht und für unsere Kinder da ist – und dafür bin ich unendlich dankbar. Denn Reisen bedeutet mir alles. Auf Reisen fühle ich mich frei, ich komme auf neue Gedanken und lasse die alten hinter mir. Ich liebe es, in fremde Kulturen einzutauchen und über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen. Natürlich genieße ich es auch, mit meiner Familie unterwegs zu sein, doch die größten Abenteuer ergeben sich meist durch meinen Beruf. Und so sitze ich hier, an diesem traumhaften Karibikstrand und bin dankbar: für den perfekten Moment, für all das Schöne in meinem Leben. Das allerschönste am Reisen ist jedoch das Heimkommen. Auf der Heimreise steigt die Vorfreude auf meine Lieben. Und wenn ich meinen Mann und meine Kinder in die Arme schließe, weiß ich: hier gehöre ich hin.

Nichts tun

Ich sitze auf einer saftig grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen, und genieße die Stille, die nur von zwitschernden Vögeln unterbrochen wird. Der Augenblick ist so schön, dass ich versucht bin, mein Handy zu zücken und die Welt an meinem Glück teilhaben zu lassen. Doch ein Gedanke hält mich davon ab: Habe ich es tatsächlich verlernt, das Hier und Jetzt zu genießen, nur für mich alleine, wie es mir immer so wichtig war? Schaffe ich es überhaupt noch, einige Minuten lang einfach NICHTS zu tun, ohne mich dabei abzulenken?

Denn es ist ja so: likes auf facebook zu sammeln, hat einen gewissen Suchtfaktor. Einen Beitrag zu posten und dann zu sehen, wie vielen Menschen das gefällt, erzeugt regelmäßig ein Kribbeln in mir. Andererseits spüre ich jedoch, dass es mir immer wichtiger wird, Zeit für mich zu haben und Stille um mich herum zu spüren. Oder dass es mehr Spaß macht, in der U-Bahn Menschen zu beobachten und dabei meine Gedanken schweifen zu lassen, als mein Smartphone zu konsultieren.

Das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen, auch im Beruf, ist einer der seltsamsten Auswüchse unserer Zeit. „Stress entsteht im Kopf“, sagt die deutsche Psychologin Diana Drexler. Stress machen wir uns immer selbst, und die ständige Erreichbarkeit ist einer der größten Stressfaktoren geworden. Doch es liegt an uns, das zu ändern: wir können selbst entscheiden, ob wir jedes Mail sofort beantworten oder ob wir mit unserem Smartphone ständig online sein müssen. Laut Arbeitszeitgesetz kann zu ständiger Bereitschaft, etwa im Urlaub oder in der Freizeit, niemand gezwungen werden.

Ich jedenfalls übe mich darin, mein eigenes Tempo zu finden und Ruhe zu bewahren – was gerade als Selbständige und Mutter zweier Kinder nicht immer einfach ist. Zum Beispiel dann, wenn ich das Bedürfnis verspüre, hundert Dinge gleichzeitig zu erledigen. Oder wenn mein Perfektionsanspruch überhand nimmt – dann neige ich dazu, nicht nur mich selbst unter Druck zu setzen, sondern auch die Menschen um mich herum, die vielleicht gerade ein ganz anderes Tempo als ich an den Tag legen. Wenn dann noch meine pubertierende Tochter ihre Launen an mir auslässt, während ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, macht das die Sache nicht gerade einfacher. Gerade dann brauche ich Pausen, in denen ich – in jeder Hinsicht – abschalten kann.

Ich sitze also in der grünen Wiese und beobachte eine Familie, die an mir vorbei wandert und ihren Hund, der mit wehenden Ohren durchs hohe Gras springt. Und lasse das Handy in der Tasche. Die Geschichte des Mannes fällt mir ein, der auf einer Reise gefragt wurde, warum er keine Fotos mache. Seine Antwort lautete: „Ich sehe es mir lieber gleich hier an.“

Die Leichtigkeit des Seins

Ich stehe auf der Brücke, mit einem Gummiband um meinen Knöchel, und blicke in den Abgrund. Tief unter mir glänzt ein schmaler Fluß in der Sonne. Das war es dann wohl, schießt es mir durch den Kopf. Hier stehe ich nun, auf einer Brücke irgendwo in Südamerika und muss mir etwas beweisen. Oder vielleicht auch dem Mann hinter mir, den ich gerade mal seit einer Woche kenne. Wie bin ich nur auf die absurde Idee gekommen, Bungee Jumping zu machen? Ich, die ich unter Höhenangst leide und weiche Knie bekomme, wenn ich mich mehr als zehn Meter über dem sicheren Boden befinde? Kurz überlege ich, einen Rückzieher zu machen, doch das verbietet mir mein Stolz. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und springe kopfüber in die Tiefe.

Diese Szene trug sich vor gut 20 Jahren auf einer Brücke nahe Quito, Ecuador zu und war bezeichnend für mein Leben: Immer wieder tat ich Dinge wider mein besseres Wissen, ließ mich auf Männer ein, die mir nicht gut taten und fügte mir selbst Schaden zu. Der Moment auf der Brücke war jedoch ein Wendepunkt in meinem Leben: zwar sprang ich tatsächlich, und überstand den Sprung relativ unbeschadet, doch werde ich nie den Moment des Absprungs vergessen – die panische Angst, die mich durchfuhr. Und den Gedanken, als ich kopfüber in der Luft baumelte und darauf wartete, wieder hochgezogen zu werden: Was mache ich hier eigentlich? Danach wusste ich, dass dies eine der letzten unvernünftigen, oder zumindest selbstzerstörerischen Handlungen in meinem Leben sein sollte. Nun ja, eine Weile dauerte es noch, bis es wirklich so weit war.

Heute, 20 Jahre später, frage ich mich: wie kommt es, dass ich so verdammt vernünftig und ernsthaft geworden bin? Manchmal sehne ich mich nach den Zeiten zurück, in denen ich mich, ohne lange nachzudenken, in Situationen begab, über dich ich heute nur den Kopf schütteln kann. Natürlich könnte diese neue Ernsthaftigkeit mit meinem fortgeschrittenen Alter zusammenhängen. Oder damit, dass ich nun schon seit geraumer Zeit Verantwortung für zwei junge Menschen trage. Vielleicht auch damit, dass ich gelernt habe, besser auf mich zu achten und hin zu spüren, was mir gut tut und was nicht. Aber muss das bedeuten, dass ich keinen Spaß mehr habe? Vor einiger Zeit sagte mir jemand, den ich erst kurz zuvor kennen gelernt hatte: „Du wirkst so seriös.“ Ich zerbrach mir den Kopf darüber, ob das nun ein Kompliment war oder doch eher das Gegenteil. Seriös? Ist das nicht gleichbedeutend mit langweilig? Dieser achtlos dahin gesagte Satz setzte mir zu. Und stimmte mich nachdenklich. Ich fragte mich, wo die Leichtigkeit in meinem Leben geblieben ist, diese Momente, in denen man selbstvergessen und unbefangen durchs Leben steuert, sich sinnlos betrinkt oder sonstige unvernünftige Dinge tut.

Und auch jetzt hat sie mich wieder erwischt – diese Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit; die Mühlen des Alltags haben mich fest im Griff. Doch wenn ich darüber nachdenke, fallen mir einige leichtfüßige Momente ein, die noch nicht so lange her sind: eine Fahrradtour alleine durch Manhattan, die Hochzeit von lieben Freunden, bei der wir die Nacht durchtanzten, ein Lachanfall, ausgelöst durch die Faxen meiner Tochter. Vielleicht ist das ja auch eine Begleiterscheinung des Alterns: diese schwankenden Stimmungen und das immer wieder kehrende Gefühl, etwas zu verpassen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, regelmäßig aus dem Alltag auszubrechen und Dinge zu tun, die Spaß machen – und das Leben insgesamt ein bisschen leichter zu nehmen. Muss ja nicht gleich der Sprung von einer Brücke sein.

New York – Stadt der Widersprüche

 „I like your scarf“ sagt ein Mann zu mir, der im Café am Nebentisch sitzt – und unterhält sich gleich darauf mit seinen Freunden weiter. Das ist typisch für diese Stadt – die Menschen sind aufgeschlossen und freundlich und sparen nicht mit Komplimenten. Auch meine Gastgeberin Carola passt gut hierher: sie ist gebürtige Hannoverin, die irgendwann beschlossen hat, in New York zu bleiben. Obwohl sie eigentlich nur jemanden bräuchte, der sich um ihren Kater kümmert, während sie übers Wochenende weg ist, bietet sie mir an, auch die zwei darauffolgenden Nächte bei ihr zu wohnen. Sie lebt in Harlem, das lange Zeit als gefährliches Pflaster galt. Doch heute ist es hier, wie fast überall in New York, sicher und ich fühle mich sofort wohl in der „Neighbourhood“.

Dass die New Yorker großen Wert auf ihre Regeln legen, wird mir erst jetzt, nach mehreren Besuchen der Stadt bewusst. Besonders auf meiner Fahrradtour entlang des Hudson Rivers: IMG_8464„Go slow, respect others“, „Tidy up behind your dog“ „No smoking within the park“ – alle paar Meter ein anderes Schild.

Im Central Park lasse ich mich mit meinem Fahrrad langsam einen Fußweg hinunterrollen – und werde sofort von einem älteren Mann darauf hingewiesen, dass das nicht erlaubt sei, alles andere als freundlich. Radfahren kann man hier eigentlich nur auf der Hauptstraße, die einmal rund um den Park führt, und das – aufgepasst – nur gegen den Uhrzeigersinn! („Cyclists must always travel counter-clockwise around the Park“) Das passt so gar nicht zu dem Bild, das ich bisher von dieser Stadt hatte: Fußgänger, die bei Rot über die Kreuzung gehen und Autofahrer, die sich hupend einen Weg kreuz und quer durch das Verkehrschaos bahnen. IMG_8480

Wie um zu beweisen , dass es auch anders geht, begegnen mir gleich darauf ein paar Skater, die sich trotzig den Broadway erobern – und ungerührt das wütende Hupen der Autos über sich ergehen lassen.

Da ich diesmal mit Argusaugen durch die Stadt gehe, fallen mir noch ein paar andere Dinge auf: die vielen Citibike-Stationen in Downtown Manhattan und Radwege auf den großen Avenues. Ein Teil des Times Squares wurde zur Fußgängerzone umfunktioniert, und auch auf Mülltrennung wird jetzt Wert gelegt. Auf der anderen Seite gibt es immer noch viel zu viel Plastik – in Form von Verpackungen, Einkaufssackerl und Take away-Food und -Drinks. Überall sind Menschen mit Kunststoffbechern in der Hand zu sehen.

Tatsache ist jedoch, dass die Zahl der Grünflächen in der Stadt wächst. Der ambitionierte Umweltplan plaNYC des ehemaligen Bürgermeisters Michael Bloomberg sieht unter anderem vor, dass jeder New Yorker in zehn Minuten Fußweg einen Park erreichen soll, 865.000 Bäume wurden in den letzten Jahren gepflanzt. IMG_8454

Die High Line ist eines dieser ehrgeizigen Projekte: eine stillgelegte Hochbahntrasse, die zu einem Park umfunktioniert wurde und sich über eine Strecke von 2,5 km durch die Stadt schlängelt. Hier lässt es sich gut Verschnaufen vom Trubel der Stadt.

Vom Älter werden

Je älter ich werde, desto mehr finde ich zu mir – und das fühlt sich gut an. Denn das war nicht immer so: früher konnte ich mich selbst nicht leiden, trieb ziellos durchs Leben, war egoistisch und verantwortungslos und wechselte Jobs ebenso häufig wie die Männer. Bis ich Mutter wurde und mein Leben sich schlagartig änderte. Nun war ich für einen kleinen Menschen verantwortlich und konnte nicht mehr davonlaufen – eine Tatsache, die ich anfangs durchaus gewöhnungsbedürftig fand! Es dauerte eine Weile, bis ich mich mit meiner neuen Rolle anfreundete und sich meine Prioritäten änderten. Weitere Jahre sollten vergehen, bis ich – nun Mutter zweier Kinder – endlich meine Berufung fand: das Schreiben. Oder anders gesagt: es dauerte, bis ich mir zutraute, mich dieser meiner Leidenschaft mit Haut und Haaren zu widmen.

Nun befinde ich mich in der Mitte meines Lebens – man könnte auch sagen, in den besten Jahren! Und bin glücklich wie nie zuvor. Ich sitze in einem Flieger nach New York, einer meiner Lieblingsstädte, um Berufliches mit Privatem zu verbinden: Ich werde über den Umweltplan der Stadt berichten und anschießend meine Schwester auf Long Island besuchen. Und in diesem Moment wird es mir wieder bewusst: je älter ich werde, umso besser wird mein Leben! Ich habe zwei wundervolle Kinder, einen Mann an meiner Seite, der seit nunmehr 11 Jahren zu mir steht, mit allen Höhen und Tiefen, und ich liebe meine Arbeit. Und das Wichtigste: ich habe gelernt, mich selbst zu lieben, mir zu vertrauen und auf meine innere Stimme zu hören. Was auch bedeutet, hin zu spüren, was mir gut tut und meinen eigenen Rhythmus zu finden. Als selbständige Journalistin ist das nicht immer leicht – mal ist mehr zu tun, mal weniger. Oft habe ich so viel Arbeit, dass ich kaum zum Verschnaufen komme und in solchen Zeiten fällt es mir schwer, zur Ruhe zu finden. Doch auch das gelingt mir immer besser: sobald ich merke, dass ich mich zu sehr anspanne, lege ich eine Pause ein, gehe eine Runde laufen oder lege meine Lieblingsmusik auf, um zu tanzen. Wenn ich merke, dass ich einen ganzen Tag Pause brauche, gönne ich mir auch den – in der Gewissheit, am nächsten Tag mit neuen Energien weiter arbeiten zu können. Denn das ist ja das Schöne an der Selbständigkeit und am Arbeiten von zuhause aus: ich kann mir meine Arbeit selbst einteilen und habe alle Freiheiten! Und die Freiheit, über mein Leben und meine Zeit selbst bestimmen zu können, ist mir das Allerwichtigste: Zeit für meine Kinder zu haben, für meinen Mann und nicht zuletzt für mich selbst.

Je bewusster ich lebe, desto mehr kann ich mich an Kleinigkeiten freuen: über eine Möwe, die mich ein Stück entlang meiner Laufstrecke an der Donau begleitet. Über ein paar Sonnenstrahlen an einem sonst wolkigen Tag. Wenn mein Sohn, der nun erwachsen wird, uns ein paar Minuten seiner Zeit schenkt. Oder der Moment, wenn meine Tochter sich vor dem Einschlafen an mich kuschelt und ihre Finger mit meinen verschränkt. Das sind Augenblicke, die so kostbar sind, dass ich sie in einem reich verzierten Schatzkästchen aufbewahren möchte – und solche Momente bewusst wahrzunehmen, tragen zum großen Glück in meinem Leben bei.

Es gibt natürlich auch die nicht so schönen Momente: Streitereien, Unpässlichkeiten, Tage an denen ich mich hilflos fühle angesichts der Schreckensmeldungen aus aller Welt. Doch auch solche Phasen gefühlter Unzulänglichkeit werden weniger. Zurück bleibt eine positive Grundstimmung und die Gewissheit, dass ich mein Leben selbst gestalten kann.

 

Nachhaltig leben

Da es nun nicht mehr lange dauert, bis mein Ratgeber „Nachhaltig Leben“ vom VKI veröffentlicht wird (am 24. Oktober ist es so weit!), habe ich mir ein paar Gedanken zum Thema gemacht.

Was genau bedeutet „nachhaltiges Leben“ im Alltag? Reicht es, bewusst und kritisch zu konsumieren und Bio- oder Fairtrade-Produkte zu kaufen? Können wir etwas zu einer besseren Welt beitragen, indem wir weniger Auto fahren oder ökologische Putzmittel verwenden? Ja, ich glaube an die Macht des Einzelnen, glaube daran, dass wir etwas bewirken können, wenn wir an einem Strang ziehen. Je mehr Konsumenten ausbeuterische Konzerne boykottieren, desto eher werden diese gezwungen, sich für gerechte Arbeitsbedingungen und nachhaltig erzeugte Produkte einzusetzen. Doch mit Boykott meine ich nicht nur, bestimmte Produkte nicht zu kaufen, sondern gleichzeitig bei Unternehmen zu protestieren – in Form von E-Mails, Einträgen auf Social Media- Plattformen oder lästigen Fragen bei Geschäftsführern. Und vor allem auf Dinge zu verzichten, die wir nicht unbedingt brauchen.

Aber auch das alleine wird nicht reichen. Ebenso braucht es politisches Engagement, da letztendlich unsere Politiker über die Gesetze entscheiden, die uns alle betreffen. Immer mehr Menschen protestieren bei den jährlichen G8-Gipfeln gegen die Auswirkungen der Globalisierung oder versammeln sich beim Weltsozialforum, um neue Lösungen für eine gerechte Welt zu finden. Wir müssen aber gar nicht demonstrieren gehen, um etwas zu verändern – Mails an unsere Abgeordneten oder die Teilnahme an Petitionen wären auch schon ein Anfang.

Doch letztendlich beginnt alles bei uns selbst und im Mikrokosmos unseres täglichen Miteinanders. Es hat keinen Sinn, gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern zu protestieren und gleichzeitig die Augen vor Ungerechtigkeit oder Umweltverschmutzung im eigenen Land zu verschließen. Zivilcourage beginnt vor der eigenen Haustür!Solange wir selbst nicht bereit sind, etwas zu ändern, können wir das auch nicht von Anderen erwarten.

Zu guter Letzt dürfen wir auch nicht Europas Vorbildfunktion für den Rest der Welt unterschätzen: noch eifern Schwellenländer wie China oder Indien der westlichen Industrialisierung nach und nehmen dabei Umweltverschmutzung und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Kauf. Wenn Europa in Sachen Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit mit gutem Beispiel vorangeht, könnte das langfristig Auswirkungen auf andere Länder haben.

Der weibliche Hang zum Perfektionismus

In einer Umfrage des Frauenministeriums gaben zwei Drittel der befragten Frauen an, täglich weniger als eine Stunde Zeit für sich selbst und ihr Wohlbefinden zu haben. Bei Männern machte nur jeder Zweite diese Angabe. Die Frauenministerin schließt daraus: „Vieles, das Frauen selbstverständlich für Familie und Haushalt tun, geschieht auf Kosten ihrer eigenen Freizeit“ und appelliert an die Männer, ihre Frauen mehr zu unterstützen.

Genauso wichtig wäre es jedoch, an die Frauen zu appellieren, sich selbst und ihre Bedürfnisse wichtiger zu nehmen und mehr Zeit für sich einzufordern. Denn Frauen neigen dazu, es allen außer sich selbst recht machen zu wollen, was dazu führt, dass sie sich permanent überfordern. Sie glauben, in allem perfekt sein zu müssen: im Job, bei der Kindererziehung, im Haushalt. Aber mal ehrlich: ist es wirklich notwendig, den Kindern am Abend ein warmes Essen zu zu bereiten, wenn sie bereits mittags in Kindergarten oder Schule verköstigt wurden? Muss die Küche zu jeder Tageszeit aussehen wie dem Ikea-Katalog entsprungen? Und kann die schmutzige Wäsche nicht auch noch bis morgen oder vielleicht sogar bis zum Wochenende warten? Frauen machen sich selbst das Leben oft schwerer als es sein müsste; immer mehr leiden an typisch weiblichen Symptomen wie Migräne oder PMS, zwei Drittel der von Depressionen Betroffenen sind Frauen. Denn natürlich wollen sie nicht nur im Job und zuhause funktionieren, sondern sie stellen auch noch den Anspruch an sich selbst, jederzeit freundlich und nett zu sein, und gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen. Wo bleibt da die Zeit für Entspannung und Muße?

Natürlich könnten ihre Frauen ruhig noch mehr unterstützen. Doch besteht dabei die Gefahr, dass diese Hilfe gar nicht ankommt – weil viele Frauen ihre ganz eigenen Vorstellungen davon haben, wie die Wohnung geputzt, die Wäsche gebügelt oder die Kinder erzogen werden müssen. Und solange Frauen ihrer Umwelt vermitteln, dass sie stark genug sind und keine Hilfe benötigen, werden sie wohl auch keine bekommen.

 

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