Die Entdeckung der Langsamkeit

Ich sitze im Zug Richtung New Orleans, seit Stunden begleitet von sattem Grün auf roter Erde, durchzogen von sumpfigem Boden. Die Sonne bricht immer wieder durch die dichten Bäume, und endlich kann ich es fühlen: Ich bin angekommen auf dieser Reise.

(c) Susanne Wolf

Hinter mir liegt ein kurzer Aufenthalt in Brooklyn, New York und eine 23 stündige Bahnfahrt in den Süden, gefolgt von einem Treffen mit meiner ehemaligen Gastfamilie in Alabama. Tagelang fragte ich mich, wo die Entspannung bleibt, war zu sehr damit beschäftigt, dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen und meine weitere Route zu planen. Und ich traf so viele unterschiedliche Menschen: Hillary, die New Yorker Poetin und Lehrerin; Russ, unermüdlicher Kritiker seines Landes; Bill, mein Sitznachbar im Zug, der mir ein von Zahnlücken durchsetztes Lächeln schenkt und mir von seinen Enkeln erzählt; Nancy und ihr Mann Jay, die sich in Alabama ein stattliches Heim geschaffen haben und es selbstverständlich finden, Waffen zu besitzen – „gut verschlossen“, wie sie betonen.

Das Bahnfahren entschleunigt mich wie immer, und dennoch vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Die Sitze sind komfortabel mit viel Beinfreiheit und es macht Spaß, das Zugpersonal bei ihrer Arbeit zu beobachten. Einem Zugbegbleiter beantworte ich die Frage, woher ich komme, mit einem routinierten „Austria, Europe“, in dem Wissen, dass viele Amerikaner Austria mit Australia verwechseln. In schönem Deutsch erzählt er mir daraufhin, dass er vor langer Zeit in Berlin gelebt habe.

(c) Susanne Wolf

Und endlich New Orleans, eine Stadt, die so ganz anders ist als die amerikanischen Städte, die ich kenne. Zak, der Chef meines Guesthouse erklärt mir, weshalb es erst ab 9 Uhr Frühstück gibt: „We take it easy.“ Es mag an den Temperaturen liegen, dass hier alles ein bisschen langsamer abläuft – es ist bereits jetzt im April sommerlich schwül und ich frage mich, wie heiß es wohl im Hochsommer wird. Wegen meiner chaotischen Planung bin ich auf der Suche nach einer Unterkunft für eine Nacht, bevor es weiter Richtung New Mexico geht. Das Wochenende naht und die ganze Stadt scheint ausgebucht zu sein. Also bietet Zak mir ein winziges Zimmer in seinem Guesthouse an und ich lerne die kreolische Hilfsbereitschaft kennen: „This is a little lagniappe from our side“ – eine kleine Aufmerksamkeit, ich muss nichts für diese eine Nacht bezahlen.

Ich verliebe mich sofort in die Stadt: Die Farbenpracht, die Gelassenheit der Menschen, das Lüftchen, das vom Mississippi River herüberweht. An jeder Ecke ist Musik zu hören – von Jazz-Bands in Lokalen bis zu jungen Leuten, die in der Wiese auf ihren Geigen und Banjos üben. Menschen sitzen auf ihren Veranden und rufen mir ein freundliches „Hello“ zu oder haben die Türen zu ihren Häuschen geöffnet. Ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht leicht fallen wird, weiter zu ziehen – doch die Weiterreise nach Albuquerque, New Mexico, ist bereits gebucht.

Aufbruchstimmung

Soll ich oder soll ich nicht? Oder vielmehr: Darf ich das? Seit Jahren träume ich davon, mich alleine auf den Weg zu machen, meinen Alltag für einige Wochen hinter mir zu lassen. Die letzten Jahre waren eine einzige Herausforderung: Mein Leben als Selbständige, die Tochter in der Pubertät, der Sohn auf dem Sprung ins Erwachsensein – und ein Mann, der sich vor einigen Jahren ebenfalls selbständig gemacht hat. Das bedeutete einen ständigen Balanceakt am Rande der Erschöpfung, ein hormonelles Auf und Ab – begleitet von der Frage: Geht da noch was?

Der Wunsch, den Alltagspflichten zumindest für einige Zeit zu entkommen, wurde mitunter beinahe übermächtig. Doch immer wieder tauchte die Frage auf: Darf ich das, meinen Mann alleine lassen mit einer Tochter, deren Stimmungen im Stundentakt schwanken? Darf ich mich auf den Weg machen, wenn das Geld ständig knapp ist? Ich beschloss, all diese Fragen mit einem deutlichen JA zu beantworten: Mein 50. Geburtstag sollte der Anlass für eine längere Reise werden. Ich darf, weil ich mir selbst die Erlaubnis dazu gebe. Denn ich spüre es ganz deutlich, wie sehr ich diese Auszeit brauche, wie sehr ich mich danach sehne, alleine unterwegs zu sein. Wenn ich alleine reise, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und mich für neue Ideen zu öffnen. Ich beschloss, über meine Erfahrungen auf dieser Reise zu schreiben.

Reisen haben mich seit meiner Kindheit begleitet. Die Sehnsucht danach, unterwegs zu sein, in andere Kulturen einzutauchen und fremde Menschen kennen zu lernen, gehört zu mir wie eine Extraportion Abenteuerlust. Ich erinnere mich lebhaft an die erste große Reise mit meinen Eltern: Ich war elf, wir brachen spätabends auf, den Kofferraum randvoll bepackt. Im Gepäck hatte ich meine Bücher, unverzichtbar in allen Lebenslagen, neben mir am Rücksitz quetschten sich Onkel und Tante in den kleinen Wagen, um ihre Hochzeitsreise mit uns anzutreten. Wir fuhren die Nacht durch bis zur französischen Grenze und weiter bis nach Nordfrankreich. Die Details sind verschwommen – da waren Picknicks am Straßenrand, Nächte in billigen Hotelzimmern und die großartigen Landschaften der Bretagne und Normandie. Das Meer! Die Klippen! Ich saugte alles in mir auf und konnte nicht genug kriegen von diesem neuen Gefühl.

Die Reiselust ist zu meiner treuen Begleiterin geworden: Nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fort zu kommen. Berufliche Reisen haben mich nach Indien und Westafrika geführt, nach Marokko und Honduras. Und darüber zu schreiben, macht das Reisen erst perfekt. Diesmal zieht es mich in die USA: Meine Reise wird mich von New York, dieser Stadt meiner Träume, in den Süden der Vereinigten Staaten führen. In Alabama wartet meine Gastfamilie auf mich, die mir vor über 30 Jahren für ein Schuljahr ein Zuhause bot. Von dort geht es weiter über New Orleans bis nach Santa Fe, New Mexico – mit dem Zug. Denn beim Bahnfahren gelingt es mir am besten, abzuschalten und den Kopf frei zu kriegen.

Ich werde diese Reise auch unternehmen, um die USA, dieses Land der Widersprüche, neu zu entdecken. Nicht jeder hat Verständnis dafür, dass es mich gerade jetzt dorthin zieht, angesichts eines umstrittenen Präsidenten. Ich antworte darauf stets: „Was würde es ändern, wenn ich zuhause bliebe?“ Lieber möchte ich mir ein Bild von der Stimmung im Land machen und mit den Menschen sprechen. Das allerwichtigste wird jedoch sein, dass ich diese Reise für mich unternehme. Um bei mir selbst anzukommen.