Unsere tiefste Angst

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich viel darüber nachdenke, wie wir unsere Welt ein Stück besser machen können. Ich bin immer auf der Suche nach Lösungen für die wachsenden weltweiten Herausforderungen und habe zuletzt vermehrt zum Aktivismus aufgerufen. Doch mir ist auch bewusst, dass das nicht für jede/n passt.  Ich bin überzeugt, dass wir ebenso einen Beitrag leisten können, wenn wir bei uns selbst beginnen. Und damit meine ich nicht nur einen bewussten und nachhaltigen Lebensstil, sondern zuallererst die Wertschätzung für uns selbst.

Ich begegne immer wieder Menschen, die sich klein machen und nicht für Dinge eintreten, die ihnen wichtig sind – schon gar nicht für sich selbst. Zuerst kommt die Arbeit, die Kinder, der Druck zu funktionieren und nicht selten der Wunsch, es allen recht zu machen. Dabei wird übersehen, wie  lebensnotwendig die Balance zwischen beruflichen und familiären Verpflichtungen und dem eigenen Wohlbefinden ist. Als berufstätige Mutter zweier Kinder weiß ich um die Herausforderung, im Alltag bei sich selbst zu bleiben. Und doch habe ich im Lauf der Jahre gelernt, wie wichtig es ist, gut für mich selbst zu sorgen.

Auf meinem Weg dorthin öffnete mir vor vielen Jahren ein Vorfall die Augen:
Ich bin auf dem Weg nachhause von einem Einkauf, bepackt mit zwei schweren Taschen. Vor wenigen Tagen habe ich nach einer Operation das Krankenhaus verlassen. In meinem Haus bleibe ich am Fuße der Stufen stehen und denke an die Worte des Arztes: Nichts Schweres heben! Kurz überlege ich, was ich tun soll, es ist niemand da, der mir helfen könnte. „Scheiß drauf“, schießt es mir durch den Kopf, ich hebe die Einkaufstaschen wieder hoch und steige die Stufen hinauf, drei Stöcke hoch. Danach bin ich erschöpft und fühle mich unwohl; wenige Stunden später muss ich erneut ins Krankenhaus.
Als ich kurz darauf in einer Gesprächstherapie die Episode mit den schweren Einkaufstaschen beschreibe, gebe ich den Gedanken wieder, der mir damals durch den Kopf schoss. Die Antwort meiner Therapeutin lautet: „In Wahrheit haben Sie auf sich selbst geschissen.“ Es brauchte tatsächlich solch drastische Worte, um mir klar zu machen, was ich mir und meinem Körper jahrelang angetan hatte. Und in einem Genesungsprozess, der sich über Jahre erstreckte, lernte ich, meine ureigenen Bedürfnisse zu erkennen und mich selbst wichtig zu nehmen.

In dieser Zeit stieß ich auf einen Text der amerikanischen Autorin und spirituellen Lehrerin Marianne Williamson, der tief in mir etwas zum Klingen brachte und den ich bis heute immer wieder zur Hand nehme, wenn ich an mir zweifle:

Unsere tiefste Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere tiefste Angst ist, über die Maßen machtvoll zu sein.
Es ist unser Licht, das uns erschreckt, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich geistreich, großartig, talentiert, fantastisch sein soll?
Aber wer bist du, dies nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes!
Dich klein zu machen dient der Welt nicht.
Es liegt nichts Erleuchtetes darin, zu schrumpfen, damit andere Menschen sich in deiner Nähe nicht unsicher fühlen.
Wir sollen alle strahlen, wie Kinder es tun.
Wir wurden geboren, damit die Herrlichkeit Gottes manifestiert wird, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen, sie ist in jedem von uns.
Wenn wir unser eigenes Licht leuchten lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, das gleiche zu tun.
Wenn wir frei von Angst sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

„Indem wir unser eigenes Licht leuchten lassen“ – wie schön! Wir alle tragen ein solches Licht in uns, doch viele bleiben lieber im Dunklen. Stellt euch vor, wir alle ließen dieses Licht leuchten! Wir könnten in unsere Kraft kommen, unsere Stärken leben und andere damit anstecken. Dieses Leuchten würde alles überstrahlen.
Ja, ich glaube fest daran, dass wir die Welt verändern können, wenn wir bei uns selbst beginnen.

Eine Frage des Blickwinkels

Zum Jahreswechsel habe ich mir ein paar Gedanken gemacht: Mir ist bewusst geworden, dass manche meiner Blog-Beiträge und Postings den Eindruck erwecken, mein Leben sei sorglos und rundum perfekt. Nach Rückmeldungen zu schließen, halten mich manche meiner Leserinnen für die fehlerlose Mutter, liebende Partnerin, Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit, kurz: für einen Wunderwuzzi. Aber: Ich bin alles andere als perfekt! Ich bin ein impulsiver, ungeduldiger Mensch und wenn ich nervös oder unzufrieden mit mir bin (was öfters vorkommt als ihr denkt), kaue ich an meinen Nägeln. Mein Mann beschwert sich darüber, dass ich schnarche.

Dass Menschen, die mich nicht so gut kennen, ein einseitiges Bild von mir haben, mag daran liegen, dass ich dazu neige, mich auf die positiven Seiten des Lebens zu konzentrieren und auch in den schwersten Zeiten ein Licht am Horizont sehe. Das war nicht immer so, ich habe mir diese Sichtweise gewissermaßen antrainiert. Tatsächlich habe ich in meinem Leben eine Menge Fehler gemacht (ich könnte Bände damit füllen), doch irgendwann begonnen, mich damit auseinander zu setzen. Der Unterschied zu früher ist: Ich mache mir Fehler bewusst und versuche, daraus zu lernen (was natürlich nicht von einem Tag auf den anderen gelingt). Wenn ich Menschen, die mir nahe stehen, verletzt habe, spreche ich mit ihnen darüber – soferne sie das möchten. In den dunklen Kapiteln meines Lebens oder wenn ich nicht weiter wusste, habe ich mir Hilfe gesucht – das hat sich bis heute nicht geändert.

Die Gefahr bei Menschen wie mir, die mit Geschriebenem an die Öffentlichkeit gehen, ist, mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Aber natürlich steht es mir nicht zu, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Ich kann nur bei mir bleiben und im besten Fall andere inspirieren, ihren eigenen Weg zu gehen. Es ist mir allerdings ein Bedürfnis, meine Lebenserfahrung und mein Wissen weiter zu geben – und mich weiter zu entwickeln, Lösungen zu finden, das Beste aus meinem Leben zu machen. Das kann auch anstrengend sein, nämlich dann, wenn es in Selbstoptimierung ausartet. Selbst ich muss zugeben, dass das Leben nicht immer ein Ponyhof ist und Hindernisse hinter jeder Ecke lauern – vor allem wenn man, so wie ich, in der Lebensmitte steht. Es ändert sich gerade vieles. Beziehungen und Freundschaften werden auf die Probe gestellt, wenn ich, wie es in letzter Zeit öfters passiert, im Rückzugmodus bin. Das empfinden manche als egoistisch oder rücksichtslos, ist für mich aber lebenswichtig.

Es ist also alles eine Frage der Perspektive und jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wie er sein Leben gestaltet. In diesem Sinn wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein bereicherndes Jahr 2019!