Auf der Straße tanzen

Dieses Foto ist eine Erinnerung an meine erste Reise durch Südamerika. Es war in Ecuador, ich war Mitte 20 und auf der Suche nach Abenteuern. Die Fahrt auf dem Dach eines Zuges, der mich von Quito nach Baños brachte, war das erste Highlight dieser Reise, dem noch viele weitere folgen sollten. Ich erinnere mich, dass einer der Dachpassagiere während der Fahrt seinen Hut verlor, der Zug daraufhin nach lautem Geschrei stoppte und ein Stück rückwärts fuhr. Der Mann kletterte hinunter, klaubte seinen Hut auf und stieg wieder aufs Dach, bevor der Zug weiterfuhr.

Diese Aufnahme ist für mich der Inbegriff von Leichtigkeit und Unbeschwertheit. In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich das Bild sehnsüchtig betrachte (es ist eines von mehreren Reisefotos, die in meinem Arbeitszimmer hängen). Es erinnert mich an eine Zeit, in der ich sorglos durchs Leben steuerte und an ein Land, in dem die Menschen auf den Straßen tanzten und Musik in jedem öffentlichen Verkehrsmittel zu hören war (die übrigens nie den Fahrplan einhielten). Ein Land, das den Begriff Buen Vivir (gutes Leben) in seine Verfassung geschrieben hat.

Manchmal frage ich mich, warum es in unseren Breiten so schwierig zu sein scheint, mehr Entspanntheit in unseren Alltag zu bringen. Viele hetzen verbissen durchs Leben, alles dreht sich um materielle Werte. Manchmal sehne ich mich zurück nach jener Leichtigkeit, die mich auf meinen Reisen begleitete – und die ich am häufigsten in Ländern verspürte, die nach unseren Maßstäben arm sind. Auch heute noch fühle ich mich oft wie ein anderer Mensch, wenn ich unterwegs bin. Wie schön wäre es, diesen Zustand in mein alltägliches Leben zu transportieren und mir ein Stück Buen Vivir nachhause zu holen! Ich werde gleich morgen auf der Straße tanzen.

Die Leichtigkeit des Seins

Ich stehe auf der Brücke, mit einem Gummiband um meinen Knöchel, und blicke in den Abgrund. Tief unter mir glänzt ein schmaler Fluß in der Sonne. Das war es dann wohl, schießt es mir durch den Kopf. Hier stehe ich nun, auf einer Brücke irgendwo in Südamerika und muss mir etwas beweisen. Oder vielleicht auch dem Mann hinter mir, den ich gerade mal seit einer Woche kenne. Wie bin ich nur auf die absurde Idee gekommen, Bungee Jumping zu machen? Ich, die ich unter Höhenangst leide und weiche Knie bekomme, wenn ich mich mehr als zehn Meter über dem sicheren Boden befinde? Kurz überlege ich, einen Rückzieher zu machen, doch das verbietet mir mein Stolz. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und springe kopfüber in die Tiefe.

Diese Szene trug sich vor gut 20 Jahren auf einer Brücke nahe Quito, Ecuador zu und war bezeichnend für mein Leben: Immer wieder tat ich Dinge wider mein besseres Wissen, ließ mich auf Männer ein, die mir nicht gut taten und fügte mir selbst Schaden zu. Der Moment auf der Brücke war jedoch ein Wendepunkt in meinem Leben: zwar sprang ich tatsächlich, und überstand den Sprung relativ unbeschadet, doch werde ich nie den Moment des Absprungs vergessen – die panische Angst, die mich durchfuhr. Und den Gedanken, als ich kopfüber in der Luft baumelte und darauf wartete, wieder hochgezogen zu werden: Was mache ich hier eigentlich? Danach wusste ich, dass dies eine der letzten unvernünftigen, oder zumindest selbstzerstörerischen Handlungen in meinem Leben sein sollte. Nun ja, eine Weile dauerte es noch, bis es wirklich so weit war.

Heute, 20 Jahre später, frage ich mich: wie kommt es, dass ich so verdammt vernünftig und ernsthaft geworden bin? Manchmal sehne ich mich nach den Zeiten zurück, in denen ich mich, ohne lange nachzudenken, in Situationen begab, über dich ich heute nur den Kopf schütteln kann. Natürlich könnte diese neue Ernsthaftigkeit mit meinem fortgeschrittenen Alter zusammenhängen. Oder damit, dass ich nun schon seit geraumer Zeit Verantwortung für zwei junge Menschen trage. Vielleicht auch damit, dass ich gelernt habe, besser auf mich zu achten und hin zu spüren, was mir gut tut und was nicht. Aber muss das bedeuten, dass ich keinen Spaß mehr habe? Vor einiger Zeit sagte mir jemand, den ich erst kurz zuvor kennen gelernt hatte: „Du wirkst so seriös.“ Ich zerbrach mir den Kopf darüber, ob das nun ein Kompliment war oder doch eher das Gegenteil. Seriös? Ist das nicht gleichbedeutend mit langweilig? Dieser achtlos dahin gesagte Satz setzte mir zu. Und stimmte mich nachdenklich. Ich fragte mich, wo die Leichtigkeit in meinem Leben geblieben ist, diese Momente, in denen man selbstvergessen und unbefangen durchs Leben steuert, sich sinnlos betrinkt oder sonstige unvernünftige Dinge tut.

Und auch jetzt hat sie mich wieder erwischt – diese Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit; die Mühlen des Alltags haben mich fest im Griff. Doch wenn ich darüber nachdenke, fallen mir einige leichtfüßige Momente ein, die noch nicht so lange her sind: eine Fahrradtour alleine durch Manhattan, die Hochzeit von lieben Freunden, bei der wir die Nacht durchtanzten, ein Lachanfall, ausgelöst durch die Faxen meiner Tochter. Vielleicht ist das ja auch eine Begleiterscheinung des Alterns: diese schwankenden Stimmungen und das immer wieder kehrende Gefühl, etwas zu verpassen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, regelmäßig aus dem Alltag auszubrechen und Dinge zu tun, die Spaß machen – und das Leben insgesamt ein bisschen leichter zu nehmen. Muss ja nicht gleich der Sprung von einer Brücke sein.