Innenschau

Es war an einem Sonntagnachmittag, nach einem nur mittelmäßig entspannten Wochenende: während eines Brettspiels mit meinem Mann und meiner Tochter merkte ich, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Mein Kopf fühlte sich an wie ein Druckkochtopf, der kurz davor steht, zu explodieren. Mir war zum Heulen zumute.

Ich wusste: so kann es nicht weitergehen. Ich fühlte mich seit Tagen ausgebrannt und erschöpft, konnte mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren, mein Kopf fühlte sich leer an. Dazu kamen Rückenbeschwerden, die mich seit Monaten plagten. Die letzten Monate hatten ihren Tribut gefordert: zu viel Arbeit, kaum Verschnaufpausen und zu wenig Urlaub, da ich meinen Mann, der sich vor einiger Zeit selbständig gemacht hat, finanziell unterstützte. Mir wurde klar: ich habe ein Alter erreicht, in dem meine Energien nicht unendlich sind.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“
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©Susanne Wolf

Ich begann zu überlegen, was ich an meinem Lebensstil ändern könnte: Morgens war mein erster Griff zum Smartphone gewesen. Die Gewissheit, rund um die Uhr online sein zu können, verlangt mir einiges an Selbstdisziplin ab. Muss ich wirklich in der U-Bahn meine Mails oder die Neuigkeiten auf facebook checken? Oder ist es nicht viel entspannter, einfach nur da zu sitzen, Leute zu beobachten und die Gedanken schweifen zu lassen? Es gibt dieses schöne Zitat von Astrid Lindgren: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“ Das klingt so einfach und ist doch so schwer umzusetzen! Ich spüre, dass es mir immer wichtiger wird, Zeit für mich zu haben und Stille um mich herum zu spüren. immer öfters zieht es mich in den Wald: Wenn ich unter Bäumen bin, spüre ich förmlich, wie die Energien zu mir zurückkehren. Und es gibt so viele andere Möglichkeiten, etwas für mich zu tun – wenn ich es denn tue: Zeit mit der Familie. Musik hören, singen, tanzen. Jede Form der Bewegung wie Trampolin springen, Yoga, laufen, schwimmen.

Niemand scheint Zeit für Muße zu haben
©Susanne Wolf
©Susanne Wolf

All das – regelmäßig Pausen zu machen oder sich gar eine Auszeit zu nehmen – ist nicht gerade einfach, wenn man selbstständig ist. Denn der Druck, funktionieren zu müssen, um regelmäßige Einkünfte zu erzielen, ist groß. Und dann ist da noch die Frage: wie erkläre ich meinem Arbeitgeber, dass ich erschöpft bin? Wird das in unserer Leistungsgesellschaft überhaupt akzeptiert? Oder fällt es vielleicht doch eher unter faul sein? Wenn ich mich umschaue, bekomme ich den Eindruck, dass es nicht nur mir so geht. Niemand scheint Zeit für Muße zu haben, für Freundschaften oder Tätigkeiten, die die Seele nähren. Viele wirken unzufrieden und gehetzt.

Zum Glück habe ich einen Mann an meiner Seite, der Experte in Sachen Gesundheit und achtsamer Lebensstil ist. Ich bekomme Shiatsu-Behandlungen und Ernährungsberatung, wir reden viel darüber, wie wir unser Leben gestalten möchten. Durch meinen Mann habe ich gelernt, mehr in mich hinein zu spüren und auf Signale meines Körpers zu achten – doch leider ist der Druck, den ich mir selbst auferlege, bisweilen größer als die Achtsamkeit. Denn Stress machen wir uns immer selbst, und die ständige Erreichbarkeit ist einer der größten Stressfaktoren geworden. Doch ich kann jeden Tag aufs Neue entscheiden, wie ich damit umgehe: Ob ich jedes Mail sofort beantworte oder mit meinem Smartphone ständig online bin. Ich kann immer wieder überprüfen, ob ich das, was ich tue – beruflich wie privat – mit Liebe tue. Und ich übe, mich an Kleinigkeiten zu freuen: an der Musikeinlage eines Straßenmusikers. Ein paar Sonnenstrahlen im nebligen Herbst. Wenn mein Sohn, der nun erwachsen wird, uns ein paar Minuten seiner Zeit schenkt. Oder wenn meine zwölfjährige Tochter es zulässt, dass ich mich beim Schlafengehen zu ihr kuschle.

Ich glaube, dass wir der vorherrschenden Allzeit Bereit-Mentalität die Stirn bieten müssen. Indem wir (wieder) lernen, mehr auf uns zu achten, unser eigenes Tempo zu finden. Dem (Selbst)Optimierungs-Wahn etwas mehr Gelassenheit entgegensetzen und lernen, auch mal Nein zu sagen. Und immer wieder innehalten, um den Augenblick zu genießen.

Nichts tun

Ich sitze auf einer saftig grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen, und genieße die Stille, die nur von zwitschernden Vögeln unterbrochen wird. Der Augenblick ist so schön, dass ich versucht bin, mein Handy zu zücken und die Welt an meinem Glück teilhaben zu lassen. Doch ein Gedanke hält mich davon ab: Habe ich es tatsächlich verlernt, das Hier und Jetzt zu genießen, nur für mich alleine, wie es mir immer so wichtig war? Schaffe ich es überhaupt noch, einige Minuten lang einfach NICHTS zu tun, ohne mich dabei abzulenken?

Denn es ist ja so: likes auf facebook zu sammeln, hat einen gewissen Suchtfaktor. Einen Beitrag zu posten und dann zu sehen, wie vielen Menschen das gefällt, erzeugt regelmäßig ein Kribbeln in mir. Andererseits spüre ich jedoch, dass es mir immer wichtiger wird, Zeit für mich zu haben und Stille um mich herum zu spüren. Oder dass es mehr Spaß macht, in der U-Bahn Menschen zu beobachten und dabei meine Gedanken schweifen zu lassen, als mein Smartphone zu konsultieren.

Das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen, auch im Beruf, ist einer der seltsamsten Auswüchse unserer Zeit. „Stress entsteht im Kopf“, sagt die deutsche Psychologin Diana Drexler. Stress machen wir uns immer selbst, und die ständige Erreichbarkeit ist einer der größten Stressfaktoren geworden. Doch es liegt an uns, das zu ändern: wir können selbst entscheiden, ob wir jedes Mail sofort beantworten oder ob wir mit unserem Smartphone ständig online sein müssen. Laut Arbeitszeitgesetz kann zu ständiger Bereitschaft, etwa im Urlaub oder in der Freizeit, niemand gezwungen werden.

Ich jedenfalls übe mich darin, mein eigenes Tempo zu finden und Ruhe zu bewahren – was gerade als Selbständige und Mutter zweier Kinder nicht immer einfach ist. Zum Beispiel dann, wenn ich das Bedürfnis verspüre, hundert Dinge gleichzeitig zu erledigen. Oder wenn mein Perfektionsanspruch überhand nimmt – dann neige ich dazu, nicht nur mich selbst unter Druck zu setzen, sondern auch die Menschen um mich herum, die vielleicht gerade ein ganz anderes Tempo als ich an den Tag legen. Wenn dann noch meine pubertierende Tochter ihre Launen an mir auslässt, während ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, macht das die Sache nicht gerade einfacher. Gerade dann brauche ich Pausen, in denen ich – in jeder Hinsicht – abschalten kann.

Ich sitze also in der grünen Wiese und beobachte eine Familie, die an mir vorbei wandert und ihren Hund, der mit wehenden Ohren durchs hohe Gras springt. Und lasse das Handy in der Tasche. Die Geschichte des Mannes fällt mir ein, der auf einer Reise gefragt wurde, warum er keine Fotos mache. Seine Antwort lautete: „Ich sehe es mir lieber gleich hier an.“